„Hast du nicht vor mit zu gehen, Vater?“, fragte Ben mit einem Mal und sein eindringlicher Blick verriet seine Besorgnis mehr als seine Worte. Es versetzte mir jedes Mal wieder einen Stich, wie er in den letzten Monaten begonnen hatte mich immer häufiger ‚Vater‘ zu nennen, als wäre er nun endgültig zu alt für Formlosigkeiten. Aber gegen die andere Botschaft, die in Bens Worten lag, wurde das beinahe unbedeutend. Anstand, Moral und Schulwissen konnte ich inzwischen dreimal von meinem Jungen lernen und das zeigte er häufig genug. Aber er hatte Judiths Art das zu tun, die Art, die dir in aller Regel kaum auffällt, die sich im Geheimen einschleicht und dich noch so viel fester durchdringt als jede offene Ermahnung. Das hier war für Bens Begriffe der Holzhammer, also musste es ihm wirklich wichtig damit sein. War das denn derart offensichtlich, dass ich hinter Ardin hätte herrennen müssen wie ein Schulmädchen hinter dem anderen? „Hatte ich nicht vor, nein, Sohn“, erwiderte ich. Da glomm sie auf, die Wut in Bens haselnussfarbenen Augen. Ich seufzte lautlos. „Er will seine Ruhe, also…“, ließ ich mich dazu herab das Offensichtliche zu erklären, mehr in der vagen Hoffnung, dass wir damit zum Abendessen über gehen konnten, als dass sie Ardins oder meine Motive dadurch begriffen. Warum entfloh ein Mann einem Streit? Nicht aus Rücksichtslosigkeit, sondern dem genauen Gegenteil. Weil er nicht mehr weiter weiß. Und weil ihm bewusst wird, dass er anderenfalls womöglich etwas tun könnte, das er später bereute. Weil er Zeit braucht. Und Ruhe. Vielleicht auch Ablenkung. Nichts davon hatte ich für Ardin zu bieten. Ich wurde noch immer angestarrt wie der herzloseste Bastard auf diesen Straßen. Beim dunklen Herrn, wer hatte denn jetzt einer Katze den Schwanz durchlöchert? Ich spürte den Druck gegen Cyneburgs Kette bei diesem Gedanken wieder stärker werden. Ich war es nicht gewesen. Ich wollte Rücksicht nehmen! Auf Ardin James! Herr in der dunklen Hölle! Wurde einem denn gar nichts mehr gedankt auf dieser Welt? Nicht einmal mit einem Abendessen, das einem ohnehin versprochen war?! Aber nein, jetzt sollte ich auch noch dem entflohenen Katzenverstümmler hinterherlaufen. Raus auf die kalte Straße mit leerem Magen, während hier drin Margorys köstliches Mahl ohne mich stattfinden würde. Zu den Blicken, die auf mir lagen, gesellte sich der von Cyneburg, auffordernd. Sie fand das auch Quatsch, was ich gesagt und gedacht hatte. Herzlichen Dank auch. Jetzt wurde ich auch noch von Satans Geschenk genötigt Ardin zu folgen. Begleiter, Ihr moralischer Beistand seit Anbeginn der Hölle… Eindringlich starrte sie zu mir auf, wie in den wenigen Momenten, da sie etwas wirklich ernst meinte, und die Tatsache, dass sie Kontakt zu der Dohle haben könnte, ließ mich doch für einen Moment mulmig werden. Ich schob die Schultern hoch, ließ sie dann ergeben wieder fallen. „Schön“, gab ich brummig nach und verließ von Cyneburg angeleitet, die augenblicklich Ardins Spur aufgenommen hatte, Wohnung und Haus und folgte zügig dem Weg, den sie vorgab.
„He“, warnte ich vor, als ich zu Ardin aufschloss. Ich wollte nicht, dass er erschrak und am Ende auch mir noch ein Messer in den Schwanz jagte. Ein wenig verengte ich die Augen, als ich bei ihm angekommen war, skeptisch. Dann gelang es mir nicht länger die Frage für mich zu behalten, die der dumme Köter von meiner Begleiterin so penetrant in mein vorderstes Bewusstsein schob, dass ich meine eigenen Gedanken darüber nicht mehr hörte. „Du hast also den Kater aufgespießt? Ich frag für Cyneburg.“
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