Der Kurze kam mir so nah, dass es mir längst unangenehm war. Kleine Ratte, ohne jeden Anstand oder Respekt. Aber zurückweichen konnte ich natürlich nicht und hätt‘ ich ihn von mir gestoßen, hätt‘ er am Ende noch behauptet es wäre eine Prügelei gewesen. Seine Worte warfen mir gleich mehrere Fragen auf. Was sollten wir morgen gemeinsam machen? Ich konnte nur raten, dass der Matrose auch nicht sehr viel mehr wusste, anderenfalls hätte er es mir wohl direkt unter die Nase gerieben oder zumindest mehr versucht mich dazu zu bringen ihn zu fragen. Das Vergnügen würde ich ihm sicher nicht tun. Ich fragte mich auch, was genau der Kurze wohl angestellt hatte, dass man ihn nun auch zu den Gäulen verbannt hatte. Am Morgen schien noch alles gut für den Kurzen ausgesehen zu haben, aber jetzt… Ob man mich wohl zurück lassen würde und den Kurzen stattdessen jedes Mal los schicken um die Gäule herzurichten? Leider passte das nicht zu dieser weiteren Information, welche die Worte des Matrosen beinhalteten. Ich solle ihm das mit den Gäulen zeigen. Was gab es da bitte zu zeigen? Ich sah über den Kurzen hinweg, als könne ich dort etwas erkennen, das mir Aufschluss gab, ob der Janner mich hier verkohlen wollte. Hatte ihn am Ende gar niemand geschickt? Ob ich wohl den Cook fragen sollte? Aber ich würd‘ mich zum Affen machen, hätte der die Anweisung tatsächlich gegeben. Schlimmer, jede Chance darauf doch wieder in der Gunst gestiegen zu sein wären dahin. Zeigen… und dann, endlich, ging mir ein Licht auf. Konnte es denn sein, dass wenn man im stinkenden Devon aufgewachsen war, wenn man bis vor kurzem auf einem Schiff Seiner Majestät gewesen war, dass man dann…? Naja, wie viel hatte der Matrose wohl schon mit Gäulen zu tun gehabt in seinem Leben? Meine Augenbrauen verzogen sich spöttisch. Das wäre nun aber wirklich zu herrlich. Ich sah wieder auf den Kurzen hinab. Spielte einen Moment mit dem Gedanken ihm rein gar nichts zu sagen, aber das war der unschöne Kehrschluss. War der Matrose tatsächlich unwissend und hatte Cook ihn tatsächlich geschickt dann… war meine Arbeit in der Bow Street beendet, wenn ich einem stumpfsinnigen Devon-Fischkopf nicht bis morgen anständig beigebracht hatte mit einem Gaul umzugehen. Das Herz sank mir tiefer. Und das bevor ich meinen ersten Lohn in den Händen hatte. Ich würde Judiths Onkel nicht das versprochene Geld geben können, ich konnte mir keine längst benötigte ordentliche Mahlzeit leisten und nur Gott wusste, wo ich dann noch Arbeit finden würde. Ich nickte also knapp. Ja, Herr Gott, ja, ich würd’s dem Janner schon zeigen wie das mit den Gäulen ging und der lernte besser schnell und gründlich.
Ich machte einen Schritt seitwärts, wandte mich der Reihe der Gäule zu. „In Ordnung, also…“ Ich hielt einen Moment inne, um mich für diese unerwartete Aufgabe zu sammeln. „…wenn der Befehl kommt ein Pferd herzurichten, dann muss es schnell gehen. Deshalb hängen die Sättel und Trensen jedes Gauls bei der Stelle an der sie angebunden sind. Trotzdem, egal wie schnell es gehen soll, halt‘ Abstand von jeder Stelle an der dich ein Gaul treten könnte. Direkt hinter ihm vor allem.“ Ich machte eine entsprechende Geste und ging hinüber die einem schwarzen Gaul. „Hier bei den…“ es kostete mir nur einen Wimpernschlag das Wort runterzuschlucken, dass mir eigentlich auf der Zunge lag. „… Herren Officers solltest du darauf achten, dass der Gaul so ordentlich aussieht wie der Rest der Kleidung und Ausrüstung. Da gibt es Bürsten.“ Ich nickte zu den entsprechenden Utensilien hinüber, aber ich hatte die Gäule am Morgen bereits geputzt. Wenn ein Pferd gefordert wurde, blieb dafür selten die Zeit. „Das gilt auch für Mähne und Schweif.“ Sie kupierte die Gäule hier nicht, wie sie es bei der Armee so häufig taten. Besser so, in der Kolonie waren die Pferde massenhaft drauf gegangen, nicht nur an der Hitze, sondern auch weil sie sich nicht gegen die Fliegen hatten wehren können, die sie bei der kleinsten Verletzung von innen heraus aufgefressen hatten. Aber vermutlich war es den Herren hier nur das Geld nicht wert, bedachte man die durchschnittliche Lebensdauer eines Londoner Gauls. Die Gäule der Boater waren auch nie in gutem Zustand gewesen, aber selten magerer als ihre Herren, unersetzlich wie sie für die Arbeit waren, sorgte man für sie, der Tod eines Gauls konnte nicht selten der finanzielle Ruin einer Familie sein. Aber hier in der Stadt gab es einen Überschuss an billigen Arbeitstieren und es war wohl kostensparender die wenigen Jahre seines Lebens alles aus einem Gaul herauszuholen und ihn dann mit dem nächsten zu ersetzen als ihn anständig zu behandeln. Selbst wenn die hier in der Bow Street in etwas besserer Verfassung waren. Besser vermutlich als ich. Die meisten Dockarbeiter glichen mehr den abgemagerten Droschkengäulen. Aber ein gut genährter, sauberer Gaul bedeutete eben auch Prestige und hier konnte man es sich leisten. Es hatte mir zwar keiner so gesagt, aber es erschien mir nur logisch, dass diese Herren hier von denen jeder aussah wie eben aus dem Ei gepellt kaum mit einem dreckigen Gaul auf die Straße schicken konnte, also hielt ich sie sauber, wie ich es bei der Armee gelernt hatte.
