„Tut mir leid“, kommt es jetzt von Nico. Ich hebe den Blick wieder zu ihm und höre dem zu was er mir daraufhin sagt. Nichts davon hilft mir weiter. Stumm sehe ich ihn an, während ich versuche zu begreifen, was gerade passiert, was ich berührt habe das ich nicht verstehe. Asya stimmt in Nicos Worte mit ein und meine Augen wandern ernst zwischen ihr und Nico hin und her. Folgen den Erklärungen, mit denen sie sich abwechseln. Sie sprechen vom Major. Ein Gegner der Kirche, aber ein tief gläubiger Mann. Eine ungewöhnlich intelligente Mischung, muss ich denken, während sich meine Überlegungen um diese Vorstellung drehen, ohne dass ich es beeinflussen kann. Ich versuche Nico und Asya zu folgen, sauge die Details in mich auf, suche krampfhaft nach Verbindungen, in dem Versuch zu verstehen, was sie mir sagen möchten. Das Magisterium hat er verabscheut. Der Earl of Berfolk. Politisch.
Und dann wird es mir plötzlich klar. Ich spüre wie sich etwas in meinem Gesicht löst und trotzdem denke ich ernst darüber nach was sich mit einem Mal vor meinem geistigen Auge ausbreitet. Als habe mit einem Mal jemand das Licht in meinem Schädel eingeschaltet, sehe ich die Verbindungen vor mir. Der Earl of Berfolk. Das ist kein mir unbekannter Titel. Als Major ist er mir nicht aufgefallen, aber der Earl of Berfolk ist eine Gestalt, die mir bereits des Öfteren begegnet ist. Ich kenne seinen Hass auf das Magisterium. Seine Feindschaft mit der Kirche hat Legendenstatus erreicht und für den Adel gilt er als einer der Helden ihrer Riege. Wenn auch sich niemand trauen würde, das laut auszusprechen. Politisch zu sein, ist in diesen Zeiten keine gute Eigenschaft. Besonders wenn man das Magisterium zum Feind hat. Er ist tot. Über die Umstände weiß ich nichts, aber Asya ergänzt es sofort. Krank. Ich nicke ernst. „Ich kannte den Mann.“, stelle ich ruhig fest. Mehr als dass ich den Earl kannte, irritiert mich jedoch der Gedanke, wie nah ich Nico bereits gewesen bin. Wie klein London ist, wie klein diese ganze Insel ist. Es hätte nur eines einzigen Kondolenzbesuches bedurft, damit ich ihm früher wiederbegegnet wäre. Mein Blick wandert zurück zu Nico, als er schlussendlich meine Frage beantwortet. Nachdenklich sehe ich ihn weiter an. All meine Sorge um sein Lachen ist verschwunden, viel zu sehr hat mich die Suche nach dem was Nico mir erklärt hat, vereinnahmt. Aber jetzt muss ich wieder daran denken. An diesen Gegensatz. An diesen Widerspruch. „Ein harter Wechsel.“ Es ist zum Teil Vermutung, zum Teil Feststellung. Von außen betrachtet wirkt dieser Fahnenwechsel fast skurril. Aber ein Diener ist manchmal auch nur ein Diener. Er muss die Überzeugungen seines Herren nicht unbedingt teilen, wenn die Arbeit immerhin gut ist und der Ruf nicht zu sehr darunter leidet. Menschen setzen unterschiedliche Prioritäten. Wenn man es so betrachtet, ist nichts Besonderes an Nicos Wechsel von einem harten Gegner der Kirche hin zum Magisterium. Trotzdem stelle ich mir die Umstellung schwer vor. Ich weiß, dass sie mir nicht leichtgefallen wäre, aber ich bin nicht sicher, ob Nico das genauso sieht. Ich wüsste es zu gerne.
