Ich schlucke und kann nicht antworten. Es ist gut, dass Asya und Nascha am Boden des Abteils scherzen. Es lenkt davon ab, dass ich etwas hätte sagen müssen. Sie füllen die Stille. Finster ziehe ich kurz die Brauen zusammen um die Dinge zu verscheuchen, die mir durch den Kopf schießen. Das ist alles lange her. Viel zu lange. Nichts wird sich ändern, wenn ich die Dinge noch einmal durchrechne. Ich werde nur neue Dinge bereuen. Ich schließe das Thema fort. Weit fort. Beschließe strickt, mich zu weigern, diese neuen Gedanken zuzulassen. Mich dagegen zu versperren. Gegen die Wahrheit. Aber ich weiß doch, dass es mich nicht loslassen wird. So sehr ich es jetzt auch verscheuchen mag. Immerhin, ich schaffe es, die Gedanken an die Hexenlande in den Hintergrund rücken zu lassen. Ich schaffe es ebenfalls Nascha und Asya auszublenden. Stattdessen richte ich meine Gedanken auf Nicos Leben. Auf all die Dinge, die ich nicht über ihn weiß und frage schließlich nach dem Krieg, als sich meine Emotionen wieder beruhigt haben. Es ist als sei eine wogende See langsam zur Ruhe gekommen. Gerade ruhig genug, um zuzuhören, sich einmal nicht um sich selbst zu drehen. Aber ich sehe Nicos Zögern. Die Art wie sich sein Gesichtsausdruck verschließt, als würde er eine Mauer zwischen sich und mir errichten. Ich kenne diese Art wenn er sich so anscheinlich distanziert und kühl wird. Es ist wie ein Echo aus unserer Kindheit. Es fühlt sich jedes Mal an, als stoße er mich weit von sich. Als sei plötzlich alles das zwischen uns ist fort. Und ich spüre, dass ich zu viel gefragt haben könnte. Ich will bereits ansetzen, ihn von seiner Pflicht zu befreien, ihm sagen, dass er nicht darüber sprechen muss, wenn er es nicht möchte, als er mir zuvor kommt und mich innehalten lässt.
Etwas das ich wissen sollte… All meine Intentionen zerfallen zu Staub und mir bleibt nichts als zu erwarten, was auch immer da folgen wird. Das hat nichts mit schweren Erinnerungen zu tun. Nicht so wie Nico das sagt. Da muss etwas anderes sein. Und es folgt sofort. Nicos Stimme ist schnell und gehetzt, als müsste er etwas beichten. Es ist wie früher. Und die Worte dringen langsamer zu mir durch als ich sie höre. Asya schießt dazwischen und gibt undeutliche Kommentare und Andeutungen ab, von denen mir keine weiter hilft. Rikkard Larkin und Mama haben was…? Mein irritierter Blick wandert zu der Hündin. Während Nico sichtlich mit sich kämpft, ergreift sie das Wort und erklärt Dinge leicht dahin als hätten die beiden uns mal eben etwas zum Kaffee mitgebracht. Wir haben eine Halbschwester… Ernst sehe ich Asya an, während sie mehr Nascha als mir erklärt, wer sie ist und welches Leben sie führt. Ich kann nicht sagen, weshalb es mich so sehr trifft, davon zu erfahren. Nur nach und nach wird es mir klarer. Beginne ich meine erste Reaktion zu verstehen, während ich wie versteinert dasitze und versuche meinen eigenen Gefühlen zu folgen. Mit dem Gedanken, dass Mamá noch einmal geheiratet hat, damit konnte ich noch gerade so leben, es ist immerhin ihr Leben, sie hatte ein Recht darauf, alle Chancen zu nutzen. Aber eine Halbschwester… das macht es so endgültig. Ihre Existenz fühlt sich an wie eine Besiegelung. Wie der Beweis, dass sie mich hinter sich lassen konnte. Dass sie mich eingetauscht hat gegen eine neue Familie und Nico direkt daneben gestanden hat. Für ihn muss es so viel schlimmer gewesen sein. Aber Asya klingt kein bisschen verbittert während sie erzählt. Sie mag die beiden. Febe Larkin und ihren Daemon Caspian. Sie waren dort. Es muss etwas anderes gewesen sein. Dort. Das Gefühl, das in mir hochsteigt ist so unendlich schmerzhaft und egoistisch. Ich versuche es hinunter zu drücken, aber es nistet sich unter meinem Brustbein ein und zwingt mich unter der Last leise tief einzuatmen. Ich sollte nicht so hart sein, ich weiß dass das in meinem Kopf vollkommen egoistisch ist. Dass es ungerecht ist, was ich fühle. Nico und Asya haben Nascha und mich nicht hinter sich gelassen. Der Beweis dafür liegt neben meinen Füßen auf dem Boden des Abteils. Und auch mein Leben ist weiter gegangen. Es wäre unfair, Nico dafür zu verurteilen, dass er seines geführt hat.