„Kommt ein Gaul wieder zurück, solltest du ihn direkt wieder vom Straßendreck säubern. Ist er nassgeschwitzt, reib ihn mit etwas Stroh trocken, damit er sich nicht den Tod holt. Und überprüf auch die Hufe, damit er sich nichts eingetreten hat und am Ende lahm geht.“ Ich bückte mich, legte dem Gaul die Hand an die Fessel. Dieser hier schien tatsächlich einmal irgendwie ausgebildet worden sein, denn er ließ sich anstandslos den Huf aufnehmen. Ich zeigte dem Matrosen die blanke Innenseite, dann ließ ich den Huf wieder ab, fuhr mit einer Hand über den Pferderücken. „Wenigstens der Rücken sollte sauber sein, Dreck unter der Sattelfläche scheuert dem Gaul den Rücken wund. Vielleicht wirft er den Reiter ab oder du ruinierst seinem Vieh den Rücken, das willst du beides nicht. Deshalb legst du am besten auch eine Decke unter, um die Unebenheiten des Sattelleders zu abzudämpfen.“ Ich nahm die Decke von der Trennwand und legte sie dem Pferd auf, strich den Stoff kurz glatt und griff dann nach dem Sattel, den ich mit geübtem Schwung über den Pferderücken beförderte und sacht dabei abfederte. „Den Sattelgurt machst du so fest, nicht zu locker, sonst rutscht der Reiter vom Gaul, aber auch nicht zu fest, sonst schmerzt es dem Gaul und er macht unnötige Zicken.“ Ich gab dem Kurzen Gelegenheit alles zu begutachten, zeigte ihm was ich meinte und deutete dann auf die hochgezurrten Steigbügel. „Merk’s dir. Wenn du den Gaul zum Reiter bringst nimmst du die Schlaufe hier raust und machst die Steigbügel runter. Nimmst du den Gaul später wieder entgegen, schiebst du sie hoch und steckst die Schlaufe durch, damit alles ordentlich bleibt.“ Auch das zeigte ich dem Kurzen.
„Schön, dann…“ Ich nahm die Trense vom Haken und hängte sie mir über den Unterarm. „Wenn du mit allem fertig bist, legst du dem Gaul die Trense an.“ Ich trat neben den Pferdehals. „Gute Pferde nehmen von selbst den Kopf runter, erschöpfte Pferde lassen ihn eh hängen, die Anderen lockst du am besten mit einen Stück trockenen Brot oder so...“ Ich brach ein Stück von dem trockenen Brot in meiner Tasche ab, hob es niedrig und das neugierige Pferdemaul senkte sich automatisch, ich ließ mir das Brot von der Handfläche nehmen, legte dabei ruhig eine Hand über den Pferdehals, um ihn mit sanfter Kraft daran zu hindern direkt wieder in die Höhe zu verschwinden - die hätte für mich zwar kein Hindernis dargestellt, aber für den Kurzen sehr wohl. Und ich wollte mir nicht nachsagen lassen ihm das nicht ordentlich beigebracht zu haben. Ich löste das Halfter, ersetzte es durch die Trense. „Die meisten Gäule nehmen das Eisen von allein ins Maul, wenn nicht drückst du ganz hinten...“ Ich zeigte dem Kurzen was ich meinte. „... den Daumen ins Maul, die haben da keine Zähne, aber es ist unangenehm und sie öffnen das Maul so weit, dass du das Eisen dazwischen schieben kannst.“ Ich zog die Trense über die Ohren, zeigte dem Kurzen wie man den Riemen vor der Kehle schloss. „Du führst den Gaul an den Zügeln, aber bevor du ihn dem Reiter übergibst, legst du die Zügel über den Hals. Fragen?“ Ohne wirklich eine Antwort abzuwarten, tauschte ich die Trense wieder mit dem Halfter und sattelte in ein paar knappen routinierten Handgriffen ab. „In Ordnung, versuch es mit dem da“, meinte ich dann und deutete auf einen dunkelbraunen Gaul mit breiter Blesse. Er war der Kleinste, den sie im Stall hatten – was das Satteln für den Kurzen einfacher machen sollte – aber ein unleidiges Biest. Hinterhältig. Passte doch zu dem Janner. Ich gab dem Kurzen das restliche Brot aus meiner Tasche, dann verschränkte ich die Arme vor der Brust ohne eine Miene zu verziehen und wartete ab. Ich würd’s dem Matrosen schon beibringen, aber keiner hatte gesagt, dass ich mir auf dem Weg dahin nicht das ein oder andere Zuckerstück genehmigen durfte.
Der Lange sah einfach über mich hinweg. Der nahm mich nicht einmal ernst. Ich spürte wie die Wut in mir hoch flackerte und sich mein Unterkiefer nach vorne schob, während ich die Lippen zusammen presste, den Blick zu Otis-Road hoch gerichtet, um ihm nicht direkt hier und jetzt eins zu verpassen für seine widerliche Arroganz. Bevor ich irgendetwas unvernünftiges in diese Richtung anstellen konnte, sah der wieder auf mich hinunter. Aber mit einem Blick… Ich konnte den Spott darin deutlich erkennen und es machte mir nur noch mehr Lust, ihm eine zu verpassen. Meine Rechte ballte sich schon zur Faust, aber ich hielt sie stur an meiner Seite. Das letzte was ich gebrauchen konnte war, dass sie mich wegen einer Prügelei hinhängten. Trotzdem, dieses arrogante Arschloch. Jetzt hatte er es kapiert, ja? Und wie er sich darüber freute… Genau das hatte ich zu vermeiden versucht. Aber er hielt sich ja doch für was Besseres, der kleine Docker. Wenn er jetzt die Klappe aufmachte, dann riss ich ihm die Zunge heraus…
Aber er besann sich eines Besseren. Zu seinem eigenen Glück. Nickte dann. Das überraschte mich fast. Ich hatte nicht erwartet, dass Otis-Road so kooperativ sein könnte. Aber irgendwie machte mir die unerwartete Reaktion auch Angst. Selbst wenn es die bessere der Möglichkeiten gewesen war, wie Road hätte reagieren können. Das hier würde uns keinen Ärger bereiten. Aber gerade das war verdächtig. Dieses gesammelte Nicken. Ich wusste nicht, ob mir das mehr Angst machen sollte, dass Otis-Road zustimmte, als wenn er einfach gespottet hätte. Ich wusste es wirklich nicht. Misstrauisch behielt ich ihn im Auge, als er direkt aus dem Stand mit seinen Erklärungen begann. Er hatte einen Ton drauf, als wollte er mir das wirklich alles vortragen. Nicht wirklich so, dass ich es kapierte, aber immerhin schien er seinen Spott für den Moment vergessen zu haben. Das machte die Sache aber nur noch verdächtiger. Und so löste ich den Blick nur ab und an kurz von ihm, um seinen Ausführungen zu folgen und dorthin zu sehen wohin er deutete, bevor ich die Augen wieder auf ihn richtete, jeden Moment die Wandlung in seinen Zügen und das Erscheinen seiner wahren Absichten erwartend.
