Charaktere
Anisim Langdon » Rory Evening » Nikola Larkin
Datum & Ort
10.01.1922, London // Sheffield
Society of The verification mission Rudeness
Ich sitze noch immer da, den Blick geradeaus gewandt. Ich sehe was vor mir ist. Warmes Rot, samtweicher Stoff und sehe doch durch ihn hindurch. Ich fühle mich wie am frühen Morgen eine Zeltplane zu öffnen und hinaus ins Freie zu klettern. Die Luft im Zelt ist abgestanden und warm von der Nacht. Draußen ist es kühl. Nicht unangenehm, aber ich fröstele trotz allem im ersten Moment. Ich atme die frische Morgenluft ein, spüre sie bis tief in meine Lungen. Es hat geregnet in der Nacht. Ich laufe über regennasse Erde. Die Feuchtigkeit legt sich auf meine nackten Arme. Meine Haut kribbelt. Ich fühle mich roh und verletzlich darunter und gleichzeitig rein und unverbraucht wie selten. Als könnten die letzten Spuren des Regens durch meine Haut hindurchdringen und mich eins werden lassen mit den äußeren Elementen. Die Welt ist grau und mitleidlos vom Morgen, aber die Konturen scharf gezeichnet und klar wie sie nur nach einem schweren Regenschauer sind. Ich sehe zu Boden auf meine nackten Füße und fühle mich nicht gut oder sicher, aber vollkommen ruhig und klar. Ich schrecke auf von dem Gedanken, dass Asya nicht an meiner Seite ist – und hatte doch zu keinem Moment das Gefühl, dass sie nicht bei mir war.
 
Ich schlucke trocken, blicke hinab auf meine verkrampften Hände und als ich zitternd den Atem wieder in mir aufnehme, fühle ich mich als hätte ich so heftig geweint wie lange nicht mehr. Als hätte ich mir den Geist aus dem Leib gebrüllt, mich vollkommen verausgabt und könnte erst jetzt wieder die ersten Atemzüge machen ohne zu Schluchzen. Vage reibe ich mir über den Unterarm. Ich bin erschöpft und fühle mich doch gleichzeitig unsagbar geklärt und eins mit mir wie selten. Einen verrückten Moment lang frage ich mich, ob man sich so wohl nach einer Beichte fühlen sollte und ich denke, dass ich in diesem Fall wohl in Zukunft besser Asya sprechen lassen sollte. Ich verwerfe den Gedanken fast mit einem Lächeln. Besser nicht, sie ist einfach zu ehrlich. Ich weiß nicht, ob ich das bereuen werde. Sehr wahrscheinlich werde ich das. Das tue ich meistens wenn ich mit irgendeiner Sache wirklich einmal offen war. Doch für den Moment ist da nur die Stille des Abteils und das Gefühl wie Nascha sich fast wie eine Eulenmutter über ihr überdimensionales Küken über Asya geduckt hat, es lullt mich vollkommen ein mit seiner Wärme. Ich schlucke. Erst an diesem Gefühl wie gehäutet zu sein, begreife ich, was man damit meint eine dicke Haut zu haben, wenn man die Dinge nicht an sich heran lässt. Oder… eher im Gegenteil. Ich hatte schon immer diese Probleme damit, zu verhindern, dass die Dinge mir zu nahe gehen. Was in dieser Intensität völlig neu für mich ist und so befremdlich, dass ich es kein bisschen einschätzen kann, ist die Dinge wieder aus mir heraus zu lassen. Jemanden wissen zu lassen, wie es wirklich in mir aussieht. Ihm einen Blick darauf zu gewähren, wie Asya es getan hat. Ich kann nur annehmen, dass mir das als Kind keine solche Probleme bereitet hat, aber ehrlich gesagt weiß ich es nicht mehr. Vielleicht hatte es auch einfach noch so viel weniger gegeben, dass ich in mir Verborgen aufbewahrt habe, zusammengedrängt in diesen Ecken meines Selbst, die so Dunkel sind, dass ich sie oft genug selbst meide.
 
