Ich bin es nicht gewöhnt auf Zugreisen in meinem Abteil gestört zu werden. Dass es heute so ist, macht mich ruckartig wachsam und zieht mich zurück in eine Welt, in der die Augen Anderer mich ständig beobachten.
Ich reagiere schnell. Ein leises Pfeifen kommt zwischen meinen Schneidezähnen hervor. Es ist knapp und leise, aber Nascha reagiert sofort. Stößt sich von Asyas Brustfell ab, die sich im selben Moment aufsetzt um an Nicos Seite wachsam auf den Hinterbeinen anzukommen, und flattert in Sekundenschnelle von dort über die gepolsterte Sitzfläche bis sie schließlich auf meiner Schulter landet und ihren gewohnten Platz dort einnimmt. Unser Rückzug funktioniert wie ein gut geöltes Uhrwerk. Es ist mehr wachsame Routine, diese neutrale disziplinierte Haltung einzunehmen, die unserem Abkommen entspricht, als dass ich bewusst darüber nachdenke. Würde ich in diesem Moment darüber nachdenken, würde mir vielleicht in den Sinn kommen, dass ich Nico damit verletzen könnte, dass ich Nascha zurück gepfiffen habe. Dass es etwas Bedeutsames zwischen uns abbrechen könnte. Aber in diesem Moment ist mir nur klar, dass wir in den Augen der Welt nichts zu sein haben als ein Herr und sein Diener und es kommt mir nicht im Entferntesten in den Sinn, dass etwas anderes möglich wäre. Selbst wenn es sich seltsam skurril anfühlt, uns zu sammeln wie ungehorsame Kinder, die man jeden Moment bei einem Streich erwischt. Es erinnert mich auf irritierende Weise an unsere Kindheit. Wir können das immer noch so gut, denke ich zynisch während ich den Takt des Pulses in meinen Ohren verfolge.
Nascha ist noch damit beschäftigt ihre Flügel zu sortieren, als sich die Tür bereits öffnet, ohne dass ich dazu gekommen wäre, ein „Herein“ zu verlautbaren. Die Unhöflichkeit lässt meinen Blick finster und unterkühlt werden als ich die Gestalt mustere, die sich in die Öffnung zum Gang schiebt. Ein Mann, groß, schlank und rothaarig wie die Iren. Über seiner Schulter sitzt ein sprungbereites Hermelin. Nascha faucht ungehalten bei dem Anblick und plustert das Gefieder, ganz entgegen jenes Teils unseres Abkommens, der besagt dass sie still zu sitzen hat dort auf meiner Schulter. In letzter Zeit erlaubt sie sich einige Freiheit in diesem Punkt. Womöglich ist mein Kampf mit ihr was das angeht noch nicht zu Ende. Aber jetzt stört es mich längst nicht so sehr wie heute Morgen in Davies‘ Büro und so lasse ich sie gewähren. Denn ihre Wut ist auch die meine, selbst wenn mein Gesicht finster und unbewegt ist, während in Nascha gut sichtbar die Ungehaltenheit brodelt, die auch ich verspüre. Ausnahmsweise hat sie Recht.
Der Mann trägt die Uniform der Schaffner, zweireihige Knopfleiste, dunkelgrün, mit goldenen Säumen – die Farben der Eisenbahngesellschaft – aber sein Gesicht hat etwas hinterlistig einfältiges, das ich nicht näher benennen kann und mir sofort unsympathisch ist. „Von der Bitte einzutreten halten Sie nicht viel, wie ich sehe.“, bemerke ich kühl und mein Blick bohrt sich in den des Mannes, aber bevor ich etwas hinzufügen und nach dem Grund für die Störung fragen kann, fällt mein Blick zum ersten Mal auf die Begleitung des Mannes. Eine Begleitung die sehr viel kleiner ist als er und noch so viel mehr Fragen aufwirft, als in einen einzigen Satz hinein zu legen ist.

