Charaktere
Otis Rhode » Ardin James
Datum & Ort
15.09.1850,
Society of Trouble's what you're in Rudeness
„Hier.“ Ich presste den Kiefer inzwischen so fest zusammen, dass es mir bereits Kopfschmerzen bereitete. Mühsam zwang ich mich locker zu lassen. Hier. Hier! Ardin in seiner wundervollen Großzügigkeit. Als ob ich mir den beschissenen Scheck nicht selbst hätte besorgen können. Nein. Jetzt sollte ich auch noch Danke sagen, weil Ardin das für mich übernommen hatte, oder was? Das konnte der dumme Bastard sowas von vergessen. Brummig nahm ich entgegen was mir gereicht wurde, ging es knapp durch, damit Ardin mich nicht übers Ohr haute und steckte es dann ein. Wohlwissend, das ich den Großteil davon ohnehin wieder an Ardin abgeben würde. Aber damit nicht genug, ich musste mich auch noch von Dr. von und zu Sozialanalyse belehren lassen. Mulligan einen Tag geben… Ich zog spöttisch die Mundwinkel nach unten und schnaubte leise. Aber nach diesem Vormittag reichte das nicht aus. „Du denkst so einfach ist das, ja?“, fauchte ich wütend zurück. „Einen Tag verstreichen lassen und dann ist er wieder bei sich, ja? Ich hab‘s dir schon tausend Mal gesagt, wenn du solchen Leuten vor den Kopf stößt, dann vergessen die das nicht. Nicht, wenn du ihm vor seiner eigenen Division ins Gesicht spuckst – und nicht wenn’s seine Geschäfte bedroht. Er wird’s dich büßen lassen. Vielleicht nicht heute. Vielleicht nicht morgen. Aber er wird’s nicht vergessen…“

Ich schüttelte den Kopf, sah weg und hasste es wie meine eigene Wut auf Ardin zu dieser verdammten giftigen Besorgnis verkam. Nicht um Ardin. Der Teufel bewahre. Aber ich saß ja schon wieder im selben führerlosen Kahn. Die Leute vergessen es nicht, wenn man sie bei ihrer falschen Ehre verletzt. Und dann noch ausgerechnet in dieser Sache. Mulligan würde sein möglichstes tun das vorne an der Whitechapel Road unter den Tisch zu kehren – was dazu nicht passen würde, wäre wenn auf den selben Tag die Ausgaben eben jener Division explodierten. Darauf geschissen, dass wir keine Rechenschaft abzulegen hatten über die Zwecke dieser Ausgaben, aber wo Geld floss, da waren immer auch missgünstige Augen und bei dem was Mulligan hier aufgebaut hatte, war jedes bisschen Aufmerksamkeit ein bisschen zu viel. Ardin bedrohte also nicht nur die Ehre dieses Mannes, sondern bei der Gelegenheit direkt seine gesamte Existenz (und unsere mal ganz nebenbei noch dazu). Aber wer war ich schon das dem großen Ardin James zu erklären? Mr. Morgen-Ist-Er-Wieder-Bei-Sich. Sollte der sich doch einen darüber runterholen, dass er es Mulligan ordentlich gezeigt hatte und mich als jammerndes Waschweib abtun wie üblich.