Nascha trägt nichts von meiner Befangenheit an sich. Sie hüpft freudig auf Asya herum, flattert hier und da mit den Schwingen und verteilt hier und da eine Daune auf dem dunklen Fell der Hündin. „Das will ich doch hoffen! Sonst wird er einen Kopf kürzer gemacht, der liebe Junge!“ Sie lacht dreckig wie eine kleine Piratenbraut. Dann lässt sie von ihrer Hüpftour ab und schmiegt sich in Asyas Fell. Ihre Stimme ist eine andere als sie ruhig, fast liebevoll etwas hinzufügt. „Ich freue mich auf den Kleinen.“ Ich kann sie nur ansehen während sie all das von sich gibt, während meine Kehle trocken ist.
Neben mir setzt Nico wieder zu sprechen an. „Ich weiß nicht, ob ihr sie kennen lernen… ob ihr das wollen würdet, es ist nur…“ Ich habe nicht die Kraft den Blick zu heben und Nico anzusehen. Beobachte immer noch Nascha und meine Welt fühlt sich mit einem Mal umso schwerer an. Sie kann diese Dinge so viel einfacher nehmen als ich. „Es ist unangemessen, das ist mir bewusst, ich will dich nicht damit br…“ – Oh wenn das Nicos Problem ist, kann ich ihn beruhigen… Für mich scheint mittlerweile kaum noch etwas unangemessen. Ich fühle die Bitterkeit in mir hochkriechen. Dabei ist sie nur ein Ablenkungsmanöver für die Dinge, die mich wirklich quälen. Asya fährt Nico ins Wort. Sie macht ihm Vorwürfe. Die beiden zanken sich, dass mir umso bewusster wird, wie schwer es Nico fällt, darüber zu sprechen. Und ich kann seine Sorge nicht einmal entkräften, dass ich es schwer aufnehmen werde, was er sagt. Aber der Stand ist es nicht, der noch ein Problem für mich darstellt. Immerhin, darin war unser Vater gründlich. Im Magisterium wird der Stand anders gehandhabt. Es ist kein Verbrechen mit der Dienerschaft ein Wort zu wechseln und wenn es mir darum ginge, etwas ungebührliches durchzusetzen, dann habe ich mittlerweile genügend Hände geschüttelt um zu wissen, wo ich mich im Notfall freikaufen müsste um ähnliches möglich zu machen. Nein, mein Problem ist so viel egoistischer. Aber Asya spricht den entscheidenden Punkt an. „Sie ist Anis‘ Halbschwester…?“ Ja, du Dummkopf, was stellst du dich eigentlich so an? Sie ist immerhin deine Halbschwester. In die eintretende Stille bestätige ich Asyas Worte ohne aufzusehen. „Der Stand ist kein Problem…“ Ich spüre mehr im Augenwinkel als dass ich es klar sehe, wie Nascha sich alarmiert durch meinen Ton auf Asyas Bauch aufrichtet, sich mir zuwendet und mich erwartungsvoll aus ihren ruhigen Augen ansieht. Ich hebe den Kopf, sehe Nico an, presse die Lippen zu einem schmalen Lächeln zusammen. Ich fühle, dass es gezwungen ist, aber ich bin außer Stande, meine Gefühle daraus zu vertreiben und dafür schäme ich mich gleichermaßen. Aber sie halten mich gefangen wie in einem eisernen Schraubstock. Trotzdem ist immerhin meine Stimme ruhig und warm als ich antworte. Sie ist aufrichtiger und beruhigender als ich mich fühle. „Ich würde sie gerne kennenlernen.“, versichere ich Nico und hoffe ihm damit ein Lächeln zu entlocken. Aber ich wende den Blick schnell wieder ab. Spüre schon bei der Vorstellung an ein solches Treffen die Aufregung in mir hochflattern. Mein Blick streift Nascha. Sie ist zufrieden mit mir, aber das beruhigt mich nicht. Im Gegenteil, es sieht ihr ähnlich. Nur schön den Schein nach außen wahren, egal wie zerrissen du innen drin bist. Es gehört sich so, damit würde sie jetzt argumentieren, wenn sie den Schnabel aufmachen würde. Aber jetzt kann sie hervorragend schweigen. Weil es um ihr Ansehen geht, und nicht mehr nur um meines. Meines kann man mit Füßen treten, ihres dagegen ist unantastbar. Das einzige was mich versöhnlich stimmt ist die Tatsache, dass ich für Nico so geantwortet habe, wie ich es getan habe und nicht für Nascha. Auch wenn sie Recht hat, dass es nicht in Frage gekommen wäre, ehrlich zu sein. Was hätte mein Bruder auch von mir gedacht, hätte er meinen Egoismus gekannt? Meine kindische Eifersucht… Immerhin hat auch er einen Halbbruder, den er bis heute nicht kennen gelernt hat. Aber ich habe mir eingebildet, dass er von unserem Vater immerhin bereits enttäuscht war. Ich dachte bisher zumindest, ich hätte noch eine Mutter, die sich meiner erinnert.
