Ich drehe mich um, nachdem ich mich vergewissert habe, dass der Junge zumindest in seinen Ansätzen an dem festhält, was ich ihm soeben eingebläut habe, und lasse die Gedanken hinter mir. Ich muss als erstes die unteren Klassen erreichen… ich… es… ich spüre meine Gedanken fahrig werden. Spüre wie es mich einfach überkommt, bevor ich es auch nur in Worte hätte fassen können. Munter trabt Asya mir voran durch den Gang, ich hab Mühe ihr zu folgen ohne zu rennen und gleichzeitig spüre ich, dass sie genau das am liebsten getan hätte: Gerannt. Vor lauter Freude, so schnell und weit sie kann. Bis uns der Atem in der Lunge brennt, wir das Vibrieren der Entkräftung in jeder Faser spüren, den Geschmack von verschluckten Kupfermünzen im Mund, die Gedanken leer. Ich wäre ihr gerne gefolgt. Wäre gerannt bis ans Ende der Welt mit dieser überschäumenden Freude, die uns so urplötzlich durchströmt, als wären die letzten Minuten zwischen Anis und mir und Naschas Schweigen nicht gewesen. Aber ich tue es nicht. Ich bemerke ein leeres Abteil, weit ist es nicht mehr bis Sheffield und der Zug hat sich merklich geleert, und biege dort hin ab. Asya muss mir folgen. Ich spüre das leise Ziehen dennoch, als sie gewaltsam gestoppt wird. Früher hätte sie vielleicht dagegen angekämpft, aber sie ist nicht mehr so kindisch, nicht im Moment jedenfalls. Sie tritt hinter mir durch die Tür, macht einen übermütigen Satz auf mich zu, sobald ich mich umgedreht habe. Wirft ihren massiven Schäferhundekörper gegen mich. Ich revidiere den Gedanken sofort, ‚fange‘ sie mit einem Arm, den ich ihr um den Oberkörper schlinge, sie einen Moment festhalte mit den Vorderpfoten in der Luft, beuge mich ihr dabei etwas entgegen. „Anis und Nascha“, bringt sie übermütig hervor, als hätten wir sie erst eben im Zug wiedergetroffen. In gewisser Weise haben wir das tatsächlich erst dort. „Ist das zu fassen?!“ Ich schüttle den Kopf, grinse dabei gegen meinen Willen. Das ist nicht, weshalb ich hier abgebogen bin, aber ich kann ihre Freude nicht verleugnen. Kann meine Freude nicht verleugnen. Im nächsten Moment fährt mir eine Zunge über das Gesicht, sie weiß ich kann das nicht leiden, aber in diesem Augenblick presse ich nur stürmisch den Kopf gegen sie, atme ihren Hundegeruch ein. Weiß dass da vor kurzem noch Nascha in ihrem Fell gesessen hat. Anis und Nascha, ich kann es tatsächlich kaum fassen. Langsam lasse ich Asya wieder los und sie steht wieder auf vier Pfoten, sieht mit pendelnder Rute zu mir auf. Da ist noch eine Feder in ihrem Pelz. Hell, cremefarben, nur klein, sie muss von Naschas unterem Gefieder stammen. Ich pflücke sie aus Asyas Fell, betrachte sie. „Wir dürfen uns trotzdem nicht vergessen“, mahne ich meinen Daemon und spreche dabei mehr zu der Feder. Versuche es ganz sachlich klingen zu lassen. Ich will nicht mit Asya streiten, aber ich bemerke schon im nächsten Moment wie sinnlos es ist. Ihre Wut ist schnell und heftig. „Freust du dich denn gar nicht?!“, schnappt sie fassungslos. Ich sehe weg, schiebe die Feder geistesabwesend in die Tasche. Merkt man… merkt man mir das etwa nicht an? Und wenn sonst schon keiner, muss doch wenigstens sie das wissen...? „Das ist es nicht“, murmle ich eingeschnappt. „Du hast Angst.“ Das erkennt sie dann wieder, bemerke ich bitter bei mir. Atme tief durch und schließe die Augen. „Ja, ich habe Angst“, gestehe ich ihr.