Ja, machten wir doch direkt weiter im Text bei dieser Gelegenheit. Ich presste die Zunge einen Moment gegen die Rückseite meiner Frontzähne, zog die Oberlippe eine Spur in die Höhe dabei und ließ das Thema Mulligan dann fallen, während Ardin bereits bei der Nachtwache weitermachte. Ändern ließ sich jetzt ohnehin nichts mehr daran und Ardin eines besseren zu belehren war ein edles Vorhaben an dem ich seit nun mehr über fünfundzwanzig Jahren scheiterte, ich machte mir keine Illusionen, dass sich ausgerechnet heute etwas daran ändern würde. Im Gegenteil, Mulligan das mit der Nachtwache präsentieren zu können, würde den Superintendant womöglich jede Unannehmlichkeiten mit der Whitechapel Road vergessen lassen – auch wenn ich ursprünglich vorgehabt hatte das zu einem deutlich höheren Preis an den Mann zu bringen als uns von Mulligans Vergeltung freizukaufen. Aber was sollte es jetzt noch. Es war ein Weg nach vorne. Ardin hatte das vermutete Muster bestätigt. „Schwer beschäftigter Bursche, unser Jordan“, murmelte ich nachdenklich. „Ist sonst etwas ungewöhnliches in seiner Schicht passiert? Und sie locken jedes Mal Williams aus der Stube? Mit Richmond oder unterschiedlichen Constables?“
Natürlich war das so einfach. Ich gab ein abfälliges Grunzen von mir. Das würde Mulligan mich büßen lassen? Der sollte mal nicht so pathetisch tun. Diese Leute, von denen Otis da redete, waren käuflich. Und Mulligan wusste ganz genau, dass wir ihm schon so oft den Arsch gerettet hatten, dass er es uns doppelt und dreifach schuldig war, uns jetzt ein einziges Mal ebenfalls den Rücken freizuhalten, wenn er uns schon ganz bewusst in solche Scheiße schickte. Mochte sein, dass ich so etwas öfter von ihm einforderte, aber wie gesagt: er würde sich schon wieder einkriegen.

Und wenn das Pflichtbewusstsein des Mannes nicht ausreichen würde, dann würden wir ihn eben daran erinnern wie die Verhältnisse aussahen. Wer nicht hören wollte, der musste fühlen. Denn richtig: da war ja noch Jordan. Ich grinste Otis zufrieden an als der wieder auf Kurs kam und feststellte wie fleißig unser Freund war. Ich wurde ernst als Otis nachhakte. “Nichts.“, erwiderte ich in dem selben sachlich nachdenklichen Tonfall. “Sie lassen da systematisch was unter den Tisch fallen. Würde mich nicht wundern wenn sie da ganze Wagenladungen in der Zeit durchbringen. Entweder schmuggeln sie was oder sie nutzen die Zeit für krumme Dinger. Was machst du alleine nachts auf einer Polizeiwache?“, überlegte ich, kam aber zu keinem Schluss, den man einer Dame hätte vorzeigen können. “Es sind jedes Mal Williams und Richmond, ja. Sind vermutlich die einzigen weißen Schafe in dem Haufen. Entweder Jordan traut ihnen nicht oder sie haben sich bei entscheidender Gelegenheit als nonkonform gezeigt. Lass uns zuerst mit den beiden sprechen. Ich würd zu gern wissen, wie die sich das erklären…“
Ardin sollte bloß aufpassen, dass ich ihm nicht doch noch die Fresse polierte mit seinem dämlichen Grinsen. Das konnte er jedes Mal. Dumm Grinsen. Bis uns die Scheiße dann wieder einholte. Jedes. Verdammte. Mal. Und dass er mir den Preis für die Sache mit der Nachtwache in den Dreck gezogen hatte, das würde er mir definitiv noch büßen. Aber erst einmal mussten wir den Fisch an den Haken bekommen und deshalb ließ ich die Sache auf sich beruhen. Ardin schlagen konnte ich alle Tage, aber mir einen Trumpf wie das mit der Nachtwache in die Hand zu holen, das bekam man nicht so häufig vorgesetzt. Ich zog die Brauen hoch, als Ardin mich fragte, was man Nachts allein auf einer Polizeiwache tat. Darauf wollte der jetzt nicht ernsthaft eine Antwort oder was? ''Falls sie die Nummer dort abziehen'', gab ich zu bedenken, dass der Schauplatz des Geschehens damit noch nicht zweifelsfrei bewiesen war. ''Jordan... Er hatte etwas an sich...heute Morgen...'' Ich zog die Brauen zusammen, schüttelte den Kopf. Konnte es nicht in Worte fassen. ''Etwas... Als wäre er ganz besonders sauber...'' Ich schüttelte den Kopf noch mit etwas mehr Nachdruck, nein, das nicht direkt. ''Oder mehr, als wüsste er, dass ich ihm so schnell überhaupt nichts würde nachweisen können...'' Ich schnalzte unzufrieden mit der Zunge, ballte dabei die Faust (was ich dank meiner aufgeplatzten Fingerknöchel direkt bereute). ''Verstehst du?'' Dabei verstand ich mich ja selbst kaum. Es war nur... Nur dieses Gefühl... Diese unsagbaren Eier, die der Sergeant damit bewiesen hatte so rotzfrech vor dem Büro des Superintendants auf mich zu warten. Er war nervös gewesen, keine Frage, aber nicht so sehr. Nicht so sehr wie ein Mann, der zu befürchten hatte, dass all seine Machenschaften davor standen aufzufliegen. Ich sah weiter zu Ardin. ''Wir sind vielleicht auf einer Spur...''

