Charaktere
Ardin James » Otis Rhode
Datum & Ort
18.09.1850, Die James Wohnung in Whitechapel
Society of My judge and jurors Rudeness
„Bring das zu deiner Ma, Jake, ja?“ Der Junge löste den Blick von meinen Händen, nahm die Schüssel von mir entgegen ohne mich anzusehen und umrundete Ben und Fred, die am Tisch saßen und Aufgaben ihrer Abendschule gemeinsam lösten, um die Schüssel zu Margory hinüber zu bringen, die den Inhalt, den ich zusammen geschnippelt hatte, in den Topf über dem Feuer schüttete. Sie fuhr dem Jungen mit der Hand durchs Haar bevor der sich abwandte und durch die offene Wohnungstür ins Treppenhaus strebte. „Komm zum Essen wieder, Jacob!“, mahnte sie den Jungen, während er schon entschwand. „Hm“, bekam sie zurück, dann war er fort. Samuel war unten im Hof. Er hatte gesagt er hätte Holz gefunden. Kein Wunder, dass Jacob auf und davon war.

Mein Blick legte sich auf den Kohl in meinen Händen, den ich im Licht der Öllampe, die auch Ben und Fred im schwindenden Abendlicht Helligkeit spendete, kleinschnitt. „Spätestens wenn Onkel Otis auftaucht, ist er da als hättest du ihn bestellt. Klare Sache.“, erklärte mein Fred jetzt vom Tisch aus. „Er soll es sich trotzdem nicht falsch angewöhnen.“, erklärte Margory resolut und die Jungs steckten ihre Köpfe wieder zusammen. Onkel Otis. Natürlich. Wenn Onkel Otis kam, dann musste man zur Stelle sein. Aber wenn sein alter Herr nach Hause kam, dann schaffte der Junge es nicht an den Essenstisch. Margory war nur wegen mir so streng. Ich hatte Jacob schon des Öfteren ermahnt deswegen. Mit dem einzigen Ergebnis, dass Margory mich angefahren hatte weil ich den Jungen zu streng rügte. Weil ich doch wisse, dass er nicht in diesen Bahnen funktionierte. Mochte sein, dass dem so war, aber er würde irgendwann da draußen klar kommen müssen. Und ich machte mir Sorgen ob er das schaffen würde, wenn er in Bens und Freds Alter käme. Aber wenn Otis kam, dann schien all das keine Rolle mehr zu spielen. Weil Otis der mit dem Holz war. Der, der es als erstes mitgebracht hatte. Eigentlich für Ben. Aber sie liebten es wenn er schnitzte. Alle wie sie da waren. Überhaupt liebten sie Otis alle. Deshalb war er auch schon wieder zum Essen eingeladen. Als würde es nicht reichen, dass ich ihm jeden Tag über den Weg lief. Als würde es nicht reichen, dass ich mir sogar diese Abstellkammer von Büro mit ihm teilte. Und der Tag war lang gewesen. Ich hatte eine Weile nicht geschlafen – aus gutem Grund – und es fiel mir jeden Tag schwerer, mich zu konzentrieren. Ich versuchte es zu überspielen wann immer ich konnte, aber Rhode dem Bastard, fielen solche Dinge auf. Und er nutzte sie. Aber viel schlimmer: Margory fiel es auch auf. Es war mir egal wenn March meinte, ich sollte schlafen. Sie hatte keine Ahnung was ich sah wenn ich die Augen schloss. Und ich hatte ihr oft genug klar gemacht, dass sie davon nichts wusste. Sie hatte sich geschlagen gegeben. Zumindest solange ich funktionierte. Und ich funktionierte. Tadellos wie ich fand. Aber ich wusste, dass es nur einen Moment der Schwäche brauchte und sie würde es mir wieder vorhalten, als würde es nicht reichen, dass ich selber darunter litt. Die Müdigkeit hatte sich längst wieder tief in meine Knochen geschlichen, bereitete mir Kopfschmerzen und machte es schwer den Blick auf den Kohl und das Messer in meinen Händen zu fokussieren.

