An eine Schüssel mit Wasser komme ich bedeutend einfacher. Bis Sheffield ist es nicht mehr weit und man teilt mir auf meine Überredungskünste hin einen Rest aus dem Kanister zu der für das Teewasser bestimmt ist. Einen Lappen hänge ich mir über die Schulter und gehe den Anzug über den einen Arm, die Wasserschüssel in der anderen Hand zurück zum Abteil meines Bruders. Schnell gehen kann ich nicht. Es ist so schon mühevoll das Wasser gegen das Schaukeln des Zuges vor dem Überschwappen zu bewahren. Aber immerhin habe ich eine gewisse Übung darin. Ich habe als Junge genug Hiebe dafür kassiert etwas zu verschütten. Meine Hände sind ruhig geworden über die Jahre, etwas das mir als Soldat und später als Scharfschütze gute Dienste geleistet hat. Asya hält sich dicht an meiner Seite. Ich spüre ihren Körper neben mir. Seit ihr ruhiger Operationsmodus abgeklungen ist, hat sie kein Wort mehr mit mir gesprochen und ich weiß, sie hält alles für gesagt. Ihr Ultimatum klingt in meinen Ohren nach. Ja, ich sollte mir tatsächlich besser etwas überlegen. Vor allem sollte ich jedoch die Klappe halten, etwas das mir sonst wenig Probleme bereitet. Sonst... Immerhin das wird mir durch den Jungen hoffentlich leichter fallen. Jedenfalls bis er uns in Sheffield verlassen wird.
Vor dem Abteil schaffe ich es irgendwie mit der Hand, in welcher ich die Schuhe halte anzuklopfen. Ich warte auf ein Zeichen und Asya erhebt sich geübt auf die Hinterläufe, drückt mit einer Pfote die Klinke und stößt dann sacht die Türe mit dem Kopf auf. Ruhig trete ich ein. Das Bild das sich mir bietet ist wie das Zerrbild eines wohlhabenden Onkels der mit seinem Lieblingsneffen eine Zugfahrt unternimmt. Nur dass dieser Lieblingsneffe, der ihm da auf den mit rotem Samt bezogenen Polstern gegenüber sitzt, wie ein ungepflegter Flickenteppich anmutet. Ich habe das unangenehme Gefühl in etwas hinein zu platzen. Mein Blick liegt auf dem Jungen. „Nimm mir das ab“, weise ich ihn schlicht an die Wasserschüssel entgegen zu nehmen, damit ich die Türe schließen kann. Meine Worte sind dabei bestimmt, aber weder ungeduldig noch herablassend. Es bringt mir keine Freude ihn von dem Platz zu vertreiben, den Anis ihm gegeben hat. Fast schon privilegiert ihm gegenüber und wenn es mich nicht täuscht, so waren sie bis eben in einem Gespräch gewesen. Es fühlt sich falsch an hier zu stehen und das zu unterbrechen, beinahe als hätte ich tatsächlich gewagt Anis‘ Neffen einen Befehl zu geben. Aber ich brauche den Jungen um mir das abzunehmen und muss mich jetzt doch mit einem Anflug des Missmuts daran erinnern, dass er ein Kind der Straße ist, nicht von höherem Blut oder Namen.
Sobald die Abteiltüre verschlossen ist, setzt Asya sich ruhig und aufrecht neben der Türe ab und hält stumm das Abteil im Blick, während sie, wie ich weiß, gleichzeitig die Geräusche auf dem Gang überwacht. Ich reiche dem Jungen den Lappen zu der Wasserschüssel. „Wenn du Teppich oder Sitze beschmutzt, wirst du es bereuen“, verspreche ich ihm scharf, aber nicht böswillig. Ich will ihn damit nicht demütigen, einzig zur Achtsamkeit mahnen. Anis soll sich nicht wegen Vandalismus verantworten müssen. „Du wirst versuchen dich etwas zu waschen, dann wirst du dich umziehen“, erläutere ich knapp, ohne den Jungen dabei anzusehen. Denn unterdessen lege ich sorgfältig die Garnitur Kleider auf der Sitzbank aus und stelle die Schuhe ab. Noch einmal überprüfe ich knapp, dass nichts davon übermäßig zerknittert oder gar kaputt oder schmutzig ist oder ein anderweitig unanständiges Erscheinungsbild geboten hätte. Es ist nicht die beste Kleidung und sie wird dem Jungen nur übergangsweise und sicher nicht wie maßgeschneidert passen. Aber sie sollte etwa seiner Größe und Statur entsprechen und für das Bild von einem einfachen Dienstjungen durchaus ausreichen.
Schließlich wende ich mich dem unvermeidlichen zu. Mein Blick geht zu Anis. Ruhig und sachlich wie es dem Job gebührt, den ich nun einmal inne habe und der so viel Distanz zurückbringt zwischen meinen Bruder und mich. „Soll ich ein anderes Abteil suchen, Sir, in dem der Junge sich umziehen kann?“ Es hätte mich nicht gestört, hätte er es hier getan. Beengte und überfüllte Dienstbotenquartiere und die Jahre beim Militär haben mir jedes Schamgefühl dahingehend konsequent aberzogen, noch bevor ich begonnen hatte die Aufgaben eines Valets zu übernehmen, die das An- und Abkleiden seines Herrn beinhalten. Ich kann mir auch kaum vorstellen, dass der Junge sich je viele Befindsamkeiten deswegen hat erlauben können, wenn er ein Leben auf der Straße und in Banden geführt hat – und selbst wenn hätte das in diesem Moment den geringsten Belang. Belang hat allein Anis‘ Entscheidung. Ein Abteilwechsel könnte potentielle Aufmerksamkeit auf sich lenken, doch gleichzeitig bedeutet in diesem Abteil zu bleiben beengte Platzverhältnisse und die Unannehmlichkeit eines sich waschenden und umkleidenden Straßenkinds, was ich Anis gerne erspart hätte, wäge ich stumm bei mir ab. Aber ich hüte mich davor ungefragt meine Meinung kund zu tun. Dieses Mal wenigstens. Ich kann Asyas Spott in meinem Nacken brennen spüren.
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