<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0" xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">
	<channel>
		<title><![CDATA[Society of Rudeness - Archiv]]></title>
		<link>https://society.bitethedust.de/</link>
		<description><![CDATA[Society of Rudeness - https://society.bitethedust.de]]></description>
		<pubDate>Fri, 03 Jul 2026 08:16:53 +0000</pubDate>
		<generator>MyBB</generator>
		<item>
			<title><![CDATA[My judge and jurors]]></title>
			<link>https://society.bitethedust.de/thread-23.html</link>
			<pubDate>Wed, 09 Feb 2022 22:16:04 +0100</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://society.bitethedust.de/member.php?action=profile&uid=7">Ardin James</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://society.bitethedust.de/thread-23.html</guid>
			<description><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Bring das zu deiner Ma, Jake, ja?“</span> Der Junge löste den Blick von meinen Händen, nahm die Schüssel von mir entgegen ohne mich anzusehen und umrundete Ben und Fred, die am Tisch saßen und Aufgaben ihrer Abendschule gemeinsam lösten, um die Schüssel zu Margory hinüber zu bringen, die den Inhalt, den ich zusammen geschnippelt hatte, in den Topf über dem Feuer schüttete. Sie fuhr dem Jungen mit der Hand durchs Haar bevor der sich abwandte und durch die offene Wohnungstür ins Treppenhaus strebte. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Komm zum Essen wieder, Jacob!“</span>, mahnte sie den Jungen, während er schon entschwand. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Hm“</span>, bekam sie zurück, dann war er fort. Samuel war unten im Hof. Er hatte gesagt er hätte Holz gefunden. Kein Wunder, dass Jacob auf und davon war.<br />
<br />
Mein Blick legte sich auf den Kohl in meinen Händen, den ich im Licht der Öllampe, die auch Ben und Fred im schwindenden Abendlicht Helligkeit spendete, kleinschnitt. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Spätestens wenn Onkel Otis auftaucht, ist er da als hättest du ihn bestellt. Klare Sache.“</span>, erklärte mein Fred jetzt vom Tisch aus. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Er soll es sich trotzdem nicht falsch angewöhnen.“</span>, erklärte Margory resolut und die Jungs steckten ihre Köpfe wieder zusammen. Onkel Otis. Natürlich. Wenn Onkel Otis kam, dann musste man zur Stelle sein. Aber wenn sein alter Herr nach Hause kam, dann schaffte der Junge es nicht an den Essenstisch. Margory war nur wegen mir so streng. Ich hatte Jacob schon des Öfteren ermahnt deswegen. Mit dem einzigen Ergebnis, dass Margory mich angefahren hatte weil ich den Jungen zu streng rügte. Weil ich doch wisse, dass er nicht in diesen Bahnen funktionierte. Mochte sein, dass dem so war, aber er würde irgendwann da draußen klar kommen müssen. Und ich machte mir Sorgen ob er das schaffen würde, wenn er in Bens und Freds Alter käme. Aber wenn Otis kam, dann schien all das keine Rolle mehr zu spielen. Weil Otis der mit dem Holz war. Der, der es als erstes mitgebracht hatte. Eigentlich für Ben. Aber sie liebten es wenn er schnitzte. Alle wie sie da waren. Überhaupt liebten sie Otis alle. Deshalb war er auch schon wieder zum Essen eingeladen. Als würde es nicht reichen, dass ich ihm jeden Tag über den Weg lief. Als würde es nicht reichen, dass ich mir sogar diese Abstellkammer von Büro mit ihm teilte. Und der Tag war lang gewesen. Ich hatte eine Weile nicht geschlafen – aus gutem Grund – und es fiel mir jeden Tag schwerer, mich zu konzentrieren. Ich versuchte es zu überspielen wann immer ich konnte, aber Rhode dem Bastard, fielen solche Dinge auf. Und er nutzte sie. Aber viel schlimmer: Margory fiel es auch auf. Es war mir egal wenn March meinte, ich sollte schlafen. Sie hatte keine Ahnung was ich sah wenn ich die Augen schloss. Und ich hatte ihr oft genug klar gemacht, dass sie davon nichts wusste. Sie hatte sich geschlagen gegeben. Zumindest solange ich funktionierte. Und ich funktionierte. Tadellos wie ich fand. Aber ich wusste, dass es nur einen Moment der Schwäche brauchte und sie würde es mir wieder vorhalten, als würde es nicht reichen, dass ich selber darunter litt. Die Müdigkeit hatte sich längst wieder tief in meine Knochen geschlichen, bereitete mir Kopfschmerzen und machte es schwer den Blick auf den Kohl und das Messer in meinen Händen zu fokussieren.<br />
<br />
Es brauchte nur diesen Moment der Unaufmerksamkeit. In dem sich meine Augen schlossen und die Klauen der Finsternis nach mir griffen, mein Kopf vornüber sackte und meine Hand mit dem Messer vom Tisch abglitt. Panisches Fauchen einer Katze und ich riss die Augen auf. War wieder hellwach. Riss mein Gleichgewicht zurück. Sah auf die leere Hand, die bis eben noch das Messer gehalten hatte. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„ARDIN!!!“</span>, schrie Margory und die Wände um uns herum schienen zu erzittern. Ich starrte an meiner Hand vorbei zu dem Messer, das in den Dielen am Boden steckte. Bentley hatte sich mauzend zu Margory in die Ecke des Herdfeuers verkrochen. Jackdaw erklärte mir vom Küchenschrank aus hilfsbereit, dass ich ihn beinahe erstochen hatte mit meinem Schlafanfall. Heilige Scheiße. Ich fuhr mir mit der Hand über das Gesicht. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„ARDIN! In Dreiteufelsnamen!“</span> Wieder Margory. Und die Luft im Raum schien gefroren zu sein. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Wenn du nur ein einziges Mal deinen verdammten Kopf einschalten und nachts die Augen schließen würdest anstatt am helllichten Tag!!! Du hättest beinahe Bentley erwischt!!!“</span> – <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Kein helllichter Tag.“</span>, protestierte ich nüchtern und richtete mich auf meinem Stuhl auf. Neben mir prallte scheppernd Keramik gegen die Wand und zersprang. Ich duckte mich reflexartig weg, hielt nach den Scherben Ausschau. Meine Brauen fanden von ganz allein den Weg zueinander um eine tiefe Furche auf meiner Stirn zu bilden. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Das war die Tasse meiner Mutter. Warum zerwirfst du die Tasse meiner Mutter?!“</span>, fragte ich fast ein wenig überrascht. Aber was mich wirklich wütend machte, war die Tatsache, dass sie es wegen solche Lapalien tat. Dann hatte ich eben Bentley verfehlt, na und? <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Der Kater lebt doch noch, March, verdammt nochmal! Was soll das, eh?“</span>, fragte ich und stand nun auf. Margory hielt sich nur schwerlich unter Kontrolle. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Was das soll?! Das ist dein Ernst, Ardin James?!!! Du fragst mich, was das soll?! Ich sage es dir immer wieder und ich sage es dir auch jetzt: leg dich verdammt nochmal schlafen!!!“</span> Verständnislos hob ich die Hände auf Schulterhöhe. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Was, warum?! Mir geht es gut, March!“</span> – <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Hör auf, dich dümmer zu stellen als du bist!!! Du bist am Tisch eingeschlafen!!!“</span> Sie warf mir das um die Ohren als wäre ich schwerhörig. Aber sie wusste ganz genau, dass ich Gründe hatte. Sie wusste es verdammt nochmal!!! Warum kam sie damit jetzt schon wieder an?! Nur wegen dem verdammten Kater?! <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„UND?! Ist doch nichts passiert, oder?!“</span> – <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Paa…“</span> Mein Kopf fuhr herum. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Sei still wenn ich mit deiner Mutter streite, Frederick!“</span> Ich zeigte mit dem Finger auf ihn und der Blick wirkte um den Zorn meines Jungen anzufachen, aber auch seine Disziplin zu ihm zurück zu bringen. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Lass Freddie da raus!!! Und ich sage es dir nochmal: du hast Bentley beinahe aufgespießt!!!“</span> Es war der vermaledeite Kater. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„UND?! Es geht ihm gut, oder?!“</span> Margory kochte. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„DAS HÄTTE AUCH EINES DEINER KINDER SEIN KÖNNEN, DU HORNOCHSE VON EINEM MANN!!!“</span> Jetzt standen wir einander gegenüber, jeder auf einer Seite des Tisches und brüllten uns an. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„KEINES MEINER KINDER WÄRE SO BLÖD!!!“</span> – <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„ACH JA?! Und was wenn Jacob wieder hoch gekommen wäre?! Sich neben dich gestellt hätte?! Hättest du ihn gehört in deinem nebligen Zustand?! Wärst du eingeschlafen und ihn hätte das Messer erwischt?!!“</span> – <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Natürlich hätte ich Jake gehört!!!“</span> Margory lachte bitter spöttisch auf. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Natürlich!“</span>, erklärte sie zynisch. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Ja!!!“</span> Sie verschränkte die Hände vor der Brust. <br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Du willst mir sagen, ich bin eine Gefahr für meine Kinder, ja?!“</span>, schlussfolgerte ich aus allem was sie mir bis jetzt um die Ohren geworfen hatte. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Ja.“</span>, antwortete Margory und sie klang fast abwartend provokant dabei. Ich presste die Kiefer zusammen vor Wut. Für einen Moment herrschte Stille während ich sie finster anstarrte. DAS warf sie mir vor. Dass ich nicht mehr unterscheiden konnte ob ich den Kater oder eins meiner Kinder abstach. So etwas musste ich mir anhören. Und das vor meinen eigenen Kindern. Dass ich die Gefahr mit nach Hause brachte. Dass ich die Gefahr war. Mit jedem meiner Atemzüge. Während ich – und der Gregor wusste das – jeden Atemzug nur für diese Familie tat. Ich hätte sie vor allem beschützt. Für jedes meiner Kinder hätte ich mein Leben gegeben. Und jetzt sollte ich die Gefahr sein?! Es war so still, dass ich meine eigenen Atemzüge hörte. Sogar Jackdaw auf dem Küchentisch saß vollkommen still da. Dabei würde sie mir später wieder hämisch all meine Verfehlungen vorhalten, aber das Federvieh hatte für den Moment nichts zu sagen.  <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Das denkst du?“</span>, presste ich mühsam beherrscht zwischen den Zähnen hervor. Ich sah Margory direkt in die Augen, sollte sie mir das ins Gesicht sagen ohne dabei zu blinzeln. Aber sie hielt meinem Blick eisern stand. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Das denke ich. Und das sage ich.“</span> Und ich starrte nur zurück.<br />
<br />
Ein Knarren an der Tür bei der Truhe. Ich ruckte mit dem Kopf hinüber. Wütend. Bereit, Jacob wenn nötig mit all meinem Zorn zurück in den Hof zu jagen, damit sich nicht noch eines meiner Kinder in meinen Streit mit meinem Eheweib einmischte, wie Frederick glaubte es tun zu können. Aber anstatt meinen Jungs oder Maude fiel mein Blick auf Rhode. Otis Rhode, der auf der Truhe saß.  Ausgerechnet. Schon wer weiß wie lange. Er war eingeladen, ja, aber… Hatte er das mit angehört?! Dass ich eine Gefahr für meine Kinder war?! Lachte er sich schon ins Fäustchen der Schuft?! Hart fühlte ich meine Brust eng werden während ich ihn wütend anstarrte. Ausgerechnet er noch, jetzt. Und ihn hatte ich auch nicht kommen gehört. Ich sah zu Margory zurück. Die hob nur eine Braue. Rhode war ihr Beweis genug. Ich war schon längst nicht mehr genügend bei Sinnen um meine Umwelt wahrzunehmen. Schön. Sehr schön. Ganz wunderbar, wie sich hier alles zurecht legte. Ich konnte ihr zeigen, wie es war wenn meine Sinne benebelt waren. Rau schabte mein Stuhl über den Boden als ich ihn grob zur Seite schob. Den Blick noch immer wütend auf Margory griff ich auf den Küchenschrank wo ich das Haushaltsgeld für den nächsten Tag abgelegt hatte, schob es mir in die Hosentasche und nahm Mantel und Hut vom Haken hinter der Tür. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Wenn du Ärger mit mir willst, dann gehst du jetzt Ardin. Dann brauchst du nicht zurück zu kommen.“</span> Ich sah Margory finster an und setzte demonstrativ den Hut auf den Kopf. Dann wandte ich mich ab und stieg raschen Schrittes und ohne mich ein weiteres Mal umzusehen die Treppe hinunter zum Hof.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Bring das zu deiner Ma, Jake, ja?“</span> Der Junge löste den Blick von meinen Händen, nahm die Schüssel von mir entgegen ohne mich anzusehen und umrundete Ben und Fred, die am Tisch saßen und Aufgaben ihrer Abendschule gemeinsam lösten, um die Schüssel zu Margory hinüber zu bringen, die den Inhalt, den ich zusammen geschnippelt hatte, in den Topf über dem Feuer schüttete. Sie fuhr dem Jungen mit der Hand durchs Haar bevor der sich abwandte und durch die offene Wohnungstür ins Treppenhaus strebte. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Komm zum Essen wieder, Jacob!“</span>, mahnte sie den Jungen, während er schon entschwand. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Hm“</span>, bekam sie zurück, dann war er fort. Samuel war unten im Hof. Er hatte gesagt er hätte Holz gefunden. Kein Wunder, dass Jacob auf und davon war.<br />
