Charaktere
Ardin James » Otis Rhode
Datum & Ort
18.09.1850, Die James Wohnung in Whitechapel
Society of My judge and jurors Rudeness
Geistig machte ich bei mir eine Notiz: Ardin James nie wieder eine Flasche Gin zu überlassen.

Der vertrug das Saufen einfach nicht.

Hatte er noch nie getan, aber heute nahm es einen neuen Höhepunkt an.

Und ich wusste noch immer nicht so ganz, mit was ich das verdient hatte.

Während ich mit einer gewissen Kontinuität und zu einem Zweck trank, waren es bei Ardin jedes Mal vollkommen unberechenbare Zusammenbrüche aus dem Blauen heraus. Grenzen, wiederholte ich es zynisch, kannte der nicht. Aber das interessierte Cyneburg gar nicht, bei dem James interessierte sie das kein bisschen. Ich saß noch immer zurückgelehnt da, den Blick beschämt auf der Tischplatte vor mir und tat so, als würde ich gar nicht mitbekommen, wie Ardin meinen Köter streichelte. Als könne ich es gar nicht spüren, was Cyneburg tat, was Ardin tat. Ich hätte meine Verbindung zu Cyneburg blockieren müssen, aber es wäre ja doch nur eine feige Flucht gewesen, die sie mir später vorgehalten hätte. Besser ich tat so, als wäre es mir gleichgültig. Doch das war deutlich schwerer als ich hätte ahnen können.

Mein Seitenblick fiel auf Ardins Finger, welche die Flasche umklammert hielten. Blieben an den Symbole hängen, die an drei davon prangte und über denen längst ein gräulich verwaschener Schleier hing – wie über den meinen, die selben Symbole, die selbe Stelle, die selbe Herkunft. Ich erinnerte mich daran, wie wir sie mit dünner Nadel gestochen bekommen hatten. Auch damals hatte man jedem von uns einen guten Zug aus der Flasche gegeben, mehr um den Pakt zu besiegeln, der mit der Tätowierung einherging, die Hingabe und unbedingte Loyalität einem ausgewählten Kreis gegenüber, aber auch um dem Fieber vorzubeugen. Ich hatte den Geschmack noch heute auf der Zunge, so intensiv wie das Bild vor Augen. Der Unterschied hätte nicht härter sein können. Natürlich war das damals kein Gin gewesen, nicht bei Fieldings Einstellung gegen dieses Gesöff und bei der Art, wie der Gründervater der Bow Street Runner noch all die Jahrzehnte nach seinem Tod verehrt worden war. Aber es hatte auch aus anderen Gründen nicht so geschmeckt wie heute. Weil es nun mal anders war, wenn man soff um irgendetwas auszuschalten und ich wusste nicht mehr zu sagen, wann ich zuletzt aus einem anderen Grund gesoffen hätte. Nur dass ich das Saufen eben vertrug, nicht so wie der James. Ich dachte an den Unterschied, den es gab, ob man soff um sich selbst zu vergessen oder um die Welt zu vergessen. Und vielleicht, vielleicht lag es auch daran, dass das Saufen meine Probleme lösen konnte, Ardins dagegen nicht. Ich hatte nie so sehr mit der Welt gerungen, wie er es tat. Wenn ich soff, dann weil ich mich selbst nicht ertragen konnte, weil ich mir selbst für ein paar Stunden entkommen musste, wenn alles andere unerträglich wurde. Es war wie unter den chronischen Schmerzen einer alten Verwundung zu leiden. In der ersten Zeit hilft es dir den Schmerz immer mal wieder für ein paar Stunden mit Morphium zu betäuben, um die Kraft zu sammeln ihn im Anschluss wieder ertragen zu können – und eines Tages ist er dir so vertraut, dass es dir immer länger gelingt mit ihm zu leben. Zu saufen, sich zu betäuben, ändert rein gar nichts, aber das war auch nie meine Erwartung gewesen. Mir ein paar Stunden Ruhe zu erkaufen war alles, was ich je hatte wollen und das Saufen war das Mittel gewesen, das mir genau das hatte liefern können. Aber Ardin… Ardin würde eine Flasche nichts bringen und das begriff ich jetzt. Vielleicht sprach er davon sich in den Schlaf saufen zu wollen, aber das war nicht, was er wirklich wollte. Sein Problem war nicht der eigene Kopf. Sein Problem waren die Köpfe der Anderen. Sein Problem war die Welt, all die kranken Geister, die sie füllten.

Die machten ihm Angst und die Quelle für diese Angst würde sich durch nichts auf der Welt auslöschen lassen. Außer der Gewöhnung. Und Gewöhnung war ein zweischneidiges Schwert. Ohne sie wären weder Ardin noch ich heute hier. Was wir gesehen hatte im Laufe unseres Lebens, was wir getan hatten, das ließ sich nicht ertragen ohne Gewöhnung. Die Frage war nur, an welche Dinge sollte man sich nicht gewöhnen. Denn das was auf den Straßen geschah sei das eine, doch in den Köpfen der Menschen, abseits der begrenzenden Möglichkeiten der Realität, da trieben sie wohl noch so viel grausamere Dinge. Ich dachte daran, wie sich der Grad der Grausamkeit allein schon dadurch verschob, wenn die Menschen meinten keine andere Möglichkeit oder aber schon gar nichts mehr zu verlieren zu haben. Wie viel mehr Freiheit musste die eigene Fantasie einem dann liefern? Genug um einen Ardin James mit all seiner Erfahrung, all seiner Gewöhnung in ein wimmerndes Häuflein Elend zu verwandeln.