„Und von seinen Diensten seid ihr ins Magisterium gekommen?“ Ich reiße den Blick hoch, sehe hinüber zu Anis. Gegen meinen Willen erinnert seine Stimme mich daran, wie er vor Asyas Erzählung gesprochen hatte. Er hatte versprochen Febe gerne kennen zu lernen, aber ich habe die Bitterkeit in seinem Blick gesehen, bevor er weg gesehen hat, sie war eine Bestätigung all der Befürchtungen gewesen, die ich mir selbst kaum mehr eingestanden habe. Aber das ist in Ordnung. Ich bin selbst nicht erpicht darauf, dass er das tut. Es ist Asyas Traum, vielleicht auch Naschas, so wie sie und Asya sich aneinander geschmiegt haben, und es tut mir weh ihn so wenig zu teilen, aber ich kann nichts daran ändern. Ich hatte mir unwillkürlich versprochen das Thema nie wieder aufkommen zu lassen, nicht wenn ich es verhindern kann, und daran halte ich fest. Erst im nächsten Moment kommt der Inhalt von Anis‘ Frage bei mir an. Ich lache. Rau und dunkel als hätte ich tatsächlich viel zu lange geweint. „Tut mir leid“, entschuldige ich mich fast direkt, als ich begreife, dass er kaum wissen kann, wie nah dieser – vielleicht völlig unbeabsichtigt – implizierte Zusammenhang einem Scherz kommt. „Tut mir leid… nein, das kann man nicht direkt so sagen.“„Der Major war ein…“, kommt mir Asya zur Hilfe, aber auch sie stockt einen Moment, ihre Ohren zucken unruhig. Sie hätte ebenso sagen können, dass der Major eine abartige Vorliebe für kleine Kinder hatte, die er danach verstümmelt in dunklen Gassen ablegte. Es wäre in den Augen der meisten wohl das geringere Verbrechen. „… Nun, ein… ein man würde wohl sagen ein Gegner der Kirche.“„Er war ein tief gläubiger Mann“, verteidige ich fast sofort die Ehre des Majors. „Aber das…“, ich schlucke. Asya hat es schon sehr viel drastischer formuliert. Hilflos zucke ich mit den Schultern und sage es dann wie es ist: „Das Magisterium hat er verabscheut.“ Ich lasse die Schultern wieder sinken. Warum will ich es auch entschuldigen? Der Major ist tot. Ich war sein Valet, der heute im Dienst der Kirche steht. Ich habe meinen Teil gebüßt für diese Gnade. Bin gewissermaßen geläutert. „Er war der Earl of Berfolk und sehr… nun… politisch.“ Das ist kein Geheimnis. Ebenso die Abneigung Lord Morigans gegen die Kirche – auch wenn es höflicherweise totgeschwiegen wird. Selbst zu Lebzeiten haben die meisten versucht diese unangenehme Tatsache bestenfalls zu verdrängen. Einige zumindest. Andere Akteure gingen andere Wege. „Er ist vor fünf Jahren gestorben“, sagt Asya. „Er war sehr krank“, sage ich. Es klingt fast wie ein Zusammenhang. „Wir haben erst nach seinem Tod begonnen für das Magisterium zu arbeiten. Das ist fünf Jahre her.“ Es ist wohl überflüssig zu erwähnen, dass sich mein langer Militärdienst und die politischen Bestreben meines ehemaligen Herrn nicht unbedingt positiv in meinem Zeugnis machen. Aber immerhin das ist durch meinen Dienst beim Magisterium nicht länger meine Sorge, ich brauche mich nicht aktiv um Anstellungen zu bemühen.
 
„Habt ihr…“„Asya“, ich sage ihren Namen nur wie beiläufig. Sie schweigt fast sofort und diese Tatsache sagt mir mehr als alles andere, dass sie mit dieser Frage ebenso unsicher ist wie ich. Ich lasse leise schnaubend die Luft entweichen, schüttele reuig mit geschlossenen Augen den Kopf über meine Feigheit. Es hilft nichts, wir müssen es wissen. Ich bringe die Frage dennoch nicht über die Lippen und verstehe selbst nicht wirklich weshalb. „Und nach Sir Starling hast du die Arbeit unter dem Lord Chaplain aufgenommen?“, frage ich stattdessen. Das hat mich schon zuvor interessiert. Wie konnten Entdecker wie Anis und Nascha zu den Unglücksboten des Magisteriums werden? Doch nicht nur wegen dieser Hexe? Ruhig sehe ich zu ihm. Für einen Valet im Dienst der Kirche begreife ich deren Strukturen viel zu wenig, das ist mir selbst bewusst. Ich kenne sie, aber ich verstehe sie nicht, so sehr unterscheiden sie sich von der säkulären Welt in der ich so viel länger in Diensten stand. Ich kann nicht einmal mi Gewissheit sagen, ob man Anis Positionswechsel wohl einen Auf- oder Abstieg bezeichnen würde. Die Arbeit unter einem Lord Chaplain ist hochangesehen. Aber Anis und Nascha waren im Norden gewesen, sie hatten die Welt gesehen, sie waren dem, was ich mir als Freiheit vorstelle, so nah gewesen. Und jetzt… Ich verstehe es nicht. Ich weiß nicht, ob es hart ist so offen danach zu fragen, doch auch er hat mich harte Dinge gefragt. Ich war ohnehin schon wieder viel zu feige. Asya hatte eine andere Frage stellen wollen, das ahne ich. Oder… dieselbe in direkter Form. Ich wüsste es ja auch gerne, ob Anis je etwas anderes getan hatte, als für die Kirche zu arbeiten. Und viel mehr noch interessiert mich die andere Frage, unabhängig dessen was tatsächlich gewesen ist. Die ob er es je hat wollen. Ob er je etwas anderes hatte tun wollen. Doch die kann ich mir aus unterschiedlichen Gründen nicht erlauben zu stellen.

[Bild: nico-s.png]


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The verification mission - von Anisim Langdon - 29.05.2020, 21:53
RE: The verification mission - von Nikola Larkin - 01.07.2020, 20:43
RE: The verification mission - von Rory Evening - 04.07.2020, 15:33
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RE: The verification mission - von Rory Evening - 15.11.2020, 09:48



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