Und so höre ich mit schwerem Herz und trockener Kehle zu, während Nico zu erzählen beginnt. Beobachte Nascha, wie sie es sich wie zur Erzählstunde wieder auf Asya gemütlich macht, während ich von Rikkard Larkins Tod höre. Es ist fast schändlich wie sehr es mich beruhigt, das zu hören. Als sei das meine persönliche Rache. Und doch… Mamá hat das nicht verdient. Ich verstecke den Gedanken direkt wieder tief in mir während ich mir vorstelle wie schwer das die Familie getroffen haben muss. Ein Sohn war noch dabei. Ich hebe zum ersten Mal wieder den Blick und sehe Nico an. Versuche in seinem Gesicht eine Antwort auf die Fragen zu finden, die mir durch den Kopf schießen. Rik und ich… Er hat einen neuen Bruder… Nicht nur eine Schwester, auch einen neuen Bruder. Ich versuche mich daran zu erinnern wie hart ihr Leben gewesen sein muss, um dieses Gefühl nicht wieder hochkommen zu lassen. Und Nicos Worte helfen dabei. Diese Dinge sind geschehen. Ich war nicht dort, ich habe nichts davon ändern können. Ich sollte aufhören, die Dinge dafür zu hassen, wie sie gelaufen sind. Und so konzentriere ich mich auf Nicos Geschichte. Versuche mir vorzustellen wie es ihm ging, beginne in meinem Kopf die Bilder seines Lebens zu entwickeln. Sehe ihn als Jungen vor mir, wie er in einem Londoner Haus dunkle Kleidung trägt und seinen Dienst tut. Finde nach und nach hinein in seine Welt…
Ich spüre Nicos Reue und Verbitterung über die Naivität seiner Jungend als Rikkard Junior und er sich zum Dienst gemeldet haben. Und auch Asyas Einwürfe können daran nichts ändern. Meine Aufmerksamkeit liegt ganz auf Nico und langsam beginne ich zu verstehen, dass er längst begonnen hat, vom Krieg zu sprechen. Von seinem Weg dorthin. Im Gegensatz zu Asya ist er gnadenlos ehrlich. Schenkt sich keine Überspielung über die Fehler, die er begangen hat. Ich wünschte ich besäße so viel Abgeklärtheit wie er und gleichzeitig fühle ich wie viel mehr dahinter liegt. Sie dachten, sie würden ihre Mutter entlasten… Sie hatten hehre Ziele. Ich muss wider willen traurig lächeln als Asya patzig und auf unfaire Weise den Disput mit Nico gewinnt. Ich merke jetzt erst wie sehr ich die beiden vermisst habe. Es ist Asya die fortfährt und es fällt mir leicht, den Kopf zu ihr zu wenden und ihr zuzuhören während sie die Geschichte ihres Militärdienstes erzählt. Fünfzehn. Ein wenig ziehe ich die Brauen zusammen, werde ernst. Fünfzehn und schon ein Daemon mit fester Gestalt. Der Gedanke macht mir klar wie früh mein kleiner Bruder hatte erwachsen werden müssen. In seinem Alter habe ich noch kindische Komplotte gegen die Klosterbrüder geschmiedet, die mich erziehen sollten. Und er hat sich Gedanken darüber gemacht, wie er seine Familie ernähren kann. Und diese Taugenichtse von der Armee haben auch noch sehenden Auges Kinder verpflichtet. Ich schnaube abfällig als Asya erzählt, dass sie die Rekrutierung einfach so hinter sich gebracht haben, ohne dass sie jemand aufgehalten hat. Im Gegenteil, sie haben sie wissend um ihr Alter aufgenommen. Eine Bande von Heuchlern. Kinder in den Kampf zu schicken… Nico erklärt es trocken und sachlich. Fast klingt es als wollte er