„Du verdammter kleiner Teufel du“, flucht der Schaffner ungehalten und macht Anstalten das Abteil zu betreten, das hier zu einem munteren Dorfplatz zu werden droht. Asya ist zuerst aufgestanden, um mir Bewegungsfreiheit zu geben. Eine einzige fließende Bewegung und sie schneidet dem jungen Mann den Weg ab. Die Schultern zusammengezogen, die Rute auf Rückenhöhe erhoben, lauernd. Ich brauche keinen halben Schritt um neben ihr zu stehen. Die Augen leicht verengt sehe ich ihn fast nachdenklich an. „Habe ich Ihnen die Karte dieses Abteils gezeigt?“, fragte ich den jungen Mann in derselben lauernden Nachdenklichkeit, ganz als würde ich mich tatsächlich kaum entsinnen können. Unter jedem anderen Herrn hätte ich die Auseinandersetzung mit dem Zugpersonal auf dem Gang geführt, um ihm weitere Unannehmlichkeiten zu ersparen. Aber da es sich um meinen Bruder handelt und in Anbetracht dessen, dass der Bengel noch im Abteil liegt, ich mich aber zuerst um den Schaffner in seiner Dreistigkeit kümmern will, lasse ich zu, dass dieser wie angewurzelt im Türrahmen stehen bleibt. Der Blick des Schaffners schießt gehetzt zu mir auf. Er ist sichtlich davon aus dem Konzept gebracht daran gehindert worden zu sein den kleinen Delinquenten ins Abteil zu verfolgen. Ich habe selbst wenig Interesse dieses vor Dreck starrende Bündel Straßenkind auf dem Abteilboden liegen zu haben, aber noch mehr missfällt mir der Gedanke auch noch diesen Gewerkschaftler-Schaffner als Hilfsbobby oben drauf zu bekommen. „Der Junge?!“, stößt der Schaffner nur aus, als wäre mir dessen Purzelbaum ins Abteil entgangen. Meine Mundwinkel zucken lakonisch in die Höhe, als ich dem Schaffner eine letzte Chance gebe meine Frage zu beantworten. „Habe ich Ihnen die Karte dieses Abteils gezeigt?“, wiederhole ich mich noch einmal ruhig, die Worte dieses Mal jedoch sorgsam betont. „Ja, abe-…“ – „Warum sind Sie dann hier?“, schließe ich nicht minder ruhig die entscheidende Frage an. Verständnislos sieht der Schaffner mich aus wasserblauen Augen an, als könne er nicht begreifen, wie ich den rosafarbenen Elefanten übersehen konnte, der eben an mir vorbeiflog. „D-der Junge…“, stammelt der Schaffner nur. Keine Ahnung was der Junge damit zu tun hat, dass der Schaffner in dieses Abteil geplatzt ist, ob er das überhaupt hat, vielleicht nutzt der junge Mann ihn auch nur als Ausrede. Aber nach unserem letzten Aufeinandertreffen freut es mich doch ungemein den Schaffner einmal so aufgelöst zu erleben. In Verlegenheit gebracht, wie er mich zuvor in Verlegenheit gebracht hatte. Ich hatte nicht geglaubt, dass es jenen Zustand bei diesem gelangweilten jungen Mann überhaupt gibt. Doch der Blick des Schaffners ist mit einem Mal herrlich abgehetzt und sein Hermelin-Daemon hat wild die Haare gesträubt, was ihm das groteske Aussehen einer Flaschenbürste verleiht.
