„Ihr wart im Krieg?“ Die Frage trifft mich unerwartet, reißt mich unvermittelt fort von den Hexen. Und dann trifft es mich auch wieder nicht unerwartet. Ich weiß wie diese Gespräche in aller Regel verlaufen. Es läuft träge vor meinem inneren Auge ab. „Sie waren im Krieg, Larkin?“ – „Ja, Sir. In Südafrika und später für drei Monate an der Westfront.“ – „Welches Regiment?“ – „2nd Dragoon Guards, Kevanyo Squadron unter Major Morigan, Sir.“ – „Major Morigan… Soll man sagen was man will, aber er war ein guter Mann.“ – „Er war ein guter Mann, Sir.“ So oder so ähnlich verlaufen sie alle. Es gibt nur ein paar Fakten, die wirklich von Interesse sind. Ich nenne keinen davon ungefragt, aber wenn ich danach gefragt werde, dann trifft es mich auch nicht sonderlich unerwartet. Für gewöhnlich. Nur bin ich nie derart sanft danach gefragt worden. Nie mit einer solchen Behutsamkeit, als wäre meine Erinnerung ein lebendiges, verletzliches Wesen. Ich sehe den Ernst in Anis‘ Augen. Das Interesse. Vage geht mein Blick über das Abteil. Ich suche nach Worten, in die ich es fassen könnte. Ich denke an damals. An unsere Anstellung in einem Londoner Haus, an den Tod unseres Stiefvaters. Ich sehe das samtige Rot der Sitze und denke dabei an die Armut, die ich nach meiner Kindheit auf Dode Manor erlebt habe, die mir nach Rikkard Larkins Tod wieder gedroht hatte. Nicht nur mir. Auch meiner Mutter und… Ich sehe Anis wieder entgegen. Öffne den Mund. Da ist etwas, das noch so viel wichtiger ist.
„Es gibt da etwas, was du vorher wissen solltest…“, beginne ich ernst, fast ein wenig gehetzt, „Mama und Rikkard Larkin, der Mann den sie geheiratet hat, sie hatten ei…“ – „Verdammt, Nico, das ist doch kein Verbrechen – selbst wenn es manchmal eine Strafe ist…“ Asya kichert leise und ich registriere erst jetzt, dass ich wohl viel zu angespannt gesprochen habe. „Ihr habt eine Halbschwester“, spricht Asya es fröhlich aus. „Febe Larkin und Caspian. Sie ist ein liebes kleines Ding. Inzwischen ist sie 23, arbeitet in der Küche eines Landhauses. Sie wird euch die Ohren abkauen, das verspreche ich euch. Cas ist ein bisschen reserviert, aber wenn du ihn besser kennst… er ist wirklich irre lustig, du wirst ihn mögen“, verspricht sie an Nascha gewandt. Ich sehe hinab auf meine Hände, erst in dem ich registriere, wie felsenfest Asya davon überzeugt ist, dass Anis und Nascha Febe und Cas kennen lernen werden, frage ich mich, weshalb es mir selbst so absurd vorkommt. Ich sehe auf, hinüber zu Anis. Er ist nicht länger der erstgeborene Sohn eines Earls. Er trägt keinen Titel mehr. Er arbeitet für die Kirche und sie sind schon immer seltsam indifferent zwischen den Schichten gewesen. Sie sind ein wenig wie das Militär. Herkunft, Vergangenheit und Schicht werden nicht gänzlich bedeutungslos, aber sie rücken in den Hintergrund. Genug in den Hintergrund, damit Anis seine Halbschwester einmal wird treffen können? Sie wenigstens einmal kennen lernen… Wenn sie das denn überhaupt… „Ich weiß nicht, ob ihr sie kennen lernen… ob ihr das wollen würdet, es ist nur…“ Ich komme nicht weiter, frage mich ernsthaft, wie Asya es geschafft hat uns in so eine Situation zu manövrieren. Ich räuspere mich. „Es ist unangemessen, das ist mir bewusst, ich will dich nicht damit br…“ – „Gib ihnen nicht das Gefühl, das du es nicht willst“, ermahnt Asya mich leise. „Ich – nein, das meine ich doch gar nicht… ich…“ – „Sie ist Anis‘ Halbschwester…?“, wiederholt Asya langsam, als wäre mir das bisher entgangen. Das ‚was willst du eigentlich?‘, schwingt unüberhörbar darin mit. Ich sehe wieder zu Boden. Ja, was will ich eigentlich? Bei Asya klingt alles so unendlich einfach und klar, während mein Kopf sich förmlich mit Ängsten und Zweifeln überschlägt. Nach allem was Anis mit seiner Familie erlebt hat, wird er da überhaupt noch etwas mit Familie zu tun haben wollen? Er hat sich selbst als kaum mehr als einen Dienstboten bezeichnet, aber will er wirklich noch mehr daran erinnert werden, dass es in seinem Blut ist? Ich bin ihm so dankbar dafür, dass er mich wie einen Bruder behandelt, ich will das nicht ausnützen und ihn darüber hinab in meine Schicht zerren - auch wenn ich weiß, dass Asya mich für den Gedanken ausgelacht hätte. Und zu was soll es eigentlich führen? Was bringt es überhaupt, wenn sie sich kennen lernen? Ich spüre eine Müdigkeit, die mich beinahe lethargisch macht.