<br />
Mein Blick legte sich auf den Kohl in meinen Händen, den ich im Licht der Öllampe, die auch Ben und Fred im schwindenden Abendlicht Helligkeit spendete, kleinschnitt. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Spätestens wenn Onkel Otis auftaucht, ist er da als hättest du ihn bestellt. Klare Sache.“</span>, erklärte mein Fred jetzt vom Tisch aus. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Er soll es sich trotzdem nicht falsch angewöhnen.“</span>, erklärte Margory resolut und die Jungs steckten ihre Köpfe wieder zusammen. Onkel Otis. Natürlich. Wenn Onkel Otis kam, dann musste man zur Stelle sein. Aber wenn sein alter Herr nach Hause kam, dann schaffte der Junge es nicht an den Essenstisch. Margory war nur wegen mir so streng. Ich hatte Jacob schon des Öfteren ermahnt deswegen. Mit dem einzigen Ergebnis, dass Margory mich angefahren hatte weil ich den Jungen zu streng rügte. Weil ich doch wisse, dass er nicht in diesen Bahnen funktionierte. Mochte sein, dass dem so war, aber er würde irgendwann da draußen klar kommen müssen. Und ich machte mir Sorgen ob er das schaffen würde, wenn er in Bens und Freds Alter käme. Aber wenn Otis kam, dann schien all das keine Rolle mehr zu spielen. Weil Otis der mit dem Holz war. Der, der es als erstes mitgebracht hatte. Eigentlich für Ben. Aber sie liebten es wenn er schnitzte. Alle wie sie da waren. Überhaupt liebten sie Otis alle. Deshalb war er auch schon wieder zum Essen eingeladen. Als würde es nicht reichen, dass ich ihm jeden Tag über den Weg lief. Als würde es nicht reichen, dass ich mir sogar diese Abstellkammer von Büro mit ihm teilte. Und der Tag war lang gewesen. Ich hatte eine Weile nicht geschlafen – aus gutem Grund – und es fiel mir jeden Tag schwerer, mich zu konzentrieren. Ich versuchte es zu überspielen wann immer ich konnte, aber Rhode dem Bastard, fielen solche Dinge auf. Und er nutzte sie. Aber viel schlimmer: Margory fiel es auch auf. Es war mir egal wenn March meinte, ich sollte schlafen. Sie hatte keine Ahnung was ich sah wenn ich die Augen schloss. Und ich hatte ihr oft genug klar gemacht, dass sie davon nichts wusste. Sie hatte sich geschlagen gegeben. Zumindest solange ich funktionierte. Und ich funktionierte. Tadellos wie ich fand. Aber ich wusste, dass es nur einen Moment der Schwäche brauchte und sie würde es mir wieder vorhalten, als würde es nicht reichen, dass ich selber darunter litt. Die Müdigkeit hatte sich längst wieder tief in meine Knochen geschlichen, bereitete mir Kopfschmerzen und machte es schwer den Blick auf den Kohl und das Messer in meinen Händen zu fokussieren.<br />
<br />
Es brauchte nur diesen Moment der Unaufmerksamkeit. In dem sich meine Augen schlossen und die Klauen der Finsternis nach mir griffen, mein Kopf vornüber sackte und meine Hand mit dem Messer vom Tisch abglitt. Panisches Fauchen einer Katze und ich riss die Augen auf. War wieder hellwach. Riss mein Gleichgewicht zurück. Sah auf die leere Hand, die bis eben noch das Messer gehalten hatte. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„ARDIN!!!“</span>, schrie Margory und die Wände um uns herum schienen zu erzittern. Ich starrte an meiner Hand vorbei zu dem Messer, das in den Dielen am Boden steckte. Bentley hatte sich mauzend zu Margory in die Ecke des Herdfeuers verkrochen. Jackdaw erklärte mir vom Küchenschrank aus hilfsbereit, dass ich ihn beinahe erstochen hatte mit meinem Schlafanfall. Heilige Scheiße. Ich fuhr mir mit der Hand über das Gesicht. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„ARDIN! In Dreiteufelsnamen!“</span> Wieder Margory. Und die Luft im Raum schien gefroren zu sein. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Wenn du nur ein einziges Mal deinen verdammten Kopf einschalten und nachts die Augen schließen würdest anstatt am helllichten Tag!!! Du hättest beinahe Bentley erwischt!!!“</span> – <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Kein helllichter Tag.“</span>, protestierte ich nüchtern und richtete mich auf meinem Stuhl auf. Neben mir prallte scheppernd Keramik gegen die Wand und zersprang. Ich duckte mich reflexartig weg, hielt nach den Scherben Ausschau. Meine Brauen fanden von ganz allein den Weg zueinander um eine tiefe Furche auf meiner Stirn zu bilden. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Das war die Tasse meiner Mutter. Warum zerwirfst du die Tasse meiner Mutter?!“</span>, fragte ich fast ein wenig überrascht. Aber was mich wirklich wütend machte, war die Tatsache, dass sie es wegen solche Lapalien tat. Dann hatte ich eben Bentley verfehlt, na und? <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Der Kater lebt doch noch, March, verdammt nochmal! Was soll das, eh?“</span>, fragte ich und stand nun auf. Margory hielt sich nur schwerlich unter Kontrolle. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Was das soll?! Das ist dein Ernst, Ardin James?!!! Du fragst mich, was das soll?! Ich sage es dir immer wieder und ich sage es dir auch jetzt: leg dich verdammt nochmal schlafen!!!“</span> Verständnislos hob ich die Hände auf Schulterhöhe. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Was, warum?! Mir geht es gut, March!“</span> – <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Hör auf, dich dümmer zu stellen als du bist!!! Du bist am Tisch eingeschlafen!!!“</span> Sie warf mir das um die Ohren als wäre ich schwerhörig. Aber sie wusste ganz genau, dass ich Gründe hatte. Sie wusste es verdammt nochmal!!! Warum kam sie damit jetzt schon wieder an?! Nur wegen dem verdammten Kater?! <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„UND?! Ist doch nichts passiert, oder?!“</span> – <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Paa…“</span> Mein Kopf fuhr herum. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Sei still wenn ich mit deiner Mutter streite, Frederick!“</span> Ich zeigte mit dem Finger auf ihn und der Blick wirkte um den Zorn meines Jungen anzufachen, aber auch seine Disziplin zu ihm zurück zu bringen. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Lass Freddie da raus!!! Und ich sage es dir nochmal: du hast Bentley beinahe aufgespießt!!!“</span> Es war der vermaledeite Kater. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„UND?! Es geht ihm gut, oder?!“</span> Margory kochte. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„DAS HÄTTE AUCH EINES DEINER KINDER SEIN KÖNNEN, DU HORNOCHSE VON EINEM MANN!!!“</span> Jetzt standen wir einander gegenüber, jeder auf einer Seite des Tisches und brüllten uns an. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„KEINES MEINER KINDER WÄRE SO BLÖD!!!“</span> – <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„ACH JA?! Und was wenn Jacob wieder hoch gekommen wäre?! Sich neben dich gestellt hätte?! Hättest du ihn gehört in deinem nebligen Zustand?! Wärst du eingeschlafen und ihn hätte das Messer erwischt?!!“</span> – <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Natürlich hätte ich Jake gehört!!!“</span> Margory lachte bitter spöttisch auf. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Natürlich!“</span>, erklärte sie zynisch. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Ja!!!“</span> Sie verschränkte die Hände vor der Brust. <br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Du willst mir sagen, ich bin eine Gefahr für meine Kinder, ja?!“</span>, schlussfolgerte ich aus allem was sie mir bis jetzt um die Ohren geworfen hatte. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Ja.“</span>, antwortete Margory und sie klang fast abwartend provokant dabei. Ich presste die Kiefer zusammen vor Wut. Für einen Moment herrschte Stille während ich sie finster anstarrte. DAS warf sie mir vor. Dass ich nicht mehr unterscheiden konnte ob ich den Kater oder eins meiner Kinder abstach. So etwas musste ich mir anhören. Und das vor meinen eigenen Kindern. Dass ich die Gefahr mit nach Hause brachte. Dass ich die Gefahr war. Mit jedem meiner Atemzüge. Während ich – und der Gregor wusste das – jeden Atemzug nur für diese Familie tat. Ich hätte sie vor allem beschützt. Für jedes meiner Kinder hätte ich mein Leben gegeben. Und jetzt sollte ich die Gefahr sein?! Es war so still, dass ich meine eigenen Atemzüge hörte. Sogar Jackdaw auf dem Küchentisch saß vollkommen still da. Dabei würde sie mir später wieder hämisch all meine Verfehlungen vorhalten, aber das Federvieh hatte für den Moment nichts zu sagen.  <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Das denkst du?“</span>, presste ich mühsam beherrscht zwischen den Zähnen hervor. Ich sah Margory direkt in die Augen, sollte sie mir das ins Gesicht sagen ohne dabei zu blinzeln. Aber sie hielt meinem Blick eisern stand. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Das denke ich. Und das sage ich.“</span> Und ich starrte nur zurück.<br />
<br />
Ein Knarren an der Tür bei der Truhe. Ich ruckte mit dem Kopf hinüber. Wütend. Bereit, Jacob wenn nötig mit all meinem Zorn zurück in den Hof zu jagen, damit sich nicht noch eines meiner Kinder in meinen Streit mit meinem Eheweib einmischte, wie Frederick glaubte es tun zu können. Aber anstatt meinen Jungs oder Maude fiel mein Blick auf Rhode. Otis Rhode, der auf der Truhe saß.  Ausgerechnet. Schon wer weiß wie lange. Er war eingeladen, ja, aber… Hatte er das mit angehört?! Dass ich eine Gefahr für meine Kinder war?! Lachte er sich schon ins Fäustchen der Schuft?! Hart fühlte ich meine Brust eng werden während ich ihn wütend anstarrte. Ausgerechnet er noch, jetzt. Und ihn hatte ich auch nicht kommen gehört. Ich sah zu Margory zurück. Die hob nur eine Braue. Rhode war ihr Beweis genug. Ich war schon längst nicht mehr genügend bei Sinnen um meine Umwelt wahrzunehmen. Schön. Sehr schön. Ganz wunderbar, wie sich hier alles zurecht legte. Ich konnte ihr zeigen, wie es war wenn meine Sinne benebelt waren. Rau schabte mein Stuhl über den Boden als ich ihn grob zur Seite schob. Den Blick noch immer wütend auf Margory griff ich auf den Küchenschrank wo ich das Haushaltsgeld für den nächsten Tag abgelegt hatte, schob es mir in die Hosentasche und nahm Mantel und Hut vom Haken hinter der Tür. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Wenn du Ärger mit mir willst, dann gehst du jetzt Ardin. Dann brauchst du nicht zurück zu kommen.“</span> Ich sah Margory finster an und setzte demonstrativ den Hut auf den Kopf. Dann wandte ich mich ab und stieg raschen Schrittes und ohne mich ein weiteres Mal umzusehen die Treppe hinunter zum Hof.]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Foreign pilgrims]]></title>
			<link>https://society.bitethedust.de/thread-19.html</link>
