Ich habe keine zwei Zeilen gelesen, bevor Asyas Körper neben mir sich anspannt. Ihr Kopf ruckt mit gestellten Ohren in die Höhe. „Leg das weg“, zischt sie scharf und ohne weiter nachzudenken, schiebe ich das Buch unter mein Kissen. „Der Steward.“ Schnell stehe ich auf, streiche die Bettdecke glatt und überprüfe, dass das Betttuch auch ordentlich unter der Matratze steckt. Die Feindschaft zwischen Butler oder in einem derart großen Haus der Steward und dem Valet ist vermutlich so alt wie die Herrenhäuser selbst. Während der Steward grundlegend den höheren Rang bekleidet und der männlichen Dienerschaft vorsteht, hat der Valet mehr Freiheiten und steht dem Herrn des Hauses näher. Er hat nur von diesem seine Befehle entgegen zu nehmen, was den Steward neben der Bedrohung seines Status im Haus mit dem Dilemma hinterlässt, dass er an und für sich auch für die ordnungsgemäße Arbeit des Valets verantwortlich ist, ohne ihm wirklich etwas sagen zu können. In Gordon House liegt das Problem noch an einer anderen Stelle. Valets wie ich einer bin, unterstehen hier wechselnden Herren, die meist in anderen Häusern der Stadt unterkommen. Der Einfluss des Stewards auf unsere Arbeit ist schon rein räumlich gesehen verschwindend gering, denn selbst wenn wir dann einmal in Gordon House sind, steht es ihm nicht zu uns zu niederer Arbeit einzuteilen. Das wäre nicht angemessen für ein Mitglied der höheren Dienerschaft und würde wiederum neben dem Status des Valets auch den des Stewards untergraben. In der Zeit in der wir keinen Herren dienen haben wir also neben der obligatorischen Teilnahme am Morgengebet und den Mahlzeiten der Dienerschaft kaum mehr zu tun als unsere eigene Kleidung zu richten, Arbeitsmittel auszubessern oder neu aufzufüllen und dergleichen. Ich habe das meiste davon gestern erledigt. Aber um beschäftigt zu wirken liegt eine Hose und Nähutensilien auf dem Tisch an der Wand. Die Nähte sollte ich tatsächlich dringend ausbessern, aber das Nähen hat mir nie gelegen und ich schiebe es schon eine Weile vor mir her. Während die Schritte des Stewards jetzt auch für mich hörbar näher kommen tue ich dennoch so, als wäre ich schwer in meine Arbeit vertieft. Der Steward klopft nicht an bevor er eintritt und ich sehe erst auf, als er im Zimmer steht. Ganz als wäre ich von seinem Kommen überrascht. Ruhig lege ich meine Arbeit weg und stehe auf.
Mit steifer Haltung geht der Steward die Reihe der Betten ab, sein Daemon, ein halbhoher Terrier inspiziert witternd den Raum. Ich teile mir dieses Zimmer mit fünf anderen Männern. Aber ich weiß, ich habe Glück. Glück weil Gordon House ausschließlich für die Unterbringung von Dienstboten existiert und dieses Zimmer daher in der Mitte des Hauses angeordnet ist, mit Fenstern und einer angenehmen Raumhöhe. Ein fast unvorstellbarer Luxus in einer Stadt die so sehr unter Raummangel leidet wie London. Auf dem Land mag es in den höheren Haushalten üblich sein einen Teil des Hauses oder gar einen ganzen Flügel völlig der Unterbringung und Organisation der Dienerschaft zu überlassen. In den Haushalten der brytannischen Großstädte ist dies kaum möglich, weder in höheren Schichten, noch den Neureichen der oberen Mittelschicht. Quartiere für Dienstboten finden sich in London in den dunklen, durch die zahlreichen Flüsse, welche die Stadt durchziehen meist feuchten Kellern oder aber in den Dachstuben, die im Winter zugig und im Sommer unerträglich heiß sind. Gordon House ist eine Ausnahme, eines der Häuser, welche das Magisterium unterhält und sieht man von der obersten Behörde der Kirche ab, gönnt wohl nur noch der König persönlich sich solch einen verschwenderischen Umgang mit Platz. Im Übrigen hält mein Glück sich ohnehin in Grenzen, immerhin verbringe ich nur wenig Zeit in Gordon House. Für diese Zeiten jedoch stehen die Chancen gut, dass ich das Zimmer mit kaum einem Anderen teilen muss, gehen die anderen Valets doch derselben Arbeit nach wie ich und leben daher meist im Haushalt ihres vorübergehenden Herrn – oder dort wo dieser zu Gast ist.
