Der Unmut will bereits in mir hochkommen als sich Nico und Asya plötzlich erheben und damit zur Barriere zwischen dem Schaffner und diesem Abteil werden, was den Jungen und mich hinter ihnen zurück lässt. Aber der Kleine scheint nur damit beschäftigt zu sein zu dem wütenden Schaffner hoch zu starren und ich bin ganz zufrieden damit solange es so bleibt und er sich hier drinnen nicht letztendlich noch etwas herauszunehmen versucht das ihm nicht gehört. Ich behalte ihn dennoch im Auge während ich mit halbem Ohr zuhöre wie Nico die ersten Worte an unseren zweiten Eindringling richtet. Von einem Moment zum Anderen spüre ich wie sich die Luft im Raum verändert. Nur noch Nicos Rücken liegt in meinem Sichtfeld, nichts von seinem Gesicht, aber der Anblick seiner Haltung und der Ton seiner Stimme genügen vollkommen. Eine unerwartete klare Härte steht da plötzlich zwischen dem Schaffner und diesem Abteil. Jede Faser davon durch Nico und Asya ausgestrahlt. Fest und unüberwindbar stehen sie da. Nico ist nicht unfreundlich. Aber er ist bestimmt und geduldig. Und das sind die gnadenlosen Kriterien, die ihm die Wahrscheinlichkeit einer Überhand an die Seite stellen. Besonders wenn man sich die haspelnde, unkoordinierte Reaktion des Schaffners betrachtet, der sich zwar schwer von seinem Punkt der Wut, dem Jungen, abbringen lässt, aber sich gerade deshalb so verzweifelt daran festklammert weil er spürt, wie er jeden Halt verliert.
Fasziniert beobachte ich meinen Bruder dabei, wie er dem Rothaarigen geradezu professionell die Grenze zu unserem Abteil zeigt und empfinde aufrichtig empfundene Anerkennung dabei. Jetzt erst erinnere ich mich erneut daran, dass es nicht nur so aussieht als wäre er mein Valet. Seine Aufgaben sind zumindest offiziell auch die eines Valets. Es wäre die Aufgabe eines Solchen dafür zu sorgen, dass das Abteil seines Herrn unbehelligt bleibt. Er macht seine Arbeit. Nichts weiter. Und er macht sie auf bewundernswerte Weise gut. Während sich Nascha ihr Gefieder besänftigt wieder glättet, lehne ich mich in den Polstern zurück und überschlage entspannt ein Bein. Ja, das Schauspiel schaue ich mir jetzt genüsslich an und meine Wetten liegen alle auf Nicos Seite. Ich fühle wie Nascha ihr Gewicht auf meiner Schulter verlagert und jetzt gierig vorgebeugt das Treiben an der Tür beobachtet, während mein Blick ruhig und betont ausdruckslos auf dem Gesicht des Schaffners liegt. Eine stumme Rückenverstärkung für Nico. Wenn der Mann auch nur in meine Richtung sieht, soll er das Gefühl bekommen, dass mein Valet ganz in meinem Namen handelt. Das entspricht einem gewissen Konzept, das sich „Macht“ nennt und hin und wieder bringt es Spaß, diese Karte ein wenig auszuspielen.
Oh und da ist es schon soweit! Feixen kann der gute Mann während er in meine Richtung stiert. Es ist gewagt von Nico, unausgesprochen zu implizieren, der Junge gehöre zu uns. Aber ich korrigiere ihn nicht, falle ihm nicht in den Rücken. Nico hat nichts davon direkt ausgesprochen, aber womöglich spielt es ihm in die Karten, dass der tumbe Schaffner direkt in diese Richtung driftet. Ich sehe dem Mann nur ruhig entgegen. Ich hätte etwas sagen können und an der Art wie sich Naschas Krallen unter ihrem Kampf der Selbstbeherrschung in die Schulter meines Anzuges graben spüre ich, wie gerne sie etwas giftiges auf die grobe Unverschämtheit erwidert hätte, aber ich bin nicht besonders schlagfertig und habe die Erfahrung gemacht, dass Naschas Aktionismus in solchen Momenten mehr nachteilig ist als alles andere. Schweigen kann in vielerlei Hinsicht gedeutet werden. Früher dachte ich oft genug es sei eine offene Schwäche. Aber ich habe dazu gelernt. Es kann mitunter äußerst wirkungsvoll sein. Und so sehe ich den Mann nur ruhig an, ohne dass sich auf meinem Gesicht etwas rührt. Das Signal? Es liegt viel zu weit unter meinem Niveau ihm zu antworten. Ich bin keinem Schaffner irgendeine Rechenschaft schuldig. Tatsächlich sehe ich selten auf Andere hinab. Zumindest bemühe ich mich regelmäßig es nicht zu tun. Ich muss zugeben, dass Nascha zuweilen ansteckende Wirkung hat. Aber der hier, der hat es verdient, dass man auf ihn hinab sieht. Aus Nicos Worten lässt sich nur unschwer deuten, dass er derjenige ist, der Nico dazu gezwungen hat mit seinem Herrn in ein und dem selben Abteil zu reisen. Mittlerweile sehe ich das nicht mehr als gravierend an, vielleicht sollten wir dem Mann dankbar sein, denke ich sarkastisch. Aber hätte Nico einen anderen Herren als mich begleitet, hätte ihn das noch mehr in Verlegenheit bringen können, als es uns jetzt bereits in Verlegenheit gebracht hat. Der Schaffner mag seine Gründe gehabt haben, aber ich bin sicher Nico hat ebenfalls seine Gründe ihm gegenüber diese Härte zu zeigen.