Ich schloss die Augen, schüttelte langsam den Kopf. ''Wir sind auf einer Spur'', korrigierte ich mich dann. Das war zu viel des Zufalls. Das war eine Spur. ''Aber da muss noch... Da ist noch etwas, etwas großes, das wir nicht sehen. Etwas, das Jordan diese gottverdammte Sicherheit gibt.'' Ich starrte unbestimmt ins Leere, als Ardin den Vorschlag machte mit Williams und Richmond zu sprechen. Ich verzog das Gesicht, es war nicht so, als hätte ich daran nicht auch schon gedacht. Es war verlockend direkt auf die Anormalität zuzugehen. Sie herauszupicken, hatten wir doch sonst noch so wenig Anhaltspunkt... Ich wandte Ardin den Blick zu. ''Und was willst du ihnen sagen? Wie willst du vorgehen?'', fragte ich und es war eine ernste Frage. Unsere Spur war noch derart dünn, wir mussten mit etwas beginnen. Gleichzeitig konnte ein falsches Vorgehen, beispielsweise in dem Williams und Richmond begannen sich merkwürdig zu verhalten, Jordan und wer auch immer mit ihm zusammenarbeitete nur zu leicht aufschrecken. Das wollte ich um keinen Preis riskieren. Ich wäre einverstanden mit Williams und Richmond zu beginnen, aber nur wenn der Plan gut durchdacht war.
Falls. Ja, falls. Damit hatte Otis Recht. Das Problem war, dass man es ihnen nicht nachweisen konnte wenn sie woanders gewesen wären, es sei denn der Desk Sergeant verpfiff sie. Und auf den Desk Sergeant würden sie acht geben. Der würde den womöglich größten Anteil erhalten… Mein Blick schweifte ab, blieb hinter Otis an den Milchglasfenstern unseres Büros hängen. Büro war vielleicht eine etwas gewagte Formulierung. Ein Raum voller Detective Branch Akten mit zwei behelfsmäßig aufgestellten Tischen und zwei mindestens so behelfsmäßig wirkenden Stühlen darin. Der einzige Raum nehmen dem Superintendant Bureau und dem Aufenthaltsraum, der von den anderen Räumen der Wache in dieser Form abgetrennt war. Holzwände bis auf Hüfthöhe, von da an holzgefasste Milchglasfenster, die vermutlich einmal klar gewesen waren.

Mein Blick huschte mit irritiert zusammen gezogenen Brauen zurück zu Otis als der damit anfing, Jordan hätte seltsam gewirkt. Zu sauber?! Ich hätte nur zu gern etwas abfälliges gesagt. Etwas darüber, was ich davon hielt wenn jemand einen Mann für zu sauber hielt. Aber diesmal hielt ich sorgsam die Klappe. Die Erfahrung hatte mich gelehrt, dass dieses wilde Herumgeschwurbel Otis‘ Art war, sich einem Fall anzunähern. Und mochte es im Moment der Entstehung noch so verrückt und verwirrt klingen, es hatte etwas von einem Hund, der eine Fährte aufnimmt. Es war in der Vergangenheit nicht selten gewesen, dass Otis auf diese Weise die besten Ideen und Schlussfolgerungen zustande brachte. Es war etwas gutes wenn Otis schwurbelte wie ein Irrer. Nur der Weg zum Ergebnis, der hätte mir durchaus kürzer sein können.

