Der Bonham Store in Whitechapel gehörte seinerzeit zu einer Reihe von Juweliergeschäften unter George Bonham. Das Geschäft verschwand damals kurz nach dem Diamantenraub aus dem Viertel, geschadet hatte Bonham der Verlust jedoch nicht nachhaltig, wie man hört. In diesem Jahr soll George Bonham eine Partnerschaft mit dem renommierten Auktionshaus Jones eingegangen sein. Sicherlich hatte sich auch Mulligan in diesem Zusammenhang wieder an den Fall damals erinnert und sicher würde er den Fund eines der Bonham-Diamanten zu vermarkten wissen, jetzt da Jones & Bonhams dabei waren sich solch einen Namen in der Stadt zu machen. Fast konnte man dankbar sein, dass dieser Bursche seinen Fund am späten Abend dem Pfandleiher vorgelegt hatte, anderenfalls würden uns vermutlich bereits die Zeitungen und der Superintendant höchst selbst im Nacken sitzen.
Es war damals ein verlorener Fall gewesen und fünf Jahre später waren die Spuren mit Sicherheit nicht frischer geworden. Dennoch hatte der Fall damals für Aufsehen gesorgt und das würde er, wenn ihnen nichts besseres unterkam, auch heute für ein paar Tage schaffen, bis sich der Staub über den kostbaren Details wieder gelegt hatte und sie für die nächste unbestimmte Zeit unter sich begraben würde. Vier Diamanten waren damals gestohlen worden. Bonham hatte sie erst kürzlich aus einer indischen Miene erworben und persönlich verarbeitet gehabt. Sie hatten einen beträchtlichen Wert, aber gewiss nicht das Teuerste, das Bonham zu bieten hatte, anderenfalls wären die Stücke nicht in einem Geschäft in Whitechapel gelandet. Betrieben worden war das Geschäft damals von einem Roger Jenkins, einem unscheinbarem, aber so man hörte verlässlichem Mann, der mit Frau und zwei Kindern in einer Wohnung über dem Geschäft gelebt hatte, dem er sein Leben gewidmet hatte.
Vier Menschenleben hatte der Raub damals gekostet. Jenkins Frau und seine achtjährige Tochter waren allem Anschein nach zu Tode gefoltert worden, um Jenkins zur Herausgabe der Diamanten zu bewegen. Dies gelang letztlich, doch Jenkins selbst brachte den Raub nie zur Anzeige. Es vergangen zehn Tage, Anwohner und Kunden hatten sich über einen üblen Gestank im Umfeld des Ladens beschwert und eine langjährige Freundin von Mrs. Jenkins hatte sich besorgt an die H Division gewandt. Routinemäßig hatte man einen Constable zur Überprüfung bei Jenkins vorbeigeschickt. Blair hatte sich Zugang zu der Wohnung verschafft. Jenkins war in denkbar schlechter Verfassung gewesen, als ich eingetroffen war. Er hatte in den zehn Tagen wohl kaum etwas getrunken oder gegessen, geschweige denn geschlafen gehabt, er hatte eindeutig eine toxische Substanz konsumiert, welche der Schröpfer später als Morphin identifizierte und er hatte schwere körperliche Blessuren vorgewiesen. Einige passten zeitlich zu dem Raubüberfall, einige waren frisch. Aber ich konnte Blair keinen Vorwurf machen, ich hatte das Kind selbst gesehen und der Schluss, das Jenkins es getan hatte, war zu diesem Zeitpunkt naheliegend. Ja, ich hatte sie gesehen, die Frau und das Mädchen. Jenkins hatte die Leichen gewaschen und in ihre Betten gelegt und für zehn Tage sein normales Tageswerk fortgeführt. Die Leiche des zweiten Kindes, eines etwa zehnjährigen Jungen, war nie gefunden worden, vermutlich hatte sie ihr unschönes Ende in einem Abflussloch wie denen des Fleet Ditch gefunden, dort wo sie für immer verloren waren. Der Täter hatte den Jungen damals mit sich genommen, um Jenkins Schweigen zu erkaufen, und all die zehn Tage hatte Jenkins unablässig weiter gehofft, dass der Junge zu ihm zurückkehren würde, wenn er nur weiter den Raub vertuschte.
Zehn Tage, die dem Täter zur unbehelligten Flucht geblieben waren. Natürlich hatte man Whitechapel dennoch auf den Kopf gestellt und es hatte Ermittlungen gegeben, aber sie waren wie zu erwarten im Sande verlaufen. Der Raub war trotz all seiner unschönen Details am Ende nur ein Fall unter vielen gewesen. Man ermittelt und wenn man jede Sackgasse abgelaufen ist, dann geht man weiter zum nächsten Fall, der mehr Chancen auf Aufklärung hat. Ich hatte mich nicht lange mit dem Bonham-Diamanten-Raub aufgehalten damals, es war unwahrscheinlich gewesen, dass der Täter noch lange in Whitechapel geblieben war. Die Brutalität und Zielstrebigkeit hatte immer für einen Professionellen gesprochen, der nicht versuchen würde seine Ware in der Umgebung des Bonham Stores an den Mann zu bringen. Es waren dennoch alle möglichen Abschlagsorte informiert worden und das Abbild des Täters entsprechend Jenkins Erinnerung war an die Zeitungen und sämtliche Behörden gegangen. Eine Verbindung des Täters zum Umfeld des Bonham Stores, Jenkins oder George Bonhams hatte sich nicht feststellen lassen, die wenigen Spuren waren bald erschöpft gewesen. Jenkins war noch am Tag seiner Festnahme verstorben, vielleicht an den Folgen innerer Verletzungen oder das Morphin war eine freiwillige oder unfreiwillige Überdosis gewesen. Aufgrund des schlechten Allgemeinzustandes hatte der Schröpfer das nicht mehr zweifelsfrei feststellen können ohne die Leiche aufzumachen und auf Jenkins Tod hatte nie der Fokus der Ermittlung gelegen. Manche hatten damals behauptet, er hätte seine Familie selbst getötet und die Diamanten an einem unbekannten Ort versteckt, selbst Mulligan war zeitweise von diesen Gerüchten angetan gewesen. Es hätte immerhin bedeutet keinen flüchtigen Räuber zu haben, sondern schlicht die Diamanten irgendwo in Jenkins Umkreis suchen zu müssen. Es war eine Theorie ohne jeden Halt und ich wusste es besser, aber solche haarsträubenden Verdächtigungen erfreuten sich immer wieder enormer Beliebtheit. Man konnte gespannt sein, was den Leuten nun einfiel, da irgendein Unbekannter fünf Jahre später einen der Diamanten an einen Pfandleiher in Whitechapel hatte verkaufen wollen.