„Drei Jahre nachdem Mama geheiratet hatte“, setze ich schließlich an, nach was er mich eigentlich gefragt hat, und lasse Anis damit die Chance das Thema erst einmal auf sich beruhen zu lassen, „ist Rikkard Larkin, gestorben. Febe war zu der Zeit zwei Jahre und Rikkard hatte einen Sohn Rikkard Junior von seiner verstorbenen ersten Frau. Rik und ich standen in einem großen Londoner Haus im Dienst, aber haben damals nicht mehr als fünf Gold Dollar im Jahr verdient. Wir hätten etwas Besseres finden müssen, um Mama nicht weiter zu belasten. Sie hat schon Febe in die Familie von Rikkards Schwester geben müssen, um wieder arbeiten zu können. Um sich und uns zu versorgen. Wir hätten eine bessere Arbeit finden müssen, um unseren Beitrag zu leisten. Ich… ich weiß nicht, was wir damals gedacht haben“, bringe ich irgendwann hervor, „vielleicht, dass wir die Welt sehen, in ein paar Wochen wieder zuhause sind und eine Menge Geld verdient haben.“ – „Du vielleicht“, unterbricht mich Asya. Sie hasst es als naiv dazustehen, das tun wir beide. Aber in diesem Fall… Anis ist mein Bruder und ich kann heute wirklich nicht mehr sagen, was mich damals geritten hat. Ich hätte gerne Riks Träumereien die Schuld gegeben, aber das wäre eine Lüge gewesen. „Ja, dann eben ich“, erwidere ich müde gereizt, „Du bist damals auf den Daemon dieses Rekrutierungsoffiziers zu. Sicher wusstest du es besser.“ – „Wir haben alle weg wollen“, entscheidet Asya hart und ich weiß, dass sie recht hat. Ganz nüchtern unter dem Strich betrachtet, ist es alles: Wir hatten weg wollen, einfach raus. Wir waren nie so jung und naiv gewesen, wie ich gerne hätte. Wir haben gewusst, welches Opfer wir bringen, spätestens als ich die sieben plus fünf Jahre meiner Verpflichtung gelesen habe. Aber wir haben es in Kauf genommen. Wir waren so egoistisch und rücksichtslos, dass es mir bis heute Angst macht, dass es mich ratlos macht, warum wir es tatsächlich getan haben. Es hat uns schlicht kalt gelassen, was auf uns zu kommt und dass wir unsere Mutter mit dem kleinen Kind zurücklassen. Wir haben das vage Versprechen nach Freiheit vorgezogen. Weil uns die Eintönigkeit der Tage und die einengenden Ansprüche an uns zu Grunde gerichtet haben. „Da war er tatsächlich erst fünfzehn“, gesteht Asya mir zu. „Er hat sein Alter genannt und sie haben ihn direkt wieder raus geschickt, haben ihm gesagt, dass er eine bessere Antwort haben soll, wenn er wieder rein kommt. Wir sind raus gegangen, wieder rein und haben gesagt wir wären neunzehn. Er hatte vor kurzem diesen Wachstumsschub, ich hatte bereits endgültige Gestalt, wir hatten die medizinische Untersuchung und sie haben uns unter geschätztem Alter genommen. Rik hat es auf dieselbe Art geschafft, er war ein geschätztes Jahr älter.