Er wird mir anstrengend, der Kleine. Und doch habe ich ihn aus einem Grund hier sitzen. Behutsam versuche ich ihn auf das anzusprechen was er gesehen hat. Wende dabei den Blick zurück ins Abteil um den Jungen ruhig anzusehen. Der Junge sieht in meine Richtung wie ein unterwürfiges Schaf, das sich vor dem Wolf fürchtet. Ich frage mich ob ich wirklich so eine Ausstrahlung für ihn habe. Vermutlich ist das normal, wenn man diese gesellschaftlichen Kreise nicht gewöhnt ist. Normalerweise ist mir solch eine Ausstrahlung nur Recht, sie ist mir all zu nützlich bei der Arbeit. Jetzt aber irritiert sie mich, ist sie mir geradezu im Weg. Wenn der Junge Angst hat wird er sagen was immer nötig ist um heile diesen Zug wieder zu verlassen. Ich frage mich ob er meinen Unmut spürt.
Geduldig höre ich ihm zu. Nehme die Worte auf und drehe sie in meinem Kopf sobald sie den Mund des Jungen verlassen. Unser Anführer. Der Junge deutet also eine Bande an. Eine Bande, die kleine Jungs losschickt um für einen einzelnen das Essen ranzuschaffen. Was sollte der Mann bekommen?! Einen Truthahn?! Frisch vom Metzger, bitte abholen, hier hast du sieben Gold-Dollar, Junge?! Das Wort „Hauptlieferant“ spricht der Junge dagegen seltsam aus. Förmlich klingt es als hätte er ein anderes Wort für das gesucht was er wirklich meint. Als wäre da ganz und gar kein Truthahn abzuholen, sondern eine große Portion weißes Pulver, das sein Anführer wie Eischnee verputzen würde. Soll es mir Recht sein, ich werde den Jungen nicht nach den Dynamiken seiner Bande ausfragen. Deshalb ist der Kleine nicht hier. Was mich interessiert sind das blitzende Messer und der blutige Mann von dem der Junge spricht. Er redet so kurzangebunden, dass ich mir plötzlich wünsche er würde näher in die Details gehen. Hätte er nur die Geschichte vom Abendessen fortgelassen und dafür mehr über den Mann und das Messer erzählt. Ich will gerade nachfragen als sich die Abteiltür öffnet.
Unwirsch sehe ich hin und erkenne dass es Nico und Asya sind. Meine Züge entspannen sich ein wenig. Nico balanciert eine Schüssel Wasser und fährt den Jungen harsch an. Strenger Lehrer. Ich lasse ihn machen, die Aufmerksamkeit des Jungen von unserem Gespräch abziehen und wende den Blick ab. Meine Augen suchen Punkte in der Landschaft, die im nächsten Moment wieder verschwunden sind. Es wird sich noch eine Gelegenheit ergeben, mit dem Jungen über diese Dinge zu sprechen, da bin ich sicher. Etwas in mir ist zu froh darüber, dass Nico zurück ist um ihm einen Vorwurf zu machen. Als hätte er in den Tiefen dieses Zuges verschwinden und einfach nie wieder in meinem Leben auftauchen können. Was für ein Unsinn, denke ich und beobachte eine alte Eiche, die sich an der Kreuzung zweier Feldwege kontinuierlich aus meinem Sichtfeld heraus schiebt.
Nicos Ton ist hart und sachlich während er an meiner abgewandten Seite mit dem Jungen spricht. Ich höre ihr zu, dieser ordnungsgemäßen Seite von ihm, und vertraue ihm bei jeder seiner Aufgaben. Und doch ist er dabei so weit weg von mir, als trennten uns zwei Welten. Ich atme erneut leise tief durch. Es ist als bräuchte ich diesen Atemzug um dem Druck entgegen zu wirken, der meinen Brustkorb umfängt. Das wird kein einfaches Wochenende werden. Aber was hilft es?
Erst als Nico sich mit diesem befremdlichen „Sir“ an mich wendet, realisiere ich, dass er mit mir spricht. Ich wende den Blick langsam vom Fenster ab und sehe ihn an während mein Gehirn den davor liegenden Satz für mich rekapituliert. Dieses Sir, es ist wie eine Bestätigung jeder Distanz, die zwischen uns herrscht. Ich sehe ihn an als bemerke ich seine Anwesenheit zum ersten Mal. Ein anderes Abteil. Für den Jungen. Meine Augen wandern kurz ernst zu dem verdreckten Straßenkind. Ich denke über die Frage nach. Dann schüttle ich den Kopf. „Nein. Besser er wird nicht öfter da draußen“, mein Blick wandert kurz zur Abteiltür und wieder zurück - „gesehen als nötig.“ Ich sehe Nico nicht direkt an, kann nicht einmal sagen weshalb, sehe nur den Jungen mit gerunzelter Stirn an. Dann lasse ich von ihm ab, hebe den Blick und sehe wieder hinaus auf die vorbei ziehende Landschaft um vorzutäuschen ich sei nicht wirklich da. Wenn ich hinaus sehe muss ich keinem Blick ausweichen. Es ist einfacher. Und der Junge hat ein wenig Privatsphäre.
Es wäre mir lieber gewesen, sie hätten sich ein anderes Abteil gesucht. Liebend gerne hätte ich das Angebot angenommen. Ich möchte die schöne neue Version eines sauberen Jungen sehen und das Straßenkind vergessen, nicht die Art wie es sich verwandelt und das alte Erscheinungsbild wie einen Schatten mit sich zieht. Aber ich will kein Risiko eingehen. Die Zeit bis nach Sheffield erscheint mir allzu kurz. Ich senke den Blick, greife unter mein Sakko an die Weste und ziehe die Taschenuhr hervor, die dort in der Tasche liegt. Sie ist über eine feingliedrige goldene Kette mit einem der Knöpfe und der anderen Westentasche verbunden. Ich klappe sie auf, werfe einen kurzen Blick auf das Ziffernblatt. Klappe sie wieder zu. Schiebe sie zurück. Verschränke die Hände wieder auf dem Schoß und sehe hinaus.
Ich sehe mich unwillkürlich da sitzen, am Fenster. Als stünde ich an der Abteiltür und sähe hinein. Blickte auf mich selbst. Wie ich da sitze mit überschlagenen Beinen und herrschaftlichem Blick hinaus, als wären meine Bediensteten nicht im Raum. Alles was ich denken kann ist Das bin ich nicht. Aber ich rühre mich nicht. Der Gedanke ist zu vertraut. So vertraut, dass es auf angenehme Weise schmerzt. Nur Nascha hält ihren halb geschlossenen Blick hoheitsvoll auf die Szenerie im Inneren des Abteils gerichtet. Ich spüre, wie sie den Kopf dreht. Spüre es daran, wie sich ihr Gewicht verlagert. Man wird empfindlich für solche Dinge.