„Du hast es ihm nicht gesagt“, beginnt Asya schließlich unerwartet. Sie nutzt die Situation aus, denke ich wütend. Mein Blick geht zu der Scheiben, die Landschaft die an uns vorbei zieht. Ich sollte gehen. Soll sie doch durch den Zug springen wie ein Welpe, soll sie uns doch alle bloß stellen, soll sie doch alles auffliegen lassen. Kann ich es überhaupt verhindern? „Was denkst du, weshalb ich diese Angst habe?“, frage ich sie stattdessen gereizt. Tausende Gründe, das wissen wir beide. Aber die Ursache dahinter ist die eine: Anisim und Nascha direkt wieder zu verlieren. „Was denkst du denn, was wird, wenn ich es ihm sage?“ – „Was denkst du was wird, wenn du es ihm verschweigst und er es irgendwann auf anderem Weg erfährt?“ Ich schweige. Asya wendet den Blick ab. Wäre sie ein Mensch, sie hätte wohl hilflos den Kopf geschüttelt. Ich kann ihre Abscheu spüren. „Weißt du?“, beginnt sie gefährlich leise. „Langsam entwickle ich echte Herzensgefühle gegenüber der Kirche. Wegen ihnen durfte ich Caspian wieder sehen. Wenigstens eine handvoll Mal im Jahr. Und jetzt Nascha. Wer weiß ob Father Ibrim nicht noch etwas einfällt bei dem du dich mit deiner Mutter aussöhnen musst.“ Sie sieht wieder auf zu mir, aber ich meide ihren Blick. „Von dir kann ich so etwas schließlich nicht erwarten.“ Ich presse die Lippen zusammen, lasse langsam den Atem entweichen und schlucke all meinen Stolz hinunter. Schlucke hinunter, wie sehr es mich verletzt, dass sie mir das gerade in diesem Moment vorhält. Aber ich erkenne den Punkt, den sie damit machen will. Und sie hat recht. Ich bin wirklich nicht besonders gut darin mir die Menschen, die ich liebe nahe zu halten. „Ich werde es ihm schon sagen“, flüstere ich fast heiser vor Scham. „Ich brauche nur Zeit…“ – „Was du brauchst, das sage ich dir besser nicht“, grollt Asya scharf. „Bitte, Asya…“ Sie steht auf, mein Betteln hoheitlich ignorierend macht einige Schritte Richtung Tür. Dann bleibt sie doch stehen. „Du… du lässt mich ein paar alte Geschichten erzählen, ja? Dann jammerst du ‚Ich hatte so Angst Anis‘ und ‚Wie einfach war es in Kentfordshire Wood‘ – Mann, bist du fünf?“ – „Ich hab mich nicht auf dem Abteilboden gewälzt und wie ein hysterischer Welpe gefiept“, falle ich ihr gehässig ins Wort, aber Asya lässt sich nicht unterbrechen. „…und brichst trotzdem jedes Mal ab, sobald es wichtig wird. Du hoffst doch ständig nur, dass er dich auf deinen Platz verweist, weil hey, dann ist doch alles so viel einfacher, wenn du nur ‚Ja, Sir‘ und ‚Amen, Sir‘ sagen brauchst. Und inzwischen glaube ich, dass das auch besser ist, denn statt irgendetwas von dem, was du dringend klären solltest, musst du ja ausgerechnet über den Pakt plaudern.“ Sie stockt abrupt. „Jetzt sag ich dir was: Du überlegst dir besser etwas Gutes, um das zu richten, und du überlegst es dir besser schnell. Weil ich nämlich nicht ewig schweigen werde. Nicht dieses Mal. Dazu bin ich nicht fähig.“ Mein Blick geht über ihre stolz gestellten Ohren, das lange, dichte Deckhaar ihres Nackens. Das Halsband, das sich darin abzeichnet. Wie die helle Wolkung sich gegen ihren fast schwarzen Pelz abhebt. Ihre feminine, schlanke Gestalt mit der fein definierten Muskulatur, die sich darunter abzeichnet, die rauen, hellen Stellen in ihrem Fell an denen sich die Narben abzeichnen. Und ich weiß es nicht… ich weiß nicht, zu was sie fähig ist. Ich weiß nur, dass sie nicht die Heilige ist, zu der sie sich hier aufspielt. Ich mag der Feigling von uns sein, aber sie hängt nicht minder an unserem Leben. Und zu was sie bereit ist, um es zu schützen macht mir immer wieder von neuem Angst. Ich folge ihr und als wir schließlich zurück auf den Gang treten, hält sie sich wieder strikt an meiner Seite.