“Ich frage mich manchmal ob Menschen so sind wenn sie nicht in der Wirklichkeit gefangen sind. Und ich frage mich ob das die Welt ist, die auf uns wartet, wenn sich der Gregor uns irgendwann holt.“ Ich blickte noch immer zu Ardin hinüber, auch als er längst aufgehört hatte zu sprechen. Irgendwann hob der Andere den Blick, sah mich wieder an und ich entgegnete all der Hoffnungslosigkeit darin, all der Verzweiflung und Scham. Ich hätte sagen können: Ja, wahrscheinlich ist das die Welt, die auf uns wartet. Aber was hätte es schon gebracht das auszusprechen? Das war uns beiden klar. Das war der Preis gewesen, mit dem wir all das erkauft hatten. Wenn die Seele der Weg in eine bessere Welt war, dann konnte auf uns nur die Dunkelheit warten, jetzt da der Gregor sie in Händen hielt. Aber es ging nicht darum, was auf uns wartete. Denn das würde, so der dunkle Herr denn wollte, noch ein wenig hin sein. Es ging um das hier und das jetzt, das für Ardin bereits Hölle genug zu sein schien und irgendwie gefiel mir der Gedanke nicht, dass der James mir am Ende etwas voraus hätte, wenn wir einmal mit all den anderen kranken Gestalten in der Hölle einsaßen. Nein, dass der jetzt schon an höllenähnlichen Verhältnissen litt, das gehörte sich nicht und das würde ich dem Gregor wohl sagen, wenn er das nächste mal zum Teetrinken bei Margory vorbei sah. So etwas konnte ich schließlich nicht hin nehmen. Aber auch das sprach ich nicht aus, schob die tobende Wut, die ich deswegen empfand von mir, löste die Finger, die sich um mein leeres Glas gelegt hatten mühsam, betrachtete wie in die weiß gewordenen Knöchel das Blut zurückströmte.

Da war noch immer die Frage, die der James mir gestellt hatte. Unwirsch zog ich die Nase hoch und schob die Mundwinkel dann wieder voll Verachtung tiefer. „Du hast Angst, weil du keiner von diesen kranken Bastarden bist. Verflucht, Ardin, bei allem was du sagst, solltest du Angst haben. Ich hät‘ Angst, hättest du keine.“ Was würde es schon bedeuten, wenn man davon keine Angst hätte? Wenn man sich womöglich darauf freute und jeden dieser perversen Träume genoss? Dann hätte ich Angst und wie ich sie hätte. Mein Junge lebte in diesem Haus. Mein Leben hing häufig genug von Ardins Teil der Arbeit ab. Gefiel es mir ihn dabei übermüdet und unkonzentriert zu haben? Ganz sicher nicht. Weder bei der Verantwortung, die er für meinen Jungen übernommen hatte, noch bei der Arbeit. Aber entgegen von Margorys Einschätzung, hätte ich die größere Angst, würde der James sich bei all den Träumen, die auf ihn warteten seelenruhig zur Ruhe legen. Ich schob unruhig mein leeres Glas auf dem Tisch hin und her und sprach dann mehr zu der Tischplatte gewandt als zu James hin. Nüchtern, aber die Stimme hohl dabei. „Du gewöhnst dich an die Arbeit, schätze du kannst dich auch irgendwann an die Träume gewöhnen.“ Ich nickte einen Moment bei mir, sah dann wieder zu Ardin hinüber. „‘bin froh, dass du’s noch nicht getan hast.“ Die Arbeit war etwas anderes, das hatte der James gesagt, aber ich fragte mich, ob sie nur deswegen etwas anderes war, weil Ardin schon länger damit lebte. Sicher, es war etwas anderes all diese kranken Dinge zu sehen, anstatt sie selbst zu empfinden. Aber wie häufig verschwamm diese Grenze. Wie häufig tust du in dieser Arbeit etwas, das du nie für möglich gehalten hättest und gewöhnst dich so schnell daran, dass es bereits zu spät war, wenn du dann einmal inne hältst und dich selbst hinterfragst. Geistesabwesend rieb ich mir über die tätowierten Finger. Wie häufig hatte ich mich später gefragt, ob… bei Judith… Wäre mir das Messer wohl so leicht in der Hand gelegen, wenn ich mich der Arbeit wegen nicht so sehr daran gewöhnt hätte? Unruhig schüttelte ich den Gedanken ab.

Und dann sprach ich es aus, was mir keine Ruhe ließ, dabei hätte es mich schon nicht mehr überraschen sollen. „Haben sie denn gar nichts anderes im Sinn? Nicht einmal in ihren satansverfluchten Träumen?“ Ruhelos ging mein Blick über die versammelten Leiber, die in diesem Pub grölten und lärmten, und ich schüttelte den Kopf, ohne eine Antwort von James zu erwarten. „Nicht einmal in ihren Träumen...“, wiederholte ich es tonlos und wusste selbst kaum, weshalb es mich überhaupt noch derart desillusionieren konnte.

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