Ich schiebe ihn zur Seite und konzentriere mich darauf, mir ins Gedächtnis zu rufen, welche kirchlichen Einrichtungen ich aus Sheffield kenne, die für eine Obhut des Jungen in Frage kämen. Als Nico das Wort an mich richtet und anbietet, sich um die Reste des Waschwassers zu kümmern, wende ich meinen konzentrierten Blick vom Fenster ab und zurück auf den Jungen und die Waschschüssel, vor der er kniet. Ich nicke zögernd, dann füge ich dem Worte hinzu. „Danke, Larkin.“ Das ist ernst gemeint. So seltsam es sich auch anfühlt, meinen Bruder Larkin zu nennen. Es geht mir unerwartet leicht von der Zunge. So als hätte es schon immer so sein sollen. Ich frage mich ob ich tatsächlich damit beginne, mich daran zu gewöhnen. Und im nächsten Atemzug, ob ich das gutheißen soll. Was, wenn ich mich nicht daran gewöhnen will? Ich wende den Blick ab, sehe zurück aus dem Fenster, um mich wieder den Gedanken an die Kirchen von Sheffield zu widmen.
Mit der Frage nach der Unterkunft des Jungen lenke ich mich ab, bis wir Sheffield erreichen. Unterwegs unternehme ich keinen weiteren Versuch, dem Jungen noch einmal zu entlocken, was er gesehen hat. Ich vermute, dass er nicht viel mehr zustande bringen würde als das was er mir bereits verraten hat, oder wenn doch, dann nicht in dieser Umgebung und nicht in so kurzer Zeit. Ich kann ihn ein Stück weit verstehen. Ich würde einem Fremden ebenfalls nicht all meine Geheimnisse anvertrauen, auch wenn er mich vor dem Rauswurf rettet. Und immerhin, es ist in Ordnung so. Er muss nur genau das was er mir gesagt hat, noch einmal wiedergeben wenn ich ihn dazu benötige. Bis dahin werden wir ihn irgendwo unterbringen. Nicht bei uns, wie der Junge es wünscht. Ich kann keinen ungezogenen Jungen auf dem Kongress gebrauchen. Nicht wenn ich die Magisteriumsvertretung Londons repräsentieren soll. Das bringt mir zwar selbst ebenso wenig Spaß, aber es ist nun einmal eine Tatsache und ich selbst bringe bereits genügend ununterdrückbare Unlust zu diesem Anlass mit an den Tisch, ein ungezogener Bediensteter würde das Maß überstrapazieren.
Der Zug rollt in langsamer werdendem, gleichmäßigem Rattern in den lichtdurchfluteten Bahnhof Sheffields ein. Im Bereich der Züge ist er mit Eisen und einem Glasdach gestaltet. Das Licht fällt hell und lockend durch die Scheiben hinunter auf Gleise und Bahnsteige. Der Rauch der Dampflokomotive wabert unter dem Glas entlang zu den Öffnungen des Daches über den Schienen und schwärzt die Kanten des Glases mit Ruß. Ich fühle mich tief einatmen, dann wende ich den Blick von den wartenden Menschen auf dem Gleis ab und richte ihn auf Nico und den Jungen, die jetzt, da wir in den Bahnhof eingefahren sind, im Halbdunkel liegen. „Larkin, bitte kümmern Sie sich um das Gepäck. Nehmen Sie den Jungen mit, er kann Ihnen zur Hand gehen und sich nützlich machen. Ich erwarte Sie draußen auf dem Bahnsteig.“ Die Anweisungen gehen mir ernst und sachlich über die Lippen. Als würde Sheffield diese Dinge einfacher machen. Dabei habe ich nicht das Gefühl. Möchte ich das Gefühl nicht haben. Dennoch sitzt Nascha vollkommen ruhig und schläfrig auf meiner Schulter. Ich kann ihre zufriedene Entspannung beinahe körperlich spüren. Mir geht es nicht so. Es ist als wäre eine Feder in mir angespannt, die mich aufrecht hält und bereit ist, los zu schnellen sobald es notwendig wird. Wir sind am Ziel, aber der schwierigste Teil beginnt erst jetzt.

