„Kommst‘ schon noch drauf“, brummte ich spöttisch, aber wirkliche Genugtuung brachte das bei Ardins Zustand nicht gerade. Ich bezweifelte auch ehrlich, dass er darauf kam, selbst wenn er sich im wieder ernüchterten Zustand noch daran entsinnen sollte. Sowas hatte dem James noch nie gelegen. Manchmal war er so unendlich schwer von Begriff. Manchmal? Die meiste Zeit eigentlich. Im Grunde sollte ich gar keinen Unterschied merken – ausgenommen davon, dass mir ein nüchterner James nicht am Mantel gehangen hätte, wie ein Kleinkind am Rock seiner Mutter. Und ein nüchterner James wäre nicht in einem vollen Pub in Tränen ausgebrochen. Ich runzelte unfreiwillig die Stirn. Seit wir uns kannten – und, dem dunklen Herrn sei Dank für Nichts, das war die deutlich längere Zeit meines Lebens inzwischen – hatte ich ihn vielleicht eine Handvoll Mal heulen gesehen. Der Anblick war selten genug. Und jetzt, ausgerechnet in diesem schäbigen Pub, nach einem kaum erwähnenswerten Streit – ich hatte schon bei deutlich heftigeren Zeuge gestanden zwischen Ardin und seiner Herzensdame – und über den ersten paar Schlucken Gin… Ich erinnerte mich mit einem Mal an etwas, etwas das Ardin damals gesagt hatte, als ich Ben in sein Haus gebracht hatte. Wenn wir nur damit leben können, Rhode. Fast zehn Jahre später und wir hatten nicht viel mehr Kontrolle über unsre satansgegebenen Fähigkeiten als damals. Ich hätte nur… ich hatte bis jetzt nicht gewusst, wie wenig James damit leben konnte. All die Jahre, all seine Übermüdung, die abgeschlagenen, blassen Züge an die ich mich längst gewöhnt hatte, ich hatte nicht geahnt, wie beschissen es tatsächlich um den James stand…
Ich wurde abgelenkt von der plötzlichen Aktion, die durch James schlafen Körper schoss. Mit mehr Kraft, als ich ihm noch zugetraut hätte, entwand James sich beinahe meinem Griff. Brüllend ging er einen Betrunkenen an, der uns passierte. Der wankte einige Schritte zurück, drehte sich jedoch gleichzeitig nach uns um, den Kopf schief gelegt, fahrig vor sich hin stierend, bis er uns mit seinem unsteten Blick traf. Aber James konnte es ja nicht gut sein lassen. „Halt’s Maul“, raunzte ich James an. Hatte mir bloß noch gefehlt, dass der uns die Iren auf den Hals hetzte. „Ey“, keifte der besoffene Kerl jetzt in kaum verständlichen Akzent zurück und machte Anstalten uns stolpernd entgegen zu kommen. Nicht nur das, im Licht einer der spärlichen Gaslaternen, blitzte das blanke Metall eines Messers auf, als der Ire die Hand hochriss. „Will’sch‘u das spür’n, hää?!“ Ein unleidiges Knurren kam mir über die Lippen, in dem Versuch den satansverfluchten James an die Hauswand hinter mir zu schieben und uns gleichzeitig diesen verrückten Iren vom Leib zu halten. Den erste Hieb des wild mit dem Messer fuchtelnden Burschen wehrte ich blindlings mit dem Unterarm ab, wollte ihn mit einem Tritt auf Distanz halten. Aber noch bevor es mir gelang, schoss aus dem Schatten neben mir Cyneburg in die Höhe, ihre Zähne blitzten auf und aus ihrem Nacken flatterte die Dohle auf. Der Ire kreischte auf und torkelte seitwärts davon. „Keiner kratzt Augen aus wie ‘daw“, schnaubte ich mit heiserem Lachen und wusste nicht einmal ob’s mein Gedanke war oder Cyneburgs stolze Bekundung. Ich fasste wieder fester nach Ardin. Vielleicht kamen wir ja jetzt ein paar Meter voran.