„Du hättest gestern Zeit dafür gehabt“, ist mit einem kurzen Blick auf meine Arbeit die Begrüßung des Stewards. Ich widerspreche ihm nicht, aber ich bin ihm auch keine Antwort schuldig und das weiß er selbst. Sein Daemon hat sich in unverkennbaren Dominanzgebärden schräg zu Asysa positioniert und es fehlt nicht viel, dass der Terrier versucht hätte ihr den Kopf aufzulegen. Asyas Lefzen zucken. Sie kann die Berührung nicht leiden, das weiß ich. Mir geht es ähnlich. Mit zusammengekniffenen Augen stiert der Steward mich noch einige Momente an, bevor er sich die Lippen leckt und in eine andere Richtung sieht. Meine Reaktionslosigkeit ärgert und verunsichert ihn zugleich, das weiß ich. Ich unterdrücke jeden Anflug eines Lächelns. „Jetzt wirst du das auf jeden Fall nicht fertig machen. Pack deine Sachen, du wurdest neu eingeteilt.“ Ich finde ‚neu eingeteilt‘ eine nette Formulierung dafür, dass man mich für die nächsten Tage, Wochen oder Monate einem fremden Herren unterstellt hat, den ich nie zuvor gesehen und den ich mir nicht ausgesucht habe. Aber ich schätze es war nicht die Absicht des Stewards pietätvoll zu klingen. Wir stehen uns noch immer gegenüber. Der Steward und ich. Schweigend. Wir wissen beide, dass er mir noch einige Dinge wird mitteilen müssen. Aber scheinbar genießt er sein Wissen noch etwas für sich zu behalten. Ich kann nur raten, dass er die niedere Dienerschaft mit solchen Spielchen dazu verleitet unaufgefordert zu sprechen und ihnen dann den Kopf zu waschen. Das ist nicht so grausam wie es vielleicht klingt, immerhin merzt es Fehler aus, die dir sonst womöglich vor den Herrschaften passieren. Aber ich mache diesen Job schon zu lange um in eine so offensichtliche Falle zu tappen und ich gehöre nicht mehr zur niederen Dienerschaft. Dem Steward gegenüber brauche ich nicht zu warten angesprochen zu werden. Ich warte dennoch. Weil ich keine Lust habe von mir aus zu fragen, was er mir ohnehin sagen muss und – sollte das tatsächlich ein Test sein – so lässt es den Steward am Abend womöglich ruhiger schlafen, wenn ich ihm nicht das Gefühl gebe, dass ein Valet, für den er verantwortlich ist, sich bei erster Gelegenheit um Kopf und Kragen redet. Den Gedanken ihn anderenfalls schweißgetränkten Alpträumen zu überlassen amüsiert mich gegen meinen Willen…
Als ich vor der Tür des Chaplains stehe, erinnere ich mich noch immer an das Gefühl vage amüsiert zu sein, während ich darauf wartete, dass der Steward zu sprechen begann. In etwa auf die Art wie man sich Jahre später noch daran erinnert ein Glas Wasser getrunken zu haben, bevor der Blitz niederging, der das eigene Haus in Flammen gesetzt hat. Fassungslos irritiert davon wie sich völlige Belanglosigkeit so rabiat hat wandeln können. Natürlich hat es mich interessiert wie lang und zu was meine Arbeit angelegt war, aber auf die Art wie man sich