The verification mission
Um es vorweg zu nehmen: es gibt Dinge, mit denen ich rechne. Und es gibt Dinge, mit denen ich nicht rechne. Ich sage mir dann vielleicht hinterher, hey, du hättest es wissen können, aber in Wirklichkeit habe ich es schlicht eben nicht wissen können und jedes Vortäuschen des Gegenteils ist reine Einbildung. Ich bin auch nur ein Mensch, was soll ich machen? Wir können aus Erfahrung sprechen. Wir können versuchen aus Erlebnissen zu lernen und Schlüsse für die Zukunft ziehen. Und ich gebe zu, manchmal wäre ich darin gerne besser, es würde mein Leben um einiges erleichtern. Aber hellsehen, das steht leider in keinem mir bekannten Handbuch für die Spezies „Mensch“. Nascha würde euch jetzt sagen, dass das Leben ohne einen gewissen Überraschungseffekt viel zu langweilig wäre. Aber sie hat gut reden, sie muss ja nur zusehen. Ein Wunder, dass sie nicht jedes Mal Häppchen zu sich nimmt und mit einer Teetasse wedelt, wenn ich wieder einmal in eine dieser Überraschungen laufe. Aber fangen wir von vorne an.
„Herein…“, dringt eine Stimme aus dem Raum auf der anderen Seite der hölzernen Tür. Ich habe angeklopft, jetzt trete ich ein. Das Licht ist warm, aber ein wenig zu grell, wie es typisch ist für anbarisches Licht. Es ist wie in die Sonne zu sehen und dennoch hat es diese warmen Schattierungen an den Rändern. Man gewöhnt sich daran. Aber wenn man Öllampen gewöhnt ist, dann fühlt es sich lange Zeit unnatürlich hart an. Der Raum ist holzgetäfelt, der Boden mit einem großen weichen Teppich bedeckt. Ich schließe die Tür, den Kopf ein wenig gesenkt. Nascha sitzt auf meiner Schulter. Ein angenehm gewohntes Gefühl. Es gibt mir Sicherheit, auch wenn ich sie nicht bräuchte. Sie hat die Augen fast gänzliche geschlossen. Es sieht aus als sei sie nicht wirklich da. Aber ich weiß, dass sie zuhört, jedes Wort und jede Bewegung wahrnimmt. Es gehört zu unserem Waffenstillstand, dass sie sich ruhig verhält wenn wir uns in der Öffentlichkeit befinden. Sie hat es auf die harte Tour gelernt und ich habe es auf die harte Tour gelernt. Es gibt Dinge, die die Menschen nicht über uns wissen müssen. Es reicht wenn sie meinen uns zu kennen. Sie müssen nicht vom Gegenteil erfahren. Tatsache ist, dass ich Angst um Nascha habe wenn sie in engen Räumen nicht auf meiner Schulter sitzt. Ich mag es nicht wenn sie aufspringt, von Möbel zu Möbel fliegt und sich selbstständig umsieht. Niemand würde sie anfassen, das weiß ich, aber entgegen jeder Vernunft lässt sich diese Angst nicht abschalten. Es ist wie ein Instinkt. Wenn ich es könnte würde ich sie in meiner Wohnung einsperren, jedes Mal wenn ich aus dem Haus gehe. Als Jugendlicher habe ich das ein paar Mal versucht. Habe versucht es zu trainieren. Ich dachte mit Geduld wäre es möglich. War es nicht. Ich habe es nicht wieder versucht. Ich liebe Nascha, aber ich hasse sie auch.