Wir hatten die Tür in das Gebäude des Pfandleihers beinahe erreicht. Für den Bruchteil einer Sekunde, nur ganz kurz hatte ich den Impuls Ardin aufzuhalten. Ihn bei Seite zu nehmen, ihm die Dinge zu sagen, die ich ihm damals nicht gesagt hatte, die ich keinem damals gesagt hatte. Aber der Augenblick in dem es möglich gewesen wäre verstrich. Der Sergeant kam auf uns zu geeilt, gab uns seinen Bericht der vorläufig gesicherten Lage. Zeigte uns den Diamanten, den er sicher gestellt hatte und ich nickte nur dazu. Ich konnte es nicht leiden, wenn die Leute zu offensichtlich auf ein ‚Gut gemacht‘ lauerten – selbst wenn sie es gut gemacht hatten. „Was ist mit meinem Finderlohn?“, erklang da eine Stimme hinter uns, so weich und klebrig wie Honig. Ich schickte den Sergeant mit einem weiteren Nicken zurück an seine Arbeit. Der Pfandleiher. Blacksmith. „Haben Sie den Diamanten denn gefunden?“, erwiderte ich nüchtern. „Nein… nein“, musste der Kerl jetzt zugeben, klang jedoch merkwürdig verwirrt dabei. Seine filigrane Nase mochte nicht so recht in sein Gesicht passen und gab ihm gemeinsam mit den dunkel glänzenden Augen etwas von einer auf dem Sprung verharrten Schlange. „Aber ich habe den Burschen da unter Gefahr für Leib und Leben aufgehalten!“, polterte der Pfandleiher jetzt darauf los, in der Hand hatte er etwas, das wie ein verschrammter Offiziersdegen aussah und den schwang er wie um seine Worte zu unterstreichen jetzt zornig hin und her. Ich hob die Brauen, den Burschen aufzuhalten, war wohl eine Aufgabe, die Blacksmith an die Grenzen seiner geistigen Belastbarkeit gebracht hatte. Mein Blick ging an dem Pfandleiher vorbei, hin in die Richtung in die der gedeutet hatte. „Was wird Ihnen das wohl wert sein?!“, zeterte der Pfandleiher weiter. „Meine grenzenlose Bewunderung, Sir“, ließ ich ihn unter salbungsvollem Sarkasmus wissen. Die Backen des Pfandleihers blähten sich auf, wie ein Ochsenfrosch, aber bevor er den Schwall seiner Empörung kund tun konnte, brummte ich ungehalten an Ardin gewandt: „Dein Mann.“ Und schob mich an dem Kerl vorbei.
Der Bursche, der da gedankenverloren und bereits mit Handschellen gesichert im Raum stand, war nicht der Mann dessen Beschreibung Jenkins uns damals hinterlassen hatte. Er war jung, aber von kräftiger Statur, erst im zweiten Moment registrierte ich, dass die merkwürdige Melodie, die im Raum lag von den Lippen eben dieses Mannes stammte, der leise vor sich hin summte. „Name?“, sprach ich ihn an. Seine verträumten Augen wanderten in meine Richtung. „Twinkle...“, flüsterte er sacht. Aufmerksam sah ich mich in dem kleinen Raum um. „Nun, Mr. Twinkle, können Sie mir sagen wie dieser Diamant, den Sie heute versetzen wollten, in Ihren Besitz kam?“, fragte ich beiläufig, den Blick auf eine der Kuriositäten geheftet, die Blacksmith in seinem Laden ausstellte. „…like a diamond in the sky… wonder what you are…“, murmelte es jetzt traumverloren vor sich hin. Ich verharrte einen Augenblick in der Bewegung, ich kannte diese Worte. Sie gehörten zu einem bekannten Wiegenlied. Judith hatte es häufig für Ben gesungen. Langsam sah ich hinüber zu dem jungen Bursche, der mich ungeniert anlächelte, breit und glücklich, den Blick schon wieder verträumt ins Nichts gewandt. „Twinkle, twinkle“, summte er weiter vor sich hin und langsam bekam ich ein Gefühl dafür, wie der Bursche den Pfandhändler derart in Rage hatte versetzen können.
Ein Wahnsinniger hatte uns definitiv noch gefehlt in dieser Sache, ich ließ stoßweise die Luft entweichen. „Führen Sie ihn ab, Constable.“
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