Charaktere
Anisim Langdon » Rory Evening » Nikola Larkin
Datum & Ort
10.01.1922, London // Sheffield
Society of The verification mission Rudeness
Wenn ich dem Jungen keine Angst gemacht habe, dann hat Nico es geschafft. Kleinlaut antwortet Rory auf die Warnung nichts zu beschmutzen und hängt brav ein „Sir“ ans Ende seines Satzes. Fast geht seine Stimme im Rattern des Zuges auf den Gleisen unter. Das Wasser in der Schüssel schwappt gefährlich als er sich darüber beugt. Ich sehe es sogar noch in der Spiegelung der Fensterscheibe vor dem Schatten der dunklen Büsche, die am Rand der Zugstrecke wachsen. Ich bemühe mich, dem Drang zu widerstehen hinzusehen als ich es plätschern höre. Fast streng sehe ich hinaus. Lausche den Geräuschen von Stoff, der sich bewegt.

Mir ist bewusst, dass ich keine Antwort erhalten habe. Die Stille, die auf meine Anweisung gefolgt ist, war so schreiend laut als hätte Nico mir ins Ohr gebrüllt. Stur habe ich mich davon nicht angreifen lassen. Das habe ich mir zumindest gesagt. Ich frage mich, was Nico hat. Er ist es doch, der mit dem „Sir“ angefangen hat. Er kennt unser kleines Tarnungsspiel doch bereits, oder nicht? Weshalb nimmt er es mir übel, dass ich es weiterspiele? Der Gedanke macht mich wütend. Dass er mich dafür zur Verantwortung ziehen wollen könnte. Es ist nichts als eine Vermutung, aber sie wiegt so schwer in meiner Magengegend, dass sie unwillkürlich den Hass in mir schürt. Was erwartet er denn von mir?! Was genau will er, dass ich tue? Ihn nicht als Valet vorstellen, ihn wie meinesgleichen behandeln wie ich es gerne tun würde?! Früher oder später würde Davies davon erfahren, das ist eine Magisteriumsveranstaltung zu der wir unterwegs sind. Wir würden Davies doch nur in die Karten spielen, wenn wir uns so verhalten?! Warum sonst hätte er das hier organisieren sollen?! Wenn er wirklich von unserer Bruderschaft weiß, dann ist jedes Bisschen an diesem Wochenende kalkuliert. Dann dient es zur moralischen Untergrabung von allem woran ich glaube. Dann wartet er auf Schwäche und Fehler. Was denkt Nico, dass wir uns das leisten könnten?! Ist es ihm denn nicht klar, wie viel hinter alledem steckt?! Er hat selbst festgestellt, dass es nicht mir wie damals im Wald ist. Warum hält er mir das dann jetzt vor?!

Die Wut frisst sich in meine Eingeweide während ich hinaus starre. Die vorbeiziehende Landschaft wird zu meinem ganz persönlichen Feind. Wie eine Verkörperung all dessen was Nico von mir erwartet. Er wird mich für feige halten. Dafür, dass mir meine Stellung im Magisterium wichtiger ist, als die gerade erst wiederentdeckte Beziehung zu ihm. Dabei ist sie das nicht. Ganz im Gegenteil. Aber das Magisterium ist mehr als nur mein Arbeitgeber. Mehr als nur der Rettungsring, der mich aus Aylesford gezogen hat. Ich frage mich wie viel er als Valet von den gefährlichen Seiten des Magisteriums mitbekommen hat. Von den Dingen zu denen es bereit ist um in seinen Reihen für Ordnung zu sorgen. Morde scheint er für wahrscheinlich zu halten, also könnte er doch auch eins und eins zusammenzählen.

