Weiter hielt Ardin mich im eisernen Griff. Während Cyneburg uns also frei folgte, wurde ich durch den verdammten Pub geführt wie ein ungehorsamer Köter. Erst an einem – besetzten Tisch – ließ Ardin von mir ab und ich konnte mein Jackett richten. Wieder einmal durfte ich Zeuge dessen werden, was für ein wundervolles Team Ardin und Cyneburg abgaben. Ging es darum ein paar arme Teufel in Angst und Schrecken zu versetzten war Cyneburg doch zu jeder Schandtat bereit.
Ardins Blick traf mich, als die Vorstellung beendet war, und ich erwiderte ihn spöttisch. Wollte der jetzt etwa Beifall, dafür dass er sich wie ein abgebrühter Kneipenschläger aufzuführen wusste? Wirklich die beste Taktik in einem Pub für böses Blut zu sorgen, in dem man plante sich nach allen Regeln der Kunst den Schädel weg zu saufen. Der James wäre wahrlich nicht der erste, der am nächsten Tag mit aufgeschnittener Kehle gefunden wurde. Aber gewiss nicht in meinem Beisein. Wenn ein Polizist in so prominenter Pose ermordet wurde, mit dem ich am Abend noch im Pub gesehen worden war, und ich es nicht verhindert hatte, dann würde mich Mulligan schon all der schlechten Presse wegen zu einem Constable degradieren. Das war keine Option. Also hatte ich wohl notgedrungen zu tun, was der James verlangte. Ich rutschte auf die Bank und ergab mich meinem Schicksal, während Cyneburg unter dem Tisch verschwand als sei das jetzt ihre Höhle.
Mein Blick glitt über unser Umfeld. Am Schanktresen konnte ich die von Ardin um ihren Platz geprellten Trunkenbolde erkennen, die sich bei der Wirtin ausheulten. Ich betrachtete des Schauspiel mit geringem Interesse – und tatsächlich, wenig später baute sich die massige Dame vor unserem ergaunerten Tisch auf. „Keine Hunde erlaubt“, blaffte die Frau des Schankwirts. Mit hochgezogenen Brauen sah ich ihr unbeeindruckt entgegen. Den James, den hätte sie hier hocken lassen, aber meinen Köter, den wollte sie hinaus werfen nach dieser Sache. Nein, war schon klar. Vom James hatte sie immerhin noch auf Zeche zu hoffen, von meinem Köter nicht. Bei James‘ aktueller Laune konnte sie jedoch noch auf etwas ganz anderes hoffen. Wobei, ich nahm nicht an, dass James die Dame ähnlich leicht eingeschüchtert bekam, wie die Betrunkenen. Für einen Augenblick stellte ich mir vor wie ein zu kurz geratener Ardin James von einer Wirtin, die gut und gerne das doppelte seines Gewichts auf die Waage gebracht hätte und ihn obendrein um einen ordentlichen Kopf überragte, im Ringkampf besiegt wurde. Würde der James mit einem Arschtritt in der Gasse landen, dann blieb mir jedenfalls dieses grauenvolle Essen hier erspart. Sah man davon mal ab, hatte ich aber auch nicht mehr gewonnen. Ich stoppte die Szenerie vor meinem inneren Auge just an der Stelle, an der die Wirtin Ardins Schädel in den Schwitzkasten genommen hatte, prägte mir das Bild ein und konzentrierte mich wieder auf das hier und jetzt. „Komm, lass gut sein, Weib“, brummte ich also und schob der feisten Dame etwas Trinkgeld zu – selbst wenn sie es um meinetwillen mit der Bestellung nicht eilig zu haben brauchte. Sie betastete die blanke Münze, bevor sie sie in die Schürzentasche gleiten ließ, betrachtete uns noch einen Moment missmutig, aber zog schließlich von dannen. Jetzt konnten wir abwarten, ob die Trunkenbolde ihr mehr zu zahlen hatte und ob sie so dumm wäre ein weiteres Mal wegen derselben Sache zu uns hinüber zu kommen – irgendwann hatte auch meine Geduld ein Ende.
Ich sah zu James hinüber, ausdruckslos, als ob ich ehrlich einfach nur am weiteren Verlauf des Abends interessiert wäre, fragte ich: „Und jetzt? Besäufst du dich?“ Ich zog die Mundwinkel tiefer, zuckte vage mit den Schultern und ruckte dabei knapp mit dem Kopf voll spottender Anerkennung. „Klassisch.“ Nichts, was ich ihm nicht schon vorgemacht hätte – und was er mir vermutlich davor schon vorgemacht hatte. Immer wieder gut die alten Traditionen nicht verstauben zu lassen. Nein, ehrlich, Respekt.
Ardin James, löst keine Probleme, selbst in 1850 noch. Das konnten sie auf die öffentlichen Werbetafeln schreiben.
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