Immerhin, mein Blick bringt Nascha dazu, nicht noch weiter nachzutreten. Vielleicht hat sie sich an das letzte Bisschen Anstand erinnert, das sie besitzt. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass sie die Nachfrage nach ihren kleinen Verschwörungstheorien einfach zu viel Spaß bereitet hat und sie jetzt vollkommen bereitwillig das Thema wechselt, weil das neue ihr mehr Aufmerksamkeit zuspielt. Und tatsächlich genießt sie das goldene Licht der Aufmerksamkeit, das auf sie scheint in vollen Zügen. Auf skurrile Weise fällt mir eher als alles andere auf, wie sowohl Nicos als auch Asyas Blick sich auf die kleine Eule richten, die in stolzer vorgetäuschter Raffinesse von ihren Überlegungen erzählt, während ich wie ein Fremder im falschen Abteil daneben sitze und als einziger zu bemerken scheine, in welche Richtung diese Sache zu gehen droht. Zeit sie auf den Boden der Tatsachen zurück zu holen.
Aber wenn mein Kommentar zu etwas führt, dann höchstens zu Naschas aufflammendem Selbstvertrauen, denn sie wirft sich noch leidenschaftlicher in die Brust. Doch bevor sie ihren Protest äußern und auch diese Lücke in ihrem „genialen Plan“ schließen kann, kommt von Nico ein Laut, der uns beide zum Schweigen bringt. Unsere Blicke richten sich zeitgleich auf Nico. Im ersten Moment, habe ich das einzelne Wort nicht verstanden, das Nico geäußert hat. Erst als Asya ihm antwortet, formt sich der Laut in meinem Kopf zu einem Wort mit Bedeutung. Oder der Pakt. Irritiert zucken meine Augenbrauen, während ich versuche zu verstehen. „Vielleicht hat das Magisterium wirklich noch keine Ahnung.“ Jetzt bin ich vollends verwirrt. Das Magisterium keine Ahnung. Der Pakt. Und dann schließen sich die Andeutungen zu einem Sinn zusammen. Ein Angriff von außen. Nichts, das das Magisterium selbst vertuschen würde. Keine hinterlistige Intrige aus den eigenen Reihen, sondern ein Angriff von außen. Durch den einzigen Verbund, der sich trauen würde, die Kirche offen anzufeinden. Der Pakt. Was ich über den Pakt weiß ist nicht viel. Im Grunde nur, dass er existiert, obwohl seine Existenz als solches im Magisterium so dramatisch heruntergespielt wird, dass es einen nur misstrauisch machen kann. Eine Möglichkeit, an verlässliche Informationen zu kommen ohne Bestechung anzuwenden, lassen sie einem trotzdem nicht. Und für diese Anstrengung war mir die Information nie genug wert. Ich frage mich jetzt ob das ein Fehler war, während Asya und Nico sich ansehen als könnten sie über Gedanken kommunizieren.
Dann beginnt Nico zu sprechen. Erst langsam, zögerlich, mit großem Lücken im Gesagten, sodass es sich anfühlt als sähe ich nur die ersten Puzzelteile eines Ganzen und als sei es an mir, sie zusammen zu setzen. Der Major, kein Freund der Kirche. Exitus acta probat. Ich kann nicht verhindern, dass ich die Worte sofort verstehe. Latein ist eine der Sprachen, die ich am tiefsten verabscheue und doch am häufigsten verwende neben dem Englischen. Das bringt das Magisterium so mit sich. Der Zweck heiligt die Mittel. Eine gefährliche Einstellung. Und doch der des Magisteriums nicht unähnlich. Das hat fast eine gewisse Ironie. Aufmerksam höre ich Nico zu, während er von der Einstellung des Majors, seines Vorgesetzten erzählt. Von seinen Freunden und Verbündeten. Ich habe untertrieben. Der Wechsel vom Major zur Kirche muss ein härterer für Nico gewesen sein als ich es vermutet habe. Und während er davon erzählt welche für das Magisterium ketzerische Dinge der Pakt verfolgt und dass der Major selbst ein Teil dieser Organisation gewesen war, fällt mir diese riesige Kluft zwischen diesen beiden Arbeitsstellen in Nicos Leben umso deutlicher auf. Kann man nur Diener sein, wenn der Herr solche Ziele verfolgt? Als sich mir die einzige verbleibende Frage stellt, beginne ich das Ausmaß dieses Wechsels zu erahnen. Wie kommt man von einer Stellung als Bediensteter eines Mitglieds des Pakts zu einer Anstellung im Magisterium. Die Antworten, die mir darauf einfallen gehen in eine Richtung, die ich nicht näher benennen möchte. Aber sie tun sich gähnend vor mir auf wie eine tiefe schwarze Kluft des Unaussprechlichen. Nachdenklich betrachte ich Nico. Und ich frage mich was das Magisterium ihm angetan hat.