			<pubDate>Thu, 20 Jan 2022 20:52:50 +0100</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://society.bitethedust.de/member.php?action=profile&uid=7">Ardin James</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://society.bitethedust.de/thread-19.html</guid>
			<description><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Wir müssen die ganze verdammte Strecke auch noch zurück, bei Satans zittrigem Arsch.“</span>, fluchte ich wütend wie ein Kesselflicker vor mich hin als wir endlich nach zwei Stunden Fußmarsch und bestimmt sieben Meilen, die hinter uns lagen, am Brockwell Park entlang liefen, auf der Suche nach der Hausnummer, die uns genannt worden war als wir uns zu dieser Ravenna Black durchgefragt hatten. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Und das kannst du dir nicht mal bezahlen lassen. Nenn mir einen Grund was wir hier unten tun sollten, der nicht die gesamte Met Police auf den Plan ruft, weil die H Division auf der falschen Seite des verflixten Flusses ermittelt?! Die würden uns ans Nordufer zurück setzen und uns mit freundlichen Worten einen Kompass in die Hand drücken, damit wir uns das nächste Mal nicht mehr verlaufen!“</span> Und tatsächlich waren wir auf der falschen Seite des Flusses. Auf der Südseite, um genau zu sein. Sowas von nicht unser Revier. Und darüber hinaus auch noch irgendwo bei Brixton. Hätte ich gewusst, dass wir einen Ausflug in eine andere Grafschaft machten, hätte ich mehr Geld mitgenommen. Cabs kosteten acht Pence die Meile. Hätte für uns fast fünf Schilling gemacht, nur um hierher zu kommen – rechnen konnte ich, der Navy und unsicheren Fähnrichen sei Dank! Einmal abgesehen von den anderen fünf Schilling, die es uns gekostet hätte, diesen gottverdammten Ort wieder zu verlassen, an dem jedes Haus seinen sauber gepflegten Gehsteig und seinen schmiedeeisernen Zaun besaß. Ich fragte mich, woran wir dieses Haus, das wir suchten, überhaupt erkennen sollten, wenn nicht an der Nummer, sahen sie doch alle gleich aus mit ihren weißen Fensterrahmen, den minzefarbenen Eingängen und ihren sauberen Fassaden. Mit dem Blick zählte ich die Hausnummern ab. <br />
<br />
Ich fand die richtige und blieb stehen.<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Das ist ein Scherz, oder?“</span>, fragte ich zweifelnd in diesem Tonfall, der sagte, dass ich wusste, wenn ich verarscht wurde. Ich blickte auf das Haus auf der anderen Straßenseite. Es war das einzige in der Reihe mit einer schwarzen Tür. <br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Die lassen sich alle eine Scheiße einfallen… Jeder was Neues.“</span> Wenn man es genau nahm, war eine schwarze Tür noch das harmloseste was wir bisher gesehen hatten von all den Scharlatanen, die wir bisher erfolglos besucht hatten. Allesamt hatten sie sich dunkle Zeichen für ihre Häuser und Wohnung einfallen lassen, alle hatten sie sich Hexen genannt, keiner war es gewesen. Wie ich dieses frustrierende Spiel hasste. Und jetzt eine schwarze Tür? <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Wenn die keine Hochstaplerin ist, weiß ich alles, Rhode.“</span>, meckerte ich weiter und ließ den Blick die Straße hinauf und hinunter wandern, als könnte uns irgendeiner beobachten und die Wetten annehmen, die von nun an abgeschlossen werden würden. Darauf ob wir die Strecke umsonst gemacht hatten, oder... Unwahrscheinlich. Ich war sicher, dass wir umsonst hier waren. Wegen nichts als einem Hirngespinst aus Otis‘ Kindheit von dem man nicht einmal mehr sagen konnte, ob er damals nicht einfach heftig auf den Bordstein geknallt war.<br />
<br />
Eine dunkle Kutsche rollte vorbei, zwei trabende Schimmel vorgespannt, die nicht zu vergleichen waren mit den Kleppern, die sich durch Whitechapel schleppten. Ich folgte ihnen mit dem Blick, wartete bis die Straße frei war, um sie dann gemeinsam mit Otis zu überqueren. Als wir am Zaun angekommen waren, flatterte Jackdaw vom Himmel herab. Ich schickte die Dohle ans Fenster. Sie ließ sich neugierig auf das Fenstersims hinab sinken, klappte ihre Flügel ein und stolzierte an der Glasscheibe entlang auf der Suche nach etwas, das sich dahinter im Inneren des Hauses verbergen mochte. Ich betrachtete die dunkle Tür vor uns, atmete tief durch, machte dann einen Schritt zur Seite um Otis den Vortritt zu lassen. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Bitte sehr der Herr, lassen Sie Ihre alte Bekannte nicht warten!“</span>, spottete ich finster und streckte den Arm in Richtung der Tür aus, die Höflichkeit in Person. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Sie verzehrt sich sicher schon nach dir.“</span>, biss ich ihm noch hinterhältig entgegen, um ihn die zwei Stunden Fußmarsch, die ich hinter mir hatte, noch einmal gehörig spüren zu lassen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Wir müssen die ganze verdammte Strecke auch noch zurück, bei Satans zittrigem Arsch.“</span>, fluchte ich wütend wie ein Kesselflicker vor mich hin als wir endlich nach zwei Stunden Fußmarsch und bestimmt sieben Meilen, die hinter uns lagen, am Brockwell Park entlang liefen, auf der Suche nach der Hausnummer, die uns genannt worden war als wir uns zu dieser Ravenna Black durchgefragt hatten. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Und das kannst du dir nicht mal bezahlen lassen. Nenn mir einen Grund was wir hier unten tun sollten, der nicht die gesamte Met Police auf den Plan ruft, weil die H Division auf der falschen Seite des verflixten Flusses ermittelt?! Die würden uns ans Nordufer zurück setzen und uns mit freundlichen Worten einen Kompass in die Hand drücken, damit wir uns das nächste Mal nicht mehr verlaufen!“</span> Und tatsächlich waren wir auf der falschen Seite des Flusses. Auf der Südseite, um genau zu sein. Sowas von nicht unser Revier. Und darüber hinaus auch noch irgendwo bei Brixton. Hätte ich gewusst, dass wir einen Ausflug in eine andere Grafschaft machten, hätte ich mehr Geld mitgenommen. Cabs kosteten acht Pence die Meile. Hätte für uns fast fünf Schilling gemacht, nur um hierher zu kommen – rechnen konnte ich, der Navy und unsicheren Fähnrichen sei Dank! Einmal abgesehen von den anderen fünf Schilling, die es uns gekostet hätte, diesen gottverdammten Ort wieder zu verlassen, an dem jedes Haus seinen sauber gepflegten Gehsteig und seinen schmiedeeisernen Zaun besaß. Ich fragte mich, woran wir dieses Haus, das wir suchten, überhaupt erkennen sollten, wenn nicht an der Nummer, sahen sie doch alle gleich aus mit ihren weißen Fensterrahmen, den minzefarbenen Eingängen und ihren sauberen Fassaden. Mit dem Blick zählte ich die Hausnummern ab. <br />
<br />
Ich fand die richtige und blieb stehen.<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Das ist ein Scherz, oder?“</span>, fragte ich zweifelnd in diesem Tonfall, der sagte, dass ich wusste, wenn ich verarscht wurde. Ich blickte auf das Haus auf der anderen Straßenseite. Es war das einzige in der Reihe mit einer schwarzen Tür. <br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Die lassen sich alle eine Scheiße einfallen… Jeder was Neues.“</span> Wenn man es genau nahm, war eine schwarze Tür noch das harmloseste was wir bisher gesehen hatten von all den Scharlatanen, die wir bisher erfolglos besucht hatten. Allesamt hatten sie sich dunkle Zeichen für ihre Häuser und Wohnung einfallen lassen, alle hatten sie sich Hexen genannt, keiner war es gewesen. Wie ich dieses frustrierende Spiel hasste. Und jetzt eine schwarze Tür? <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Wenn die keine Hochstaplerin ist, weiß ich alles, Rhode.“</span>, meckerte ich weiter und ließ den Blick die Straße hinauf und hinunter wandern, als könnte uns irgendeiner beobachten und die Wetten annehmen, die von nun an abgeschlossen werden würden. Darauf ob wir die Strecke umsonst gemacht hatten, oder... Unwahrscheinlich. Ich war sicher, dass wir umsonst hier waren. Wegen nichts als einem Hirngespinst aus Otis‘ Kindheit von dem man nicht einmal mehr sagen konnte, ob er damals nicht einfach heftig auf den Bordstein geknallt war.<br />
<br />
Eine dunkle Kutsche rollte vorbei, zwei trabende Schimmel vorgespannt, die nicht zu vergleichen waren mit den Kleppern, die sich durch Whitechapel schleppten. Ich folgte ihnen mit dem Blick, wartete bis die Straße frei war, um sie dann gemeinsam mit Otis zu überqueren. Als wir am Zaun angekommen waren, flatterte Jackdaw vom Himmel herab. Ich schickte die Dohle ans Fenster. Sie ließ sich neugierig auf das Fenstersims hinab sinken, klappte ihre Flügel ein und stolzierte an der Glasscheibe entlang auf der Suche nach etwas, das sich dahinter im Inneren des Hauses verbergen mochte. Ich betrachtete die dunkle Tür vor uns, atmete tief durch, machte dann einen Schritt zur Seite um Otis den Vortritt zu lassen. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Bitte sehr der Herr, lassen Sie Ihre alte Bekannte nicht warten!“</span>, spottete ich finster und streckte den Arm in Richtung der Tür aus, die Höflichkeit in Person. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Sie verzehrt sich sicher schon nach dir.“</span>, biss ich ihm noch hinterhältig entgegen, um ihn die zwei Stunden Fußmarsch, die ich hinter mir hatte, noch einmal gehörig spüren zu lassen.]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[The methods we employ]]></title>
			<link>https://society.bitethedust.de/thread-18.html</link>
			<pubDate>Thu, 20 Jan 2022 20:47:57 +0100</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://society.bitethedust.de/member.php?action=profile&uid=7">Ardin James</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://society.bitethedust.de/thread-18.html</guid>
			<description><![CDATA[Bisher war ich nur ein einziges Mal mit der Blackwall Railway gefahren, und zwar bei der Eröffnung der Strecke. Das war mittlerweile neun Jahre her, aber ich erinnere mich noch gut an die Art wie der Schaffner die nächste Station angekündigt hatte. Nächster Halt Cannon Street Road. Ich hatte mich gefragt, wenn du aus jedem Halt den du auf deinem Weg machst, eine Station machen würdest, was wäre das dann nur für eine Bahnstrecke? Tief philosophisch, ich weiß. Aber ich musste daran denken, als wir heute von unserer gewohnten Strecke abwichen und den Schwenk in Richtung Tower Hill machten.<br />
<br />
Die klobige Festung erhob sich auf einem sauber gepflegten Grün zwischen einigen Bäumen und Fußwegen, die so parkähnlich anmuteten, dass man hier förmlich riechen konnte, dass man das dicht bebaute East End verließ und wenig später weiter westlich das folgen würde, was man Central London nannte. Aber der Inhalt der Feste war ein so stolzer Teil der Spelunke Whitechapel, dass es die Londoner regelmäßig schockierte, die es wagten nicht nur ihre Besucher in das Gemäuer zu schicken, sondern auch selbst einmal einen Fuß hinein zu setzen. Es hatte also etwas von einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung – wie Frederick mir unlängst erklärt hatte – dass der Tower Teil unseres Distrikts war.<br />
<br />
Es war nicht ganz von Nachteil, dass die Dinge so standen. Der mehr oder minder heilige Sitz der Kronjuwelen ihrer Majestät – und ich hätte gerne gewusst, wie das biologisch möglich sein sollte – besaß schon aus Gründen des Status und – selbstverständlich – der Sicherheit wegen nicht nur eine eigene Militärabteilung, sondern auch eine Polizei. Männer, die sich verdient gemacht hatten, so etwas wie ihren Vorruhestand in den Mauern zu genießen, denn sie hatten nicht viel zu tun. Dafür waren sie umso geschäftstüchtiger. Und wo Geschäfte gemacht wurden, da war die H Division nicht weit. Unter Gesetzeshütern wusste man sich zu helfen.<br />
<br />
Heute allerdings waren wir nicht ihretwegen hier, obwohl wir bei ihnen Halt gemacht hatten, um nach dem Rechten zu sehen. Sondern wegen eines Rufs, der uns über einen Meldejungen erreicht hatte. Wieder einmal. Treffen im Park des Towers. Einen Namen hatte es dazu nicht gebraucht, Rhode und ich kannten ihn auch so. Ein guter Kunde, wenn man es denn so bezeichnen mochte. Charles Langford, Anwalt, Sohn einer gut situierten Familie und… Vampir.<br />