“ Sie lacht leise und ich lächele ein wenig. „Sie waren gerade dabei den Krieg in Afrika zu verlieren, sie haben viel zu dringend Soldaten gebraucht“, erkläre ich, bevor Asya wieder fort fährt. „Die Grundausbildung war wie eins dieser Sommercamps der Kirche – oder zumindest, wie wir uns ein Sommercamp immer vorgestellt haben. Wir haben in Zelten geschlafen und waren den ganzen Tag draußen und in Bewegung. Ein paar hatten Probleme mit dem frühen Aufstehen und dem Drill, aber das waren wir in gewisser Weise schon gewohnt. Klar war es etwas anderes, aber im Grunde hatten wir mehr Freiheiten als davor. Wir waren draußen und durften rennen und brüllen und lachen. Als es vorbei war, hatten wir eigentlich nur Angst nicht für tauglich befunden zu werden, dass doch noch einer bemerken würde, dass wir zu jung waren uns ein A4 geben und zurück nach Hause schicken. Aber wir bekamen den Befehl zur Verschiffung. Einen Monat sind wir mit der Maplemore unterwegs gewesen, einem Viermaster-Dampfschiff…“ Asyas Rute klopft einige Male auf den Boden des Abteils. Sie spricht es mit der Begeisterung, die wir damals empfunden haben. Nicht mit dem Wissen um die Härte der Überfahrt. „Die Überfahrt war das Größte, das wir damals erlebt haben, egal wie hart sie war. Wirklich schlimm wurde es im Grunde erst, nachdem wir in der Kapkolonie angekommen und nach Camp Culver versetzt worden sind.“ Unbestimmt sehe ich auf den Boden vor meinen Füßen. Ich weiß nicht, wie Asya das über die Lefzen bringt. Ich habe nie jemanden davon erzählt. Ich hätte nicht gewusst wie. „Es war ein kleines Camp. Schlecht versorgt. Schlecht geführt. Für das kleinste Vergehen wurdest du auf halbe Ration gesetzt und die Ganze war schon kläglich, nach zwei Monaten war er halb verhungert. Aber immer noch besser als die neuen Feldstrafen. Sie haben dich für Stunden an einen Zaun oder ein Holzgestell gebunden. Kurz nachdem wir angekommen sind, haben wir einen Mann gesehen, den sie in der Mittagshitze vergessen hatten. Die Haut verbrannt, völlig dehydriert. Wir haben erst… erst später begriffen, dass das auf seinen Schultern… dass das kein glitzernder Quarzsand war, sondern sein Daemon sich erst vor kurzem aufgelöst hatte.“ Asya erzählen zu lassen macht es ein wenig wie die Geschichte eines anderen und ich weiß, dass das feige ist. „Wir hatten höllische Angst davor“, gestehe ich meinem Bruder fast tonlos, als könnte er mich noch heute trösten, wie er es damals getan hat, wenn ich mich vor etwas gefürchtet habe. Wenn ich leise „Ich habe Angst“, geflüstert und er mich in den Arm genommen, mich neben ihm in seinem Bett hat schlafen lassen. „Angst zu… zu Sterben.“ Schon bevor wir auch nur den ersten Kampf erlebt hatten.
