Ich rieb mir mit den Daumen über die Schläfen, stützte den Kopf in die Hände, Ellbogen auf der unebenen Tischplatte. Die letzten dreizehn Jahre hatten mich meine Erfahrungen mit Kopfschmerzen machen lassen. Diese waren dagegen nicht weiter der Erwähnung wert. Es war die normale Sorte. Die, die einen eben irgendwann heim sucht, wenn man eine Nacht nicht geschlafen hatte. Wenn man stattdessen den Abend in einem miesen kleinen Pub verbracht hatte, wenn man immer noch den Gestank nach schlechtem Essen, Tabakqualm und Trunkenheit an sich hatte. Wenn man seinen versoffenen Partner vom Blue Bull’s bis in die Niederungen der Tower Hamlets geschleppt hatte nachdem er k.o. gegangen war. Wenn man dem Mann sein Bett überlassen hatte und die restliche Nacht über Acht gegeben hatte, dass er nicht an der eigenen Kotze erstickt. Bisher hatte ich mich nicht umgezogen, hätte Ardin ein weiteres Mal kotzen müssen und hätte ich etwas davon abbekommen, ich hätte nicht einmal mehr meinen zweiten Anzug gehabt. Aber bisher war mein Bett immerhin von näherem Kontakt mit Ardins verbliebenen Mageninhalt verschont geblieben. Gut für den Kurzen, ich hätte ihn für ein Neues löhnen lassen. Auch wenn Cyneburg das hier für bequemer hielt, als ich immer vorgab, wie sie mich ungefragt wissen ließ. Ich hatte die Daumen jetzt über die Augen gelegt und gähnte ausgiebig. Dummer Köter. Ich wollte gar nicht hinsehen, wie sie da neben dem James mein Bett in Beschlag genommen hatte. Aber wenn ich schon den James darin schlafen ließ, konnt‘ ich’s Cyneburg auch nicht länger verwehren. Machte dann auch schon keinen Unterschied mehr.
Ich ließ die Hände wieder sinken, lehnte mich auf dem Stuhl zurück auf dem ich saß und drückte den Rücken durch, der noch von der Anstrengung der letzten Nacht ächzte. Es war eine Weile her, dass ich einen Betrunkenen hatte durch die Gassen tragen müssen. Weil ich die Rolle ja bevorzugt selbst einnahm, wie Cyneburg fand. Aber nicht so. Wenn ich mir die Kante gab, dann meist in den eigenen vier Wänden, nicht als soziales Ereignis. Nicht… so… Nicht so wie Ardin… Nicht… Ich rieb mir einmal mehr über die Stirn, hatte wieder Ardins Worte aus der letzten Nacht in den Ohren. Hasste ihn so unendlich dafür, dass er das Saufen zu eben so einem Ereignis machen musste, einem bei dem man Anderen die Ohren vollheulte. Hasste ihn so sehr dafür, dass ich kein einziges seiner in Selbstmitleid getränkten Worte mehr aus dem Schädel bekam. Dass sie mich noch immer verfolgten, als wären sie nur ein weiteres Verbrechen auf diesen Straßen, das nach Aufklärung verlangte. Ein Rätsel, für das es eine Lösung geben musste. Dabei wusste ich doch, dass dem nicht so war. Meine Hand sank zurück auf die Tischplatte, mein trüber Blick fand die unruhig gewordene Dohle, die sich wie selbstverständlich auch in meiner Wohnung eingenistet hatte, natürlich. Cyneburg, die mich für gewöhnlich weckte, schwieg sich aus über den Zeitplan, aber ich konnte wetten, dass sie nur das Bett nicht verlassen wollte, wenn ihr schon einmal die einmalige Gelegenheit gegeben war darin zu thronen wie die Queen persönlich. Ich zog die Uhr aus der Tasche, warf einen Blick darauf, die Dohle hatte recht. „Dann weck ihn auf“, brummte ich an sie gewandt und spürte gleichzeitig, dass das eine Aufgabe war bei der Cyneburg der Dohle nur zu gern behilflich war. Sollten sie es versuchen. „Oder ich hol’n Kübel Wasser.“ Ich stand auf, zog mich um und beobachtete den Weckversuch.
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