<br />
Es gab Dinge, die mich an meinem Hexerdasein zu tiefst störten, aber zu wissen dass Jackdaw die einzige sein würde, die mein Blut auf lange Sicht trinken würde, war doch ziemlich beruhigend. Von allen übernatürlichen Wesen, von denen ich wusste, empfand ich Vampire immer als am furchteinflößendsten. Sie hatten etwas an sich, das mich von Grund auf wachsam werden ließ. Charles Langford war davon keine Ausnahme. Aber man gewöhnte sich daran. Wie man sich daran gewöhnt, nie die Gasse hinter sich aus den Augen zu lassen, wenn man Tag für Tag durch das Labyrinth von Whitechapels Straßen wandert. Die Wachsamkeit wird zum vertrauten Begleiter. Man lebt damit. Und macht das Beste daraus. <br />
<br />
Charles Langford machte auch das Beste daraus.<br />
<br />
Und so stand ich im Park, nicht weit von den Mauern des Towers entfernt und sah vom Weg hinunter auf sauber angelegte Blumenreihen. Vor jeder der Pflanzen ein kleines metallenes Schild, auf dem in seltsamen Buchstabenkombinationen lateinische Namen für diese Pflanzen graviert waren. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Hey, schau dir das an.“</span>, sagte ich an Otis gewandt ohne den Blick von dem Schild zu heben, vor dem ich stand. Rhode hätte ja sonst doch nur dumm in der Gegend herum gestanden und Löcher in die Luft gestarrt während wir warteten. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Sag mir wie du das aussprechen würdest. Und sag mir, dass du keinen Knoten in der Zunge bekommen würdest, Rhode.“</span>, sagte ich in voller Ernsthaftigkeit, fast erbost als hätten diese Schilder mir persönlich etwas getan, deutete auf dieses hier hinunter und hob nun den Blick um Otis Rhode vorwurfsvoll anzusehen als wäre es auch seine verdammte Idee gewesen, diese Schilder aufzustellen]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[Bisher war ich nur ein einziges Mal mit der Blackwall Railway gefahren, und zwar bei der Eröffnung der Strecke. Das war mittlerweile neun Jahre her, aber ich erinnere mich noch gut an die Art wie der Schaffner die nächste Station angekündigt hatte. Nächster Halt Cannon Street Road. Ich hatte mich gefragt, wenn du aus jedem Halt den du auf deinem Weg machst, eine Station machen würdest, was wäre das dann nur für eine Bahnstrecke? Tief philosophisch, ich weiß. Aber ich musste daran denken, als wir heute von unserer gewohnten Strecke abwichen und den Schwenk in Richtung Tower Hill machten.<br />
<br />
Die klobige Festung erhob sich auf einem sauber gepflegten Grün zwischen einigen Bäumen und Fußwegen, die so parkähnlich anmuteten, dass man hier förmlich riechen konnte, dass man das dicht bebaute East End verließ und wenig später weiter westlich das folgen würde, was man Central London nannte. Aber der Inhalt der Feste war ein so stolzer Teil der Spelunke Whitechapel, dass es die Londoner regelmäßig schockierte, die es wagten nicht nur ihre Besucher in das Gemäuer zu schicken, sondern auch selbst einmal einen Fuß hinein zu setzen. Es hatte also etwas von einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung – wie Frederick mir unlängst erklärt hatte – dass der Tower Teil unseres Distrikts war.<br />
<br />
Es war nicht ganz von Nachteil, dass die Dinge so standen. Der mehr oder minder heilige Sitz der Kronjuwelen ihrer Majestät – und ich hätte gerne gewusst, wie das biologisch möglich sein sollte – besaß schon aus Gründen des Status und – selbstverständlich – der Sicherheit wegen nicht nur eine eigene Militärabteilung, sondern auch eine Polizei. Männer, die sich verdient gemacht hatten, so etwas wie ihren Vorruhestand in den Mauern zu genießen, denn sie hatten nicht viel zu tun. Dafür waren sie umso geschäftstüchtiger. Und wo Geschäfte gemacht wurden, da war die H Division nicht weit. Unter Gesetzeshütern wusste man sich zu helfen.<br />
<br />
Heute allerdings waren wir nicht ihretwegen hier, obwohl wir bei ihnen Halt gemacht hatten, um nach dem Rechten zu sehen. Sondern wegen eines Rufs, der uns über einen Meldejungen erreicht hatte. Wieder einmal. Treffen im Park des Towers. Einen Namen hatte es dazu nicht gebraucht, Rhode und ich kannten ihn auch so. Ein guter Kunde, wenn man es denn so bezeichnen mochte. Charles Langford, Anwalt, Sohn einer gut situierten Familie und… Vampir.<br />
<br />
Es gab Dinge, die mich an meinem Hexerdasein zu tiefst störten, aber zu wissen dass Jackdaw die einzige sein würde, die mein Blut auf lange Sicht trinken würde, war doch ziemlich beruhigend. Von allen übernatürlichen Wesen, von denen ich wusste, empfand ich Vampire immer als am furchteinflößendsten. Sie hatten etwas an sich, das mich von Grund auf wachsam werden ließ. Charles Langford war davon keine Ausnahme. Aber man gewöhnte sich daran. Wie man sich daran gewöhnt, nie die Gasse hinter sich aus den Augen zu lassen, wenn man Tag für Tag durch das Labyrinth von Whitechapels Straßen wandert. Die Wachsamkeit wird zum vertrauten Begleiter. Man lebt damit. Und macht das Beste daraus. <br />
<br />
Charles Langford machte auch das Beste daraus.<br />
<br />
Und so stand ich im Park, nicht weit von den Mauern des Towers entfernt und sah vom Weg hinunter auf sauber angelegte Blumenreihen. Vor jeder der Pflanzen ein kleines metallenes Schild, auf dem in seltsamen Buchstabenkombinationen lateinische Namen für diese Pflanzen graviert waren. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Hey, schau dir das an.“</span>, sagte ich an Otis gewandt ohne den Blick von dem Schild zu heben, vor dem ich stand. Rhode hätte ja sonst doch nur dumm in der Gegend herum gestanden und Löcher in die Luft gestarrt während wir warteten. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Sag mir wie du das aussprechen würdest. Und sag mir, dass du keinen Knoten in der Zunge bekommen würdest, Rhode.“</span>, sagte ich in voller Ernsthaftigkeit, fast erbost als hätten diese Schilder mir persönlich etwas getan, deutete auf dieses hier hinunter und hob nun den Blick um Otis Rhode vorwurfsvoll anzusehen als wäre es auch seine verdammte Idee gewesen, diese Schilder aufzustellen]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[dream a little dream]]></title>
			<link>https://society.bitethedust.de/thread-17.html</link>
			<pubDate>Thu, 20 Jan 2022 20:45:48 +0100</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://society.bitethedust.de/member.php?action=profile&uid=7">Ardin James</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://society.bitethedust.de/thread-17.html</guid>
			<description><![CDATA[<h2>Frederick Montagu-Scott</h2><br />
<br />
Gelegentlich haderte Frederick mit seiner Fähigkeit. Im Gegensatz zu Heilmagie oder der Fähigkeit, eines der Elemente zu manipulieren, erschien ihm seine Gabe des Traumwanderns oft als etwas unnütz, schließlich war es ihm damit nicht vergönnt, aktiv in Geschehnisse einzugreifen oder das Leid von Menschen zu lindern. Und Leid und Elend gab es viel in London, selbst in einem Stadtteil wie Marylebone. Doch hin und wieder gab es auch für ihn einen Auftrag, eine Aufgabe, mit der er einem Menschen etwas Gutes tun konnte. Meist handelte es sich dabei um Kinder, die schlecht träumten und bei denen entspannende Kräuteraufgüsse, Kerzen und Räucherwerke nicht halfen.<br />
Heute war wieder einer dieser Abende. Er hatte sich mit einem langen Spaziergang und einer Meditation versucht, auf seine Aufgabe vorzubereiten, den Kopf frei zu bekommen, denn nur so war es ihm möglich, in den Träumen nahezu Fremder zu wandeln. Seine Angestellten waren darüber informiert, dass der Hausherr nicht mehr gestört werden wollte und so hatte sich Frederick in seine Gemächer zurückgezogen. Nun lag er in der Mitte seines großen, aber nicht zu gemütlichen Bettes, konzentrierte sich auf die Person, deren Traum er besuchen wollte und atmete tief und langsam ein und aus. Es dauerte nicht lange, bis er in einen unruhigen Schlaf fiel.<br />
<br />
* * * * *<br />
<br />
Gleißendes Licht blendete Frederick und ein ohrenbetörendes Dröhnen erklang. Er kniff die Augen zusammen, hielt sich die Hand vor das Gesicht, doch es dauerte einige Momente, bis er sich an das helle Licht gewöhnt hatte. Das Dröhnen hingegen verschwand nicht. Das war nicht der Traum des 12-Jährigen Joshua, der furchtbare Angst vor dunklen Kellern hatte – was für eine Enttäuschung. Wieder einmal hatte es ihm an Konzentration gemangelt, wieder einmal war er im falschen Traum gelandet. Doch nun, wo er schon einmal hier war, konnte er wohl herausfinden, ob er für den armen Schlafenden etwas tun konnte. Er machte einige Schritte vorwärts. Seine Füße versanken im Sand, jeder einzelne Schritt fiel ihm unglaublich schwer. Frederick hatte das Gefühl, ihm müsse warm sein, doch obwohl er seine alltägliche Kleidung trug, fröstelte es ihm.<br />
Abermals kniff er die Augen zusammen, um seine Umgebung in Augenschein zu nehmen. Irgendwo müsste der Protagonist des Traumes sein, vielleicht konnte er dem Schlafenden seinen Albtraum nehmen, wenn er diesen fand. Am Horizont erschien eine schemenhafte Gestalt, nur schwer zu erkennen. Ob das der Träumende war? Oder doch eher ein albtraumhaftes Wesen?<br />
„Hallo!“, rief Frederick, um auf sich aufmerksam zu machen. Er war zwar nicht dazu in der Lage, Träume zu verändern, doch immerhin konnte er mit den Träumenden kommunizieren. Vielleicht würde er ja eine Antwort erhalten, trotz dem ohrenbetäubenden Lärms, der von überall und nirgendwo zu kommen schien.<br />
<br />
<br />
<h2>Ardin</h2><br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Ich komme gleich…“</span> Margory blieb im Halbdunkel in der Tür stehen, eine Hand am Türblatt, die andere am Rahmen. Und sie hatte diesen Blick in den Augen, den sie mir oft schenkte, wenn ich das sagte. Ich mochte nicht einmal hinsehen. Senkte nur den Blick von der letzten Kerze, die unsere Stube erhellte, hinunter auf den Küchentisch an dem ich saß. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Ardin…“</span>, sagte sie. Sie wusste, wenn sie mich nicht rief, dann würde ich den Rest der Nacht hier sitzen. Es war ihr müder Versuch mir all die tausend Dinge zu sagen, die sie mir so oft sagte, dass ich längst jedes davon auswendig wusste. Und sie wusste, dass ich sie wusste. Dass ich jedes einzelne ihrer Argumente kannte. Sie musste sie nicht einmal mehr aussprechen. Es reichte, dass sie meinen Namen sagte. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„March…“</span>, entgegnete ich in dem selben mahnenden Ton ohne meine Frau direkt anzusehen. Aber in meiner Stimme lag weit weniger Kraft als in ihrer, zu viel Müdigkeit, die sich mit einmischte.<br />
<br />
Sobald die Sonne unterging, wurde es am schlimmsten. Die Tage ließen sich gut überstehen, besonders wenn ich etwas mehr von Margorys Heiltränken nahm als ich sollte, kam ich klar, ohne den Verstand zu verlieren. Aber wenn die Sonne unterging – und es war September, die Tage wurden bereits kürzer – dann war es als hätte jemand einen Vorhang vor die Welt gelegt. Dann kamen die Bilder, die nicht da waren. Und die Rufe. Und ich wusste manchmal nicht was schlimmer war, dieser Zustand zwischen Wachen und Schlafen oder das Schlafen selbst. Es ist etwas anderes wenn du nicht deine eigenen Träume erlebst. Wenn es nicht deine Erlebnisse sind, die du siehst, wieder und wieder – oh ich hätte die Schlacht von Algier jederzeit liebend gern jede Nacht aufs Neue durchlebt, wenn es nur mein Traum gewesen wäre, mein eigener Kopf, in dem ich versank. Aber was mich verfolgte waren die Träume anderer Menschen. Und Menschen konnten finstere Dinge träumen. Ich habe viel gesehen in meinem Leben, aber ich habe in den Köpfen anderer Menschen Sachen gesehen, die mich nach dem Aufwachen würgen ließen. Es gibt Dinge, die ich nicht sehen möchte. Und es gibt nichts, das dich darauf vorbereiten könnte.<br />