Trense und Sattel am Platz des Pferdes. Das war einfach. Aber fernhalten von der Stelle an der einen ein Pferd treten konnte. Dankesehr, gerade dieser Erfahrung wollte ich gerne entgehen. Direkt hinter dem Gaul also… Unsicher sah ich zu dem nächsten der Gäule hin, ein Brauner. Versuchte abzuschätzen, wie gut man um das Vieh herum kommen sollte ohne hintenrum zu gehen. Aber wenn hinten nur „vor allem“ war, welche Stellen waren denn da noch, an denen das Vieh treten konnte?! Misstrauisch folgte ich Otis-Road hin zu einem Schwarzen. Mir gefiel es nicht wie der Lange in Fahrt zu kommen begann. Der fühlte sich hier bei den Pferden ja ganz und gar zuhause.
Die Pferde also mit Bürsten putzen. Ich folgte der Andeutung mit dem Blick, fand die Bürsten. Fragte mich wie man mit den Dingern ein Pferd sauber halten sollte. Und was alles – ich meine, ein ganzes verdammtes Pferd?! Wie sollte das bitte schnell gehen?! Und das, ohne dass das Vieh einen zum Teufel jagte?! Auch Mähne und Schweif?! Hatte Road nicht gerade gesagt, man sollte sich von hinter dem Gaul fernhalten?! Wie sollte man da den verdammten Schweif bürsten?! Ich hatte mich getäuscht, ein Pferd war nicht wie ein Schwein oder ein Schaf. Einem Schwein musstest du nicht den Arsch bürsten. Was hatten die Herren Officer nur mit ihren Gäulen?!
Aber ich hatte keine Zeit, das näher zu ergründen. Otis-Road redete jetzt ohne Punkt und Komma. Putzen, nachdem der Gaul zurück kam. Verdammt und dann musste es nicht schnell gehen, oder was?! Mit Stroh trocken reiben wenn er nass geschwitzt war. Was denn noch?! Sollte ich dem Vieh noch Zöpfe flechten oder ihm den Rücken massieren?! Hufe prüfen. Heilige Mutter Gottes… Jetzt ging der Road einfach an den Schwarzen ran und nahm ihm das Bein auf als wäre es das einfachste der Welt. Skeptisch beobachtete ich die Szene. Jeden Moment würde das Vieh Road doch eine verpassen, oder? Das war doch die perfekte Ausgangslage, um ihn zu treten… Und so wenig ich den Road auch leiden konnte, wenn es ihn jetzt erwischte, dann konnte es mich bei dem Versuch „die Hufe zu überprüfen“ genauso gut erwischen. Aber nichts geschah. Misstrauisch begutachtete ich das Innere des Hufs und versuchte mir diese seltsame Zeichnung im Inneren einzuprägen, hielt dabei aber respektvollen Abstand von dem Gaul oder seiner Rückseite. Das könnte Road so passen, dass mich das Vieh während seiner Ausführungen weg haute.
Es sollte nicht bei putzen, bürsten und Hufe kontrollieren bleiben. Das Vieh brauchte auch noch eine Decke. Die hatte ich immerhin schon im Einsatz gesehen. Aber als Road sich den Sattel nahm und einfach über das Pferd wuchtete als wöge er nichts, da wurde es erst richtig spannend.
Mir gefiel immer weniger wie selbstsicher Otis-Road all diese Handgriffe machte. Am Ende hatte er sich hier im Stall doch noch so viel beliebter gemacht mit seinem Können, als ich es in der Waffenkammer je könnte. Der Gedanke bereitete mir Sorgen und ich beobachtete argwöhnisch was er da trieb. Verringerte absichtlich ein wenig den Abstand zwischen mir und dem Gaul um es ja nicht so aussehen zu lassen als hätte ich Angst.
Mit dem Blick versuchte ich jetzt Roads Handgriffe konzentriert zu verfolgen, aber es war ein schrecklich aussichtsloses Unterfangen. Der Sattel hing nicht annähernd so auf dem Pferd wie ich ihn kannte. Was auch immer sie mit den Steigbügeln gemacht hatten, es sah nicht gesund aus. Und der Gurt, verdammt, was sollte das heißen, nicht zu locker, nicht zu fest?! Was war denn jetzt zu fest und was zu locker, verdammte scheiße?! Ich fühlte die Panik in mir aufsteigen und das wiederum schürte meine Wut auf Road, dieses blasierte Arschloch. Ich schob das Gefühl beiseite, aus Angst irgendetwas zu verpassen. Und die Angst war berechtigt. Ich sollte mir das mit dem Steigbügel merken. Sein Ernst?! Die Schlaufe rausnehmen… Das klang einfach aber Roads Handgriffe waren so flink, dass ich ihnen kaum folgen konnte. Ich konzentrierte mich, bemühte mich, mir das zu merken. So schwer konnte das doch nicht sein, wie es jetzt gerade aussah oder? Wenn Road das machte, ging es ja auch. Und der war ein verdammter Dockarbeiter.
Jetzt nahm Road die Trense vom Haken. Das auch noch?! Zum Schluss. Wenn du mit allem fertig bist. Unruhig wechselte ich die Position um besser sehen zu können, versuchte mich aber nicht zu hektisch zu bewegen. Der Road sollte nicht denken, dass ich unsicher wäre. Pferd den Kopf runter nehmen… Mit Brot locken. Ich beobachtete wie das Tier das Brot mit den Lippen aufnahm, aber als es zu kauen begann, da zeigten sich seine großen gelben Zähne. Fast erwartete ich, dass es jeden Moment nach Otis-Road biss. Aber nichts dergleichen geschah. Stattdessen konnte der dem Gaul sogar den Daumen ins Maul schieben. Ich sah was er meinte, aber ich war mir trotzdem sicher, dass es nur bei ihm so einfach aussah.
