„Lass uns den Spaß“, fordert Asya mit einem Mal. Ihr Blick liegt auf mir. Sie taxiert mich wie ein Schaf, bei dem es einzuschätzen gilt in welche Richtung es wohl zu entkommen versucht. Es liegt Misstrauen darin. Sie weiß, dass ich etwas vor habe und sie unterstützt mich darin wie eine unerschütterliche Komplizin. Aber sie weiß nicht, was ich letztendlich im Schilde führe – womit sie in guter Gesellschaft ist, denn das weiß ich selbst noch nicht so genau. Doch ich spüre noch etwas anderes überdeutlich. Ihre Missbilligung. Ich kenne diesen Blick. Sie will, dass ich springe. Dass ich eine Entscheidung treffe. In diesem Fall: Den Mund aufmache und sage, was ich vor habe. Nicht nur ihr. Sondern Nascha und meinem Bruder. Aber wie hätte ich das können, während ich mir selbst so wenig darüber im Klaren bin, was ich eigentlich will. Selten war mir mehr bewusst gewesen, wie wenig ich doch weiß, wo ich stehe. Es ist einfach sich zu sagen, dass es nur um den nächsten Tag geht. Nur darum einen nächsten Morgen zu erleben. Und noch einen. Und noch einen. Aber wenn ich der Wahrheit die Ehre lasse, lebe ich schon lange nicht mehr unter diesen Verhältnissen. Sich diese kurzen Ziele zu stecken, sich mit dem Abzulenken, was direkt vor mir liegt, das ist so viel mehr eine bequeme Ausrede geworden, die mich davon abhält mich mit den wahren Problemen auseinanderzusetzen. „Euch den Spaß lassen?!“, wiederhole ich, es klingt etwas lahm in meinen Ohren und ich spüre den heißen Scham. Asya gibt mir die Chance die Rolle desjenigen zu behalten, der ja auch dagegen ist den Jungen im Abteil zu behalten. Sie und Nascha. Dabei hätte ich es so viel mehr verdient allein dazustehen. Mich rechtfertigen zu müssen. Meinen ganzen verrückten, dämlichen Plan und meine verdammten Geheimnisse preis zu geben dabei. „Jaaah oder hast du auch Angst um deine…“ Asya schielt vergewissernd zu Nascha hinauf, bevor sie deren Worte wiederholt. „… Erdbeerblattkrone?“ – „Erdbeerblatt-was?“ Ich schüttle den Kopf. „Was?!“ Mein Blick geht hinüber zu Anis. „Wie kommt man überhaupt auf sowas?!“ Ich schnaube finster. „Wenn die den Bengel im Abteil behalten wollen, dann nur weil er so gute Geschichten erfindet wie sie“, feixe ich böse. Jetzt ist es an Asya spöttisch zu schnauben. „Da könnte der Kleine aber noch etwas lernen.“ – „Das hab ich nie bezweifelt“, ergebe ich mich widerwillig. „Ich denke aber auch, dass es nicht schaden kann, dem Jungen auf den Zahn zu fühlen“, meine ich dann sachlich und in Zustimmung zu Naschas Worten. Wäre das hier eine Demokratie, wäre Anis damit wohl überstimmt, aber das hier ist kein wilder Plan, den wir unter Brüdern aushecken. Das hier wird im übelsten Fall auf unserer beider Arbeit zurückfallen, schon allein sollten wir den Jungen einer kirchlichen Institution in die Hände geben und erst recht sollte etwas von dem vermeintlichen Mord, den er beobachtet haben will, nach außen dringen. Und in diesen Strukturen ist Anis noch immer der Herr. „He, Nascha“, stößt Asya in diesem Moment an, bevor ich noch irgendetwas hinzufügen kann. „was meinst du mit Druckmittel?“ Sie klingt als hätte ihr jemand von einer besonders spannenden Detektivgeschichte erzählt und als wolle sie unbedingt jedes Detail davon kennen. Es steht ja nur der Junge auf dem Gang, denke ich dabei. Selbst wenn es dem wohl nicht schaden konnte, mal etwas herunter zu kühlen. „Bevor ihr eine Verschwörung gegen das Kreuz anzettelt“, brumme ich sarkastisch, fast zornig vor Missmut, „sollte der Junge mehr als nur eine blühende Fantasie haben...“ Aber leise, kaum hörbar, weil es mich auch interessiert, was Nascha damit gemeint haben könnte.
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