fragt, wie wohl das Wetter in den nächsten Tagen werden wird. Ich muss diese Dinge wissen, um vorbereitet zu sein, aber es sind Dinge, die ich nicht bestimmen und schon gar nicht ändern kann – im Gegenteil sie sind einem stetigen von außen bestimmten Wandel unterzogen, dem ich besser spontan gegenüber stehe. Sie laufen also peripher an mir vorbei, ich merke mir die Fakten und warte was folgen wird. Für den Moment entscheidender ist der Titel meines vorübergehenden Herrn und die Ansprache, die sich daraus ergibt. Für einen nicht-Geistlichen, der dennoch dem Magisterium angehört, ergibt sich dabei regelmäßig nur ‚Mr.‘, egal ob er aus dem Adel oder der Mittelschicht stammt. Und… schlussendlich – weil nichts peinlicher ist, als wenn ein Valet den Namen seines Herrn vergisst – der Name, den ich mir um jeden Preis einprägen muss, als ob ich schon seit Jahren in seinem Dienst stehe… „Denkst du…?“ Ich werfe Asya einen Blick zu den sie erwidert, wir sprechen es beide nicht aus. Langdon ist kein ausgesprochen seltener Name. Im Gegenteil. Ich kann meinem Herzschlag nachfühlen, während ich warte. „… Mr. Ansisim Langdon…“, habe ich die betonte Aussprache des Stewards wieder in den Ohren, die es schwer macht sich verhört zu haben. Ich werde den Vornamen nie direkt gebrauchen, aber ich muss ihn für eventuelle Anfragen oder Reservierungen oder dergleichen kennen. Nur für einen Moment schließe ich die Augen, bemüht ruhig und langsam zu atmen. Anisim ist alles andere als ein häufiger Name. Nicht einmal in der Region aus der er stammt und die liegt weit außerhalb der Brytannischen Inseln. Das Läuten lässt mich beinahe zusammen zucken. Im ersten Moment starre ich nur unbeholfen auf das dunkle Holz der Tür. Ich weiß, dass ich eintreten muss und bin doch kurz wie gelähmt. „Mach schon“, knurrt Asya leise. Ich mache einen Schritt vorwärts, dann noch einen und spüre die Routine zurückkehren. Ich öffne die Tür, halte die Klinke gedrückt, während ich eintrete, greife auf der anderen Seite um und schließe die Türe gewohnt leise wieder. Über die Jahre habe ich ein gewisses Gespür dafür entwickelt, wie weit ich in einen Raum treten sollte, um mich weder ungebührend in den Mittelpunkt zu stellen noch an der Wand herumzudrücken, vor allem wenn ich vorgestellt werde. Ich folge dem schlicht, versuche jedes Denken möglichst zu unterdrücken. Niemanden direkt anzusehen macht es einfacher. Kurz senke ich den Kopf, als mein Name genannt wird. Versuche mich im weiteren nur auf den Gehalt der Worte zu konzentrieren. Asya hat sich wie üblich neben mich gesetzt. Ich spüre ihr Fell bei jedem Atemzug gegen den Stoff meiner Hose. Flache Atemzüge und ich muss sie nicht ansehen um zu wissen, dass sie Mr. Anisim Langdon und dessen Daemon fixiert hat. Bemüht unauffällig berühre ich sie kurz am Hinterkopf. Hoffe inständig, dass sie den Blick senkt.
