Ich sehe zu ihr, wie sie noch immer mit der Eule auf ihr im Gang liegt. Vollkommen entspannt. Ich ahne weshalb. Sollten wir irgendwann später darüber sprechen, sie wüsste vermutlich nicht einmal, was ich meine. Weshalb mich diese drei Worte so verletzen. Ich kann förmlich ihre Antwort hören ‚Das hat er doch nur so dahingesagt‘ – dabei ist es genau das, was mich so unerwartet trifft. Asya hätte es nicht verstanden. Ich kann mir ihren Blick vorstellen. Ihr unausgesprochenes ‚Stell dich nicht an‘ darin und – schlimmer noch – die Besorgnis darunter, das ‚Sei nicht immer so sensibel…‘. Ich sehe noch immer auf Asya und Nascha hinab. Betrachtete die Eule. Ihre schlanke, edle Gestalt, das dunkle Gefieder. Sie erinnert mich seit langem wieder daran, wie gerne Asya früher die Gestalt von Greifvögeln angenommen hat. Bussarde, seltener auch Habichte. Sie hat es geliebt zu Fliegen, Sonntagnachmittags auf dem Weg zur Schule oder wenn wir irgendwelche Besorgungen zu machen hatten, bis über die Dächer der Häuser hinweg. Hätte ich mehr von Asyas Charakterzügen, dann hätte sie vielleicht die Gestalt des Bussards behalten und mit diesem Gedanken schiebe ich ärgerlich meine lächerliche Empfindsamkeit bei Seite.
Und doch entkomme ich mir nicht, korrigiere bald darauf Asyas Frage, anstatt sie direkt das aussprechen zu lassen, was wir so gerne gewusst hätten. Anis ist höflich. Und einen Moment lang frage ich mich, ob er nicht einfach derselbe Feigling ist wie ich. Sein Daemon zeigt so viel deutlicher, was wohl eigentlich in den beiden vorgeht. Asya gibt ein Prusten von sich und schnappt in spielerischer Empörung nach der Eule, weicht ihrem Schnabel jedoch kaum aus. Auf Anis Ermahnung hin, wird Nascha wieder versöhnlicher. Aber es ist ein ähnlich fragiler Frieden, wie der der Asya schweigen lässt. Ich kann ihren Unmut darunter spüren und fast schon erwarte ich, dass sie gleich den Fang öffnet und ihre Frage einfach nachholt. Doch in diesem Moment beginnt Anis zu sprechen. Davon zu berichten, wie Sir Starlings Expeditionen endeten, wie der Mann sich anderen Belangen zuwandte und Anis eine neue Stellung innerhalb des Magisteriums erreichen konnte. Es klingt nach einer wichtigen Position. Tatsächlich kann ich mich noch gut daran erinnern, wie der Major sich wegen der Bluthunde des Expeditionsausschusses aufregte, die jeden Gold Dollar für ihre – wie er sie meist nannte – Spinnereien an sich zu reißen versuchen, als gäbe es keine drängenderen Probleme direkt vor ihrer Nase… Die lieber ihre heilige Mission ans Ende der Welt getragen hätten, anstatt einen Fuß in die abgelegeneren Gassen von East London zu setzen. „Sie zerren aneinander wie Wölfe…“, ergänzt Nascha fast passend zu meiner Erinnerung. Ich nicke, gebe dabei ein belustigt wissendes Schnauben von mir. Erst im nächsten Moment bemerke ich, dass mir das kaum zu steht, ich sehe wieder auf meine Hände. Wie kann ich auch so tun, als verstehe ich etwas von der hohen Politik und den Händeln der Kirche und des Adels. Völlig unangemessen für einen… „Jaaah, das kennen wir“, tönt Asya in diesem Moment als hätte Nascha einen besonders klugen Scherz gebracht. Danke, Asya, wirklich. Wer würde uns jetzt nicht für anmaßend und größenwahnsinnig halten? Anis spricht weiter. Ich nicke wieder, aber bescheidener dieses Mal. Ich glaube mir das vorstellen zu können, was er sagt – aber was weiß ich schon tatsächlich? Ich weiß kaum mehr als das, was der Major mir erzählt hat und was ich von einigen meiner späteren Herren mitbekommen hatte. Das und die eigenen Gedanken, die ich mir darum gemacht habe. Darüber, dass der Major es sich sehr einfach machte, jeder von der Kirche getragenen wissenschaftlichen Expedition direkt missionarische Motive zu unterstellen. Selbst wenn das sicher ein netter Nebeneffekt ist, den die Kirche oft genug nutzt – ebenso wie die Ablehnung der Wissenschaft durch den Adel, da sie ja nur kirchlichen Zwecken diene...