Und so versuchte ich mit zusammen gezogenen Brauen zu verstehen, was mir DI Rhode zu sagen versuchte. Ob ich verstand? Ich schüttelte mit leicht angezogenen Mundwinkeln den Kopf. Ich verstand es so lange nicht bis Otis endlich konkret wurde. Dass der Junge gewartet hatte. Ich ließ den Blick zurück auf die Milchglasscheiben wandern, saugte nachdenklich an meinen Zähnen, während ich mir das Bild des Sergeants vor Mulligans Büro wieder ins Gedächtnis rief. Das war unser Jordan-Vogel. Sicher wie nichts. Sauber, poliert. Verängstigt aber mit Rückgrat. “Du meinst er wird geschützt?“, vermutete ich wage.

Wie aufs Stichwort landete an dem einzigen kleinen Außenfenster des Büros die Silhouette eines dunklen Vogels. Ich sah nicht hin und ignorierte Jackdaw, um mich auf Jackson zu konzentrieren. Wenn ich sie wieder ausblendete war ich selber Schuld wenn mich wieder Iren angriffen, warf sie mir vor. Ich blendete sie aus. Was ich unseren weißen Schafen sagen würde? Ich ließ mich auf den Stuhl vor meinem Schreibtisch fallen, lehnte mich zurück und überkreuzte die Stiefel auf einer nahestehenden umgedrehten Holzgetränkekiste. Ich hätte sie gerne auf dem Schreibtisch abgelegt, aber das machst du einmal und nie wieder, bei dem Dreck auf den Straßen da draußen. Außerdem war der Schreibtisch zu hoch. Oder der Stuhl zu klein. Jedes Mal wenn ich daran saß hatte das etwas von einem Kleinkind am Frühstückstisch. Jeder der herein gestolpert kam und an dem Anblick hängen blieb, dass ich die Arme auf Schulterhöhe hatte, bekam die freundliche Frage um die Ohren gehauen, ob er denn etwas sagen wollte. Meistens wurde sie mit einem angemessen verunsicherten ‚Nein‘ beantwortet und ich war zufrieden.

Nachdenklich zog ich meine Unterlippe zwischen die Zähne, bevor ich zu Otis sah und antwortete: “Die Vermisstenmeldungen abfragen? Das wäre was für die Detective Branch gewesen, wenn die Meldung echt gewesen wäre. Stell dir vor das wird aktenkundig. Nur ein paar Details abfragen, nichts schwerwiegendes. Nur mal sehen wie sie sich verhalten, ob sie nervös werden, was sie denken…“, erklärte ich wage, die Finger auf dem Bauch verschränkt. “Deine Fährte kontrollieren.“, feixte ich.
Geschützt. Ich hielt inne, leckte mir über die trockenen Lippen. Vielleicht war es das. Vielleicht hatte Jordan noch jemanden in seinem Rücken, der die Hand über ihn hielt. Selbst wenn es die Wahrscheinlichkeit, dass Mulligan das nicht bemerkt hätte – oder auch Ardin und ich – doch deutlich schmälerte. „Ich weiß es nicht“, gestand ich. „Vielleicht auch mehr, als ob… welchen Part Jordan darin auch immer spielt… als ob er zu wenig Risiko damit hätte, als dass er fürchten müsste, dass man ihm so einfach auf die Spur kommt…“ Das war noch immer unsagbar vage. Es war noch immer nur dieses Gefühl. Das frustrierende Gefühl, dass wir Jordan und dem, was immer dort tatsächlich gespielt wurde, noch meilenweit entfernt waren. Ardin war mir da im Moment keine Hilfe. Immerhin hielt er inzwischen die Klappe anstatt mir mit dem Spott früherer Tage zu kommen, wann immer ich mich nicht ausdrücken konnte, aber sein Blick sagte mir noch heute, dass ich einen Schatten hatte. Cyneburg tat ihr Bestes noch von geringerem Nutzen zu sein als Ardin. Seit der seinen Tipp angegeben hatte, kam sie mir mit den abenteuerlichsten Vorschlägen, ganz als sei das hier eine muntere Fragerunde. Erst nach einem bösen Blick meinerseits ließ sie für ein paar kostbare Augenblicke davon ab meine Gedanken zu vergiften. Ich trug es ihr noch immer nach, dass sie nach mir geschnappt hatte. Sie konnte mir in die Finger oder den Unterarm zwicken, aber nach mir schnappen, mich unerwartet anbellen oder irgendetwas von diesen Dingen bei denen ich noch heute am liebsten den nächstbesten, nicht vorhandenen Baum erklimmen würde, waren sowas von tabu – wir mussten wohl nicht darüber sprechen welches Verhalten Cyneburg also die größte Freude brachte. Vermutlich sollte ich sie einfach ausblenden, wie Ardin es mit seiner Vertrauten hielt. Doch vermutlich würde ich nach kürzester Zeit allein mit meinen Gedanken verrückt werden – aber vielleicht war das auch mehr einer von Cyneburgs Gedanken.