Tatsächlich ist es für mich nicht so einfach wie es vielleicht aussieht. Ja, ich wollte einmal aufsteigen, ich wollte über Davies hinaus und ich wollte andere Dinge mit mir anfangen als sein Laufbursche zu sein. Und ja, Nascha hat den Gedanken, sich nach oben zu schummeln nie ganz aufgegeben. Sie hat sich daran festgehalten wie eine Ertrinkende während ich mich mit meinem Schicksal abgefunden habe und meiner Verbitterung damit Ausdruck verliehen habe, dass ich die Grenzen des Magisteriums ausgetestet und jede Vollmacht durch Davies bis zur äußersten Belastung ausgenutzt habe. Davies war ein Käfig und gleichzeitig mein eigenes Stück Freiheit. Die Arbeit für ihn ist wie ein Freifahrtsschein. Niemand fragt nach mir. Ich kann Regeln brechen ohne dass es geahndet wird. Höchstens Davies muss sich damit herum schlagen. Und dieser Luxus ist meine Rache dafür, dass ich bei ihm festhänge. Dass ich mit diesem Verhalten jede Chance auf Aufstieg verbaue, ist mir bewusst. Aber ich gestehe es mir selten ein. Es ist Naschas Lieblingsargument gegen mich. Aber während sie noch daran glaubt, dass wir uns nach oben arbeiten könnten, habe ich nicht einmal mehr den Wunsch irgendwohin zu kommen. Ich bin nicht glücklich. Nein, alles andere als das. Aber ich wüsste auch nicht wohin ich sonst gehen sollte. Was also zählt das alles? Ich weiß nur, dass ich so nah an der Klippe balanciere, so oft mit dem Feuer spiele, dass Nico der Funken sein könnte, der mich in die Tiefe stürzt. Es geht nicht um Prioritäten oder um die Wahl zwischen dem Magisterium und meinem Bruder. Es geht schlicht darum, nicht als nächster ermordet in einer Gasse zu liegen.

Fast höre ich Naschas Stimme in meinen Ohren. Wo ist denn der Unterschied dazwischen, dafür ermordet zu werden, dass ich meinen Valet wie einen Bruder behandle oder dafür ermordet zu werden, mit meinem abtrünnigen Valet das Magisterium zu erpressen? Sie würde meine Gedanken als einen Sieg auf voller Länge sehen. Aber es gibt Dinge, wie unsere Bruderschaft, die Nico und ich schon sehr lange geheim halten. Ich zumindest. Weil es unsere Familie ruinieren würde, wenn sie heraus kämen. Wenn der Skandal perfekt wäre. Es wäre die perfekte Rache an unserem Vater, genau das zu verursachen. Einen Skandal. Wenn es nicht auch uns beide und noch so viele andere mehr mit sich in den Abgrund ziehen würde. Ich frage mich ob ich es ertragen würde, das Gerede der ganzen Insel zu sein. Ob ich das "Bastard" in ihren Augen ertragen könnte. Und ob ich das selbe Nico zumuten wollen würde.

Für einen Moment kehrt Ruhe in meine Gedanken ein. Wie eine klärende Welle spült sie über den Hass, die Scham, die Frustration… Lässt Müdigkeit hinter sich zurück. Ich bin unfair, ich weiß es. Unwillkürlich denke ich an das was Nico vom Pakt erzählt hat und über seinen ehemaligen Arbeitgeber. An meine Vermutung, dass er nicht freiwillig die Fronten gewechselt haben könnte. Er kennt die harschen Kanten des Magisteriums mindestens so gut wie ich. Wenn nicht sogar besser. Nur, so frage ich mich, weshalb versteht er es dann nicht? Weshalb ist er dann so unwillig, unser Spiel zu spielen? Wird er von nun an jedes Mal schweigen, wenn ich ihm etwas sage? Wird er es genüsslich auskosten, wenn mir bei seinem „Sir“ ein Schauer über den Rücken läuft?!

Ich atme tief aus als ich plötzlich aus meiner Perspektive heraus gerissen werde und wie aus dem Nichts meine eigenen Gedanken vor mir liegen sehe. Davies hat längst sein Ziel erreicht. Ich zermartere bereits meinen eigenen Geist. Das werde ich kein Wochenende durchhalten. Ich habe nicht vor, die ganze Zeit über das „was wäre wenn“ zu grübeln ohne feste Anhaltspunkte zu haben. Ich brauche meine Kräfte da draußen in Sheffield. Ich werde nicht unnötig mehr grübeln als unbedingt notwendig.

