“Dann.. reisen wir ab sofort zu dritt.“, posaunt das Straßenkind heraus und macht dabei die Augen groß. Wen versucht er da gerade hochzunehmen, hm? Seine Großmutter? Das ist also die Version, wie er sich seine weitere Zugfahrt vorstellt? Durch Frechheit siegen? Scheinbar, von Dankbarkeit sehe ich da jedenfalls nichts. Ich schnaube leise abfällig, während Nico mit der einzig richtig Antwort reagiert. Sicher nicht. Dankesehr. Soweit kommt es noch. Nico hat dem Jungen gerade das werte Hinterteil gerettet und anstatt die Gelegenheit zu nutzen, verwendet er das gegen uns. Als wären ich oder mein Ruf darauf angewiesen, dass der Kleine nicht in meinem Namen durch den Zug stromert. Er hat ihn gerade schon versaut, meinen Ruf, was soll daran noch weiter in den Dreck gezogen werden? Immerhin, wenn ich gefragt werde, weshalb sollte ich nicht einfach alles abstreiten? Auf den Gedanken ist der Junge anscheinend noch nicht gekommen. Im Gegenteil, ich hege die heftige Vermutung, dass ihn diese Option schlicht weg nicht interessiert. Und das packt nun doch mein fassungsloses Interesse.
Als Nico die Hand hebt um die Abteiltür zu öffnen, sehe ich ihn kurz an. Er versteht es sofort und der Moment fühlt sich auf irritierende Weise selbstverständlich an. Als wäre kein Tag vergangen seit wir uns stumm zwischen den Fluren von Dode Manor verständigt haben. Wir waren nicht immer stumm, ganz gewiss nicht. Aber wenn es nötig war, dann hat es noch immer erstaunlich gut funktioniert. Wir haben Zeichen entwickelt. Und Worte. Techniken, die wir von den Kindern aus dem Dorf gelernt haben. Ein paar darunter stahlen hin und wieder auch einmal. Kinder wie dieses hier. Mit dem selben Wagemut und der selben Unverfrorenheit. Aber sie waren Dorfkinder gewesen. Sie hatten nur die nachsichtigen Strafen des Dorfsheriffs gekannt und keines davon war obdachlos gewesen. Das hat nichts mit dem zu tun was man teilweise in London sehen darf wenn es raus Richtung East End geht. Dort geht es ums blanke Überleben. Da hat Wagemut nichts mit Frechheit zu tun sondern mit kalkulierter Kompromisslosigkeit. Der Junge hier kann nicht aus London stammen. Dafür glitzern seine Augen zu sehr.
Ich kann nicht genau sagen weshalb mich das so neugierig macht, weshalb die Fassungslosigkeit so einen Reiz hat. Meine Instinkte schlagen an. Es ist als wittere ich etwas und das ist nicht der Gestank des Jungen. „Was denkst du wie diese Sache für dich laufen wird, Kleiner?“, frage ich locker und rein hypothetisch während ich ihn weiter zurück gelehnt mit fragend schief gelegtem Kopf ansehe. Nascha hat sich neben meinem Kopf wieder etwas aufgerichtet und in ihre Ruheposition begeben. Ihre Augen sind geschlossen. Aber sie lauscht. Das hier ist meine Neugier, die sich gerade Bahnbricht. Mit solchen Dummheiten gibt sie sich nicht ab, aber sie passt trotzdem auf wie ein kleiner ausgehungerte Schießhund, diese alte Lügnerin. Ich weiß, dass es sie auch interessiert. Hinterher wird sie sich den Schnabel über den Jungen zerreißen, da bin ich sicher. „Früher oder später werden sie dich raus schmeißen. So achtlos wie du durch die Gänge läufst. Schlechte Bedingungen um ein paar Herren ihrer Brieftaschen zu entledigen, findest du nicht? Also, was willst du in Sheffield, dass du dich so danach sehnst vor der Endstation rausgeworfen zu werden?“ Weniger auf die Antwort bin ich gespannt darauf wie der Kleine antworten wird. Ich will es in seinem Kopf und hinter seinen Augen arbeiten sehen. Ich will sehen welche Dinge er im Geiste durchgeht oder ob er so voreilig los schießt, wie er es eben schon getan hat. Irgendetwas ist an dem Jungen. Vielleicht ist es seine Unbedarftheit, die so undurchdacht ist, dass sein Dasein fast nicht den Tatsachen entsprechen kann… Durchdringend sehe ich ihn an. Ich werde den Jungen nicht lange aufhalten. Aber ich traue meinem Instinkt zu sehr, als dass ich diesem Impuls nicht nachgeben würde.