<br />
Aber das Glück zu haben, traumlos zu schlafen, war mir selten vergönnt. Ich vermied das Schlafen generell daher so gut ich konnte. Margory wusste das. Und sie hatte schon viel argumentiert. Unsere heftigsten Streits hatten wir stets über dieses Thema gehabt und es hatte weite Kreise gezogen bis hin zu der Entscheidung selbst, die uns beide an diesen Punkt geführt hatte. Sie und mich. Und so war ihre Art meinen Namen zu sagen wie ein ganzer Satz, der da lautete „Fang nicht schon wieder so an, du weißt wohin das führt.“ Ich wusste, wohin das führt. Ja. Ich presste die Kiefer aufeinander, hob den Blick, sah erbittert in das flackernde Licht der Talgkerze. Atmete tief aus, dass die Flamme erzitterte. Ich fühlte die Müdigkeit in jedem meiner Glieder.<br />
<br />
Schließlich griff meine Hand ruppig nach der Kerze, ich schob den Stuhl scheppernd zurück als ich mit einer harten Bewegung vom Tisch aufstand, für einen Moment vergessend, dass die Kinder in der Kammer nebenan bereits tief und fest schliefen und wir uns um diese Uhrzeit in der Regel darum bemühten, sie nicht zu wecken, wenn ich es schon nicht zustande brachte, die Augen zu schließen obwohl sie danach schrien.<br />
<br />
Ich ging zur Tür, kontrollierte ob sie verschlossen war, klemmte die Bohle unter den Türgriff, die wir für den Zweifelsfall in der Nacht als Versicherung nutzten, dass niemand so schnell würde eindringen können. Sah ein letztes Mal grimmigen Blickes nach Jackdaw, die mit seligem Teufelsvertrauen vor dem Herd in Bentleys eingerollten Katerpfoten schlief. Margory wartete auf mich. Mit der Kerze an ihrem Henkel kam ich zu ihr. Sie nahm mich im Türrahmen in Empfang, legte mir kurz eine Hand auf die Wange, küsste mich auf die andere. Sie war größer als ich, es fiel ihr nicht schwer. Ich schob mich an ihr vorbei in unsere Schlafkammer.<br />
<br />
Als wir später im Bett lagen, Gesicht an Gesicht, sah ich sie nur an. Sie sah zurück. Ein Lächeln glitt über ihre wundervollen Lippen. Dann beugte ich mich zu ihr vor, gab ihr endlich den Kuss zurück, den ich ihr noch von der Tür her schuldete. Sie schlang ein Bein um meine Hüfte. Ein unfairer Trick von ihr, mich später zum Schlafen zu zwingen. Wirklich. Sie verwendete ihn gerne. Aber es funktionierte. Jedes Mal.<br />
<br />
* * * * *<br />
<br />
Tatsächlich ging es schnell. Ich hätte später nicht mehr sagen können, wann mir die Augen zugefallen waren oder wie ich von der Welt der Wachenden in die Welt der Träumenden abgedriftet war. Ich wusste nur, dass ich in der Wüste stand und Meilen um mich herum nichts als sanft gewellte Sanddünen sehen konnte. So hatte ich mir die Wüste nicht vorgestellt. Aber ich erkannte sie trotzdem. Wie ich erkannte, dass es nicht mein Traum war, in dem ich knöcheltief stand. Wie hätte es auch sein können? Was nicht hierher passte war die Kälte. Ich hatte Wolken vor dem Mund beim Ausatmen. Ich hatte schon von Eiswüsten gehört, aber in denen hatte in den Erzählungen selten Sand gelegen. Es war immer wieder erschreckend, wie wenig Sinn einiger Leute Träume ergaben. Keine dem Menschen bekannte Regel schien hier zu gelten.<br />
<br />
Mir fiel das Dröhnen auf. Jetzt erst erreichte es meine Sinne, als hätte mein Geist eine Zeit gebraucht, um vollständig hier anzukommen. Ich senkte den Blick auf ein sanftes Tal in den Dünen, an dessen Rand ich auf einer Erhöhung stand. Unter mir in dem Tal erhob sich mitten im Sand eine riesige Maschinerie, die mir gänzlich unbekannt war, aber in meinen Augen wie eine seltsam entartete Dampfmaschine wirkte. Sie schien dazu gemacht Stahl zu zermalmen, ein riesenhafter Hammer fiel immer und immer wieder im Takt der Kurbel der Dampfmaschine auf einen ebenso riesenhaften Amboss herab. Erbarmungslos fiel dröhnend Metall auf Metall. Schwer und unaufhaltsam. Wieder und wieder. Und wieder.<br />
<br />
Die Maschine musste Tonnen wiegen und versank doch nicht im Sand. Stattdessen hämmerte und arbeitete sie ohne dass jemand sie mit Kohlen gefüttert hätte. Wie ein riesenhaftes Monster schien es ein Eigenleben zu besitzen. Nicht länger menschengemacht.<br />
<br />
Vor seinem Amboss saß, erkannte ich jetzt, eine Gestalt. Schmächtig und ausgemergelt, und starrte wie paralysiert auf das immer wieder vor ihm aufeinander dröhnende Metall. So dicht vor seinem Gesicht knallte es zusammen, dass seine dünnen Haare bei jeder Bewegung wehten. Der Kerl musste der Träumende sein. Ich beneidete ihn keine Sekunde. Nun streckte er die Hand vor. Langsam als wollte er sie zwischen Hammer und Amboss schieben. Als wäre es die Bestimmung seiner Fingerknochen, zu Brei geschlagen zu werden. Ich spürte meine Augen größer werden. Das konnte der Junge nicht wirklich tun… Ich wollte etwas rufen, etwas tun, so wenig es auch nützen würde – die Träumenden hörten mich ja doch nie – vorstürzen, schreien aber –<br />
<br />
Da war eine Stimme. Ein Ruf. Hallo. Von irgendwo hinter mir. Irritiert wandte ich mich um. Und entdeckte inmitten der Unendlichkeit von Sand eine Gestalt. Ich kniff die Augen zusammen. Bildete sich der Träumende das ein? War das seine verrückte Fantasie? Aber das Tal in dem die Maschine stand war zu tief, der Kerl konnte die Gestalt sicher nicht einmal sehen. Jetzt wurde die Gestalt klarer sichtbar. Ein Mann. Vornehm gekleidet, in sauberer gut geschnittener Garderobe. Kurz sah ich an mir selbst hinunter als ich mich daran erinnerte, dass auch ich etwas am Körper tragen musste. Hose, Weste, ein bis zu den Ärmeln hochgekrempeltes Hemd, dessen Kragen offen stand. Nicht komplett unpässlich. Aber es wäre egal gewesen wenn, das hier war ein verdammter Traum, bei Luzifer noch eins!<br />
<br />
Misstrauisch sah ich dem Mann also entgegen. Er sah mich an. Ganz direkt. Nicht durch mich hindurch. Und er schien mich zu meinen mit seinem Anruf. DAS war allerdings ungewöhnlich. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Hallo…“</span>, erwiderte ich weiterhin misstrauisch. Ich hätte etwas Höflicheres sagen können, aber was sagte man wenn man nicht einmal wusste, welche Tageszeit es war? Stattdessen beließ ich es dabei und sah dem Näherkommen des Mannes weiter zu, bis ich nicht anders konnte, als festzustellen, dass er mich noch immer ansah. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Sie können mich sehen?“</span> Ich dachte an seine vornehme Kleidung, diese Art Herren, denen man im East End selten genug begegnete und fügte nach einem Moment des Zögerns nicht ohne Widerwillen ein <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Sir…“</span> hinzu.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Frederick Montagu-Scott</h2><br />
<br />
Gelegentlich haderte Frederick mit seiner Fähigkeit. Im Gegensatz zu Heilmagie oder der Fähigkeit, eines der Elemente zu manipulieren, erschien ihm seine Gabe des Traumwanderns oft als etwas unnütz, schließlich war es ihm damit nicht vergönnt, aktiv in Geschehnisse einzugreifen oder das Leid von Menschen zu lindern. Und Leid und Elend gab es viel in London, selbst in einem Stadtteil wie Marylebone. Doch hin und wieder gab es auch für ihn einen Auftrag, eine Aufgabe, mit der er einem Menschen etwas Gutes tun konnte. Meist handelte es sich dabei um Kinder, die schlecht träumten und bei denen entspannende Kräuteraufgüsse, Kerzen und Räucherwerke nicht halfen.<br />
Heute war wieder einer dieser Abende. Er hatte sich mit einem langen Spaziergang und einer Meditation versucht, auf seine Aufgabe vorzubereiten, den Kopf frei zu bekommen, denn nur so war es ihm möglich, in den Träumen nahezu Fremder zu wandeln. Seine Angestellten waren darüber informiert, dass der Hausherr nicht mehr gestört werden wollte und so hatte sich Frederick in seine Gemächer zurückgezogen. Nun lag er in der Mitte seines großen, aber nicht zu gemütlichen Bettes, konzentrierte sich auf die Person, deren Traum er besuchen wollte und atmete tief und langsam ein und aus. Es dauerte nicht lange, bis er in einen unruhigen Schlaf fiel.<br />
<br />
* * * * *<br />
<br />
Gleißendes Licht blendete Frederick und ein ohrenbetörendes Dröhnen erklang. Er kniff die Augen zusammen, hielt sich die Hand vor das Gesicht, doch es dauerte einige Momente, bis er sich an das helle Licht gewöhnt hatte. Das Dröhnen hingegen verschwand nicht. Das war nicht der Traum des 12-Jährigen Joshua, der furchtbare Angst vor dunklen Kellern hatte – was für eine Enttäuschung. Wieder einmal hatte es ihm an Konzentration gemangelt, wieder einmal war er im falschen Traum gelandet. Doch nun, wo er schon einmal hier war, konnte er wohl herausfinden, ob er für den armen Schlafenden etwas tun konnte. Er machte einige Schritte vorwärts. Seine Füße versanken im Sand, jeder einzelne Schritt fiel ihm unglaublich schwer. Frederick hatte das Gefühl, ihm müsse warm sein, doch obwohl er seine alltägliche Kleidung trug, fröstelte es ihm.<br />
Abermals kniff er die Augen zusammen, um seine Umgebung in Augenschein zu nehmen. Irgendwo müsste der Protagonist des Traumes sein, vielleicht konnte er dem Schlafenden seinen Albtraum nehmen, wenn er diesen fand. Am Horizont erschien eine schemenhafte Gestalt, nur schwer zu erkennen. Ob das der Träumende war? Oder doch eher ein albtraumhaftes Wesen?<br />
„Hallo!“, rief Frederick, um auf sich aufmerksam zu machen. Er war zwar nicht dazu in der Lage, Träume zu verändern, doch immerhin konnte er mit den Träumenden kommunizieren. Vielleicht würde er ja eine Antwort erhalten, trotz dem ohrenbetäubenden Lärms, der von überall und nirgendwo zu kommen schien.<br />
<br />
<br />
<h2>Ardin</h2><br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Ich komme gleich…“</span> Margory blieb im Halbdunkel in der Tür stehen, eine Hand am Türblatt, die andere am Rahmen. Und sie hatte diesen Blick in den Augen, den sie mir oft schenkte, wenn ich das sagte. Ich mochte nicht einmal hinsehen. Senkte nur den Blick von der letzten Kerze, die unsere Stube erhellte, hinunter auf den Küchentisch an dem ich saß. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Ardin…“</span>, sagte sie. Sie wusste, wenn sie mich nicht rief, dann würde ich den Rest der Nacht hier sitzen. Es war ihr müder Versuch mir all die tausend Dinge zu sagen, die sie mir so oft sagte, dass ich längst jedes davon auswendig wusste. Und sie wusste, dass ich sie wusste. Dass ich jedes einzelne ihrer Argumente kannte. Sie musste sie nicht einmal mehr aussprechen. Es reichte, dass sie meinen Namen sagte. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„March…“</span>, entgegnete ich in dem selben mahnenden Ton ohne meine Frau direkt anzusehen. Aber in meiner Stimme lag weit weniger Kraft als in ihrer, zu viel Müdigkeit, die sich mit einmischte.<br />
<br />
Sobald die Sonne unterging, wurde es am schlimmsten. Die Tage ließen sich gut überstehen, besonders wenn ich etwas mehr von Margorys Heiltränken nahm als ich sollte, kam ich klar, ohne den Verstand zu verlieren. Aber wenn die Sonne unterging – und es war September, die Tage wurden bereits kürzer – dann war es als hätte jemand einen Vorhang vor die Welt gelegt. Dann kamen die Bilder, die nicht da waren. Und die Rufe. Und ich wusste manchmal nicht was schlimmer war, dieser Zustand zwischen Wachen und Schlafen oder das Schlafen selbst. Es ist etwas anderes wenn du nicht deine eigenen Träume erlebst. Wenn es nicht deine Erlebnisse sind, die du siehst, wieder und wieder – oh ich hätte die Schlacht von Algier jederzeit liebend gern jede Nacht aufs Neue durchlebt, wenn es nur mein Traum gewesen wäre, mein eigener Kopf, in dem ich versank. Aber was mich verfolgte waren die Träume anderer Menschen. Und Menschen konnten finstere Dinge träumen. Ich habe viel gesehen in meinem Leben, aber ich habe in den Köpfen anderer Menschen Sachen gesehen, die mich nach dem Aufwachen würgen ließen. Es gibt Dinge, die ich nicht sehen möchte. Und es gibt nichts, das dich darauf vorbereiten könnte.<br />