Ernst beobachtete ich dann, wie Road die Trense festmachte und die Zügel nahm. Zügel über den Hals. Ob ich Fragen hätte. Was sollte man dazu schon fragen? Vor allen Dingen keinen Otis-Road. Ich schüttelte den Kopf, den Blick noch immer ernst und eine Spur misstrauisch auf den Pferdekopf vor mir gerichtet. Als könnte der Gaul jeden Moment explodieren. Stattdessen kaute der ruhig vor sich hin. Meine Sorge war vollkommen unbegründet. Das würde ich schon irgendwie hinkriegen morgen. Und der Road war dann selbst sowieso zu beschäftigt um sich um mich zu kümmern. Da konnte ich auch mehrere Versuche starten, das war alles Kein Problem.
„In Ordnung, versuch es mit dem da“ Einen Moment starrte ich zu Otis-Road hoch als hätte er mich geschlagen. Ich. Sollte. Das. Versuchen?! Vor Roads Augen oder wie?! Ich folgte seiner Andeutung mit dem Blick hin zu einem Dunkelbraunen. Seine Stirn war weiß. Und er war klein. Mein Blick verfinsterte sich. Das machte Road doch absichtlich, oder?! Ich hätte gerade gerne alles gemacht, aber nicht Road den Hampelmann gemacht damit der sich über meine offensichtliche Unwissenheit amüsieren konnte. Aber mir würde wohl nichts anderes übrig bleiben wenn ich nicht das Gesicht verlieren wollte. Finster sah ich also zu Road zurück. Ich wusste ganz genau was er vorhatte. Und ich würde es ihm zeigen. Ich würde es ihm sowas von zeigen. Und so riss ich mich zusammen, ging entschlossen und schnurstracks zu dem dunklen Viech hinüber. Es nahm schon den Kopf hoch als es mich so näher kommen sah. Aber das sollte der sich gleich einstecken. Ich sah mich um auf der Suche nach der Decke, fand sie und nahm sie von der Bande um sie dem Gaul überzulegen.
Ich hatte den Handgriff entschlossen durchführen wollen, einen ähnlichen Schwung drauf wie Road als er das vorgemacht hatte. Aber ich erreichte mein Ziel nicht. Denn der Pferderücken, auf den die Decke sollte, war plötzlich nicht mehr da. Das verdammte Vieh war mir ausgewichen! War das zu fassen?! Ich hob die Arme erneut um einen neuen Versuch zu wagen, aber das Vieh wich mir von neuem aus. Finster packte mich die Entschlossenheit und ich setzte ihm nach. Was darin endete, dass der Gaul im Kreis um mich herum tänzelte und ich hinterher als wären wir in einem verdammten Karussell und nicht in einem Pferdestall. Der Road amüsierte sich sicher köstlich. Verdammte Scheiße. Ich war nicht zum Rennen hier!!! Mir platzte der Kragen und ich machte einen Ausfallschritt nach links, direkt in die Ausweichbahn des Gauls, der daraufhin nicht mehr weiter kam und wütend den Kopf hob um in die andere Richtung auszuweichen. Nur hing er mit dem Arsch schon in der Ecke und konnte nirgendwo mehr hin. Gezwungen stehen zu bleiben. Gut so, jetzt konnte er nicht mehr rennen. Aber ich kam auch nirgendwo mehr hin. Zwischen mir und dem Rücken dieses Pferdes lag ein großer, fies dreinschauender Kopf, dessen Ohren ungnädig nach hinten zeigten. Ich schnaubte, wütend, frustriert und, ja, abfällig.
Fassungslos beobachtete ich, was der Janner anstellte. Konnte es denn die Möglichkeit sein…! Der stellte sich doch ganz absichtlich so blöd an! Nur damit sie mir das Versagen dieses saudummen Matrosen anlasteten. Nicht ordentlich beigebracht hät‘ ich’s ihm, das würden sie am Ende sagen. Und zu allem Überfluss riss sich dann auch noch der Gaul los und führte mit dem Janner ein Tänzchen auf. War nicht das erste Mal, dass der sich von seiner Anbindung befreite, war ein kluges Vieh und erstaunlich geschickt. Ich musste mir was überlegen deswegen. Aber für den Moment konnte ich vor allem nicht länger zusehen, wie der Janner den Gaul scheu machte. Missmutig löste ich die verschränkten Arme und trat an dem Matrosen vorbei an das Tier heran, der Gaul riss den Kopf direkt noch ein wenig höher, als ich nach seinem Halfter greifen wollte, stampfte drohend auf. Launisches Biest, das war doch klar gewesen, dass der jetzt seine Gelegenheit gekommen sah auszutesten was er sich nicht für Freiheiten nehmen könnte. Unbeirrt griff ich ihm weiter nach dem Halfter und der Gaul schnappte nach mir. Sein Gebiss klappte hart klackend nur knapp neben meinem Arm zu und das auch nur weil ich ihm ausgewichen war, unvermittelt verpasste ich ihm einen scharfen Hieb gegen die empfindliche Seite seines Kopfes. Er drehte den Schädel ein wenig weg, aber gab das feindselige Gehabe widerwillig auf. So viel unbändige Kraft in diesem Leib, aber vor dem unmittelbaren Schmerz kuschten sie jedes Mal. Litten lieber für ihr kurzes Leben in Knechtschaft als sich das eine Mal gegen die Schläge aufzulehnen. „Gut so“, brummte ich leise vor mich hin, als ich den Gaul am Halfter nahm und er sich dieses Mal nicht dagegen wehrte. Zurück zu seiner Anbindestelle führte ich ihn und machte ihn wieder fest.
„Wenn du dich so anstellst, tut er’s auch. Versuch’s nochmal“, murrte ich an den Janner gewandt, blieb dieses Mal jedoch am Pferdekopf stehen, damit der Gaul wenigstens stehen blieb und den Janner machen ließ. So viel Freude es mir auch bereitet hätte es dem Matrosen so schwer wie möglich zu machen, aber wenn er’s nicht lernte, brachte mir das in der Bow Street nur Unglück und das war’s nicht wert.
