Charaktere
Anisim Langdon » Rory Evening » Nikola Larkin
Datum & Ort
10.01.1922, London // Sheffield
Society of The verification mission Rudeness
“Der Zugführer wird mich garantiert nicht aus dem Zug werfen.“ Auf meinen Lippen zeichnet sich ein spöttisches Lächeln ab. Ich schnaube amüsiert. Natürlich. Und weshalb? Weil die Venus im Zeichen des Merkur steht?! Gute Sterne?! Ist das alles?! Das kann der Kleine doch nicht ernsthaft glauben… in welcher Welt lebt er eigentlich? Und Grinsen kann er. Frech als wäre das sein persönlicher Triumph, als hätte er versteckte Karten in der Hand, von denen sonst niemand weiß. Hat er das? Aber er lässt nichts weiter davon durchblicken als diese tollkühne Aussage. Stattdessen biegt er sich seine Welt einfach weiter so hin wie sie ihm gefällt, wirft gedankenlos den nächsten unbedachten Satz hinaus. Seine Augen glitzern vor Stolz und Selbstgewissheit und dann… dann sieht er hinunter zu seinem Daemon. Unsicherheit. Pure Unsicherheit. Zum ersten Mal seit dieses Bündel in unser Abteil gekippt ist, bröckelt die Fassade aus Selbstgewissheit und Gerissenheit. Ein unerfahrenes, unsicheres Kind schimmert darunter hervor, mit nichts zur Versicherung als seinem eigenen Daemon, der stumm diesen Blick erwidert. Nascha öffnet neben meinem Kopf die Augen und sieht die Katze durch die schmalen Schlitze hindurch an, die sie dafür offen lässt. Und tatsächlich, im nächsten Moment schwenkt der Wind plötzlich um und der Junge wechselt von einer Sekunde auf die Andere seine Strategie. Flehen, bitten. Wobei, wenn man es genau betrachtet ist da kein einziges „Bitte“ in seinen Worten. Aber seine Augen sagen genug davon. Kalt beobachte ich wie sie feucht werden, wie die Schultern des Jungen sinken, wie sich die Katze eng an seine Beine schmiegt. Gute Show, das muss man ihm lassen. Aber er ist noch nicht fertig mit der Mitleidstour. Nicht nur, dass er niemanden mehr hat, nein, er fährt aus um ein neues Leben zu beginnen weil seine Eltern angeblich bei einem Unfall ums Leben gekommen sind. Krächzt dabei wie ein alter Vogel. Wenn er mich fragt sollte er dafür nach America fahren und nicht ausgerechnet nach Sheffield. Da findet man auch genügend leichtgläubige Narren, die einem solche Geschichten abkaufen.

Aber der Junge senkt den Blick und starrt auf den Boden. Meine Augen bleiben auf dem verfilzten braunen Haarschopf liegen, der nun dort ist, wo ich eben noch das Gesicht des Jungen gesehen habe. Unsicherheit, Unerfahrenheit, schnelle Strategiewechsel. Fühlt sich mehr nach Verzweiflung an als nach einem Täuschungsversuch. Wenn es letzteres ist, dann ist der Versuch wirklich schlecht misslungen. So eine übertriebene Show kauft dem Jungen kein Mensch ab. Andererseits ist er auch zu schlecht darin, als blinder Passagier Zug zu fahren und riskiert sehenden Auges hinaus geworfen zu werden. Was wenn er einfach schlecht ist in dem was er tut? So oder so, lange kann er das hier noch nicht machen. Früher oder später wird er sich wirklich richtig auf die wortwörtliche Schnauze packen und feststellen müssen, dass das Leben kein Ponyhof ist, so sehr er sich das auch wünscht. Ist es das? Dieser fast trotzige Wille, das Leben leicht zu nehmen? Denn egal welche Geschichte stimmt, verloren hat der Junge eine Menge, so wie er aussieht. Wahrscheinlich genug als dass Andere in seinem Alter eingeknickt wären. Mein Blick folgt Naschas hinunter zu dem Katzendaemon, der noch immer die Gestalt mit dem struweligen Fell trägt. Nascha hätte in seinem Alter in der selben Zeit bereits mehrfach die Gestalt gewechselt. Eine Katze ist in einem Abteil schon äußerst unpraktisch wenn man in die Enge getrieben wird, vergleicht man es mit einer Maus, einem Wiesel oder einem Greifvogel. Und dann wird es mir klar. Er ändert die Gestalt nicht mehr. Die Katze ist die endgültige Gestalt. Wie alt mag der Junge sein? Zwölf? Vierzehn? Und schon eine feste Gestalt. Kind der Erbsünde. Es gibt Dinge, die einen verändern, die einen Daemon zwingen, früher in die feste Form zu schlüpfen als andere. Kinder, die früh erwachsen werden müssen.

