Charaktere
Anisim Langdon » Rory Evening » Nikola Larkin
Datum & Ort
10.01.1922, London // Sheffield
Society of The verification mission Rudeness
Ich kann nicht anders: ich ziehe skeptisch eine Braue hoch als sich das Kind neben die Tür des Abteils presst und dort auf dem Boden zusammen sinkt, die Arme um seinen Daemon geschlungen als wäre der ein Teddybär. Ich bin dankbar als Nico den Jungen erneut am Schlafittchen packt und aus der Ecke zurück auf die Füße zwingt. Ein Schwall unguter Luft kommt mir dabei entgegen, aber es soll mir Recht sein, wenn dafür dieses Theater aufhört. Ja, das Magisterium gebietet zur sogenannten Nächstenliebe. Und wenn es um Minderjährige geht, gelten die in den Augen der Kirche sowieso als schutzbedürftig. Auch wenn ich mich immer gefragt habe, wie die Kirche wohl „Schutz“ im Detail definiert seit ich die Version der Aylesford Carmelite Priory kenne. Ein Dach über dem Kopf bleibt ein Dach über dem Kopf. Aber verkohlen kann ich mich selber. Dafür brauche ich keine Straßenkinder. Mach doch mal, würde Nascha jetzt wahrscheinlich sagen wenn sie den Schnabel aufmachen würde, aber sie sitzt nur auf meiner Schulter wie es sich gehört und plustert ein wenig abgestoßen die Federn.

Das ist der Eindruck, den der Junge auf mich macht. Er mag die Wahrheit sagen, selbst bei so einer Geschichte, lasst es von mir aus die Wahrheit sein, aber er heischt dabei regelrecht um Mitleid. Er weiß, dass er ein Kind ist und er weiß, dass er die Masche des schutzlosen verängstigten Kindes gut spielen kann. Aber der Junge hat einen Daemon mit fester Gestalt. Lange wird er die Nummer nicht mehr durchziehen können. Mir stellen sich die feinen Haare auf den Armrücken unter dem Hemd auf unter dem Gefühl, dass der Junge uns nur benutzt. Versucht meinen wunden Punkt zu treffen und ihn für sich auszunutzen. Er müsste nicht mit dieser Geschichte von schlecht zu findenden Verstecken und warmen Mahlzeiten auftischen. Ich kann es mir gut vorstellen, mit der Nase darauf gestoßen zu werden, gibt mir das Gefühl, dass er der Meinung ist mich darauf hinweisen zu müssen. Dass ich es mir nicht von selbst vorstellen kann. Dass ich solche Verhältnisse nicht kenne. Finster durchbohrt mein Blick für einen Moment den Jungen, bevor ich ihn gewaltsam abwende und hinaus auf die Landschaft blicke um ihn nicht länger meinen Hass spüren zu lassen.

Fortzusehen beruhigt mich. Hilft mir, die Dinge wieder etwas aus der Distanz zu sehen. Mich daran zu erinnern, dass ich kein vierzehnjähriger Junge weit fort von daheim bin, der versucht, irgendwie mit den anderen Vierzehnjährigen mitzuhalten in dem klaren Wissen, dass sie ihn für einen verwöhnten Schwächling halten, sondern ein erwachsener Mensch, ein Angestellter des Magisteriums, der sich schon lange nicht mehr auf diese Perspektive hinab gelassen hat. Ich kann nicht einmal sagen, weshalb mich die Show des Jungen so heftig trifft. Weshalb ich mit einem Mal so unobjektiv bin. Aber ich bin froh als Nico in meinem Augenwinkel die Tür des Abteils öffnet und den Jungen in den Gang stellt. Gedämpft höre ich seine Worte an das Kind. Dass es warten soll. Ich frage mich was Nico vorhat, aber ich warte ab ohne noch einmal den Blick in die Richtung zu wenden, während mir die Dinge durch den Kopf gehen.