Ich wüsste zu gerne was er denkt und fühle mich viel zu weit weg davon, dem nahe zu kommen. Dass er Asya ihre Frage verwehrt und sie daraufhin schweigt, irritiert mich. Ich sehe zu ihr. Zu gerne hätte ich sie gefragt, was sie wissen will. Ich bin in diesem Moment überzeugt davon, ihr alles zu beantworten, was sie wissen möchte. Und mag es noch so privat sein. Das ist nur ein Eindruck, es ist nicht wahr, das ist mir bewusst. Aber es fühlt sich schrecklich an, nicht zu wissen, was beinahe gewesen wäre. Immerhin, Nico möchte nicht fragen. Vielleicht wegen mir. Vielleicht wegen sich. Ich respektiere es und schweige. Ich werde ihm nichts entreißen das er nicht möchte. Nascha besitzt nicht so viel Takt. Plötzlich wieder hellwach, steht sie aufrecht auf Asyas Brustkorb und hat ungeduldig die Schwingen ausgebreitet. „Was haben wir?“, fragt sie aufmüpfig während sie auf Asyas Schnauze zuspringt und spielerisch nach ihr hackt um sie zu reizen und zu provozieren. Sie dazu zu bringen, ihr zu verraten, was Nico nicht offen gefragt wissen möchte. „Nascha…“ Jetzt bin ich es, der seinen Daemon tadeln muss. Meine Stimme ist ruhig, aber sie kennt den Ton. Ungnädig wirft sie mir einen Blick zu und schnäbelt beleidigt. Aber sie gibt endlich Ruhe und lässt sich auf die Beine sinken. Immerhin, die Diskussion hatten wir für heute schon.
Ich bin dankbar, dass Nico eine andere Frage stellt und Nascha damit nicht die Chance gibt, Asya doch noch ungehorsam etwas zu entreißen. Irgendwann wird die Zeit vielleicht kommen. Irgendwann wird Asya fragen, was sie gerne wissen wollte. Was auch immer es ist. Bis dahin werde ich es vielleicht vergessen. Aber das Gefühl, dass da etwas Unausgesprochenes in der Luft hängt, brennt sich in mir fest, beißt sich in meine Haut, als wollte es mich konstant in eine andere Richtung ziehen. Es fällt mir schwer, mich auf Nicos Frage zu konzentrieren, jeden Gedanken an Asyas unausgesprochene Frage mühsam zu unterdrücken. Es fühlt sich an als säße ein überdimensionales Tier im Raum und ich würde krampfhaft versuchen, nicht hinzusehen. Das ist dann wohl der sprichwörtliche Elefant. Nicos Frage also dreht sich um mich… um meine Karriere – was man so Karriere nennt. Ich bedauere es, dass wir nicht mehr über Nicos Leben sprechen, dass er den Ball zu mir zurück spielr, aber ich schätze, dass es früher oder später so hat kommen müssen und ich schulde es ihm nachdem Asya und er so offen waren.
Einen Moment lang sehe ich auf das rote Polster der Sitze, um mich zu sammeln. Dann hebe ich den Blick und sehe Nico wieder an, um ihm ruhig zu antworten. „Nein, nicht auf direktem Weg. Starling hat sich irgendwann zur Ruhe gesetzt und innenpolitischen Themen zugewendet. Für mich hatte er keine Verwendung mehr, also habe ich mir eine neue Stelle innerhalb des Magisteriums gesucht. Durch Sir Starlings Empfehlung war ich eine Zeit lang magisterialer Vertreter und Berater für den Expeditionsausschuss des Oberhauses. Jede staatlich finanzierte Unternehmung, die das Magisterium im Ausland tätigt, muss durch das Oberhaus abgesegnet werden, das ist ein Teil ihres vorgetäuschten Waffenstillstands mit den Lordschaften.“ – „Sie zerren aneinander wie Wölfe…“, wirft Nascha abfällig dazwischen und die Frustration, die da aus ihr spricht ist auch die meine. Aber es steht uns nicht zu, solch ein Urteil zu fällen. „Wir haben lange genug mitgezerrt, falls du dich schwach erinnerst.“, tadele ich sie mit einem Seitenblick. Aber meine Stimme ist ruhig. Ich bin nicht wütend auf sie, das würde sie merken. Aber hier und da benötigt sie manchmal eine Erinnerung daran, dass die Dinge nicht so einfach sind, wie sie sie gerne hätte. „Wir haben für die Durchsetzung der Forschungsreisen gekämpft und es war hart genug, den Lordschaften ihre Eingeständnisse abzuringen. Aber im Grunde hat sich dadurch nichts zwischen den Fronten verändert. Es war einfach nur ein täglicher Krieg. Aber immerhin brachte das etwas Abwechslung für uns.