sagen, diese Männer seien nicht Schuld daran. Sie haben nur einer höheren Ordnung, einer Dringlichkeit gehorcht. Ja, das tun wir alle… Ich würde diese Männer trotzdem gerne persönlich zur Rechenschaft ziehen, wenn ich sie denn identifizieren könnte. Wahrscheinlich würde ich es mir nach genauem Nachdenken anders überlegen. Aber es ist zu schön, zu einfach, die Menschen am Ende der Kette zur Rechenschaft zu ziehen. Höhere Mächte sind jedermanns Ausrede. Nicht zuletzt die meines Vaters. Jeder schiebt die Verantwortung so weit von sich, wie es ihm nur möglich ist. Dabei wäre nur ein wenig Courage nötig, um die Dinge zu verändern. Aber das ist ein grundsätzliches Problem, das ich mit der Welt habe und es ist mir nicht neu. Also lasse ich den Gedanken schnell wieder zurück sinken und höre Asyas Erzählung zu. Was geschehen ist, ist geschehen und auch keine nachträgliche Rachsucht wird daran etwas ändern.
Als Asya von der Überfahrt erzählt muss ich lächeln, aber es verfliegt bald wieder. Was sie von Camp Culver erzählt, klingt wie ein Albtraum. Das schlechteste Bild, das ich vom Militär habe, wird in diesen Erinnerungen bestätigt. Mehr noch, es fühlt sich so viel drastischer an als alles was ich bereits weiß. Es fühlt sich an, wie da zu sein, es zu sehen. Ich kann mir den Schrecken vorstellen, alleine dadurch wie Asya die Worte wählt, weniger durch die Emotionen, die sie so gut wie möglich aus ihrer Stimme heraus hält. Gerade diese Abgeklärtheit macht mir klar, wie hart es wirklich war. Als Nico es ausspricht, spüre ich bereits das Blut in meinen Adern gefrieren. Nascha hat sich dicht auf Asyas Bauch geduckt, den Kopf auf ihr Fell gedrückt. An ihr geht die Geschichte auch nicht spurlos vorbei, selbst wenn sie schweigt. Nico und Asya hatten Angst zu sterben. Ich schlucke hart. Ich kann es so gut verstehen. Wäre ich bei ihnen gewesen, ich hätte die selbe Angst gespürt. Aber ich war nicht dort. Sie mussten da alleine durch. Immerhin hatten sie sich, und doch… sie waren allein. Rikkard, sie hatten Rikkard, erinnere ich mich. Trotzdem. Die Angst an sich ist hart genug. Ich bin froh, dass Asya mich weiter zieht, von einem Ereignis zum nächsten bringt. Aber was sie von den Verhältnissen im Camp erzählt macht die Dinge nicht besser. Es fühlt sich an wie darum betrogen worden zu sein, meinen Bruder zu beschützen. Als hätten sie ihn absichtlich dorthin entführt, nur um mir zu zeigen wie machtlos ich bin. Grausamkeiten, die sie den Männern antun, die so angeblich heroisch ihr Leben für ihr Vaterland lassen. Da ist nichts heroisches dran. Aber das war keine grausame Entführung. Das war die freie Entscheidung eines Jungen, der erwachsen geworden war. Eines Jungen, der womöglich keine Hilfe gewollt hätte, wären wir wirklich zusammen aufgewachsen. Es fühlt sich trotzdem an als wäre es die Schuld unserer Eltern. Oder die meine. Ja, vielleicht ist es die meine. Ich hätte ihn suchen sollen, schießt es mir in einem verrückten Anfall durch den Kopf. Aber ich weiß, dass das Irrsinn ist. Ich weiß, dass nichts davon sich ändern lässt. Er ist da durch. Und alles was mir bleibt ist zu verstehen wie es ihm ergangen ist.