Kaum hat sich die Tür hinter dem Jungen geschlossen, flattert Nascha auf von meiner Schulter und lässt sich auf Asyas Hinterschädel direkt zwischen den Ohren nieder als wäre das ihr neuer erhöhender Thron und so viel edler als meine Schulter. Meinetwegen, soll sie. Erst als ich wahrnehme wie sich Nico mir gegenüber ans Fenster setzt und er leise das Wort an mich richtet, wende ich den Blick wieder fort vom Fenster und der vorbeiziehenden Landschaft um ihn anzusehen. Von irgendetwas gehört. Ein wenig erstaunt mich die klare Sachlichkeit mit der Nico diese Möglichkeit, die Wahrheit hinter den Worten des Jungen, in Betracht zieht und auf Möglichkeiten abklopft. Er erinnert mich an Starlings wissenschaftliche Methoden. An die Parteilosigkeit des Betrachters, die er mir so oft eingeprägt hat. Und zum ersten Mal beginne ich darüber nachzudenken. Wirklich sachlich die Dinge in meinem Kopf zu drehen. „Nein, ich habe nichts dergleichen gehört.“, antworte ich leise aber ohne zu flüstern. Ernst sehe ich Nico an, die Anspannung ist noch dabei aus meinen Gesichtszügen abzuebben und es steht außerhalb meiner Kraft sie dabei zu beschleunigen. Fast widerwillig wende ich mich der Möglichkeit zu, dass der Junge recht haben könnte. „Der Kleine klingt mir eher als wäre das eine seiner Maschen.“ Aber im Grunde sage ich das nur um dem Jungen ohne dessen Wissen Unrecht zu tun. Und ja, es befriedigt mich doch ein wenig. Ich atme tief durch während ich finster zur Tür sehe. Dann beschließe ich, dass es das Risiko nicht wert ist, das anzunehmen. „Die Verzweiflung ist zumindest echt. Aber mir gefällt nicht wie der Junge um Mitleid bettelt. Das hat fast schon etwas von schlechtem Theater.“, ergänze ich nicht ohne eine gewisse Abscheu, bevor ich Nico wieder ansehe. „Der tote Magisteriale wirkt auf mich eher wie die letzte Idee, die ihm einfallen wollte, um sich bei uns festzukrallen.“ Einen Moment starre ich finster und ohne Ziel ins Innere des Abteils. „Was kann es schaden, der Sache auf den Grund zu gehen?“ Überrascht und ein bisschen fassungslos sehe ich zu Nascha, die mit glattem Gefieder an der Tür auf Asyas Kopf thront. Sie hat den Kopf auf den Rücken gedreht und sieht mich ruhig aus ihren dunklen Knopfaugen an. Ich bin es nicht gewöhnt, dass sie spricht wenn Fremde so nah sind und wenn es nur eine Abteiltür ist, die mich von ihnen trennt. Seit der Junge hier hinein geplatzt ist fühlt sich das Abteil alles andere als privat an. „Was es schaden kann?! Du bist also gerne Spielball in den Händen eines Heranwachsenden?“„Na und? Hat doch nichts zu heißen. Wir lassen ihn mitfahren, lassen ihm seine Einbildung es geschafft zu haben und horchen ihn ein bisschen aus. Wenn er alles nur gespielt hat, können wir ihn in Sheffield irgendwo abgeben und haben etwas für unser Seelenheil getan – in diesem Fall also mein Heil wohlgemerkt, das dir nicht unwichtig sein sollte – indem wir einem Jungen ohne Mittel eine Zugfahrt in Sicherheit ermöglicht haben. Wenn er dagegen wirklich etwas gesehen hat, dann sind wir die ersten die davon erfahren. Wer weiß was die da oben vertuschen wollen, wäre nicht das erste Mal. Ein kleines Druckmittel könnte uns doch am Wenigsten schaden…“ Finster starre ich sie an. „Ein kleines Druckmittel?! Du meint ein rotes Kreuz auf unserem Rücken, das schreit ‚nehmt mich, ich will als nächster!‘?“ Achtlos zuckt sie mit den Flügeln. „Wenn du so dumm bist es herum zu posaunen…“ Ich starre sie weiter finster an. Aber meine Kiefer sind hart aufeinander gepresst, ich spüre wie sich meine Schläfen darunter wölben. Der Gedanke ist zu verlockend um ihn ohne weiteres abzutun. Ich weiß, dass Wissen immer auch Gefahr bedeutet. Zu viel wissen bedeutet zu viel Gefahr. Aber ich sehne mich schon so lange danach, endlich einmal etwas handfestes in der Hand zu haben und sei es nur ein winziges Stückchen um mir Freiheit zu erpressen… so irrsinnig es auch sein mag… dass mich der Gedanke nicht einfach loslässt. Es ist unvernünftig. Vollkommen unvernünftig. Aber Naschas Argumente sind zu gut, lassen es zu leicht aussehen, geben meinen Skrupeln zu wenig Bedeutung. Unsicher was das Beste wäre, sehe ich Nico an. Frage lautlos was er denkt. Es bleibt unsere Entscheidung. Wir müssen die Konsequenzen tragen. Seelenheil hin oder her. Und es ist mir egal wer hier Herr und wer Diener ist, ich werde meinem Bruder keine Entscheidung aufzwingen nur weil Nascha das so toll findet. „Dir wird schon kein Zacken aus deiner Erdbeerblattkrone brechen, kleiner Lord.“ Ich hasse diese Eule. Ich versuche Nascha zu ignorieren, nur kurz huscht mein Blick unkontrolliert zu ihr und schenkt ihr all die Wut, die ich auf sie habe ohne etwas zu sagen. Dann sehe ich wieder zu Nico. Nascha lasse ich links liegen. Sie versucht mich nur zu provozieren und mich damit dazu zu bringen, eine vorschnelle Entscheidung zu ihren Gunsten zu fällen. Was ich nicht verhindern kann ist die Art mit der der goldene Glanz der Möglichkeiten durch meinen Kopf wabert, was man mit solchem Wissen alles anstellen könnte. Aber der Zufall ist zu groß. Jede Vernunft in meinem Schädel sagt mir, dass es absoluter Schwachsinn ist, was der Junge sich da ausgedacht hat.

[Bild: anisim10.png]


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The verification mission - von Anisim Langdon - 29.05.2020, 21:53
RE: The verification mission - von Rory Evening - 04.07.2020, 15:33
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