„Ich stell mich nicht an, verdammte Scheiße!!! Willst du wissen wie das aussieht, wenn ich mich anstelle, Docker?!“ Ich hatte noch immer diese vermaledeite Decke in den Armen und stand hier herum wie der letzte Depp während Mister von und zu Otis-Road das verdammte Monster von einem Gaul mit Schlägen zur Ordnung brachte und mich hinstellte als wäre ich auch noch Schuld daran, dass sich das Mistvieh nicht benahm. Ich mich angestellt?! Verdammt, wann bitte hatte ich mich angestellt?! Das war der scheiß Gaul gewesen! Hatte Road das nicht gesehen?! Gefiel ihm wohl zu sehr mich zum Narren zu halten!
Aber ich ließ schon von Road ab, ich konnte ihm ja doch keine verpassen wenn ich nicht schneller rausfliegen wollte als ich mein erstes Gehalt zu sehen bekommen hatte. Aber schimpfen würde ja wohl noch erlaubt sein. Und wütend war ich. Mehr als das. Auf Road. Auf den scheiß Gaul. Auf diesen ganzen verdammten Laden, der mich in diesen Drecksstall befördert hatte. Warum konnte ich nicht einfach in meiner Waffenkammer hocken und Metall polieren? Und wenn ich nie wieder das Tageslicht sehen sollte, es wäre mir recht gewesen in diesem Moment. Alles bloß nicht mich für den Langen in diesem Stall zum Affen machen mit Biestern, die von alledem sowieso nichts wissen wollten. Kein Wunder wenn sie eine verpasst bekamen wenn sie arbeiten sollten. Nicht dass der Gaul es nicht verdient hatte, aber ich konnte mir kaum vorstellen, dass ihn das weiter anregte, diese Spielchen ruhig mitzuspielen.
Ich beschloss, mir nicht länger die Blöße zu geben, machte die paar energischen Schritte hin zu diesem verdammten Pferderücken, warf die Decke darauf und bemühte mich in innerem Widerstreit, sie einigermaßen so zurecht zu rücken wie Road es mir gezeigt hatte. Mit dem Strich des Fells. Nur ein Stück. Und die Vorderkante über der Schulter. Gesehen hatte ich sowas oft genug. Aber es war mir letztendlich auch egal ob die Decke nun so lag wie sie das sollte. Road würde schon etwas dran auszusetzen finden. Ich senkte die Arme und machte einen Schritt zurück um finster von dem Gaul zu dem Docker zu sehen. „Denkst du dem bringt das Spaß wenn du dem eine gibst?“, fragte ich finster provokant und deutete mit der Hand kurz auf den dunklen Pferdeschädel, der jetzt noch ruhiger als zuvor an seinem Strick hing. Nicht dass ich Ahnung von Gäulen gehabt hätte und für den Moment wirkte das Vieh schon relativ ruhig, aber wenn Road den so drangsalierte, dann nutzte der doch nur die nächstbeste Gelegenheit wenn der gerade nicht hinsah um mir wieder eine zu verpassen! Konnte ich mir schon gut vorstellen, dass dem Docker das gefallen hätte…
Unbeeindruckt sah ich dem tobenden Janner entgegen. Ob ich sehen wollte, wie es aussah wenn der sich anstellte? Na wenn er das bisher noch nicht tat… „Besser nicht“, erwiderte ich höhnisch.
Ich hatte den Gaul wieder unter Kontrolle gebracht und der Matrose hatte es doch tatsächlich geschafft ihm die Decke aufzulegen, als er sich mir wieder zuwandte. Ich wollte schon nicken, weil ich dachte, er wollte sich vielleicht die Bestätigung holen, ob er es richtig tat – aber natürlich hätte ich es besser wissen müssen. Meine Brauen schossen erstaunt in die Höhe. Was? Der Janner fragte was?! Einen Moment konnte ich nur voll auf verwirrt von dem Janner hin zu dem Gaul sehen als könnt‘ der mir Antwort geben. Ich glaube nicht, dass mich das je einer gefragt hatte und um der Wahrheit die Ehre zu lassen, ich hatte auch nie darüber nachgedacht.
Wie die meisten Boater-Jungen hatte ich die stämmigen Treidel-Gäule an der Schleuse zu führen gelernt, als ich ihnen noch kaum bis an die Brust gereicht hatte. Die Hosenbeine hochgekrempelt, die Füße nackt, magere Brust und die Arme dünn wie Äste. Ich hatte früh gelernt mich gegen einen Gaul zu behaupten, der mir an Kraft haushoch überlegen war und Gott weiß, ich hatte gesehen, wie es denen ergangen war, die das nicht hatten können oder schlicht unachtsam gewesen oder Pech gehabt hatten. Ich hatte Bobby Carlows Bein gesehen, nachdem er den scheuenden Gaul nicht unter Kontrolle bekommen hatte und ihm unter die Hufe geraten war. Ein Krüppel fürs Leben, ein nutzloser Fresser kaum dass er begonnen hatte Geld zu verdienen. Ich hatt‘ sie später flüstern hören, dass es der armen Familie besser bekommen wär, hätt‘ der Gaul ihn tot getreten. Als das hatte ich nie enden wollen. So einfach war die Rechnung, du lernst dich zu behaupten oder du gerätst unter die Hufe – im Grunde war das gesamte Leben nicht anders. Ob der Gaul Spaß daran hatte, über so etwas hatte ich nie nachgedacht. Ich tat schließlich auch nicht das, was mir Spaß machte, sondern das was ich zu tun hatte und aktuell hatte ich diesem Janner, der bislang wohl gerade mal eine Robbe aufgezäumt hatte, beizubringen mit einem Gaul umzugehen.
