Aber wir planten offenbar nicht nur die beschleunigte Version einer versoffenen Nacht, nein, offenbar hatte jemand im Pub herum erzählt, dass ich gerne mein Augenlicht verlieren wollte. Selbst gebrannt. Ich begegnete Rhodes Blick und schmatzte nur bedient, nicht zeigend wie erleichtert ich dann doch darüber war, dass er keine Freudensprünge machte. Als wäre es ihm zuzutrauen gewesen, dass er mir das übelste andrehte was er finden konnte, nur weil er meinte, dass ich es verdient hätte. Oh es war ihm zuzutrauen. Gerade deshalb war es so erstaunlich, dass er sich ganz offensichtlich dagegen entschied und das gute Zeug für mich bestellte. Auch wenn er damit drohte den Zorn der Schankwirtin direkt von Neuem auf uns zu ziehen. Ich wandte den Blick zurück zu der üppigen Frau. Vielleicht kam ich ja doch noch zu meiner ersehnten Auseinandersetzung mit dem Weibsstück. Aber sie murrte nur. Und Rhode zog die Grenze.
Ungerührt ließ ich den Knall über mich ergehen, den es durch den Pub jagte als Rhode auf den Tisch schlug. Aber das Geräusch verhallte direkt in dem allgemeinen Lärm, der in der Schankstube herrschte. Stattdessen ging mein Blick wieder zu der Wirtin. Ich atmete tief und gesittet ein. „Jetzt!!“ Rhode konnte ja richtig deutlich werden… Und tatsächlich nahm sie das Geld und zog ab. Wieder folgte ich ihr einen Moment mit den Augen, bevor ich fast anerkennend die Brauen auf meiner gleichgültigen Visage hochzog. „Du willst es ja wissen.“, kommentierte ich sowohl Rhodes verhältnismäßigen Wutausbruch der Wirtin gegenüber und gleichzeitig seine plötzliche Entschlossenheit die Sache abzukürzen. Aber ich würde weiterhin nicht Nein sagen. So dumm war ich nicht. Nicht wenn ein Mann deine Drinks bezahlt und dann auch noch das gute Zeug ordert. Sowas lehnst du nicht ab. Selbst wenn ich Rhode damit potenziell für einen kürzeren Zeitraum auf die Nerven gehen würde als ich das ursprünglich vorgehabt hatte. Dem musste auch mal was Gutes passieren. „Was soll das werden? Hast du vor, Heimatgefühle in mir zu wecken?“, spottete ich träge zynisch und sah doch ein wenig feixend fort vom Tresen und hin zu Rhode.
Tatsächlich war ich schon so lange nicht mehr in Plymouth gewesen, dass ich nicht einmal sicher war ob man das was ich mit dieser Stadt verband noch als Heimatgefühl bezeichnen konnte. Ich hatte den Ort mit dreizehn Jahren verlassen und seitdem nie wieder betreten. Selbst meine Geschwister hatte ich das letzte Mal bei meiner Hochzeit gesehen und seitdem kam alles was ich von ihnen hörte über Briefe. Briefe, die zu schreiben mich so viel Zeit kosteten, dass ich sie nutzte um die Nächte mit ihnen zu verbringen statt mit meiner Frau. Aber das war nur ihr praktischer Nebeneffekt. Wahrscheinlich konnte man, wenn man in diesen Begriffen redete, London mittlerweile noch so viel mehr als meine Heimat bezeichnen. Diese Stadt, die ich wie meine Westentasche kannte. Ganz besonders die Labyrinthe ihrer dunkelsten Ecken. Das hätte ich mir früher niemals träumen lassen. Nicht hier. Nicht in Whitechapel. Eine Wahl hatte ich nie gehabt. Aber wer hatte schon je danach gefragt? Und was brachte es jetzt damit zu hadern? Whitechapel war Whitechapel. Und wir hatten es uns mithilfe der Coster und der Dustmen immerhin so gemütlich gemacht wie es für unsereins nur irgendmöglich war. Es war fast ein bisschen wie damals in der Bow Street. Man sollte dankbar dafür sein. Wäre da nicht meine Familie gewesen.
Meine Familie, für die ich eine Gefahr war.
Für meine Familie war das ganze verdammte Viertel eine Gefahr.
Ich hob das Glas Ale und setzte es von neuem an die Lippen. Den Gedanken musste ich dringend ertränken.