<br />
Aber das Glück zu haben, traumlos zu schlafen, war mir selten vergönnt. Ich vermied das Schlafen generell daher so gut ich konnte. Margory wusste das. Und sie hatte schon viel argumentiert. Unsere heftigsten Streits hatten wir stets über dieses Thema gehabt und es hatte weite Kreise gezogen bis hin zu der Entscheidung selbst, die uns beide an diesen Punkt geführt hatte. Sie und mich. Und so war ihre Art meinen Namen zu sagen wie ein ganzer Satz, der da lautete „Fang nicht schon wieder so an, du weißt wohin das führt.“ Ich wusste, wohin das führt. Ja. Ich presste die Kiefer aufeinander, hob den Blick, sah erbittert in das flackernde Licht der Talgkerze. Atmete tief aus, dass die Flamme erzitterte. Ich fühlte die Müdigkeit in jedem meiner Glieder.<br />
<br />
Schließlich griff meine Hand ruppig nach der Kerze, ich schob den Stuhl scheppernd zurück als ich mit einer harten Bewegung vom Tisch aufstand, für einen Moment vergessend, dass die Kinder in der Kammer nebenan bereits tief und fest schliefen und wir uns um diese Uhrzeit in der Regel darum bemühten, sie nicht zu wecken, wenn ich es schon nicht zustande brachte, die Augen zu schließen obwohl sie danach schrien.<br />
<br />
Ich ging zur Tür, kontrollierte ob sie verschlossen war, klemmte die Bohle unter den Türgriff, die wir für den Zweifelsfall in der Nacht als Versicherung nutzten, dass niemand so schnell würde eindringen können. Sah ein letztes Mal grimmigen Blickes nach Jackdaw, die mit seligem Teufelsvertrauen vor dem Herd in Bentleys eingerollten Katerpfoten schlief. Margory wartete auf mich. Mit der Kerze an ihrem Henkel kam ich zu ihr. Sie nahm mich im Türrahmen in Empfang, legte mir kurz eine Hand auf die Wange, küsste mich auf die andere. Sie war größer als ich, es fiel ihr nicht schwer. Ich schob mich an ihr vorbei in unsere Schlafkammer.<br />
<br />
Als wir später im Bett lagen, Gesicht an Gesicht, sah ich sie nur an. Sie sah zurück. Ein Lächeln glitt über ihre wundervollen Lippen. Dann beugte ich mich zu ihr vor, gab ihr endlich den Kuss zurück, den ich ihr noch von der Tür her schuldete. Sie schlang ein Bein um meine Hüfte. Ein unfairer Trick von ihr, mich später zum Schlafen zu zwingen. Wirklich. Sie verwendete ihn gerne. Aber es funktionierte. Jedes Mal.<br />
<br />
* * * * *<br />
<br />
Tatsächlich ging es schnell. Ich hätte später nicht mehr sagen können, wann mir die Augen zugefallen waren oder wie ich von der Welt der Wachenden in die Welt der Träumenden abgedriftet war. Ich wusste nur, dass ich in der Wüste stand und Meilen um mich herum nichts als sanft gewellte Sanddünen sehen konnte. So hatte ich mir die Wüste nicht vorgestellt. Aber ich erkannte sie trotzdem. Wie ich erkannte, dass es nicht mein Traum war, in dem ich knöcheltief stand. Wie hätte es auch sein können? Was nicht hierher passte war die Kälte. Ich hatte Wolken vor dem Mund beim Ausatmen. Ich hatte schon von Eiswüsten gehört, aber in denen hatte in den Erzählungen selten Sand gelegen. Es war immer wieder erschreckend, wie wenig Sinn einiger Leute Träume ergaben. Keine dem Menschen bekannte Regel schien hier zu gelten.<br />
<br />
Mir fiel das Dröhnen auf. Jetzt erst erreichte es meine Sinne, als hätte mein Geist eine Zeit gebraucht, um vollständig hier anzukommen. Ich senkte den Blick auf ein sanftes Tal in den Dünen, an dessen Rand ich auf einer Erhöhung stand. Unter mir in dem Tal erhob sich mitten im Sand eine riesige Maschinerie, die mir gänzlich unbekannt war, aber in meinen Augen wie eine seltsam entartete Dampfmaschine wirkte. Sie schien dazu gemacht Stahl zu zermalmen, ein riesenhafter Hammer fiel immer und immer wieder im Takt der Kurbel der Dampfmaschine auf einen ebenso riesenhaften Amboss herab. Erbarmungslos fiel dröhnend Metall auf Metall. Schwer und unaufhaltsam. Wieder und wieder. Und wieder.<br />
<br />
Die Maschine musste Tonnen wiegen und versank doch nicht im Sand. Stattdessen hämmerte und arbeitete sie ohne dass jemand sie mit Kohlen gefüttert hätte. Wie ein riesenhaftes Monster schien es ein Eigenleben zu besitzen. Nicht länger menschengemacht.<br />
<br />
Vor seinem Amboss saß, erkannte ich jetzt, eine Gestalt. Schmächtig und ausgemergelt, und starrte wie paralysiert auf das immer wieder vor ihm aufeinander dröhnende Metall. So dicht vor seinem Gesicht knallte es zusammen, dass seine dünnen Haare bei jeder Bewegung wehten. Der Kerl musste der Träumende sein. Ich beneidete ihn keine Sekunde. Nun streckte er die Hand vor. Langsam als wollte er sie zwischen Hammer und Amboss schieben. Als wäre es die Bestimmung seiner Fingerknochen, zu Brei geschlagen zu werden. Ich spürte meine Augen größer werden. Das konnte der Junge nicht wirklich tun… Ich wollte etwas rufen, etwas tun, so wenig es auch nützen würde – die Träumenden hörten mich ja doch nie – vorstürzen, schreien aber –<br />
<br />
Da war eine Stimme. Ein Ruf. Hallo. Von irgendwo hinter mir. Irritiert wandte ich mich um. Und entdeckte inmitten der Unendlichkeit von Sand eine Gestalt. Ich kniff die Augen zusammen. Bildete sich der Träumende das ein? War das seine verrückte Fantasie? Aber das Tal in dem die Maschine stand war zu tief, der Kerl konnte die Gestalt sicher nicht einmal sehen. Jetzt wurde die Gestalt klarer sichtbar. Ein Mann. Vornehm gekleidet, in sauberer gut geschnittener Garderobe. Kurz sah ich an mir selbst hinunter als ich mich daran erinnerte, dass auch ich etwas am Körper tragen musste. Hose, Weste, ein bis zu den Ärmeln hochgekrempeltes Hemd, dessen Kragen offen stand. Nicht komplett unpässlich. Aber es wäre egal gewesen wenn, das hier war ein verdammter Traum, bei Luzifer noch eins!<br />
<br />
Misstrauisch sah ich dem Mann also entgegen. Er sah mich an. Ganz direkt. Nicht durch mich hindurch. Und er schien mich zu meinen mit seinem Anruf. DAS war allerdings ungewöhnlich. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Hallo…“</span>, erwiderte ich weiterhin misstrauisch. Ich hätte etwas Höflicheres sagen können, aber was sagte man wenn man nicht einmal wusste, welche Tageszeit es war? Stattdessen beließ ich es dabei und sah dem Näherkommen des Mannes weiter zu, bis ich nicht anders konnte, als festzustellen, dass er mich noch immer ansah. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Sie können mich sehen?“</span> Ich dachte an seine vornehme Kleidung, diese Art Herren, denen man im East End selten genug begegnete und fügte nach einem Moment des Zögerns nicht ohne Widerwillen ein <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Sir…“</span> hinzu.]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[The last juvenile night]]></title>
			<link>https://society.bitethedust.de/thread-16.html</link>
			<pubDate>Thu, 20 Jan 2022 20:42:32 +0100</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://society.bitethedust.de/member.php?action=profile&uid=7">Ardin James</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://society.bitethedust.de/thread-16.html</guid>
			<description><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Oranges and lemons?“</span>, fragte ich. <br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Say the bells of St. Clement´s!“</span>, antworteten mir vier meiner Kinder. <br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Bull´s eyes and targets?“</span> – <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Say the bells of St. Margaret´s!“</span> Nur Frederick und Ben blieben stumm und taten ein bisschen so als wären wir anderen nicht da. Sie hielten sich für zu alt für Kinderreime. Es war mir egal. Immerhin hatte Frederick noch genügend jüngere Geschwister, die sich noch nicht zu schade dafür waren, ihrem alten Herrn einen Gefallen zu tun. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Brickbats and Tiles!“</span> – <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Say the bells of St. Giles!“</span> Im Rufen schlug mein Jüngster, Enoch mir mit den Beinen gegen die Brust. Ich hatte ihn mir auf die Schultern gesetzt wo er sich sichtlich wohlfühlte. Mit sieben Jahren würde er bald zu groß dafür sein. Aber er kam nach seinem Vater und war bislang deutlich zu klein für sein Alter. Daran war ganz offensichtlich nicht alles schlecht. Ich legte dennoch versichernd die Hände um seine Beine. Damit er mir nicht herunter kippte. Und damit er seinen Vater nicht aus Versehen umbrachte. <br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Halfpence and farthings?“</span> – <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Say the Bells of St. Martin´s!“</span> Maude lief munter vor uns her und lieferte sich ein nicht all zu ernstes Fangenspiel mit Jackdaw. Ich hielt die Augen offen, damit sie mir nicht abhanden kam, nutzte Jackdaws Augen ab und an mit, um den Überblick zu behalten. Auf dem Weg hierher war ich strenger gewesen, hatte sie zusammen gehalten. Aber wir waren mittlerweile auf der Whitechapel Road und auf dem besten Wege zum Pavillion Theatre. Hier war die Straße breit und übersichtlich genug um die Zügel ein wenig zu lockern. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Old shoes and slippers?“</span> – <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Say the bells of St. Peter´s!”</span> Frederick verdrehte die Augen. Ich grinste munter. Vielleicht brachte es mir auch einfach Spaß, ihm peinlich zu sein. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Two sticks and an apple!“</span> – <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Say the bells of Whitechapel!!!“</span> Das glorreiche Finale und die Kinder wussten es. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Richtig!“</span> Ich grinste breit und löste eine Hand von Enochs Beinen um Jacob neben mir das Haar zu zerwuseln und damit seine Sonntagsfrisur zu zerstören. Er protestierte lautstark und ich grinste nur noch mehr, zufrieden mit meinem Werk. Der Reim ging noch weiter und endete unter anderem damit, dass jemand seinen Kopf verlor, aber der Abend war ja noch lang, also noch genug Zeit, um meinem Ältesten auf die Nerven zu gehen, der jetzt Seite an Seite mit Ben, Otis‘ Sohn zu Maude aufschloss um Abstand zu uns zu gewinnen. <br />
<br />
Die Kinder trugen Sonntagskleidung, ohne dass Sonntag gewesen wäre. Aber der Tag war trotzdem etwas Besonderes. Besser als Sonntag. Im Pavillion Theatre war Zirkus. Normalerweise gehörten die Tickets nicht gerade in Otis‘ oder meine Preisklasse. Die Kinder hatten schon des Öfteren schmachtend die Plakate angestarrt, die sie für die Programme des Theaters in der Whitechapel Road aufhängten, ohne dass wir ihnen diesen Wunsch je hätten erfüllen können. Oder wollen. Das Pavillion Theatre mochte in Whitechapel liegen, aber es hatte mit seiner Nachbarschaft wenig gemein. Die meisten seiner Besucher kamen von außerhalb um sich für ein paar Stunden dem Gefühl hinzugeben, in dem ärmsten Teil der Stadt auf Augenhöhe mit dem Pöbel zu sein. Nur der Pöbel durfte dabei nur niemals auf Augenhöhe mit ihnen kommen. Klare Sache. Und der Betreiber gab sich alle Mühe, ihnen dieses Erlebnis fleißig zu verkaufen. Er war sogar so munter dabei, dass er hin und wieder einfach vergaß, sich Lizenzen zu besorgen. Dafür musste man Verständnis haben, wenn jemand so bemüht um sein Geschäft war. Das konnte man auch, sehr gut sogar, man konnte dann sogar vergessen, dass es überhaupt keine Lizenzen gab, wenn man…. Ja, wenn man dafür freien Eintritt bekam. Für sich und für die Kinder. Tja, dann, ja dann konnte man durchaus Verständnis zeigen.<br />
<br />