„Tatsächlich wollte ich in die Nähe des Oberhauses. Ich hatte gehofft unseren Vater dort zu treffen. Ich weiß nicht was ich erwartet habe oder wonach ich mich gesehnt habe. Vielleicht wollte ich ihm einfach nur in die Augen sehen und wissen was er fühlt.“ – Ich verenge etwas die Augen, sehe Anis dabei an, der hinab auf unsere Daemonen blickt. Ich verstehe nicht sofort, was er damit meint, da mir ein entscheidendes Teil in diesem Puzzle fehlt. Erst Naschas Ergänzung lässt es mich erahnen. „Ihr seid nicht mehr auf Dode Manor gewesen?!“, wirft Asya ganz ungeniert ein, selbst wenn die Antwort bereits offensichtlich ist, und macht unserer Bestürzung damit Luft. Ich begreife es noch immer nicht ganz. Dass sie Anis in das Kloster abgeschoben und ihm seines Titels beraubt haben, das kann ich noch nachvollziehen. Ich weiß auch wie ungern die Kirche es sieht, wenn ihre neugewonnen ‚Söhne‘ weiterhin tiefe Bindung mit ihrer weltlichen Familie pflegen. Gerade im Bereich des Adels mag es da zu leicht zu einer Vermischung der Interessen kommen. Aber dass Anis tatsächlich vollkommen von der Familie dessen Namen er trägt getrennt worden war. Dass sein… dass… dass unser Vater ihn nicht einmal mehr aus reiner Höflichkeit und dem Bewahren eines lockeren Kontaktes in sein Haus gelassen hat, das ist mir unbegreiflich. Es passt so wenig zu dem Mann aus meiner Erinnerung. Dem Mann dessen Andenken unsere Mutter immer hoch gehalten hat. Doch vielleicht tue ich ihm auch unrecht, vielleicht hat Anis auch schlicht die Ideale der Kirche hochgehalten. Ich weiß, dass das nicht jeder tut. Dass es genug Vetternwirtschaft zwischen Adel und Kirche gibt und die Kirche das zu einem gewissen Grad sogar billigt – selbst wenn Father Ibrim es bevorzugt ein gutes Auge auf die Geschäfte zu haben. Ein Besuch allein war da noch kein Verbrechen – oder zumindest ein wenig Geahndetes, immerhin bleibt doch immer die Möglichkeit spirituelle Motive vorzutäuschen. Aber was tue ich auch? Vergleiche Anis mit den schwarzen Schafen. Ich weiß nicht, warum mich der Gedanke, dass Anis tatsächlich ein tadellos treues Kirchenmitglied sein könnte so wenig beruhigt.
Noch während Anis fortfährt fällt es mir schwer zu akzeptieren, dass er keinen Kontakt mehr zu unserem Vater, dem Earl, gehabt hatte. Vielleicht registriere ich auch erst jetzt ganz endgültig, dass Anis nie der Herr von Dode Manor werden würde. Er würde nie den Titel tragen, der ihm immer versprochen war. Kein Bastard auf dem Thron, kommt mir der zynische Gedanke, und spüre wieder diese unsagbare Bitterkeit, wie sehr man meinen Bruder betrogen hatte... Als Anis so abrupt das Thema wechselt, dauert es einige Momente, bis ich mich darauf eingestellt habe, noch länger bis ich begreife, dass er gerade meine Frage beantwortet. Der Lord Chaplain. Ein einflussreicher Mann. Nach Anis Worten noch einflussreicher, als man denkt. Meine Mundwinkel zucken lakonisch, als ich vage nicke. Ja, das ist häufig der Fall. Die Männer, von denen man es am wenigsten erwartet, sind doch häufig die mächtigsten. Gerade in den Strukturen des Magisteriums. Und nur einen Moment frage ich mich, ob Father Ibrim sich übernommen hat – oder ob der Lord Chaplain das getan hat. Oder und das wäre wohl die beunruhigendste Alternative: ob sie beide gemeinsam an einem Projekt arbeiten. Ich spüre den Impuls den Mund aufzumachen, Anis zu unterbrechen und ihm etwas zu sagen. Aber es wird seltsam unbedeutend unter Anis nächsten Worten. Ich schlucke unter dem Bild, das er zeichnet. All die Hoffnung, die darunter mitschwingt, den Visionen und der Zielstrebigkeit, für die ich ihn nicht zum ersten Mal heute bewundere und gleichzeitig beneide. Allem, was er geplant und was er angestrebt hatte. Eigene Forschungsprojekte zu leiten. Selbstständig zu sein. Mein Blick schweift unwillkürlich wieder hinab zu unseren Daemonen. Ein Muskel in meinem Kiefer zuckt trocken. Das ist dann wohl der Grund aus dem Nascha die Flügel behalten hat und Asya nicht, denke ich in freudlosem Zynismus. Ich sehe konsequent wieder zu Anis auf. Pünktlich um die Träume in sich zusammen fallen zu erleben. Die Bitterkeit in Anis Blick zu sehen, die ich kaum ertragen kann.
Und ich denke, wenn wir unsere Frage stellen wollen, dann jetzt. Flach atme ich ein, spüre meine eigene Anspannung bis in die Fingerspitzen, merke wie Asya zu sprechen ansetzt – und in diesem Augenblick klopft es an der Abteiltür.
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