„Manchmal kamen hochrangige Offiziere zu Besuch. Zur Kontrolle oder auf Durchreise. Natürlich hat der Kommandant versucht alles gut aussehen zu lassen. Sie haben die Soldaten dann auf improvisierte Zielscheiben schießen lassen, die auf Sandsäcke gemalt waren, die wir nachher wieder flicken oder neu füllen mussten. Es war ein Witz. Aber Nico ist ein guter Schütze. Wir hatten kaum mehr die Kraft aber waren immer noch besser als der Großteil des Camps. Vielleicht weil der Earl und Mr. Morris es uns beigebracht haben.“ Meine Mundwinkel zucken etwas in die Höhe, bei dem Stolz der in Asyas Stimme mitschwingt. Aber mir ist bewusst, dass es nichts ist, auf das ich wirklich stolz sein kann. Selbst wenn es mich gerettet hat. „Major Morigan hat uns das Leben gerettet. Er war auf Durchreise und sie haben wieder dieses Theater veranstaltet. Der Major hatte ein Aufklärungs-Squadron unter sich und er hatte eine kleine Gruppe Scouts und Scharfschützen, die er direkt befehligte. Er hat uns gesehen, Nico beim Schießen gesehen und hat uns mitgenommen.“ – „Wir haben Rikkard zurückgelassen“, werfe ich leise ein. Asya verstummt fast sofort. „Es war nicht unsere Entscheidung gewesen“, meint sie ruhig, aber ich kenne ihre Zweifel. Natürlich wäre nicht zu folgen Befehlsverweigerung gewesen, aber wir hätten noch immer so tun können, als wären wir untauglich oder dergleichen. „Er ist sieben Monate später in Kämpfen bei Lurdain gefallen“, erwidere ich hart, wie um meinen Daemon für die Abgeklärtheit in ihrer Stimme zu strafen. Asya schweigt noch eine Weile, bevor sie irgendwann wieder spricht.
„Er wurde zu einem Meldejungen des Majors und… wir haben zusätzlich niedere Tätigkeiten übernommen, Kleidung und Ausrüstung gereinigt und ausgebessert. Es war wieder ein wenig wie in einem Haushalt in Diensten zu stehen.“ Asya trägt es wie eine Art Pointe vor, aber im Grunde ist es vielleicht ironisch, aber nicht besonders lustig und das wissen wir beide. „Wir bekamen bessere Rationen und waren nicht mehr der Willkür in Camp Culver ausgesetzt. Er war vielleicht nicht der beste Meldejunge… nicht wenn es um Hexen ging jedenfalls“, wieder lacht Asya, doch es hat nichts mehr von der vorangegangenen Ausgelassenheit, „aber er wusste, wie man einen Tee aufbrüht ohne ihn ungenießbar zu machen und durch unsre Zeit auf Dode Manor wussten wir auch ein wenig davon, wie man sich um ein Pferd kümmert.“ Sie legt eine kurze Pause ein. Wir denken beide ungern an die Pferde. „Das wären die Aufgaben des Batman gewesen, aber… Jordans war in beidem nicht besonders gut. Also haben wir allmählich diese Aufgaben übernommen. Dem Major ein Diener sein, uns um sein Pferd kümmern. Wir haben die Pferde gemocht sie haben uns an Dode Manor erinnert. Auch wenn sie unter den Bedingungen dort drüben gestorben sind wie die Fliegen.“ Asya spricht es ruhig aus. Sachlich. Ich erinnere mich an Zeiten, in denen sie sich darüber die Kehle wund gegrollt und gewinselt hat. Grob reibe ich mir mit der Hand über das Gesicht. Der Major war kein herzloser Mann gewesen. Nicht wie andere, die ihre Pferde bis an den Rand der Entkräftung geprügelt haben und dann mit dem letzten bisschen ihrer Kraft Geschützteile oder schwere Ausrüstung schleppen lassen, bis sie tot umgefallen sind. Er hat sie mich vorher erschießen lassen. Sobald sie zu schwach waren und nicht mehr taugten. Ich habe erst mit der Zeit begriffen welche Gnade dahinter lag. „Irgendwann wurde Nico quasi der Valet des Majors. Wir sind auch später zurück in der Heimat in seinem Dienst geblieben. Als schließlich der Krieg in Europa ausbrach, da waren wir noch in Reserve, also hat man uns zurück in den aktiven Dienst gerufen. Wir sind rüber, ins – damals noch – Bourbonische Königreich, von da an die Grenze – oder was daraus geworden war. Aber nur für etwa drei Monate. Der Major… er war zu der Zeit schon sehr krank. Wir wurden mit ihm zurück in den Heimatdienst geschickt. Und waren… wir waren so froh darum. Es hat gereicht… was wir gesehen haben.“ Asyas Stimme verliert sich und für den Moment weiß ich dem nichts hinzuzufügen.
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