Und dann enden die Worte mit einem Mal. „… Zug bis Sheffield vor sich“, wiederhole ich die letzten Worte lahm in Gedanken, klammere mich förmlich daran fest. Zug. Bis. Sheffield. Sheffield. South Yorkshire. Sheffield. Kongress. Zug... Anisim. Noch immer sehe ich niemanden direkt an, bis sich dieser dunkle Schatten im Rand meines vage gehaltenen Blickfelds löst. Gegen meinen Willen muss ich der Bewegung folgen. Es ist ein Vogel. Eine dunkle Eule, die sich von Mr. Anisim Langdons Schulter gelöst hat – oder besser hatte lösen wollen. Ich zucke unter der Brutalität zusammen mit der die Eule bereits im Ansatz aus der Luft gerissen wird und Asya stößt ein unterdrücktes Winseln aus als das Tier zu Kreischen beginnt. Nicht das Tier, erinnere ich mich voll Grauen. Das ist ein Daemon. Ich habe Narben von Malen an denen Asya mich zu heftig gezwickt hat und ich hab sie schon mehr als einmal im Nackenfell oder am Ohr packen müssen, bevor sie eine Dummheit begangen hat. Ich kann also nicht sagen, was genau mich an dieser Szene derart verstört. Vielleicht liegt es in dieser kalten Präzision, der fast schon routinierten Alltäglichkeit darin. Jetzt sehe ich ihn doch an. Den Daemon, besser die Gestalt zu der sie geworden ist. Eine Schleiereule, aber mit ungewöhnlichem dunklen Gefieder. Selbst in diesem vor Wut starrendem Zustand strahlt sie noch eine würdevolle Eleganz aus, die mich sie gern länger betrachten lassen würde. Doch da begegne ich bereits dem Blick von Mr. Anisim Langdon. Ich hatte nicht erwartet, dass er mich so direkt ansieht. Vielleicht hatte ich auch nicht erwartet, dass er… was…? Dass er mir ähnlich sehen würde? Das war bereits unübersehbar gewesen, als wir noch Kinder gewesen waren. Aber tut er das denn noch? Mir ähnlich sehen? Sein Haar ist dunkel, wie das seines Vaters. Nicht rötlich braun wie das meiner… unserer Mutter gewesen ist. Nicht so wie mein Haar. Seines ist lang, im Nacken zusammen gebunden. Es wirkt nicht ungepflegt, aber ungewöhnlich, seltsam altmodisch dabei. Vor allem macht es es mir schwer zu entscheiden, ob wir uns ähnlich sehen oder ich mir das nur einbilde. Ich spüre Asyas Schnauze warnend an meiner Hand und erinnere mich an den Chaplain hinter seinem Schreibtisch. Erinnere mich an die ganze Situation. Weshalb er da ist. Weshalb ich da bin. Und daran, dass mein Starren mehr als unhöflich ist. Sorgsam senke ich kurz den Blick. Vage sehe ich schließlich in Richtung des Chaplains, der sich in seinem Sessel zurückgelehnt hat und ungeniert die Situation beobachtet. Die Hände dabei auf die Kante seines Schreibtischs gelegt, während sein Daemon fast schon in Jagdhaltung den Kopf gereckt hat, das Gefieder dabei dicht angelegt. Der Chaplain hätte die Möglichkeit gehabt die Situation mit ein paar abschließenden Worten zu beenden, aber seinem Blick nach scheint er sich dafür viel zu sehr zu amüsieren. Es ist die Haltung seines Daemons, die mir sehr viel unangenehmer ist und mich unwillkürlich zu einer unguten Frage führt… Und dem Wunsch hier weg zu kommen, diese ganze Lange nicht noch ungewöhnlicher und unangenehmer zu machen. Ohne dass jemand mich angesprochen hat, gibt es nur eine Möglichkeit dafür, die erschreckend nah an die Alpträume des Stewards heranreicht. Aber immerhin ist es eine wichtige Frage, die es zu klären gilt. Wenn Mr. Langdon sie nicht anspricht und der Chaplain auch nicht vor zu haben scheint darauf hin zu führen, liegt es an mir das zu tun. Also folge ich dem schmalen Grad, der mir bleibt, um diesen Moment irgendwie zu überbrücken. „Sir, darf ich fragen, wann es Ihnen recht ist, dass ich mich um Ihr Gepäck kümmere?“ Während ich weiß, dass es nicht gerade höflich ist einem Herrn das Anbringen des Zeitplans vorwegzunehmen, ist es auch nicht unbedingt unangemessen danach zu fragen, sollte er es nicht von sich aus tun. Es nicht zu tun, würde wiederum für meine schlechte Arbeit zeugen. Immerhin musste ich es gemeinsam mit dem exakten Zeitpunkt der Abreise wissen, um alles weitere zu koordinieren, einmal davon abgesehen, dass der Chaplain nach einem zügigen Ablauf verlangt hatte. Erfahrungsgemäß würde mir vor der Abreise ohnehin noch ein kurzes Gespräch mit Father Ibrim bevorstehen. Und in diesem Fall würde ich eine Menge darauf setzen, darum heute ganz sicher nicht herum zu kommen. Ich spüre die ungute Frage in mir drängender werden…
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