Es brauchte nur diesen Moment der Unaufmerksamkeit. In dem sich meine Augen schlossen und die Klauen der Finsternis nach mir griffen, mein Kopf vornüber sackte und meine Hand mit dem Messer vom Tisch abglitt. Panisches Fauchen einer Katze und ich riss die Augen auf. War wieder hellwach. Riss mein Gleichgewicht zurück. Sah auf die leere Hand, die bis eben noch das Messer gehalten hatte. „ARDIN!!!“, schrie Margory und die Wände um uns herum schienen zu erzittern. Ich starrte an meiner Hand vorbei zu dem Messer, das in den Dielen am Boden steckte. Bentley hatte sich mauzend zu Margory in die Ecke des Herdfeuers verkrochen. Jackdaw erklärte mir vom Küchenschrank aus hilfsbereit, dass ich ihn beinahe erstochen hatte mit meinem Schlafanfall. Heilige Scheiße. Ich fuhr mir mit der Hand über das Gesicht. „ARDIN! In Dreiteufelsnamen!“ Wieder Margory. Und die Luft im Raum schien gefroren zu sein. „Wenn du nur ein einziges Mal deinen verdammten Kopf einschalten und nachts die Augen schließen würdest anstatt am helllichten Tag!!! Du hättest beinahe Bentley erwischt!!!“„Kein helllichter Tag.“, protestierte ich nüchtern und richtete mich auf meinem Stuhl auf. Neben mir prallte scheppernd Keramik gegen die Wand und zersprang. Ich duckte mich reflexartig weg, hielt nach den Scherben Ausschau. Meine Brauen fanden von ganz allein den Weg zueinander um eine tiefe Furche auf meiner Stirn zu bilden. „Das war die Tasse meiner Mutter. Warum zerwirfst du die Tasse meiner Mutter?!“, fragte ich fast ein wenig überrascht. Aber was mich wirklich wütend machte, war die Tatsache, dass sie es wegen solche Lapalien tat. Dann hatte ich eben Bentley verfehlt, na und? „Der Kater lebt doch noch, March, verdammt nochmal! Was soll das, eh?“, fragte ich und stand nun auf. Margory hielt sich nur schwerlich unter Kontrolle. „Was das soll?! Das ist dein Ernst, Ardin James?!!! Du fragst mich, was das soll?! Ich sage es dir immer wieder und ich sage es dir auch jetzt: leg dich verdammt nochmal schlafen!!!“ Verständnislos hob ich die Hände auf Schulterhöhe. „Was, warum?! Mir geht es gut, March!“„Hör auf, dich dümmer zu stellen als du bist!!! Du bist am Tisch eingeschlafen!!!“ Sie warf mir das um die Ohren als wäre ich schwerhörig. Aber sie wusste ganz genau, dass ich Gründe hatte. Sie wusste es verdammt nochmal!!! Warum kam sie damit jetzt schon wieder an?! Nur wegen dem verdammten Kater?! „UND?! Ist doch nichts passiert, oder?!“„Paa…“ Mein Kopf fuhr herum. „Sei still wenn ich mit deiner Mutter streite, Frederick!“ Ich zeigte mit dem Finger auf ihn und der Blick wirkte um den Zorn meines Jungen anzufachen, aber auch seine Disziplin zu ihm zurück zu bringen. „Lass Freddie da raus!!! Und ich sage es dir nochmal: du hast Bentley beinahe aufgespießt!!!“ Es war der vermaledeite Kater. „UND?! Es geht ihm gut, oder?!“ Margory kochte. „DAS HÄTTE AUCH EINES DEINER KINDER SEIN KÖNNEN, DU HORNOCHSE VON EINEM MANN!!!“ Jetzt standen wir einander gegenüber, jeder auf einer Seite des Tisches und brüllten uns an. „KEINES MEINER KINDER WÄRE SO BLÖD!!!“„ACH JA?! Und was wenn Jacob wieder hoch gekommen wäre?! Sich neben dich gestellt hätte?! Hättest du ihn gehört in deinem nebligen Zustand?! Wärst du eingeschlafen und ihn hätte das Messer erwischt?!!“„Natürlich hätte ich Jake gehört!!!“ Margory lachte bitter spöttisch auf. „Natürlich!“, erklärte sie zynisch. „Ja!!!“ Sie verschränkte die Hände vor der Brust.

