Fast wütend auf mich selbst, schüttelte ich den Moment ab, in dem ich förmlich spüren konnte, wie ich selbst in dem Morast versank, in dem Ardin sich gerade suhlte. Herzlichen Glückwunsch, Mr. James, nicht jeder schafft es schon während des ersten Ales in Selbstmitleid zu versinken. Der beliebte Spruch wäre wohl gewesen: ‚Such dir eine Frau, wenn du jemanden brauchst dem du die Ohren volljammern kannst‘ – aber das hatte der James ja getan. Und er biss sich die Zähne an ihr aus, also musste ich jetzt herhalten. Nicht zuletzt ein Grund die Sache ein wenig zu beschleunigen. „Schön, lassen wir dich schlafen“, stimmte ich also rau zu und machte die vorbeieilende Schankwirtsfrau auf uns aufmerksam, sie hielt widerwillig bei uns inne. „Bring uns eine Flasche Gin, eine Starken, und ein Glas“, machte ich es kurz und schob ihr fünf großzügig bemessene Pence zu. Zwei mehr und sie hätte uns direkt eine ganze Gallone dafür bringen können. Wenn James schlafen wollte, dann gab es kaum eine bessere, billigere oder schnellere Methode, sah man womöglich von diesen unseligen Mischungen aus warmen Wasser, Zucker und Brennspiritus ab, die sie auf der Straße handelten. Die zeigte zwar noch schneller ihre Wirkung, aber das Risiko zahlte sich nicht aus. Nein, starker Gin war die effizienteste Methode zu Vergessen, die du dir erkaufen konntest und das wusste ich aus Erfahrung zu sagen. Und wenn James den Gin nicht wollte, dann würde ich das Zeug heute wohl noch bitter nötig haben.
„Mein Mann brennt den Ol‘ Tom selbst“, verkündete sie, uns jetzt schon etwas gewogener, und der Stolz schwoll in ihrer dröhnenden Stimme an. Meine Mundwinkel zuckten eine Spur in die Höhe und mein Seitenblick ging feixend zu Ardin. Den Old Tom brachten sie nicht nur des Namens wegen mit einem alten Kater in Verbindung, sondern wegen den Katzenfiguren, die die Schwarzbrenner als Kennzeichen ihres Ginverkaufs vor ihren Häusern aufgestellt hatten, als sie dem Ginkonsum im vergangenen Jahrhundert mit Verboten hatten Herr werden wollen. Erfolgreich war das nicht besonders gewesen. Das hatte erst unser verehrter Duke of Wellington vor zwanzig Jahren geschafft, als er die Steuer und die eingeschränkten Lizenzen für die Bierproduktion und den Verkauf gekippt hatte. War der Gin bisher billiger als jedes Bier gewesen, schossen inzwischen an jeder Straßenecke Beerhouses in die Höhe und die Pubs würden dir selbst Pisse teurer verkaufen. Der Vorteil für den Gin war, dass inzwischen nicht mehr jeder damit herumpanschte, sondern sich lieber damit gütlich tat seine zweifelhaften Fähigkeiten am Bier zu proben, weil sie letzteres billiger und damit der breiteren Masse unterjubeln konnten. Das sollte jedoch nicht bedeuten, dass man nicht auch auf den Gin, den man zu sich nahm, ein waches Auge haben sollte. Nicht umsonst hielt sich der Spruch hartnäckig, dass es beim Gin nur ein Penny zwischen einem betrunkenen und einem toten Mann machte. Einmal davon abgesehen, dass der Old Tom mir zu süß war, selbst wenn sie ihn nicht mit Zucker auffüllten. „Naa“, brummte ich deshalb, „bring uns den aus Plymouth.“ Wenn es der echte war, dann konnte man immerhin sicher sein, dass sie nichts von dem verseuchten Londoner Wasser zum Brennen verwendeten. Die Schankwirtsfrau schnaubte wie ein Gaul, der sich den Fox Hill hochkämpft. „Der is‘ aber teuerer“, murrte sie, aber sie hatte es geschafft, ich war mir meiner Geduld am Ende. Ich hob die Hand und rieb mir über die Stirn, nickte dann auf die fünf Pence in ihrer Hand, mühsam beherrscht. „Das ist mehr als jede Flasche Gin in deiner Schenke wert ist, also bring uns den Guten dafür und sei dir gewiss, dass ich den Unterschied merken werde.“ Ihre dunklen Augen weiteten sich zornig und sie blähte schon die Backen. Meine gehobene Hand knallte auf die Tischplatte hinab. „Jetzt!!“ Und endlich zog sie von dannen.
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