Es kommt mir keine Sekunde in den Sinn, meinen kleinen Bruder zu verurteilen. Nicht für seinen Wechsel. Nicht dafür, dass er einem Herrn gedient hat, der dem Pakt angehört hat. Nicht einmal der Gedanke, dass er Sympathien für sie gehegt haben könnte, schockiert mich besonders. Es überrascht mich selbst ein wenig, wie wenig gravierende Schwere ich darin sehe. Aber all das scheint mir unbedeutend wenn ich darüber nachdenke, was es für Nico bedeutet haben muss, so radikal den Herrn zu wechseln. Es gibt Dinge, die ich mir nicht vorstellen kann.
Erst als Nico die Dinge herunterspielt, einen regelrechten Rückzieher macht und meint, dass es den Pakt vermutlich nicht mehr gibt, fällt mir auf, dass er seine Ausführungen beendet hat. Seine Worte wirbeln in meinem Kopf hin und her. Ständig verfolgen meine Gedanken eine andere Richtung im Gesagten. Die Macht einen Mord zu vertuschen. Ich weiß nicht, weshalb das meine Eingeweide so zum Flattern bringt. Dieser Gedanke. Wie eine Verheißung. Dabei ist es falsch. Weshalb sollte mir der Gedanke, dass das Magisterium so mächtige Feinde hat so sehr zusagen? Schuldig senke ich ein wenig den Blick, richte ihn dann vorsichtig auf das einzige Wesen, mit dem ich diesen Gedanken teile. Nascha blickt ausdruckslos zurück. Aber sie weiß was ich denke. Und sie denkt es auch. Ich zwinge mich, nicht darüber nachzudenken. Und doch trifft es mich beinahe wie ein Schlag gegen die Brust als Nico mich um Verzeihung bittet, dass er das Thema überhaupt angeschnitten hat. „Nein“, antworte ich zögerlich, aber behutsam. Denn nein, ich bereue nichts davon. Auch wenn ich seine Beklemmung spüre. „Das ist eine Möglichkeit, die wir nicht ausschließen sollten.“, versuche ich unbeholfen, der Verkleinerung durch Nico entgegen zu wirken ohne ihn zu verletzen oder zu übergehen. „Dass das Magisterium die Existenz seiner Gegner herunterspielt muss nicht bedeuten, dass es sie nicht gibt.“ Ich versuche Nico in die Augen zu sehen. Versuche seinen Blick zu finden. Ich habe keine Ahnung was ich ihm sagen möchte. Aber der Wunsch ist so stark, dass ich ihm nicht widerstehen kann. Ich habe keine Ahnung was ich da tue, aber Nascha schweigt und niemand hält mich auf. Das ist mir mit einem Mal ungeheuer wichtig. Es scheint mir selbst plötzlich wichtig, der Spur nachzugehen. Die Türen nicht zuzuschlagen. Die Möglichkeiten nicht zu verschließen. Und das obwohl ich wenige Minuten zuvor Nascha selbst noch eine Rüge verpasst habe, dass sie so leichtsinnig sei. „Lassen wir den Kleinen bis Sheffield mitfahren. Hören wir uns an was er zu erzählen hat.“ Ich klinge in meinen eigenen Ohren zu entschlossen. Zu ernst. Zu strategisch konzentriert. Zu sehr wie ein Feldherr über einem ausgeklügelten Plan, der nicht existieren dürfte. „Denkst du, du kannst ihm irgendwo einen Anzug oder zumindest einen Waschlappen und ein wenig Wasser auftreiben?“ Mein Ton wird behutsam. Dann gleitet ein verschwörerisch scherzhaftes Lächeln über meine Züge. „Wenn der Junge weiter so mit uns durch die Landschaft fährt, denkt jeder weitere Fahrgast der uns begegnet, wir wären der Vagabundenverein von St. Nichols.“ Das Lächeln erwärmt mein Gesicht, die Unternehmungslust mein Herz. Und Nascha schweigt.