Ich schüttle vage den Kopf. „‘Das Abteil ist groß genug, da können Sie auch zusammen reisen‘, waren das nicht Ihre Worte gewesen?“, stelle ich mich absichtlich dumm, um den jungen Mann noch etwas länger zappeln zu lassen. Asya ist die Rachsüchtige von uns beiden, doch in manchen Dingen war ich ihr ein guter Schüler. „Ach, der Junge gehört zu IHNEN?!“, ruft der Schaffner erstaunt aus und sein Blick geht dabei zu Anis. Ich schnaube amüsiert über diesen kurzsichtigen Schluss, den er da trifft. Das habe ich nicht gesagt. Aber es ist doch immer wieder faszinierend, wie sich die Menschen von solchen kleinen Implikationen in völlig falsche Denkrichtungen locken lassen. Und Sherlock hier scheint da wirklich dem ganz großen Verbrechen auf der Spur. Sein Blick geht von Anis musternd zu dem Jungen, kurz zurück zu mir, dann wieder zu Anis. Dreist wie der Schaffner ist, feixt er dann an mir vorbei: „Bekommt man bei Ihnen erst ab Gehalt X etwas Anständiges anzuziehen?“ Ich bereue mit einem Mal doch, dass ich nicht mit dem Schaffner auf den Gang getreten bin. Es war klar gewesen, dass der junge Mann bei dieser Sache dann plötzlich seine große Klappe zurück gewinnt. Hätte der Schaffner etwas mehr Ahnung von meiner Arbeit, wüsste er, dass selbst die prachtvolle Uniform eines Footman in aller Regel von ihm selbst bezahlt ist, aber ich habe gar kein Interesse mich auf irgendeine Diskussion einzulassen, die der Schaffner hier anstrebt. „Gibt es noch einen Grund für Sie hier zu sein?“, frage ich daher scharf. „Der Junge braucht eine Fahrkarte“, stellt der Schaffner jetzt trotzig fest. Ach ja, da sind wir dann plötzlich nicht mehr so lapidar… „Wissen Sie“, beginne ich locker als würden wir über das Wetter reden, „mit den Fahrkarten ist das manchmal wie mit den Sitzplätzen, sie verschwinden einfach. Kommt öfter vor als Sie denken.“ Der Schaffner starrt mich an, als würde ich versuchen ihn zu einem schrecklichen Verbrechen zu verleiten. Mit einem Mal gar nicht mehr so mutig. „Ich könnte meine Arbeit verlieren“, zischt er und ich hätte am liebsten gelacht über diesen plötzlichen Gesinnungswechsel. Die Oberen zu belästigen macht Spaß, aber einem Straßenbengel keine Fahrkarte auszustellen, da muss man dann wieder um seinen Job fürchten. Was für schräge Vorstellungen der junge Kerl doch hatte. „Melden Sie es Ihrer Gewerkschaft, die setzt sich sicher für Ihre Belange ein“, erwidere ich in triefendem Sarkasmus und dabei nicke ich vage zu dem Button den er an der Brust trägt. Damit mache ich einen Schritt auf den Schaffner zu, um nach der Türe zu greifen. Er stolpert einen überraschten Schritt zurück und ich kann das Abteil schließen. Hinter dem kunstvoll verkleideten Holz kann ich den jungen Mann noch fluchen hören, aber er wagt wohl nicht das Abteil noch einmal zu öffnen. Eine gute Entscheidung, gestehe ich ihm mit dem kurzweiligen Anflug eines Lächelns zu.
Kaum ist das Abteil geschlossen, drehe ich mich um und sehe mich Problem Nummer Zwei gegenüber. Einem sehr jungen, sehr mageren und sehr schmutzigen Problem, das sich keiner Schuld bewusst zu sein scheint. Nicht noch einer, denke ich resigniert. Einen Moment sehe ich emotionslos auf den Kleinen hinab. Nur einen kurzen musternden Blick lang. Der Junge hat ein blasses, dreckiges Gesicht, fast kohlrabenschwarzes Haar, das ihm ins Gesicht fällt und Augen von einer Farbe, die so unbestimmbar ist, wie der Pelz seines Daemons. Seine Kleidung ist abgetragen und bunt zusammengewürfelt, selbst für ein Arbeiterkind wirkt er zu schäbig, also wohl doch ein Streuner von der Straße. Immerhin einen wachen Blick hat er. Aufmerksam. Nicht stumpf wie die Augen der Kinder, die mehr Stunden am Tag in einer Fabrik oder einer Kohlemiene verbringen als außerhalb. Sein Alter ist schwer einschätzbar, wie das der meisten Kinder, die vor ihrer Zeit für sich selbst haben sorgen müssen. Verloren wirkt der Kleine jedenfalls nicht. Ich mache einen Schritt vorwärts, packe ihn hart am Kragen in seinem Nacken und ziehe ihn auf die Füße, er wiegt tatsächlich nicht besonders viel. „Was treibst du hier, mh?“, frage ich grob, habe ihn dabei aber wieder losgelassen. Wäre er an mir vorbei gerannt, um sich weiter mit dem Zugpersonal zu zanken und Fahrgäste zu beklauen, ich hätte ihn sicher nicht aufgehalten. Er war mir ein gutes Mittel zum Zweck gewesen, um dem Schaffner etwas heim zu zahlen, aber jetzt habe ich keine Verwendung mehr für den Kleinen.
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