Ich lächle traurig über Asyas Stolz auf die guten Schießkünste Nicos und die Lehrstunden auf Dode Manor und bemerke nicht, dass es im selben Moment ist wie Nico darüber lächelt. Ja, schießen konnte mein Bruder immer schon gut. Ich erinnere mich an unsere ersten Schießstunden als wäre es gestern gewesen. Unser Vater war immer wahnsinnig stolz auf unser beider Talent. Heute scheint er das alles vergessen zu haben. Immerhin, dieses „Geschenk“ von ihm hat Nico zumindest ein Stück weit gerettet. Dafür zumindest kann ich ihm zaghaft dankbar sein. Mein Bruder ein Scharfschütze… Ich beneide ihn doch ein wenig. Und darüber wiederum muss ich schief lächeln. Aber es vergeht mir als Nico einwirft, dass sie Rikkard zurück gelassen haben. Nicht weil ich ihm einen Vorwurf daraus machen würde. Nein, davon bin ich weit entfernt, was fiele mir auch ein. Aber ich bemerke an der Art wie Asya und Nico darüber diskutieren, dass es nicht einfach gewesen sein muss. Und einen Moment später erfahre ich weshalb. „Er ist sieben Monate später in Kämpfen bei Lurdain gefallen“ Ich senke ein wenig den Blick. Spüre wie sich die Stille über das Abteil legt. „Das tut mir Leid.“, sage ich leise, aber aufrichtig. Es fühlt sich dennoch ein wenig Fehl am Platz an. Trotzdem meine ich es ernst. Es könnte mich erleichtern, weil ich so zumindest ein Geschwisterkind meines Bruders nicht mehr kennen zu lernen brauche, aber der Gedanke ist selbst für mich zu bösartig. Nein, meine Gefühle und Gedanken sind bei Nico und was es für ihn bedeuten muss. Dass er auch seine Dinge zu bereuen und zu hinterfragen hat. Wie ich so vieles hinterfrage, das ich getan habe und das mir geschehen ist. Und doch bekomme ich die Ahnung davon, dass er mehr durchmachen musste als ich. Ich bedauere das. Ich bedauere es sehr. Wenn ich könnte, würde ich ihm einen Teil der Erfahrungen abnehmen. Ihn leichter tragen lassen. Und wieder trifft es mich am meisten, dass ich nichts bin als ein Zuhörer, dass ich nichts besser machen kann. Ich war nicht da.
Asya beginnt wieder zu sprechen und das Abteil erneut mit ihren Worten zu füllen. Während an uns Felder und Dörfer vorbeiziehen, erzählt sie davon wie Nico zum Meldejungen dieses Major Morigan wurde. Dass es besser war als das Camp, dass sie Dinge getan hatten, die sie ein wenig kannten. Ich grinse leise vor mich hin, als Asya erneut die Hexen aufgreift und ein lautloses Lachen hüpft kurz durch meinen Brustkorb. Sie schafft es mit unbeschreiblicher Leichtigkeit, die dunklen Dinge hell klingen zu lassen. Ich bewundere sie für diese Gabe. Und ich lasse mich gerne davon entführen. Lächle weiter trotz der konstanten Trauer, die ich über Nicos Schicksal spüre, als sie ihn in unserer Vorstellung dilettantisch Teekochen und Pferde versorgen lässt. Ich bin sicher, Nico hat sich besser angestellt als sie es beschreibt. Und doch lasse ich ihr den Spaß, solange Nico ihn ihr lässt. Lasse mich davon tragen und wieder auf den Boden der Tatsachen bringen als sie von den Pferden im Camp erzählt. Dass sie gelitten haben, kann ich mir vorstellen. Ich habe schreckliche Geschichten von dort unten gehört und Asyas Worte passen nur erneut in dieses Bild. Menschen können so grausam sein. Ich habe Pferde auch immer gemocht. Ich bin geritten seit ich denken kann, aber ich habe es eine Weile nicht mehr getan und bin weit davon entfernt mir eines leisten zu können. Ich halte sie für wunderschöne Tiere, aber es stimmt mich stets traurig zu sehen wie ausgeliefert sie ihren Herren und damit der Willkür der Menschen sind. Wie sie folgen, die einen treu, die anderen ohne eine Wahl, und vom Schicksal so betrogen werden. Ich sehe Unfreiheit nicht gerne. Und ein Pferd ist in unserer Gesellschaft das unfreiste, das ich mir vorstellen kann. In die Steppen der Hexenlande, dort gehören sie hin, frei und ohne Zügel. Aber nicht unter die Peitsche eines Majors. Das ist eine romantische Sichtweise. Ich habe früh festgestellt, dass sie keinen Platz in der Gegenwart hat. Und ich habe mich damit abgefunden, dass ich nichts daran ändern kann. Alles was ich tun kann ist, mich möglichst von diesen Anblicken fern zu halten. Man macht sich Feinde, wenn man einem Mann sagt, wie er mit seinem Eigentum umzugehen hat und nichts anderes sind die Tiere für die Menschen. Das Magisterium sagt, dass Tiere keine Seelen haben, weil sie nicht außerhalb ihrer Körper leben. Dass Daemonen nur weil sie tierische Gestalt besitzen nichts mit Tieren gemeinsam haben müssen. Aber ich sehe das Leid und die Freude in den Augen zu vieler Tiere um dem Glauben schenken zu können. Ich behalte diese Gedanken für mich und ich weiß genau weshalb. Aber an die Ungerechtigkeit muss ich dennoch immer wieder denken. Und ich fühle mit dem was Nico und Asya gesehen haben müssen.