Noch immer betrachte ich nachdenklich den Jungen während Nico sich bereits mit den rationalen Problemen auseinander setzt, die der Junge bereitet. Vernünftig während ich noch diesem prüfenden Gedanken nachhänge. Wie er sich das vorstellt. Ich hebe den Blick und sehe Nico an. Die Brauen ein wenig hochgezogen. Aufmerksam. Ich frage mich mit welchen Gedanken er spielt. Will er dem Jungen zum Nachdenken anregen und ihm mit seinen eigenen Denkanstößen vor Augen halten wie irrational dessen Wunsch ist mit ihnen zu reisen, oder spielt er tatsächlich mit dem Gedanken, den Kleinen hier im Abteil zu behalten? Die Option wirkt im ersten Moment absurd auf mich. Denn Nico hat Recht: was soll der Kleine schon für einen Nutzen bringen? Was hätten wir davon außer ein stinkendes Bündel, das wir einige Stunden Zugfahrt lang ertragen und aufpassen müssten, dass es nicht das Abteil verlässt und Unheil anrichtet? Nichts das für uns dabei heraus springt. Es wird nicht mit allen Leuten in diesem Zug so laufen wie mit diesem Schaffner.

Herrgott jetzt denke ich selbst bereits darüber nach. Streng sehe ich wieder auf den Jungen hinunter, als könnte ich damit meine eigenen nachsichtigen Gedanken vertreiben. Ich sollte aufhören mich zum Narren zu machen. Und so warte ich stumm darauf, dass der Kleine seine Antwort herausgibt. Einige Dinge gehen mir dennoch nicht aus dem Kopf. Und angesichts der Tatsache, dass der Kleine in wenigen Augenblicken wieder dort draußen durch die Gänge stromern und es darauf anlegen wird hinaus geworfen zu werden, möchte ich die Antworten auf meine Fragen noch gerne wissen. Ich entscheide mich für die, die mir am wichtigsten erscheint. Und ich kann dabei nicht sagen weshalb ich sie für so wichtig halte. Im Grunde hat sie nichts mit dem Jungen zu tun oder mit dem Entschluss, den sowohl Nico als auch ich längst gefasst haben, den Kleinen wieder vor die Tür zu setzen. Ich frage mich allerdings in einem verräterischen kurzen Moment, wie sicher wir uns dessen wirklich sind. Trotzdem sehe ich unvermindert ernst auf den Jungen hinunter. Von solchen irrationalen Gedanken muss er nichts wissen. Von meinem Interesse jedoch schon, so indiskret es auch sein mag. Er ist ein verdammter Straßenjunge… „Wie lange hat dein Daemon bereits feste Gestalt angenommen?“ …und womöglich hat er dieses Ereignis nicht einmal zur Kenntnis genommen.

[Bild: anisim10.png]


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The verification mission - von Anisim Langdon - 29.05.2020, 21:53
RE: The verification mission - von Rory Evening - 04.07.2020, 15:33
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