Ich gehe also bis in die unteren Klassen, dort wo wir eigentlich hätten sitzen sollen. Wir fallen nicht weiter auf. Asya geht jetzt hinter mir, um nicht von vorbeigehenden Fahrgästen gestreift zu werden. Wir halten nach Gesichtern Ausschau, die uns bereits beim Einsteigen begegnet sind, als wir unseren – nicht vorhandenen – Sitzplatz gesucht haben. Männer, die bereits seit London im Zug reisen. Männer von kleiner Statur mit schmalen Schultern. Wir merken uns den Wagon und deren Sitzplätze. Dann verlassen wir die unteren Klassen wieder und machen uns auf in Richtung Gepäckwagen. Unterwegs nehme ich Asya das Halsband ab und stecke es unter mein Jacket. Zwar hätte uns die Stellung als Diener des Magisteriums einen Bonus verschafft, aber es hätte auch einen unnötigen Anhaltspunkt auf unsere Identität geliefert. Nein. In diesem Vorhaben verlasse ich mich viel lieber auf die Anonymität ein beliebiger Diener unter Vielen zu sein, im Auftrag eines beliebigen Herrn. Ich verändere etwas in meinem Gang, während ich so durch den Zug gehe. Es ist ein bestimmter Eindruck, den ich abgeben will. Ungeduldig sehe ich dafür auf meine Uhr, als wir uns dem Mann nähern, der dafür zuständig ist, dass niemand sich unerlaubt am Gepäck zu schaffen macht. Meine Schritte werden gestochen, abgehackt, meine Haltung ist jetzt leicht vorgebeugt im Übereifer meiner ach so bedeutsamen Aufgabe. Als ich vor dem Zugangestellten zu stehen komme, bin ich ein Mann ohne Zeit. Ein Mann, dem das alles hier unsagbar lästig ist, während Asya sich penetrant etwas zu weit vor setzt. Ungnädig geht mein Blick über die Umgebung. So viel Zeit wiederum nehme ich mir um stummes Missfallen über was-auch-immer kund zu tun. Die Wirkung in meinem Gegenüber ist unübersehbar. Der Mann folgt meinem Blick, seine Haltung ist direkt etwas wachsamer geworden und die Nase seines Daemons, ein mausgrauer Wieselmaki, zuckt nervös. Die Haare des Mannes sind schüttern und ebenso grau wie der Pelz seines Daemons, er streicht sie sich jetzt sorgsam an den Seiten glatt, wie um sich selbst von seinem ordentlichen Erscheinungsbild zu überzeugen. Ich lasse mir noch einen Moment länger Zeit, bevor ich zu sprechen beginne. Herablassend, als hätte er schon längst erkennen müssen, worin mein Anliegen besteht. „Mein Herr will sich vor Sheffield umkleiden. Ich benötige Zugang zu seinem Gepäck.“ Dabei lasse ich nicht einmal die Möglichkeit aufkommen, dass es mir während der Fahrt nicht erlaubt sein könnte diesen Teil des Zuges zu betreten und diese Dreistigkeit allein, scheint dem älteren Mann im ersten Moment die Sprache zu verschlagen. Allein sein Maki-Daemon keckert ungehalten, doch Asya bringt ihn mit einem gezielten Blick zum Schweigen. „Für Ihre Mühen“, schließe ich indem ich dem Uniformierten ein großzügiges Trinkgeld reiche. Er starrt auf das Geld in meiner Hand, Geld das Father Ibrim mir zur Erfüllung meiner Arbeit zugeteilt hat, und ich kann förmlich die Überlegungen nachvollziehen, die er wohl so eben angehen muss. Mein forsches Auftreten missfällt ihm, wem hätte es das nicht? Aber es sagt ihm auch, dass ich ein Mann bin, der bereit ist Ärger zu machen, wenn er nicht bekommt was er will. Und in diesem Fall bedeutet ihm sein Anliegen nicht zu erfüllen, es auch noch seinem Herrn zu verweigern. Er würde also im schlimmsten Fall auch dessen Zorn auf sich ziehen, der um so größer sein wird, wenn er sich um seine Probleme persönlich kümmern muss. Und so wie ich mich aufführe, könnte mein Herr mindestens ein Duke sein. Ein exzentrischer Mann noch dazu. Und dem allem steht eine tüchtige Summe Geld entgegen, für die er nichts weiter tun muss, als einen arroganten Diener seine Arbeit machen zu lassen. Was ist da schon ein wenig genickter Stolz? All das kann ich über sein vom Alter gezeichnetes Gesicht ablaufen sehen, wie die Projektionen einer Laterna Magica über eine vergilbte Leinwand, bevor er schließlich unwirsch die Hand hebt, mir das Geld abnimmt und mir unter Grummeln den Zugang zum Gepäckwagen aufsperrt. „Danke. Ich komme zurecht“, lasse ich ihn wissen, dass ich keinerlei Wert auf seine Anwesenheit lege, doch ich bin in diesem Moment ohnehin nicht die Art von Mann, der man gerne hilft, und seinen Posten zu verlassen wäre ein Risiko, auf das der Zugangestellte nur zu gerne verzichtet. Also bleibe ich allein im Halbdunkel des Wagens zurück. Das Rattern dröhnt in diesem ungedämmten Teil des Zugs laut in meinen Ohren wider.
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