Durch den Major wurde Nico Valet. Dadurch der Aufstieg. Eine unglaubliche Chance wenn man Dienstbote war. Und doch fühlt es sich aus Asyas Worten heraus nicht wie eine Beförderung an. Sie wird schlicht und kurz angebunden über alles was darauf folgt. Der europäische Krieg, der erneute Einzug… Womöglich hat es seine Gründe, dass sie nichts aus den Schlachten erzählt. Vielleicht kann man solche Dinge auch schlicht nicht erzählen. Drei Monate sind genügend Zeit um Tod und Leid zu erfahren. Es ist nicht einmal üblich über solche Dinge zu sprechen und ich kann mir vorstellen woher das kommt. Erst als Asya über die Erleichterung der Rückkehr spricht, kommen wieder Emotionen in ihre Worte. Und ich kann nicht anders als den Blick zu heben und sie zu beobachten während sie darüber spricht. Ich kann ihre Erleichterung fast körperlich spüren. Fast bin ich auch erleichtert. Dass das alles ist, was mein Bruder erleben musste. Dass die Schrecken nicht noch weiter gehen. Ich weiß, ich habe danach gefragt. Und ich wollte es wissen in dem Bewusstsein, dass es nicht einfach wird. Aber es schmerzt, nichts an diesen Dingen ändern zu können. Das ist eine unsichtbare Mauer, gegen die ich immer und immer wieder renne seit Asya zu erzählen begonnen hat. Asya schließt mit den einzigen Worten, die für all das eine Zusammenfassung bilden können… „Es hat gereicht… was wir gesehen haben.“ Betroffen und sorgenvoll sehe ich sie weiterhin an während ihre Stimme sich im Abteil verloren hat. Stille tritt ein. Die Bilder schweben noch immer durch meinen Kopf. Ich sehe meinen Bruder kämpfen, Asya an seiner Seite. Ich sehe ihn Tee aufgießen und verendenden Pferden die letzten Worte sagen. Es tut mir so unendlich Leid, dass ich nicht da war. Dass er und Asya alleine waren. Dass sogar ihr Stiefbruder in dieser Zeit gefallen ist. Was das alles für die beiden bedeutet haben muss. Und ich konnte nichts davon abmildern. Selbst jetzt werden ihnen diese Worte nichts bringen. Ich schlucke, schaue kurz hinunter auf den Boden, der mit dunkelblauem Teppich bezogen ist. In den Schatten sieht er fast schwarz aus. „Und von seinen Diensten seid ihr ins Magisterium gekommen?“, frage ich leise, behutsam und respektvoll. Hebe wieder den Blick und sehe ernst zu Asya. Mir bleibt nichts als weiter zuzuhören, zu verstehen… Von Bedauern werden die beiden nichts haben. Jeder Versuch in meinem Kopf es auszudrücken gerät zu plump und zu würdelos. Ich will kein Mitleid ausdrücken. Ich möchte Anteilnahme zeigen. Aber mir fällt kein Weg ein wie ich das tun könnte, ohne die beiden zu beleidigen. Ich war nicht da und daran lässt sich nichts ändern. Ich kann nur Respekt zeigen vor den unglaublichen Dingen, die sie sehen mussten.