„Hat mich beißen wollen, was denkst du was ein and’rer Gaul mit ihm gemacht hätt‘?“, fragte ich zurück, noch immer zu erstaunt, um verärgert zu sein. Da hätt‘ er den Schlag mit einem harten Pferdehuf bezahlt, statt mit meiner flachen Hand. Ein wenig neugierig sah ich dem Matrosen entgegen. Hatte der noch nie gesehen, wie sie die Gäule auf der Straße mit Prügeln verdroschen, nicht auf Grund von Ungehorsam, sondern schlicht weil sie nicht mehr die Kraft hatten einen Karren weiterzuziehen? Sollte sich besser das ansehen, wenn er wissen wollt‘ was einem Gaul wohl keinen Spaß brachte. Das hier dagegen, ich zuckte ratlos mit den Schultern, hatte der Janner etwa nie von seinem Vater eine Ohrfeige gefangen? „Wenn der meint, er kann mit dir machen was er will, dann macht er das auch.“ So einfach war die Sache. Es gab deutlich schlimmeres als so ein kleiner Hieb, um wieder zur Vernunft zu kommen. Das musste der Matrose doch selbst wissen oder waren die Geschichten über die Navy alle nur erfunden? Auf der Überfahrt und in der Kolonie hatte es jedenfalls genug Prügel und Auspeitschungen gegeben, dass ich für den Rest meines Lebens genug davon hatte. Sicher, einem ungezogenen Gaul gab ich eine, bevor der sich zu größeren Eskapaden hinreißen ließ, aber alles andere... Ich hatte nie einen Sträfling erlebt, den die Schläge zurück auf den guten Weg geführt hatten, stattdessen genug gute Soldaten, die sich davon abwandten, nachdem sie zu häufig die Riemen zu spüren bekommen hatte. Mir wurde übel bei dem Gedanken dasselbe in der Bow Street zu erleben. An den Docks ließen sie dich vielleicht verhungern, aber geschlagen wurde immerhin nur, wer stahl. „Gibt Schlimmeres, oder? Haben sie dich auf‘m Schiff nie geschlagen, mh?“, fragte ich zurück und konnte nicht verhindern doch eine Spur neugierig zu sein woher der Janner seine brave Einstellung zu Schlägen her hatte.
Was ein anderer Gaul gemacht hätte. Ich starrte den Docker trotzdem noch einen Moment länger finster an. Auch wenn ich da nicht dran gedacht hatte und auch nichts dagegen sagen konnte. Ich hatte die Biester schon oft genug auf der Weide streiten sehen in Devon. Wenn die Bauern ihre Viecher rausließen. Ein Grund mehr warum ich so einen höllischen Respekt vor den Gäulen hatte. Es nahm mir ein wenig den Wind aus den Segeln, dass der Lange auf so schlichte Art Recht hatte. Aber es blieb dabei. Wenn die Viecher lernten dass wir mit ihnen umgingen wie sie mit ihresgleichen, warum sollten sie dann nicht auch mit uns umgehen wie mit ihresgleichen? Und eins stand fest, einem Pferdehuf war ich nicht gewachsen. Da traf es der Lange ziemlich gut. Wenn der meinte, er konnte es machen, tat er es auch. Gut, hatte man ja gesehen. Hieß nur im Umkehrschluss, dass ich zu weich war. Herzlichen Dank auch. Scheiß beschissener Docker. Einmal mehr wünschte ich mich zurück in die Waffenkammer. Oder tot. Tot wäre jetzt auch ein schöner Zustand. Schlagen durfte ich ja nicht. Und das hätte ich dem Langen gegönnt.
„Gibt Schlimmeres, oder? Haben sie dich auf‘m Schiff nie geschlagen, mh?“ Ich hatte mich schon abgewandt um den vermaledeiten Sattel von der Bande zu holen, auf dass wir das Drama hier schnell hinter uns bringen konnten. Ich zog mit finsterem Blick das Ding von der Wand und drehte mich zu dem jetzt ruhigen Pferderücken mit seiner Decke darauf um. Das Schiff. Auf dem Schiff nie geschlagen. Aus welcher Welt kommst du eigentlich? Ich konnte die Frage daraus richtig hervor holen. „Lass das Schiff aus dem Spiel.“, antwortete ich düster und schenkte dem Langen keinen Blick während ich den Sattel auf den Pferderücken wuchtete. Ja, es hatte Schläge auf dem Schiff gegeben. Aber das war nichts, was ich mit dem Docker diskutieren wollte. Das ging den nichts an. Das war was anderes. Wir waren Menschen gewesen. Das hier waren Tiere. Ich hatte nicht den Eindruck, dass das das selbe war. Auch wenn einige das anders sahen. Womöglich auch der Docker. Aber das war nicht mein Bier. Ich wollte nur zurück raus aus diesem Stall.
Und da zeterte der Matrose direkt weiter. Meine Güte, der ging ja bei allem an die Decke wie ein Springteufel. Spöttisch zog ich die Mundwinkel zurück. Also gut, dann sprachen wir eben weiter nicht miteinander, konnte ich auch gut mit leben. Ich beobachtete, wie der Janner wenig sanft den Sattel auflegte, der Gaul riss ein wenig den Kopf hoch und trat auf der Stelle, aber gab sonst keinen weiteren Protest. Das dürfte dem nun wirklich keinen Spaß machen, aber ich sagte nichts dazu. Ich blieb bei meiner Meinung, dass der Gaul nicht zum Spaß hier war – er würd’s schon überleben. Nur vielleicht würde er dem Janner weniger Zicken machen, würde der statt den Moralischen zu spielen, den Gaul nicht so traktieren. Aber das sollte nicht meine Sorge sein. Ja, ich würde dem Janner schon alles beibringen, aber sicherlich nicht jeden Trick verraten, wie man sich mit den Gäulen gut stellte. In meiner Erfahrung konnt‘ man das ohnehin nicht lernen. Du hast ein Gespür für diese Viecher oder du hast es nicht. Das war wie einen Kahn auf dem Wasser zu lenken oder Fallen zu stellen, paar Dinge konnt‘ man dir beibringen, aber den Rest hast du oder eben nicht.
Ich wär‘ nicht traurig d’rum hät’s der Janner nicht. Der Allmächtige bewahre mich davor meine restliche Zeit in der Bow Street gemeinsam mit dem Janner hier im Stall zu verbringen. Drei Wochen noch und dann hatte sich das ohnehin. Für einen von uns, aber vermutlich doch eher für Beide. Sicher, man durfte die Hoffnung nicht aufgeben – und wenn sie denn einen nehmen würden, dann mich. Aber manchmal fragte ich mich, ob sie das denn überhaupt tun würden. Wenn sie den Janner nicht einmal bei der Thames Police wollten, dann würde ihn so ein pickfeiner Laden hier mit Sicherheit nicht nehmen – und mich auch nicht. Unsereins gehörte hier nicht hin. Vielleicht um Ausrüstung zu schrubben oder sich um die Gäule zu kümmern, aber dass sie es wirklich ernst mit uns – oder einem von uns – nahmen, das mussten sie erst einmal zeigen.