“, erkläre ich. Einen kurzen Moment schweige ich, bevor ich mit etwas anderem herausrücke und mein Blick liegt dabei auf Nascha, weil mir trotz der allgemeinen Ruhe, die sich in mir ausgebreitet hat, die Kraft fehlt um Nico dabei anzusehen. Es ist zu leicht und zu einfach unsere Daemonen zu beobachten. „Tatsächlich wollte ich in die Nähe des Oberhauses. Ich hatte gehofft unseren Vater dort zu treffen. Ich weiß nicht was ich erwartet habe oder wonach ich mich gesehnt habe. Vielleicht wollte ich ihm einfach nur in die Augen sehen und wissen was er fühlt.“ Meine Stimme verliert sich ein wenig in der Überlegung und Nascha übernimmt das Wort, ganz als hätte ich sie darum gebeten. „Wir konnten ja schlecht in Dode Manor mal eben rein spazieren und guten Tag sagen. Auch wenn ich es trotz Sitte und Anstand gerne getan hätte, alleine schon um ihre Gesichter zu sehen, was wäre das für ein Fest gewesen…“ Ich schnaube trocken belustigt. „Zugegeben, das wäre es gewesen.“, stimme ich zu und hebe den Blick um die Landschaft beim vorbeiziehen zu beobachten. Dann wende ich den Blick wieder ins Abteilinnere und fahre mit zusammen gezogenen Brauen fort. „Aber wir sind ihm nie begegnet. Gesehen habe ich ihn, das ja, aber er war nicht oft im Parlament – nur wenn es gar nicht anders ging, sonst ließ er sich vertreten – und er hatte zu wenig Konflikte mit der Kirche auszutragen als dass eine Begegnung im Flur wahrscheinlich gewesen wäre. Und wir waren immer noch zu nah am Magisterium dran als dass wir hätten sicher gehen können, dass niemand auf unsere Kontaktversuche aufmerksam wird.“ Ich sehe Nico an und erinnere mich wie aus dem nichts heraus, wonach er eigentlich gefragt hatte. Ich bin abgeschweift. Viel zu weit abgeschweift. In eine Richtung, in die ich nicht gewollt habe. Und doch ist es seltsam angenehm, darüber gesprochen zu haben, das Gefühl mit jemandem anderes geteilt zu haben als einer Eule, die nur entweder hasst oder liebt, nie aber Verständnis für eine Mischung daraus besitzt. „Lord Chaplain Davies ist erst fünf Jahre später auf mich zugekommen. Er hatte von meiner angeblich guten Arbeit gehört – was ich für ein Gerücht halte – und hat mir ein Angebot gemacht.“ – „Gute Arbeit bleibt gute Arbeit…“ – „Damals sah es noch so aus als wäre er ein Sprungbrett. Ich habe ihn als Zwischenstation gesehen, als Chance. Lord Davies hat Verbindungen im Magisterium, die sich kaum vorstellen lassen. Ich fand, dass es nur eine Frage der Zeit wäre bis er mich an höhere Stelle empfehlen würde. Ich hätte gerne meine eigenen Projekte, meine eigenen Forschungsarbeiten geleitet. Mehr Freiheiten besessen.“ Ich schnaube, traurig amüsiert. „Aber nun ja, was man glaubt und was Realität ist, sind manchmal zwei unterschiedliche Dinge, nicht wahr?“ – „Und anstatt etwas zu unternehmen, sitzen wir hier und blasen Trübsal.“, schließt Nascha spottend und stupst Asya mit dem Schnabel an. Missbilligend sehe ich zu ihr hinunter. Aber ich kenne das Spiel zu gut um es noch mitzuspielen. „Als wäre dir das schon so lange bewusst, dass wir in einer Sackgasse hängen.“ – „Das ist es, du hörst mir nur nie zu.“, behauptet Nascha überlegen schnippisch. Ich ziehe kurz gelangweilt die Brauen hoch und sehe zu Nico zurück, ohne den Hauch einer Ahnung, was ich an meinem Leben noch erklären könnte. Es ist eine traurige Ansammlung von unglücklichen Zufällen. Immerhin nicht so schmerzhaft wie Nicos Geschichte und doch gerade dadurch so unglaublich ziellos. Und nicht zum ersten Mal frage ich mich nach dem Sinn hinter diesem ganzen Weg, den ich gegangen bin.

