Und dann kamen doch noch einmal Worte. Hatten die Straßenarbeiter mal wieder das falsche Material zum kitten der Leitung verwendet, dachte ich spöttisch bei mir, aber der Spott blieb mir nicht lang auf den Zügen. „Nicht alle. Einige werden von Dingen verfolgt, von denen man sich fragt, wie sie im Wachen zustande kommen konnten.“ Ich biss den Kiefer so hart und so unmittelbar zusammen, dass es sich anfühlte, als würde ich den Knochen dabei zermalmen. Zum ersten Mal hob Cyneburg wieder den Kopf von Ardins Oberschenkel. Ein seltsamer Laut kam ihr über die Lefzen und ich wusste, dass dieser Laut in Wahrheit tief in mir wohnte. Ich war froh, dass Ardin so gleichmütig weiter sprach. Ich war froh, dass er das nicht auf mich gemünzt hatte. Ich wollte keiner der perversen Spinner aus seinen Träumen sein und wusste doch gleichzeitig, das es so war. Dass ich die Alpträume der Anderen gar nicht kennen brauchte, um die Hölle bereits auf Erden zu erleben. Dass ich Dinge in der laut Ardin so eng gesteckten Realität getan hatte, die man nicht einmal in einem Traum hätte denken sollen. „Und ein paar… ein paar haben gute Träume. Die gibt es auch.“ Ich nickte. Ein wenig zu hart, ein wenig zu verzweifelt klammerte ich mich an den Gedanken. Dass es sie gab, die mit den guten Träumen. War das nicht meine Frage gewesen? Genau. „Aber ihre Zahl ist gering. Ich weiß nicht, ob es an Whitechapel liegt. Ich hatte das Gefühl, dass es in Covent Garden nicht so… schlimm war.“ Ich sah Ardin immer noch an. Bewegungslos. Erwartete um ein Haar den ewig währenden Vorwurf wieder zu hören. Aber er kam nicht. Das bedeutete nicht, dass er nicht trotzdem im Raum stand, aber ich war seltsam froh ihn hier und jetzt nicht noch einmal laut zu hören. In Covent Garden… in Covent Garden war so vieles besser gewesen. Nur allmählich ließ ich die Luft zurück in meine Lungen strömen. Aber wir waren nicht mehr in Covent Garden. Viele Jahre schon nicht mehr. Unsere Kinder, für die wir immer etwas besseres hatten wollen, waren die meiste Zeit ihres Lebens auf den dreckigen Gassen von Whitechapel aufgewachsen, dort wo kaum einer gute Träume haben konnte. Ardin träumte jetzt die hoffnungslosen Fieberträume der gebrochenen Kreaturen aus eben jenen Straßen, in die man uns nach allem, was mit meinem Leben damals geschehen war, verbannt hatte.
„Es tut mir Leid“, lag es mir vielleicht zum ersten Mal seit 1842 so dicht auf den Lippen, aber kein Ton schaffte es über meine brennende Kehle und schon einen Moment später sprach Ardin noch einmal.
„Lass uns gehen, ja?“
Ich nickte. Froh keine Gelegenheit gehabt zu haben die dummen Worte auszusprechen, die auch keinem halfen und gleichzeitig hasste ich mich so sehr dafür, es nie getan zu haben.
Grob konzentrierte ich mich auf Ardins letzte Worte. Ich war fast überrascht von der formulierten Frage in diesen Worten, aber ich machte mir keine Illusion darüber, dass meine Meinung in dieser Sache gefragt wäre. Ich stand auf. Cyneburg tauchte unter dem Tisch auf, aber sie war tatsächlich so klug Abstand zu mir zu halten. Was erwartete sie auch?! Nachdem sie Ardin auf dem Knie gehangen hatte, wie eine läufige Hündin. Unwirsch wandte ich den Blick ab. Um irgendetwas tatsächlich tun zu können, beglich ich an der Theke die Zeche. Das würde ich mit der nächsten Zahlung abgleichen, die Ardin mir meines Jungen wegen stellen würde. Würde ich wohl doch nicht tun. Darauf achtend, dass James in seiner Trunkenheit den Weg fand, die Säufer am Eingang bei Seite stoßend, bahnte ich mir einen Weg nach Draußen, wo mich beinahe ein dunkler Schatten in voller Wucht am Schädel getroffen hätte, ich zuckte zurück und bemerkte erst im zweiten Moment die Dohle. Verfluchter Satan. Ardin und diese Viecher, das würde noch mein Tod sein.
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