Die Krallen der Eule drücken sich vertraut in den Stoff meines Sakkos über der Schulter. Ich trage Anzug und Krawatte, mit einer goldenen Nadel und Manschettenknöpfen. Mein Haar ist im Nacken zusammen gebunden. Es ist kein besonderer Anlass, aber ein ordentliches Äußeres gehört im Magisteriumsgebäude in London zum guten Ton. Das Büro das ich betrete kenne ich gut. Ich betrete es jede Woche mindestens zehn Mal. Ich kenne jede Ecke, jeden Teppich. Ich sehe wenn das Personal auch nur einen Staubkorn verrückt. Dabei war das nie meine Absicht. Es passiert einfach wenn du deinem Vorgesetzten direkt unterstehst. Und damit meine ich einzig und allein direkt unterstehst. Ich habe so etwas wie einen Sonderstatus. Oder die schlechteste aller Karten, die du aus einem gemischten Stapel ziehen kannst. Ganz nach Betrachtungsweise. Außer Professor Doktor John William Davies, seines Zeichens Chaplain des Magisteriums und Chef des Stabes jener Männer, die das Magisterium im britischen Oberhaus vertreten, habe ich von niemandem Befehle oder auch nur Anweisungen entgegen zu nehmen. Ich unterstehe ausschließlich ihm. Sein ganz persönlicher Laufbursche. Ich bin bekannt dafür schlechte Nachrichten zu überbringen. Ich bin der Mann für die Drecksarbeit. Und ich muss zugeben, es bringt mir zuweilen gehörigen Spaß. Aber es gibt auch Tage an denen hasse ich es, denn nein, so habe ich mir mein Leben, geschweige denn meine Karriere nicht vorgestellt. Sie sollte hoch hinaus gehen, mir Freiheiten und Möglichkeiten, vielleicht meinen eigenen Forschungsbereich ermöglichen. Stattdessen hänge ich hier fest und spiele Botenjunge. Aber auch meine Ziele haben sich mit der Zeit verändert. Es gibt Dinge, die ich gesehen habe, die mich meiner Ziele nicht mehr so sicher sein lassen. Und ihnen sind Überlegungen gefolgt über die ich nicht einmal mit Nascha offen spreche. Sie spürt es trotzdem, aber deshalb muss man es ja nicht gleich aussprechen. Hauptsache sie ignoriert es. Fazit des ganzen: ich bin mittlerweile nicht mehr immer gerne hier, aber ich weiß auch nicht wo ich sonst hingehen sollte. Und das ist eines dieser vielen Dinge, die ich an meinem Leben nicht mag. Diese verdammte Ziellosigkeit. Nascha weiß das, aber sie weiß wann sie den Schnabel zu halten hat. Immerhin, auch das haben wir beide gelernt.
Ich durchquere den Raum, vorbei an einer weich gepolsterten hellen Sitzecke mit dunklen hölzernen Applikationen, vorbei an hohen Fenstern mit dicken Schals und Vorhängen, vorbei an einem Ölgemälde, das den Urgroßvater meines Vorgesetzten darstellt, und komme an einem breiten dunklen Schreibtisch an, auf dessen einer Seite ein Schreibtischstuhl, hölzern und neumodisch zum Drehen vor der Holzwand thront, und auf dessen anderer Seite der mir bekannte gepolsterte Stuhl steht. Ich trete an den Schreibtisch heran und bleibe in angemessenem Abstand stehen. Nascha sitzt noch immer unbewegt auf meiner Schulter und da wird sie für den Lauf des gesamten Gesprächs bleiben wenn sie weiß was gut für sie ist. „Sir?“ – „Langdon, bitte.“ Eine ausgestreckte Hand richtete sich flüchtig auf den Stuhl. Wie immer wenn ich hier stehe. Wie immer setze ich mich höflich auf die Aufforderung hin, ziehe kurz meine Hosenbeine etwas hoch damit die Knie sie nicht ausbeulen und sehe meinem Vorgesetzten möglichst ausdruckslos entgegen.
Da sitzt er also. Professor Doktor John William Davies. Ein Mann Mitte Fünfzig mit Halbglatze und Doppelkinn, aber Augen wie ein Raubtier und weit davon entfernt an so etwas wie Ruhestand zu denken. Selbstgefällig sitzt er da vor seinen Unterlagen. Und – ein Wunder – sein Daemon sitzt in der Gestalt eines Habichts etwas abseits auf einer goldbeschichteten mannshohen Sitzstange und betrachtet Nascha kritisch von dort oben. Er mag sie nicht sonderlich, so viel weiß ich. Aber er war auch noch nie offen aggressiv. Ein sauberes Arbeitsverhältnis würde ich sagen. Trotzdem habe ich den unbestimmten Eindruck, dass er vor heute noch nie diesen starrenden Blick gezeigt hat. Als könnte er Nascha nicht trauen. Ich zwinge mich nicht hinzusehen, sondern ausdruckslos Davies‘ Worte entgegen zu nehmen. „Nun, ich will nicht lange um die Tatsachen herum reden. Nachdem Mister Wymark unerwartet ausgefallen ist, fehlt unserer Abteilung ein Vertreter auf dem Kongress von Sheffield. Ich möchte, dass Sie diese freie Stelle übernehmen.