Und so konnten wir unseren Kindern wenigstens einmal etwas bieten, das sie sich schon lange genug gewünscht hatten. Einmal im Jahr war es mir dann doch ein Vergnügen, meine Kinder zu verwöhnen. Selbst wenn ich gezwungen war, Otis Rhode dabei mitzunehmen. Aber immerhin war sein Sohn dabei. Wenn sich Otis aus dieser Sache heraus geredet hätte, dann hätte ich ihn also höchstpersönlich aus seiner verdammten Wohnung mit dem verdammten fließenden Wasser gezerrt und zum Pavillion Theatre geschleppt. Glücklicherweise war das nicht notwendig gewesen. Nicht bei Freikarten. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Und wir bekommen sicher ein Eis, Paps?“</span>, fragte Samuel und drehte sich zu mir um. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Ihr bekommt sowas von ein Eis, mein Junge.“</span>, erklärte ich inbrünstig während bereits der Eingang des Theaters in Sicht kam und schielte dann doch grinsend an Enochs Bein vorbei zu Mister Rhode rüber. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Und wenn ihr brav seid, dann organisiert euch Onkel Otis vielleicht sogar Souvenierkarten…“</span>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Oranges and lemons?“</span>, fragte ich. <br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Say the bells of St. Clement´s!“</span>, antworteten mir vier meiner Kinder. <br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Bull´s eyes and targets?“</span> – <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Say the bells of St. Margaret´s!“</span> Nur Frederick und Ben blieben stumm und taten ein bisschen so als wären wir anderen nicht da. Sie hielten sich für zu alt für Kinderreime. Es war mir egal. Immerhin hatte Frederick noch genügend jüngere Geschwister, die sich noch nicht zu schade dafür waren, ihrem alten Herrn einen Gefallen zu tun. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Brickbats and Tiles!“</span> – <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Say the bells of St. Giles!“</span> Im Rufen schlug mein Jüngster, Enoch mir mit den Beinen gegen die Brust. Ich hatte ihn mir auf die Schultern gesetzt wo er sich sichtlich wohlfühlte. Mit sieben Jahren würde er bald zu groß dafür sein. Aber er kam nach seinem Vater und war bislang deutlich zu klein für sein Alter. Daran war ganz offensichtlich nicht alles schlecht. Ich legte dennoch versichernd die Hände um seine Beine. Damit er mir nicht herunter kippte. Und damit er seinen Vater nicht aus Versehen umbrachte. <br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Halfpence and farthings?“</span> – <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Say the Bells of St. Martin´s!“</span> Maude lief munter vor uns her und lieferte sich ein nicht all zu ernstes Fangenspiel mit Jackdaw. Ich hielt die Augen offen, damit sie mir nicht abhanden kam, nutzte Jackdaws Augen ab und an mit, um den Überblick zu behalten. Auf dem Weg hierher war ich strenger gewesen, hatte sie zusammen gehalten. Aber wir waren mittlerweile auf der Whitechapel Road und auf dem besten Wege zum Pavillion Theatre. Hier war die Straße breit und übersichtlich genug um die Zügel ein wenig zu lockern. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Old shoes and slippers?“</span> – <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Say the bells of St. Peter´s!”</span> Frederick verdrehte die Augen. Ich grinste munter. Vielleicht brachte es mir auch einfach Spaß, ihm peinlich zu sein. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Two sticks and an apple!“</span> – <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Say the bells of Whitechapel!!!“</span> Das glorreiche Finale und die Kinder wussten es. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Richtig!“</span> Ich grinste breit und löste eine Hand von Enochs Beinen um Jacob neben mir das Haar zu zerwuseln und damit seine Sonntagsfrisur zu zerstören. Er protestierte lautstark und ich grinste nur noch mehr, zufrieden mit meinem Werk. Der Reim ging noch weiter und endete unter anderem damit, dass jemand seinen Kopf verlor, aber der Abend war ja noch lang, also noch genug Zeit, um meinem Ältesten auf die Nerven zu gehen, der jetzt Seite an Seite mit Ben, Otis‘ Sohn zu Maude aufschloss um Abstand zu uns zu gewinnen. <br />
<br />
Die Kinder trugen Sonntagskleidung, ohne dass Sonntag gewesen wäre. Aber der Tag war trotzdem etwas Besonderes. Besser als Sonntag. Im Pavillion Theatre war Zirkus. Normalerweise gehörten die Tickets nicht gerade in Otis‘ oder meine Preisklasse. Die Kinder hatten schon des Öfteren schmachtend die Plakate angestarrt, die sie für die Programme des Theaters in der Whitechapel Road aufhängten, ohne dass wir ihnen diesen Wunsch je hätten erfüllen können. Oder wollen. Das Pavillion Theatre mochte in Whitechapel liegen, aber es hatte mit seiner Nachbarschaft wenig gemein. Die meisten seiner Besucher kamen von außerhalb um sich für ein paar Stunden dem Gefühl hinzugeben, in dem ärmsten Teil der Stadt auf Augenhöhe mit dem Pöbel zu sein. Nur der Pöbel durfte dabei nur niemals auf Augenhöhe mit ihnen kommen. Klare Sache. Und der Betreiber gab sich alle Mühe, ihnen dieses Erlebnis fleißig zu verkaufen. Er war sogar so munter dabei, dass er hin und wieder einfach vergaß, sich Lizenzen zu besorgen. Dafür musste man Verständnis haben, wenn jemand so bemüht um sein Geschäft war. Das konnte man auch, sehr gut sogar, man konnte dann sogar vergessen, dass es überhaupt keine Lizenzen gab, wenn man…. Ja, wenn man dafür freien Eintritt bekam. Für sich und für die Kinder. Tja, dann, ja dann konnte man durchaus Verständnis zeigen.<br />
<br />
Und so konnten wir unseren Kindern wenigstens einmal etwas bieten, das sie sich schon lange genug gewünscht hatten. Einmal im Jahr war es mir dann doch ein Vergnügen, meine Kinder zu verwöhnen. Selbst wenn ich gezwungen war, Otis Rhode dabei mitzunehmen. Aber immerhin war sein Sohn dabei. Wenn sich Otis aus dieser Sache heraus geredet hätte, dann hätte ich ihn also höchstpersönlich aus seiner verdammten Wohnung mit dem verdammten fließenden Wasser gezerrt und zum Pavillion Theatre geschleppt. Glücklicherweise war das nicht notwendig gewesen. Nicht bei Freikarten. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Und wir bekommen sicher ein Eis, Paps?“</span>, fragte Samuel und drehte sich zu mir um. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Ihr bekommt sowas von ein Eis, mein Junge.“</span>, erklärte ich inbrünstig während bereits der Eingang des Theaters in Sicht kam und schielte dann doch grinsend an Enochs Bein vorbei zu Mister Rhode rüber. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Und wenn ihr brav seid, dann organisiert euch Onkel Otis vielleicht sogar Souvenierkarten…“</span>]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Only the winds]]></title>
			<link>https://society.bitethedust.de/thread-15.html</link>
			<pubDate>Thu, 20 Jan 2022 20:28:31 +0100</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://society.bitethedust.de/member.php?action=profile&uid=6">Otis Rhode</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://society.bitethedust.de/thread-15.html</guid>
			<description><![CDATA[Cyneburgs heiserer Atem folgte mir, ich konnte sie humpeln hören, aber ich drehte mich nicht zu ihr um. Ben hatte den Kopf in die Grube an meinem Hals gepresst. Er zitterte noch immer am ganzen Leib, aber er hatte aufgehört zu weinen, was ein gutes Zeichen war - schätzte ich jedenfalls. Mein Blick ging über unsere Umgebung, ich wusste, dass wir nicht anhalten sollten. Ich wusste wie gefährlich die Straßen bei Nacht waren - wenn einer wie ich es nicht wusste, wer dann? Aber genau aus diesem Grund <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">musste</span> ich anhalten. Gerade bei all der Gefahr und mit Ben in meinen Armen brauchte ich Cyneburg bei voller Kraft. Und das bedeutete, dass ich sie füttern musste. Im Schatten eines Hauses hielt ich inne, sah mich noch einmal um und setzte Ben dann ab. Er war wach, aber hielt sich trotz allem nur mühsam auf den Beinen. Meine Hand streifte über seinen Rücken, vorsichtig, bis ich sicher war, dass er nicht fiel, dann über seine Schulter, strich ihm zittrig über das dunkle Haar. Knochig und mager war er und ich erinnerte mich an den Anblick seiner Wunden und blauen Flecke und wünschte mir so inständig meine hexerische Fähigkeit wäre das Heilen. Doch ich war keine dieser sogenannten Weißen Hexen, mein Können war von weit destruktiverer Natur. Ben klammerte sich an Cyneburgs massiven Körper fest, seine Finger in ihrem dichten Fell vergraben und ich ließ ihn los, drehte mich weg von ihm. Das Messer fand so routiniert in meine Finger, es fühlte sich fast vertraut an. Beruhigend, während die Anspannung mir wie winzige Käfer unter der Haut juckte. Mir den Atem dünn werden ließ. Ich schob meinen linken Ärmel hoch, Cyneburgs riesenhafter Schädel wandte sich mir zu. Ihre dunkle Nase zuckte gierig, als ich den Schnitt setzte und das Blut zu fließen begann. Die raue Zunge der Hündin leckte jeden Tropfen von meiner Haut und ich wartete, bis ihr Hunger gestillt war.<br />
<br />
Natürlich hörte der tiefe Schnitt deswegen nicht auf zu bluten, aber ich hatte nichts bei mir, die Wunde zu versorgen. Keine Zeit dafür. Unbedeutend. Ich zog den Ärmel grob wieder nach vorne, steckte das Messer nach einem kurzen absichernden Blick über die Umgebung wieder ein. Zurück zu Ben drehte ich mich, der sich noch immer an Cyneburg fest klammerte, als hätte er vor sie nie wieder los zu lassen. Er kannte die Hündin seit er ein kleiner Wurm gewesen war, ich erinnerte mich daran, wie ich das Vieh zum ersten Mal dabei ertappt hatte, dass sie wie ein dunkle Wächterin Seite an Seite mit dem Jungen geschlafen hatte. Erst da hatte sie Judiths Wohlwollen erringen können. Judith... Taub und orientierungslos schloss ich für einen Moment die Augen. Doch schon im nächsten Augenblick schüttelte ich unwirsch den Kopf. Ging vor Ben in die Hocke, blickte in seine fast apathisch dahin starrenden rehbraunen Augen und nahm ihn vorsichtig in den Arm, während Cyneburg für uns beide Wache hielt. Kleine Arme erwiderten die Umarmung, ein warmer, schwacher Körper, der sich an mich presste und der Gedanke traf mich mit entsetzlicher Klarheit: Ich musste den Jungen von der Straße bekommen. Ich war ziellos umhergewandert seit ich die Wohnung meiner Schwägerin hinter mir gelassen hatte. Die Dunkelheit war längst hereingebrochen, durchbrochen nur von den sporadischen Lichtkegeln der Gaslaternen. Der Junge musste von der Straße. Aber ich hatte nur meine eigene klamme Wohnung, die ich in den frühen Morgenstunden schon wieder würde verlassen müssen, zu einer Arbeit, die so bedeutungslos sie mir seit den vergangenen Wochen auch erscheinen mochte, doch des Jungen und mein einziges Brot war. Aber was, wenn ich in wenigen Stunden zu gehen hatte, was dann? Wer würde dann auf meinen armen, geschundenen Jungen Acht geben? Ich hatte nur Cyneburg und was sie auch bereit wäre für den Jungen zu tun, sie war nun mal nicht von menschlicher Gestalt. <br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Na, komm“</span>, flüsterte ich heiser, nahm den Jungen wieder hoch, trug ihn weiter durch die dunklen Gassen und Straßen, bis seine tiefen Atemzüge gegen meine Brust mir irgendwann sagten, dass er eingeschlafen sein musste. Und meine Füße trugen mich weiter, immer noch weiter durch die Nacht. Und dass sie ein Ziel gefunden hatten, erreichte meinen leeren Schädel erst, als sie endlich anhielten. Meine Arme fühlten sich längst taub an, meine linke Hand feucht von meinem eigenen Blut und ich bemerkte erst, dass ich zitterte, als ich die Faust hob und an die Tür vor mir klopfte, mit der anderen Hand weiter meinen schlafenden Jungen haltend, Cyneburg dicht an unserer Seite. Und mein gehetzter Blick, der unstet nach irgendeinem entfernten Fokus suchte.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[Cyneburgs heiserer Atem folgte mir, ich konnte sie humpeln hören, aber ich drehte mich nicht zu ihr um. Ben hatte den Kopf in die Grube an meinem Hals gepresst. Er zitterte noch immer am ganzen Leib, aber er hatte aufgehört zu weinen, was ein gutes Zeichen war - schätzte ich jedenfalls. Mein Blick ging über unsere Umgebung, ich wusste, dass wir nicht anhalten sollten. Ich wusste wie gefährlich die Straßen bei Nacht waren - wenn einer wie ich es nicht wusste, wer dann? Aber genau aus diesem Grund <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">musste</span> ich anhalten. Gerade bei all der Gefahr und mit Ben in meinen Armen brauchte ich Cyneburg bei voller Kraft. Und das bedeutete, dass ich sie füttern musste. Im Schatten eines Hauses hielt ich inne, sah mich noch einmal um und setzte Ben dann ab. Er war wach, aber hielt sich trotz allem nur mühsam auf den Beinen. Meine Hand streifte über seinen Rücken, vorsichtig, bis ich sicher war, dass er nicht fiel, dann über seine Schulter, strich ihm zittrig über das dunkle Haar. Knochig und mager war er und ich erinnerte mich an den Anblick seiner Wunden und blauen Flecke und wünschte mir so inständig meine hexerische Fähigkeit wäre das Heilen. Doch ich war keine dieser sogenannten Weißen Hexen, mein Können war von weit destruktiverer Natur. Ben klammerte sich an Cyneburgs massiven Körper fest, seine Finger in ihrem dichten Fell vergraben und ich ließ ihn los, drehte mich weg von ihm. Das Messer fand so routiniert in meine Finger, es fühlte sich fast vertraut an. Beruhigend, während die Anspannung mir wie winzige Käfer unter der Haut juckte. Mir den Atem dünn werden ließ. Ich schob meinen linken Ärmel hoch, Cyneburgs riesenhafter Schädel wandte sich mir zu. Ihre dunkle Nase zuckte gierig, als ich den Schnitt setzte und das Blut zu fließen begann. Die raue Zunge der Hündin leckte jeden Tropfen von meiner Haut und ich wartete, bis ihr Hunger gestillt war.<br />
