Und scheinbar ohne Alpträume. Ich spürte eine merkwürdige Veränderung in meinen Zügen und registrierte erst im nächsten Moment, dass ich lächelte. Mitten hinein in den sonnenbeschienenen Morgen, die dreckigen, neblig-verqualmten Straßen vor mir. Ich war froh, dass Ardin das nicht zu sehen bekam. Aber ja, es war ein Lächeln. Freudlos, hohl, aber ein Lächeln. Wenn ich eines gelernt hatte in den Wochen nach Judiths Tod, dann wie man traumlos schlafen konnte, wie man die eigenen Gedanken restlos abtötete, um dem Körper für ein paar Stunden Ruhe zu verschaffen vor einem Geist, der einem anderenfalls den Verstand oder das Leben gekostet hätte. Ich weiß, was Ardin mir alles vorgeworfen hatte in der Zeit damals. Aber im Grunde genommen, ganz im Grunde genommen, war es mir nie um etwas anderes gegangen.
Zu schlafen. Den nächsten Tag zu erleben. Irgendwie.
Ich hätt’s ihm noch länger gönnen können. Ich nickte. Was Ardin auch nicht sehen konnte, wie Cyneburg mich informierte, während sie von irgendeiner Stelle hinter uns, an der sie sich der Gregor weiß warum aufgehalten hatte, wieder vorantrabte. Gut so. Ich wollte gar nicht, dass er es sah. Weil es stimmte. Ich hätt’s ihm gegönnt noch ein bisschen länger zu schlafen. Wenn schon wenig anderes auf dieser Welt, aber das hätt‘ ich ihm restlos gegönnt.
Aber es war egal, was ich dem James gegönnt hätte, das interessierte Gott oder den Gregor oder wer auch immer in dieser vermaledeiten Stadt sonst die Fäden zog einen Scheiß. Jetzt ging es darum den James wach zu bekommen. Immerhin wach genug, um in der Leman Street gesehen zu werden, wenn er schon besser nicht Mulligan unter die Augen kam, nicht einmal mit dem besten Saloop der Costers intus. Und selbstverständlich, kaum waren wir in der Division angekommen, hatte man uns direkt zu Mulligan ins Büro geschickt. Ich hatte dafür gesorgt, dass Ardin in unserer Abstellkammer blieb und hatte unserem geschätzten Superintendant einen Besuch abgestattet. Jetzt wanderte Mulligans Blick abschätzig musternd über meine Züge. Ich konnte mir denken, was ihm auf der Zunge lag. Ich wusste ich sah beschissen aus nach der schlaflosen Nacht. Ich war keine zwanzig mehr, so etwas ging nicht länger spurlos an mir vorbei. Aber Herr in der Hölle Ardin war seit er hier arbeitete nicht einen Tag ohne Augenringe erschienen, doch vermutlich dachten die Leute sich bei ihm schon nichts mehr dabei. „Wo ist James?“, raunzte Mulligan unvermittelt, aber ich war auch auf die Frage gefasst gewesen. „Schreibt eben noch den Bericht zum Golden Horse um, Sie hatten ja noch einige Anmerkung, also...“ Ich ließ den Satz ins Leere verlaufen, als sich Mulligans Nasenflügel bedenklich aufblähten. „Sir“, fügte ich salbungsvoll hinzu. Unter anderen Umständen hätte ich das Thema nicht aufgebracht oder deutlich subtiler behandelt, aber in diesem Fall war es mein Ausweg dafür, dass Mulligan nichts weiter über Ardins Abwesenheit wissen wollte. Immerhin hätte er sich in diesem Fall unnötig damit auseinandersetzen müssen, dass er Berichte frisierte - wer wollte das schon? „Soll er später mit weiter machen“, murrte Mulligan stattdessen. „Ich will ihn am Hafen, diese verdammten Gewerkschaften machen schon wieder Ärger. Und Rhode, Sie sprechen mir mit Friedkin und erklären ihm was an der Whitechapel Road passiert ist, damit er es seinen Wählern erklären kann.“
Immerhin wusste ich jetzt weshalb Mulligan mich derart gemustert hatte, der Teufel bewahre dass ihm einer schlechten Eindruck bei der Stadtverwaltung machte. Ich fragte mich ja, weshalb diese Division einen Superintendant hatte. Selbstzufrieden ergänzte Mulligan als hätte er meine Gedanken gelesen: „Friedkin hat nach jemanden verlangt, der persönlich beteiligt war an der Sache.“ Und das schien Mulligan sichtlich zu erleichtern. Herzlichen Dank auch. Aber wer würde dem Superintendant schon Feigheit vor dem Feind vorwerfen. Ich war sicher nicht so dumm. Das würde ich Ardin überlassen sobald er wieder unter den Lebenden weilte. Mit einem knappen Nicken wollte ich das Büro verlassen. „Ach, und Rhode“, kam es von Mulligan als ich schon halb an der Tür war, ich drehte knapp den Kopf in seine Richtung. „Ich war damals nachsichtig wegen Ihrer Frau, das wissen Sie, aber wenn Sie wieder anfangen mehr zu Saufen als Sie vertragen...“ Ich schnaubte rau auf, es vermischte sich mit Cyneburgs dunklem Grollen. Das dachte Mulligan hätte ich die vergangene Nacht getan?! Na, wenn es je wieder dazu kam... „Dann sind Sie der Erste, der die frohe Kunde vernehmen wird, Superintendant“, versprach ich ihm in triefendem Sarkasmus und ließ die Tür hinter Cyneburg und mir grob zurück ins Schloss fallen. Sollte Mulligan doch selbst der beschissenen Verwaltung Rede und Antwort stehen, wenn er sich so sehr um den Ruf seiner verkommenen Division sorgte. Für einen Moment hielt ich beim Desk Sergeant inne, verschaffte mir einen Überblick über die Diensthabenden und machte dann die Eintragungen.
Ich wählte einen Sergeant, der nicht viel schwatzte und ein paar kräftige Constables. Mehr brauchte es ohnehin nicht, um an den Docks für Ruhe zu sorgen, die Arbeit eines Inspectors war da vergebliche Mühe. Ich sagte dem Sergeant, dass DI James sich noch um eine andere Sache zu kümmern hatte und er bis dahin die Leitung inne hätte. Vielleicht würde DI James später hinzukommen, um seine Arbeit zu überwachen - oder er würde nicht hinzu kommen. Eine Chance sich zu beweisen, dazu sagte niemand nein und da stellte niemand viele Fragen. Der Sergeant und die Constables waren bereits auf der Straße, als ich zurück in die Abstellkammer ging. „Komm schon“, brummte ich an James gewandt, „Ich muss zum Friedkin und du pennst am besten noch eine Runde bei den Costers, bis Mittag solltest du wieder nüchtern sein, Mulligan hat schon Sehnsucht.“
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