Trotzdem spüre ich den Druck meiner Zähne, die ich aufeinander presse. Wenn man es so betrachtet nimmt sich der Schaffner viel zu viele Frechheiten heraus. Aber es ist nicht so als wäre ich nicht daran gewöhnt und immerhin weiß ich Nico zwischen ihm und mir. Und Nico macht seine Sache gut. Während der verlauste Junge noch immer hinter Nico am Boden ist, sein Daemon, im Augenblick in der Gestalt einer struwweliger Katze – äußerst treffend wie ich finde – direkt neben ihm, entgegnet er dem Schaffner auf die Forderung nach einer Fahrkarte für den Jungen mit einem Sarkasmus, dass ich mich konzentrieren muss um meinen kühlen Gesichtsausdruck beizubehalten und nicht breit und hämisch zu grinsen. Das übernimmt schon Nascha neben meinem Kopf. Sie öffnet den Schnabel und wippt kurz vor und zurück, bevor sie feixend eine Klaue einzieht und gleich darauf wieder in meiner Schulter versenkt. Langsam wird sie ein bisschen lästig mit ihrer Aktivität.
Ich weiß nicht weshalb wir den Jungen beschützen, dessen Geruch schon das ganze Abteil erfüllt, aber gegen diesen frettchendaemonigen Schaffner ist es mir allemal Recht. Mehr noch, es bereitet mir Genugtuung. Für die Dreistigkeit dieses Mannes. Die Tür des Abteils schließt sich und Nico hat auf ganzer Länge gesiegt. Ein dunkles zufriedenes Gefühl des Sieges macht sich in meiner Brust breit. Nichts davon war mein Verdient und doch fühlt es sich so an. Einen Moment lang genieße ich das Gefühl noch, während Nico sich bereits zu dem Jungen auf dem Abteilboden umgedreht hat. Langsam wende ich ebenfalls den Kopf zu unserem Neuankömmling. Dem Jungen, dem wir so eben ein Alibi verschafft haben. Und das auf Kosten meines Rufs. Zwar ist das bei diesem Schaffner nicht sonderlich dramatisch – wem soll er schon begegnen, dem er diese Gerüchte weiter erzählen kann – aber dennoch ist es ein großes Opfer. Ich hätte es verhindern können wenn ich Nico ins Wort gefallen wäre. Aber ich habe mich bewusst dagegen entschieden. Jetzt fordere ich diesen Gefallen zurück ohne dass der Junge dort unten es weiß. Ich erwarte von ihm, dass er ehrlich antwortet. Wieso und was mir das bringen soll? Ich weiß es nicht. Es gibt nichts was dieser Junge wissen oder sagen könnte, das mir in irgendeiner Weise wertvoll sein könnte. Wenn es nach Nascha ginge, würde das Kind für den Kratzer in meinem Ansehen zerfleischt und der Schaffner auf der Stelle hingerichtet werden, damit er sein Wissen nicht verbreiten kann. Ein ums andere Mal bin ich froh, dass nicht sie es ist, die hier die Entscheidungen fällt. Giftig starrt sie nach unten auf dieses Bündel, lauernd fast, während ich es ruhig ansehe, noch immer entspannt aber ordentlich zurück gelehnt, nur ein wenig den Kopf schief gelegt und darauf warte, dass der Junge Nico antwortet. Mit dem irrationalen Wunsch, dass der Junge immerhin ehrlich ist. Oder dankbar. Ja, immerhin Dankbarkeit könnte er wenigstens zeigen, wenn sich Ehrlichkeit auch nicht überprüfen lässt. Ein wenig im Staub kriechen sollte doch drin sein, oder? Immerhin wird man in seiner Welt sicher nicht jeden Tag vor einem Rauswurf bei voller Fahrt gerettet.