<br />
Natürlich hörte der tiefe Schnitt deswegen nicht auf zu bluten, aber ich hatte nichts bei mir, die Wunde zu versorgen. Keine Zeit dafür. Unbedeutend. Ich zog den Ärmel grob wieder nach vorne, steckte das Messer nach einem kurzen absichernden Blick über die Umgebung wieder ein. Zurück zu Ben drehte ich mich, der sich noch immer an Cyneburg fest klammerte, als hätte er vor sie nie wieder los zu lassen. Er kannte die Hündin seit er ein kleiner Wurm gewesen war, ich erinnerte mich daran, wie ich das Vieh zum ersten Mal dabei ertappt hatte, dass sie wie ein dunkle Wächterin Seite an Seite mit dem Jungen geschlafen hatte. Erst da hatte sie Judiths Wohlwollen erringen können. Judith... Taub und orientierungslos schloss ich für einen Moment die Augen. Doch schon im nächsten Augenblick schüttelte ich unwirsch den Kopf. Ging vor Ben in die Hocke, blickte in seine fast apathisch dahin starrenden rehbraunen Augen und nahm ihn vorsichtig in den Arm, während Cyneburg für uns beide Wache hielt. Kleine Arme erwiderten die Umarmung, ein warmer, schwacher Körper, der sich an mich presste und der Gedanke traf mich mit entsetzlicher Klarheit: Ich musste den Jungen von der Straße bekommen. Ich war ziellos umhergewandert seit ich die Wohnung meiner Schwägerin hinter mir gelassen hatte. Die Dunkelheit war längst hereingebrochen, durchbrochen nur von den sporadischen Lichtkegeln der Gaslaternen. Der Junge musste von der Straße. Aber ich hatte nur meine eigene klamme Wohnung, die ich in den frühen Morgenstunden schon wieder würde verlassen müssen, zu einer Arbeit, die so bedeutungslos sie mir seit den vergangenen Wochen auch erscheinen mochte, doch des Jungen und mein einziges Brot war. Aber was, wenn ich in wenigen Stunden zu gehen hatte, was dann? Wer würde dann auf meinen armen, geschundenen Jungen Acht geben? Ich hatte nur Cyneburg und was sie auch bereit wäre für den Jungen zu tun, sie war nun mal nicht von menschlicher Gestalt. <br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Na, komm“</span>, flüsterte ich heiser, nahm den Jungen wieder hoch, trug ihn weiter durch die dunklen Gassen und Straßen, bis seine tiefen Atemzüge gegen meine Brust mir irgendwann sagten, dass er eingeschlafen sein musste. Und meine Füße trugen mich weiter, immer noch weiter durch die Nacht. Und dass sie ein Ziel gefunden hatten, erreichte meinen leeren Schädel erst, als sie endlich anhielten. Meine Arme fühlten sich längst taub an, meine linke Hand feucht von meinem eigenen Blut und ich bemerkte erst, dass ich zitterte, als ich die Faust hob und an die Tür vor mir klopfte, mit der anderen Hand weiter meinen schlafenden Jungen haltend, Cyneburg dicht an unserer Seite. Und mein gehetzter Blick, der unstet nach irgendeinem entfernten Fokus suchte.]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Trouble's what you're in]]></title>
			<link>https://society.bitethedust.de/thread-14.html</link>
			<pubDate>Thu, 20 Jan 2022 19:46:30 +0100</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://society.bitethedust.de/member.php?action=profile&uid=6">Otis Rhode</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://society.bitethedust.de/thread-14.html</guid>
			<description><![CDATA[Es war ein Glücksgriff gewesen, aber kein unkalkulierter. Als ich die Leman Street an diesem Morgen betreten hatte, war im Zwielicht der Dämmerung noch das spärliche Licht der Gaslaternen verklungen. Auf diese Weise war es mir gelungen mir den Sergeant der Nachtschicht samt seiner noch tintenfrischen Aufzeichnungen bei Seite zu ziehen. Ein stämmiger junger Mann, der nun neben mir vor der vom Rest der Polizeistation abgetrennten Räumlichkeit des Superintendants, Chief der H Division, stand. Aus dem Augenwinkel konnte ich den unruhigen Blicke des Sergeants sehen, während ich in die Aufzeichnungen über die Meldungen der Nacht vertieft war, eine dicht beschriebene Seite Papier. Es fiel mir schwer die Buchstaben zu entziffern, aber dem anderen Mann, der mit mir vor dem Raum wartete, würdige ich dennoch keines Blickes, trotz Cyneburgs kluger Ratschläge, doch lieber Ardin das Schriftstück zu lesen zu geben. Ich wusste selbst, dass Ardin besser lesen konnte, ganz ohne den dämlichen Köter der neben mir saß. Ich würde mir gerade deswegen nicht die Blöße geben ihm den Aufschrieb hinüber zu reichen. Für einen Moment sah ich auf, mehr um meinen Augen eine kurze Pause von der Tortur durch winzige tintenblaue Schnörkel zu gönnen. Ich sah dem Sergeant ausdruckslos in das blasse Gesicht. Er war müde und ausgezerrt von der Schicht, er wollte heim zu seiner Familie, das war ihm anzusehen, aber da war noch etwas anderes. Cyneburgs riesenhafte dunkle Nase streckte sich dem Mann aufdringlich witternd entgegen, aber ich brauchte sie nicht, um so viel offensichtliche Nervosität zu bemerken. Der Sergeant wandte den Blick knapp zur Seite ab, hin zur Tür des Superintendants. Er konnte nicht wissen, dass nicht er der Grund war aus dem sie hier warteten, aber ich sah keinen Zweck darin ihn aufzuklären. Ich machte mich weiter daran die Meldungen durchzugehen. Noch hatte ich nichts auffälliges erkennen können, aber die Unregelmäßigkeiten der letzten Wochen häuften sich.<br />
<br />
Die Unregelmäßigkeiten waren nicht das Problem. Aber das Geschäft mit diesen Unregelmäßigkeiten war ein sensibles Konstrukt und Geld und Gefälligkeiten mit denen jene meist zusammenhingen hatten ihre eigene Flussrichtung. Sie ging bis hoch an die Spitze und tröpfelte erst dann zurück nach unten. Von so etwas hatte die ganze Division zu profitieren, es konnte nicht angehen, dass ein paar einzelne Officer der Nachtschicht die Tasche aufhielten ohne dass die höheren Ränge davon erfuhren. Einfaches Prinzip, doch seit kurzem hatte es den Anschein, dass ein paar Elemente der Division daran erinnert werden wollten. Ich blieb an einem Eintrag hängen, las ihn ein zweites Mal. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Reinkommen“</span>, bellte es in diesem Augenblick tief und ungehalten von hinter der Türe, der Sergeant zuckte zusammen. Ich zog die Oberlippe höher, presste die Zunge einen Moment unzufrieden gegen die Frontzähne, noch ohne den Blick von den Unterlagen abzuwenden. Ich las das letzte Wort ein weiteres Mal, dann gab ich den Aufschrieb kommentarlos dem Sergeant zurück und ließ den Mann stehen. Ein Constable hatte  die Tür geöffnet, bevor er scheinbar mit Anweisungen des Chiefs diensteifrig davon geeilt war und ich trat in Begleitung von Cyneburg in den Raum, noch immer peinlich darum bemüht die Illusion aufrecht zu erhalten, dass ich allein anzutreten hatte. Die Wahrheit würde mir mit genug Pech noch für den Rest des Tages wie die Pest am Arsch hängen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[Es war ein Glücksgriff gewesen, aber kein unkalkulierter. Als ich die Leman Street an diesem Morgen betreten hatte, war im Zwielicht der Dämmerung noch das spärliche Licht der Gaslaternen verklungen. Auf diese Weise war es mir gelungen mir den Sergeant der Nachtschicht samt seiner noch tintenfrischen Aufzeichnungen bei Seite zu ziehen. Ein stämmiger junger Mann, der nun neben mir vor der vom Rest der Polizeistation abgetrennten Räumlichkeit des Superintendants, Chief der H Division, stand. Aus dem Augenwinkel konnte ich den unruhigen Blicke des Sergeants sehen, während ich in die Aufzeichnungen über die Meldungen der Nacht vertieft war, eine dicht beschriebene Seite Papier. Es fiel mir schwer die Buchstaben zu entziffern, aber dem anderen Mann, der mit mir vor dem Raum wartete, würdige ich dennoch keines Blickes, trotz Cyneburgs kluger Ratschläge, doch lieber Ardin das Schriftstück zu lesen zu geben. Ich wusste selbst, dass Ardin besser lesen konnte, ganz ohne den dämlichen Köter der neben mir saß. Ich würde mir gerade deswegen nicht die Blöße geben ihm den Aufschrieb hinüber zu reichen. Für einen Moment sah ich auf, mehr um meinen Augen eine kurze Pause von der Tortur durch winzige tintenblaue Schnörkel zu gönnen. Ich sah dem Sergeant ausdruckslos in das blasse Gesicht. Er war müde und ausgezerrt von der Schicht, er wollte heim zu seiner Familie, das war ihm anzusehen, aber da war noch etwas anderes. Cyneburgs riesenhafte dunkle Nase streckte sich dem Mann aufdringlich witternd entgegen, aber ich brauchte sie nicht, um so viel offensichtliche Nervosität zu bemerken. Der Sergeant wandte den Blick knapp zur Seite ab, hin zur Tür des Superintendants. Er konnte nicht wissen, dass nicht er der Grund war aus dem sie hier warteten, aber ich sah keinen Zweck darin ihn aufzuklären. Ich machte mich weiter daran die Meldungen durchzugehen. Noch hatte ich nichts auffälliges erkennen können, aber die Unregelmäßigkeiten der letzten Wochen häuften sich.<br />
<br />
Die Unregelmäßigkeiten waren nicht das Problem. Aber das Geschäft mit diesen Unregelmäßigkeiten war ein sensibles Konstrukt und Geld und Gefälligkeiten mit denen jene meist zusammenhingen hatten ihre eigene Flussrichtung. Sie ging bis hoch an die Spitze und tröpfelte erst dann zurück nach unten. Von so etwas hatte die ganze Division zu profitieren, es konnte nicht angehen, dass ein paar einzelne Officer der Nachtschicht die Tasche aufhielten ohne dass die höheren Ränge davon erfuhren. Einfaches Prinzip, doch seit kurzem hatte es den Anschein, dass ein paar Elemente der Division daran erinnert werden wollten. Ich blieb an einem Eintrag hängen, las ihn ein zweites Mal. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Reinkommen“</span>, bellte es in diesem Augenblick tief und ungehalten von hinter der Türe, der Sergeant zuckte zusammen. Ich zog die Oberlippe höher, presste die Zunge einen Moment unzufrieden gegen die Frontzähne, noch ohne den Blick von den Unterlagen abzuwenden. Ich las das letzte Wort ein weiteres Mal, dann gab ich den Aufschrieb kommentarlos dem Sergeant zurück und ließ den Mann stehen. Ein Constable hatte  die Tür geöffnet, bevor er scheinbar mit Anweisungen des Chiefs diensteifrig davon geeilt war und ich trat in Begleitung von Cyneburg in den Raum, noch immer peinlich darum bemüht die Illusion aufrecht zu erhalten, dass ich allein anzutreten hatte. Die Wahrheit würde mir mit genug Pech noch für den Rest des Tages wie die Pest am Arsch hängen.]]></content:encoded>
		</item>
	</channel>
</rss>