Und erstaunlich: Der Docker ließ es sogar tatsächlich gut sein. Irgendwie hatte ich nicht wirklich damit gerechnet und obwohl es mich hätte erleichtern sollen, ließ es mich irgendwie seltsam unzufrieden zurück. Der Gaul riss den Kopf hoch und ich sah nur finster hinüber, unsicher was das zu bedeuten hatte. Aber weiter passierte nichts und so deutete ich das als nicht ganz so schlechtes Zeichen wie es das hätte sein können.
Weiter machte ich einen Schritt zurück um mir das Geschnüre an diesem Sattel anzusehen. Nur kurz warf ich aus dem Augenwinkel einen Blick zu dem Docker, dann trat ich wieder heran und legte den Gurt nach unten. Dann hielt ich inne. Road war jetzt ums Pferd herum gegangen. Aber… hinten rum?! Besser nicht. Vorne rum, am Docker vorbei? Besser so als anders. Also ging ich vorne herum notgedrungen.
Als ich bei den Bügel angekommen war musste ich feststellen, dass das Gewirr an Lederriemen gar nicht so unübersichtlich war wie es zuerst ausgesehen hatte. Man zog nur das lose Ende heraus und die Bügel ließen sich recht einfach nach unten schieben. Auf der anderen Seite betrachtete ich das Werk ein wenig länger bevor ich es öffnete. In der Hoffnung, diesen Zustand einigermaßen sauber wieder herstellen zu können. Aber es hatte etwas von Seilen und Knoten und bald fragte ich mich wie das bei dem Docker so furchteinflößend hatte aussehen können. Der indes schwieg noch immer und beobachtete erstaunlich unamüsiert meine Bemühungen. Ich musste an das Schiff denken, das er zum Vergleich angebracht hatte. In New South Wales war er gewesen, hatten sie gesagt. Dann kannte er auch Schiffe. Wenn auch keine Kriegsfregatte.
“Auf dem Schiff hat es Auspeitschungen gegeben. Aber keiner hat das gerne gesehen. Nicht mal die Offiziere, wenn sie es auch nicht zugegeben haben. Aber nur die grausamen haben es genossen. Die kamen und gingen, aber die waren schlimm genug solange sie an Bord waren.“, begann ich während ich den Bauchgurt noch etwas enger schnallte. Ich hatte festgestellt, dass er viel lockerer saß als ich ihn eingestellt hatte. Konnte es sein, dass das verdammte Vieh die Luft angehalten hatte?! Ich machte mir immer mehr Sorgen wegen der Intelligenz der Gäule… “Und der Bootsmann hat einen Knüppel um dich zu verdreschen wenn du nicht schnell genug in die Wanten hoch kommst. Aber ein guter Bootsmann braucht seinen Knüppel nicht, verstehst du?“ Und jetzt sah ich von den Schnallen des Gurtes ernst zu dem Langen hoch um zu sehen ob er verstand, was das zu sagen hatte.
Völlig unerwartet begann der Matrose wieder zu sprechen. Ich hob spöttisch die Brauen. Ließen wir das Schiff jetzt aus dem Spiel oder nicht?! Oder erwähnte der das Schiff nur, um mir dann wieder eins dafür überzuziehen? Ja, das würde es sein. Zufrieden den Trick durchschaut zu haben, schwieg ich eisern. Ich wusste ehrlich nicht mehr, weshalb ich das überhaupt gefragt hatte. So locker war es mir über die Lippen gekommen, als wäre ich noch einer der kleinen Jungen, die voreinander prahlten wie viele Hiebe es vom Vater für den letzten Streich gegeben hatte. Aber die Wahrheit war eine andere. Allein den Matrosen von den Auspeitschungen reden zu hören, gab mir wieder den Geschmack von Blut und Sole tief im Gaumen, mit der sie den armen Teufeln später den Rücken ausgewaschen haben. Ich versuchte wegzuhören, aber es gelang mir ja doch nicht.
Keiner hätte das gerne gesehen. Nicht einmal die Offiziere. Ich starrte ausdruckslos in die Leere vor mir. Noch immer unbestimmt in Richtung des arbeitenden Janners, aber ohne ihn oder seine Hände wirklich zu sehen dabei. Sie waren anders gewesen, die Offiziere, die ich aus der Kolonie kannte, die die Hiebe so großzügig verteilten als seien es Allerseelenkuchen für die Armen. Und ich konnte nicht einmal sagen, ob sie es genossen hatten, ob sie grausam waren. Auspeitschungen und Prügel hatten in diesem Regiment schlicht derart zum Alltag gehört, dass es die Soldaten zu einer merkwürdigen Art des Widerstands getrieben hatte. Traf es dich, so hattest du die Strafe so gleichmütig wie nur möglich zu ertragen. Diese Mischung aus alltäglicher Gewalt und dem Unterdrücken jeglichen Schmerzes hatte eine seltsame Wirkung gehabt. Es war eine Art der abgestumpften Gleichgültigkeit, die sich durch alles hindurchgezogen hatte, ob Offizier oder Soldat, ob eine Auspeitschung auf dem Richtplatz oder jeder andere Akt der Gewalt. Ich hatte den Zweck hinter all dem falschen Stolz nie begriffen. Aber an die stumpfe Gleichgültigkeit gegenüber jeder Gewalt, gegenüber dem Leben, gegenüber Gott, an die erinnerte ich mich. An die Gleichgültigkeit und an den Geschmack von Blut und Sole.