Nicos Stimme holt mich aus dem finsteren Reich meiner Entschlüsse und Gedanken. Jetzt erst bemerke ich mit welchem finsteren Blick ich hinaus gesehen habe, wie sich die Muskeln auf meiner Stirn über den Brauen verkrampft haben. Vorsichtig löse ich sie und bemühe mich um einen neutralen Ausdruck. Ein Tunnel. Fenster hinunter klappen. Ich atme tief durch um mich in die Gegenwart zurück zu holen. Entschlossen, nicht länger lethargisch der Dinge zu harren, wende ich den Blick vom Fenster ab und betrachte den Jungen, wie er nun verwandelt im Abteil steht. Sein Haar ist noch immer ein verfilzter Haufen Locken, aber seine Kleidung sieht um einiges ordentlicher aus. Er trägt einen Anzug, der nicht komplett passt, aber doch besser als seine Lumpen. Ich sehe den Jungen mit seiner schmalen Nase und den großen Augen an und nicke ihm knapp zu. Eine kleine Anerkennung dafür, dass er jetzt ansehnlicher aussieht. Sein Gesicht ist nun endlich sauber. Wenn man sich den Kleinen so ansieht, ist er wirklich hübsch. Er wäre der Liebling aller Damen. Wäre der Junge wirklich in meinen Diensten, würden sich die Angebote für ihn überschlagen, davon bin ich überzeugt. Gut, dass der Junge uns bald verlassen wird.

Nur kurz frage ich mich woher Nico von diesem Tunnel weiß, aber ich stelle sein Wissen nicht infrage. Stattdessen stehe ich von meinem Platz auf, sehe hinaus. Ich kann ihn schon näher kommen sehen als der Zug in eine Kurve rattert. Ich greife nach oben, löse die Klappe des Fensters, klappe sie so hinunter, dass der Junge daran kommen wird. Ich sehe zu ihm hinunter. „Hier.“ Der Zug wird mit dem plötzlich lauten Scheppern der Räder auf den Gleisen von der Dunkelheit eines geziegelten Tunnels verschluckt. Es wird finster um uns herum. Der Zug verfügt noch nicht über embarisches Licht. Der Junge wird sich ein wenig strecken müssen um in der Dunkelheit seine Kleidung hinaus zu werfen.

Ich hätte nicht aufstehen müssen um dem Jungen zu helfen. Länger still sitzen zu bleiben, hätte ich allerdings nicht mehr ertragen. Ich spüre deutlich, dass ich endlich etwas tun muss, wenn ich nicht länger meinen Gedanken nachhängen will. Und damit will ich definitiv aufhören. Ich brauche das Gefühl von Kontrolle zurück um es dort einzusetzen wo ich mich im Augenblick noch als Gast in meinem eigenen Abteil fühle. Ich spüre wie die kühle Luft um meine Haare weht und sie in Unordnung bringt, die Strähnen aus dem sorgsam gebundenen Zopf in meinem Nacken zieht. Es ist mir egal. Es ist in Ordnung so. Die kühle Luft bringt mich ins Hier und Jetzt zurück. Ich spüre bereits wie es mir hilft etwas zu tun.

Nascha verlagert das Gewicht auf meiner Schulter, flattert kurz, ohne ihre Krallen aus meinem Sakko zu nehmen. Ich weiß genau, weshalb meine Anzüge alle in kürzester Zeit zerschlissene Schultern haben. Als der Zug rauschend den Lärm des dunklen Tunnels hinter sich lässt, hat sie das Haarband im Schnabel, das fast im Wind zu Boden gesegelt wäre. Ich werfe ihr einen Seitenblick zu, ziehe skeptisch eine Braue hoch und frage mich doch, woher die plötzliche Hilfsbereitschaft kommt. Wahrscheinlich hat sie nur Angst, ich könnte das ganze Sheffield-Wochenende ohne Haarband verbringen. Ich nehme es ihr knapp ab und schiebe es in eine Tasche meines Anzugs. Hier ist weit und breit kein Spiegel, es hätte sowieso keinen Sinn das Haar so wieder zusammen zu binden.  Stattdessen mache ich mich daran, das Fenster, das ich dem Jungen geöffnet habe, wieder zu schließen. Bis Sheffield kann es nicht mehr weit sein. Zeit sich zu überlegen, wo wir den Jungen am besten unterbringen…

[Bild: anisim10.png]


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The verification mission - von Anisim Langdon - 29.05.2020, 21:53
RE: The verification mission - von Rory Evening - 04.07.2020, 15:33
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RE: The verification mission - von Rory Evening - 15.11.2020, 09:48



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