„Du willst mir sagen, ich bin eine Gefahr für meine Kinder, ja?!“, schlussfolgerte ich aus allem was sie mir bis jetzt um die Ohren geworfen hatte. „Ja.“, antwortete Margory und sie klang fast abwartend provokant dabei. Ich presste die Kiefer zusammen vor Wut. Für einen Moment herrschte Stille während ich sie finster anstarrte. DAS warf sie mir vor. Dass ich nicht mehr unterscheiden konnte ob ich den Kater oder eins meiner Kinder abstach. So etwas musste ich mir anhören. Und das vor meinen eigenen Kindern. Dass ich die Gefahr mit nach Hause brachte. Dass ich die Gefahr war. Mit jedem meiner Atemzüge. Während ich – und der Gregor wusste das – jeden Atemzug nur für diese Familie tat. Ich hätte sie vor allem beschützt. Für jedes meiner Kinder hätte ich mein Leben gegeben. Und jetzt sollte ich die Gefahr sein?! Es war so still, dass ich meine eigenen Atemzüge hörte. Sogar Jackdaw auf dem Küchentisch saß vollkommen still da. Dabei würde sie mir später wieder hämisch all meine Verfehlungen vorhalten, aber das Federvieh hatte für den Moment nichts zu sagen.  „Das denkst du?“, presste ich mühsam beherrscht zwischen den Zähnen hervor. Ich sah Margory direkt in die Augen, sollte sie mir das ins Gesicht sagen ohne dabei zu blinzeln. Aber sie hielt meinem Blick eisern stand. „Das denke ich. Und das sage ich.“ Und ich starrte nur zurück.

Ein Knarren an der Tür bei der Truhe. Ich ruckte mit dem Kopf hinüber. Wütend. Bereit, Jacob wenn nötig mit all meinem Zorn zurück in den Hof zu jagen, damit sich nicht noch eines meiner Kinder in meinen Streit mit meinem Eheweib einmischte, wie Frederick glaubte es tun zu können. Aber anstatt meinen Jungs oder Maude fiel mein Blick auf Rhode. Otis Rhode, der auf der Truhe saß.  Ausgerechnet. Schon wer weiß wie lange. Er war eingeladen, ja, aber… Hatte er das mit angehört?! Dass ich eine Gefahr für meine Kinder war?! Lachte er sich schon ins Fäustchen der Schuft?! Hart fühlte ich meine Brust eng werden während ich ihn wütend anstarrte. Ausgerechnet er noch, jetzt. Und ihn hatte ich auch nicht kommen gehört. Ich sah zu Margory zurück. Die hob nur eine Braue. Rhode war ihr Beweis genug. Ich war schon längst nicht mehr genügend bei Sinnen um meine Umwelt wahrzunehmen. Schön. Sehr schön. Ganz wunderbar, wie sich hier alles zurecht legte. Ich konnte ihr zeigen, wie es war wenn meine Sinne benebelt waren. Rau schabte mein Stuhl über den Boden als ich ihn grob zur Seite schob. Den Blick noch immer wütend auf Margory griff ich auf den Küchenschrank wo ich das Haushaltsgeld für den nächsten Tag abgelegt hatte, schob es mir in die Hosentasche und nahm Mantel und Hut vom Haken hinter der Tür. „Wenn du Ärger mit mir willst, dann gehst du jetzt Ardin. Dann brauchst du nicht zurück zu kommen.“ Ich sah Margory finster an und setzte demonstrativ den Hut auf den Kopf. Dann wandte ich mich ab und stieg raschen Schrittes und ohne mich ein weiteres Mal umzusehen die Treppe hinunter zum Hof.



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