Ich bemerkte irgendwo am Rande meiner Wahrnehmung, dass der Janner mich ansah. Ich schüttelte die Erinnerung ab, blinzelte, um wieder in der Gegenwart anzukommen. Nur ein schlechter Bootsmann brauchte den Knüppel, ich schnaubte leise, verstand gut, was der Janner mir damit sagen wollte. Nur hatte er nicht begriffen, was ich ihm hatte sagen wollen. Das war nicht zu vergleichen. Ein einzelner Hieb aus dem Moment heraus und weil du ihn dir verdient hast, war das eine. Die Dinge, die schlimm waren, waren andere. Und der Janner schien sie ja durchaus erlebt zu haben, also. Wer jammerte da schon noch, weil ein ungezogener Gaul eine gefangen hatte?! „Das ist was anderes. Die schlagen auch nicht, um dich zu bestrafen, sondern als Abschreckung für die Anderen“, erwiderte ich. Aber es lag nicht annähernd die Überheblichkeit darin, die ich mit den Worten hatte ausdrücken wollen, müde und abwesend klang ich. Denn eigentlich, eigentlich war es ein ganz anderer Gedanke, der mich in dem Zusammenhang nicht los ließ. Ich zögerte einen Moment, fast hätte ich den Matrosen danach gefragt. Aber ich besann mich gerade noch eines besseren, trat heran zu dem Janner, überprüfte den Gurt. „Gut so“, ließ ich ihn wissen. „Aber morgen machst du die Steigbügel erst im Hof runter, erst wenn der Officer aufsteigen will. Also mach sie wieder hoch und mach ihm die Trense drauf, ich zeig dir noch wie du den Gaul in den Hof führst.“ Ich hätte nicht gedacht, dass letzteres nötig wäre, aber nach dem was ich bisher gesehen hatte, ging ich besser auf sicher.
Was anderes. Ich schwieg daraufhin und biss die Kiefer zusammen. Ich hätte es dem Docker gerne vorgehalten, dass er Recht haben musste. Aber mir fiel kein wirkliches Wort dagegen ein und so behielt ich meinen Gedanken lieber für mich. Würde ich ihm schon noch irgendwann zeigen können, den Unterschied. Ich fragte mich was der wohl davon halten würde, wenn er mal auf dem Weg nach Hause so eine kleine Demonstration erhalten würde, wie sich Schläge zur reinen Abschreckung für andere wohl anfühlen mochten.
Vielleicht besänftigte mich auch dieses Lob, das er auszusprechen gezwungen war. Gezwungen. Ich hätte es dem Langen auch zugetraut, dass er es für sich behalten hätte, wenn ich auch nur irgendetwas gut machte. Lieber hätte der sich doch auf die Zunge gebissen als das laut auszusprechen. Aber nein, stattdessen sprach er es sachlich aus als ginge es um nichts Großes. Verdammt, es ging um nichts Großes. Ich presste von Neuem die Zähne aufeinander. Das war Roads scheiß Job, sagte ich mir und richtete den Blick auf die Bügel von denen der sprach. Steigbügel erst im Hof runter. Ich fragte mich wo der verdammte Unterschied war. Wahrscheinlich reine Dekoration wie die feinen Damen ihre Röcke anhoben wenn sie einen unnötigen Schritt vorwärts machten. Der Boden auf dem sie gingen war meist viel zu sauber als dass es nötig gewesen wäre, aber wie hatte mir ein Kamerad einmal gesagt: es schickte sich so. Also Steigbügel oben. Verdammte Pinkel. Ich fragte mich wirklich was die mit zwei so undekorativen Rabauken wie dem Docker und mir bloß anfangen wollten. Oder letztendlich nur einem von uns. Ich hätte darauf gewettet, dass das unsere Wirkung auf das Interieur dieses Ladens nicht gerade schmälerte.
Ich brach meine Gedanken ab als der Lange das Wort „Trense“ in den Mund nahm. Gar nicht so weit hergeholt. Nur dass der Gaul das Ding zwischen die Zähne nehmen musste. Die Scheiße mit den Fingern im Rachen dieses verdammten Viehs. Mir lief jetzt schon der Angstschweiß den Rücken hinunter, aber davon würde ich mir nichts anmerken lassen. Ich zog die Nase hoch und lockerte die Schultern. In Ordnung, gingen wir es an. Ich schnappte mir das Ding, warf dem Gaul die Zügel über und begann dann die Riemen zu sortieren, damit da irgendwie eine Lücke für das verdammte Maul entstand. Als ich dann einmal so weit war und mich bereit gestellt hatte, damit das Pferd da auch hinein schlüpfen konnte, dachte es da nicht im Entferntesten dran. Es war von Vorteil dass der Braune so klein war – und ich wettete darauf, dass es dem Docker eine besondere Freude gewesen war, mir den weit und breit kleinsten Gaul im ganzen verdammten Stall zu geben und ich hasste ihn dafür, dass er mir in dieser Weise entgegen gekommen war, der herablassende Kerl – da ich mit der Hand in den Nacken des Tieres greifen konnte wie der Docker es mir gezeigt hatte. Aber der Gaul dachte gar nicht daran seinen Schädel dem Druck folgend zu mir hinunter zu bringen. Wahrscheinlich war ihm die Welt hier unten nicht gut genug. Ich hätte wirklich mehr Unterstützung von einem erwartet, den ich zumindest vor Schlägen zu bewahren versucht hatte. Aber nichts da. Ein Verräter, das Mistvieh. Ich hatte ja gewusst, dass man den Gäulen nicht trauen konnte. Ich verzog das Gesicht zu einer angestrengten Grimasse und begann ohne es zu bemerken vor mich hin zu fluchen. Von Bilgeratten und Küstenschiffern und von den Pfeffersäcken, die sich mit diesen vierbeinigen Biestern fortzubewegen gedachten. Es war dem Docker mit Sicherheit ein Fest. Aber ich beschloss ihn ein für alle Mal auszublenden. So langsam wurde mir der auch egal. Ich packte den Nacken des Gauls fester und machte mich schwer bis der Braune gezwungen war, doch noch den Kopf zu senken. Ich weiß nicht mehr wie ich danach den Finger in sein Maul bekam, aber mit einem Mal war meine Hand nass aber das verdammte Gebiss genau da im Maul des Pferdes, wo es hingehörte und ich hatte keinen blassen Schimmer wie ich das angestellt hatte. Aber immerhin hatte ich es irgendwie angestellt. Der Atem ging mir noch tief durch die Atemwege und finster starrte ich auf mein Werk hinab als könnte sich das Ledergeschirr mit einem Mal doch noch in Nichts und Wieder Nichts auflösen. Aber es blieb alles da, wo es hingehörte. Ein Glück. Wer war eigentlich jemals auf die Idee gekommen diese Biester reiten zu wollen?!
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