Asyas Worte von der Tür reißen mich aus diesen fatalistischen Gedanken. Lustlos hebe ich den Blick um sie anzusehen, wie sie den Kopf nach hinten gedreht hat um Nico anzusehen und Nascha auf ihrem Kopf die Gelegenheit genutzt hat um ihr Gesicht wieder nach vorne zu drehen und Nico ebenfalls anzusehen, als wären sie zwei kleine Kinder, die Nico um Erlaubnis bitten, mit den Nachbarskindern spielen gehen zu dürfen. Ich frage mich ob Eltern so über ihre Nachbarskinder denken wie wir über diesen Jungen. Nico reagiert entsprechend perplex. Und Asya nutzt die Gelegenheit um ihre Argumentation auszuführen – mindestens so konstruktiv wie Nascha zuvor. Und sie holt sie wieder raus… die Erdbeerblattkrone… Und Nico fragt prompt nach. Ich stöhne leise und lehne mich wieder zurück, den Kopf in den Nacken gelegt, den Blick zur Decke, als könnte ich dort oben irgendwelche höheren Mächte um Erlösung anflehen. Klar, dass mich da oben keiner hört. Ich senke den Blick wieder, gerade rechtzeitig um Nicos irritierten Blick einzufangen. „Wie kommt man überhaupt auf sowas?!“ Ich atme tief durch. Ja, wie kommt man auf sowas? Einfach indem man eine ausgeflippte Eule ist wahrscheinlich… Aber es steckt eine zu lange, zu peinliche Geschichte dahinter als dass ich wüsste, wo ich anfangen sollte, das zu erklären. Dass Asya das überhaupt aufgreifen musste ist schon meine größte Strafe. Ich hatte die Bemerkung so gekonnt ignoriert. Aber wahrscheinlich hat Nascha genau damit kalkuliert. Dass sie Verbündete in diesem Abteil hat. Sonst hätte sie diese Sache nicht hervorgeholt. Sie ist so ein Scheusal. Ich bemerke es daran wie begierig sie Nicos und Asyas kurzes Wortgefecht abwartet, bevor sie den Kopf zu Asya senkt und mit ausgesuchter Leidenschaft die Geschichte zur Erdbeerblattkrone breittritt. „Die Krone eines Earls hat goldene Erdbeerblätter appliziert, weißt du? Es macht ihn ganz fuchsig wenn ich ihn damit aufziehe…“ Man hört das Feixen in Naschas Stimme, sie hat sich eindeutig darauf gefreut, diese Geschichte zu erzählen. Mein genervter, ungehaltener Blick geht zu Nascha. Ich hätte gerne etwas zum Werfen um sie von ihrem Thron herunter zu holen. Leider habe ich nichts passendes in der Nähe. Mein Gepäck ist nicht hier. Und nur das wäre wahrscheinlich schwer genug um ihren Schädel zu zertrümmern. „Sie versucht mich nur zur Weißglut zu treiben.“, erkläre ich finster für Nico. Der Wunsch, das Thema ganz schnell zu vergessen, erinnert mich an Nicos letzte Aussage. Dass er es für gut hält, dem Jungen auf den Zahn zu fühlen. Ich weiß nicht, ob es mich freut das zu hören. Einen Teil ja, einen anderen Teil… besorgt das nur. Eine warnende Stimme in meinem Hinterkopf warnt mich davor, dass wir uns da auf etwas einlassen, das uns eine ganze Weile verfolgen wird. Ich atme tief durch. Aber gut, was habe ich schon zu sagen. Ich bin überstimmt. Wir holen die kleine Rotznase also wieder ins Abteil. Gott, was werde ich das bereuen.
Während ich mich im Geiste dem Urteil der Mehrheit beuge, hebt Asya etwas den Kopf, sieht zu Nascha hoch und fragt nach, was sie mit dem Druckmittel gemeint hat. Ich bin froh, dass Nico rechtzeitig einschreitet und verhindert, dass unsere Daemonen noch einmal so frech und übermütig werden. Mein finsterer Blick nimmt die beiden ins Visier um seine Worte zu bekräftigen. Verschwörung, das trifft es gut. Denn das ist meine dunkelste Befürchtung. Auch wenn die Formulierung übertrieben ist, Nascha würde ich solche Pläne ohne weiteres zutrauen. Sie kennt kein Pardon wenn es um die Durchsetzung ihres Willens geht. Und Nico erinnert sie freundlich daran, dass sie eventuell nicht einmal eine Grundlage für solche Pläne haben. Aber Nascha lässt sich davon nicht beeindrucken. Es stört mich, dass sie meint, Nicos Einwände hätten für sie kein Gewicht. Es reicht, wenn sie meint über mir zu stehen. Aber sie soll sich nicht auch noch über meinen kleinen Bruder emporschwingen. Das darf höchstens ich. Und selbst ich tue das nicht gerne. Trotzdem fällt mir nichts ein, womit ich sie aufhalten könnte. Und so lasse ich sie reden. Nico weiß sowieso was für einen ausgemachten Blödsinn Nascha verzapft. Er kann zwischen Rationalität und einer, wie er es nennt, blühenden Fantasie sicherlich gut unterscheiden. „Na überleg mal: ein Mord an einem Magisterialen, von dem niemand etwas erfährt? Normalerweise geht bei solchen Ereignissen ein Ruck durch die ganze Landeskirche und so sehr kann Davies uns gar nicht hassen, als dass er uns das verschweigen könnte. Jetzt nimm mal an, der Junge hat Recht. Dann wurde der Mord systematisch vertuscht. Entweder weil sie den Mann loswerden wollten oder weil es kein gutes Licht aufs Magisterium wirft wenn er ermordet wird. Was also würden sie dafür geben, dass geheim bleibt, was geheim ist, hm? Das ist das Druckmittel.“ Wie eine Dozentin führt sie ihre hübsche kleine Theorie zu einem Ende und wankt dabei ein wenig um das Gleichgewicht auf Asyas Schädel zu behalten. „Wir müssten nur aufpassen, dass sie uns nicht auch beseitigen.“, schließt Nascha, als wäre das ein Kinderspiel. Ich schnaube. „Genau, und das ist der Casus Knacksus, junge Dame.“, spotte ich abfällig über so eine hirnrissige Überlegung.