“ Ich spüre meine Augen ein wenig schmaler werden. Nur für den Bruchteil einer Sekunde. „Darf ich fragen weshalb, Sir? Sicherlich nicht um dem Gastgeber mitzuteilen, dass wir seine Bemühungen nicht länger finanziell unterstützen.“ Ein fast amüsiertes Lächeln gleitet über Davies‘ Gesicht. Er lacht kurz leise. „Nein, diesmal keine schlechten Nachrichten. Im Gegenteil. Geben Sie ihnen das Gefühl wichtig für unsere Sache zu sein. Sie vertreten das Magisterium Londons. Es werden internationale Vertreter anwesend sein. Sie sollten sich über diese Gelegenheit freuen.“ Mein Blick bleibt an seinem hängen. Ich antworte nicht, soweit bin ich noch nicht. Vielleicht verrät mich das, aber ich lasse es darauf ankommen. Ich benötige diese Gelegenheit um das zu verarbeiten. Sie schicken mich raus. Als offiziellen Vertreter. Den Laufburschen für die Drecksarbeit. „Wieso? Weshalb fiel die Wahl auf mich?“ – „Muss ich Sie an ihre herausragenden Referenzen erinnern?“ Ich wende den Blick etwas ab. Frustriert. Ja. Wütend? Vielleicht. Ich spüre wie sich der Druck von Naschas Krallen auf meiner Schulter verstärkt. „Nein. Verzeihen Sie.“ – „Trösten Sie sich. Wenn Sie diese Aufgabe gut ausführen, wirkt sich das positiv auf Ihr Portfolio aus. Ich kann so viel verraten, als dass ich ein gutes Wort für Sie eingelegt habe. Anschließend werden sie selbstverständlich mir berichten, wenn Sie verstehen.“ Ich sehe auf und begegne einem auffällig unverbindlichen Lächeln. Jetzt beginnt die Sache Sinn zu ergeben. Davies will seine Fühler ausstrecken und sich exklusive Informationen sichern. Deshalb will er mich dort haben. Gut, das ist ein Grund mit dem ich durchaus leben kann. Ich erwidere das Lächeln nun doch. Nicke. Es wird beides ein wenig böse. Nur wenn man so will. „Ja, das verstehe ich gut, Sir. In dem Fall werde ich mich für die korrekte Ausführung der Aufgabe einsetzen.“ Davies nickte zufrieden. „Sehr schön, nicht weniger habe ich von Ihnen erwartet. Da es sich um einen hochoffiziellen Anlass handelt ist auch die notwendige Garderobe sowie angemessenes Personal geboten. Ich habe Ihnen einige neue Anzüge bei meinem persönlichen Schneider anfertigen lassen.“ – „Dankesehr, Sir.“ Das ist mir zwar nicht recht und ich weiß jetzt schon, dass ich diese neuen Kleidungsstücke nach diesem Anlass nie wieder anfassen wollen werde, aber immerhin für ein Wochenende wird es reichen. Ich kenne den Termin. Das ist keine kleine Veranstaltung. „Außerdem werden Sie mit einem persönlichen Valet aus dem Personal des Magisteriums ausgestattet.“ Auch das noch.
Davies erhebt sich, also stehe auch ich auf. Seine Hand liegt an einem kleinen Goldglöckchen, das er nun einmal kurz klingeln lässt, kurz bevor sich die Dienstbotentür auf der anderen Seite des Büros öffnet. „Dies ist Larkin, er wird Sie zu diesem Termin begleiten und für Ihr Wohlergehen aufkommen sowie den Magisteriumsstandard wahren. Er wird sie von hier aus direkt begleiten. Brechen Sie alsbald als möglich auf. Das Wochenende rückt bereits gefährlich nahe heran und Sie haben noch eine kleine Reise mit dem Zug bis Sheffield vor sich.“ Mein Gesichtsausdruck ist immer noch möglichst bar jeder Emotion, aber ich starre zu dieser Tür, durch die mein vorübergehender Valet getreten ist. Ich kann den Blick nicht abwenden. Ich spüre wie Nascha neben meinem Kopf das Gefieder aufstellt. Zum ersten Mal hat sie jeden Anschein des Schlafes abgelegt und die großen Eulenaugen weit geöffnet. Ich fühle wie die Begeisterung durch Nascha schießt, während in mir das blanke Entsetzen das Blut in den Adern gefrieren lässt. Zu spät bemerke ich wie Nascha das Gewicht verlagert und die Flügel hebt, sich von meiner Schulter abstößt. Bevor sich Nascha weit von mir entfernen kann, schießt meine Hand nach oben. Ich packe sie an den Beinen, deren Krallen sich scharf in meine Finger graben und fische sie aus der Luft, um sie direkt zurück auf meine Schulter zu drücken. Soweit kommt es noch, dass sie mich jetzt verlässt. Wir haben ein verdammtes Abkommen. Das hier ist keine Ausnahme. Wütend schreit sie auf, aber ich sehe sie nicht einmal an. Mein Blick liegt immer noch auf Larkin. Nikola Larkin. Meinem Bruder.