Während Ardin es sich auf seinem Stuhl bequem machte und die Füße hoch legte, zog ich mein Jackett aus und hängte es über den eigenen Stuhl. Ich wäre in unter zehn Minuten zuhause, aber ich hatte es mir trotz allem zur Angewohnheit gemacht ein zweites Hemd in dem, was man wohl unser Büro nannte auf zu bewahren. Nachdem Mulligan, wie jede Division '42 zwei Detectives zugeteilt bekommen hatte, war er auf die wirklich tolle Idee gekommen, dass er einen bisher als Abstellraum verwendeten Raum aufwerten könnte, in dem er ihn künftig als Büro der Detectives bezeichnete. Am Verwendungszweck des Raums hatte sich nur in so weit etwas geändert, dass man die ehrgeizige Bemühung unternommen hatte, zwei Tische und Stühle dort unter zu bringen. Ich zog mein blutbeflecktes Hemd aus, tauschte es mit dem anderen aus und betrachtete das Jackett. Während Ardin seinen Plan – oder nannten wir es mal ‚was ihm gerade in den Sinn gekommen war‘ – erläuterte, griff ich nach einer auf meinem Tisch liegenden groben Kleiderbürste, die bei den Verschmutzungen, die durch die tägliche Arbeit auf den Straßen entstanden meist gute Arbeit leistete. Aber noch während ich versuchte das getrocknete Blut aus dem dunklen Stoff zu bürsten, wusste ich, was Judith mir deswegen erzählt hätte. Mein Blick glitt ab, ich legte die Bürste wieder weg, ich würde es damit doch nur schlimmer machen. Für heute musste es auch so gehen. Es stand immerhin keine Aussage vor Gericht oder dergleichen an und trotz allen guten Vorgaben über das tadellose Auftreten eines Officers – ging man in diesem Distrikt vor die Türe, dann stach man eher unangenehm heraus, wenn man keine Flecken auf der Kleidung hatte.

Ich nickte schließlich als Ardin seine Ausführungen beendete, seinen Spott hoheitsvoll ignorierend. „Wir sollten nur vermeiden, Williams und Richmond darauf zu stoßen, dass etwas nicht stimmen könnte“, gab ich zu bedenken. „Du weißt wie Constables sind, schwatzen wie die Weiber.“ Selbst wenn Richmond tatsächlich das Kind sein sollte, das keiner mitspielen lässt, könnte er sich gerade deswegen berufen fühlen, seinen Kollegen auf den Zahn zu fühlen. Ich wollte weder Williams und Richmond in Gefahr bringen, sollten sie so unbescholten sein, wie es aktuell wirkte, noch uns einen Trumpf aus der Hand nehmen lassen. Ich hatte früher am Tag zwar selbst versucht Jordan nervös zu machen – auch wenn ich an dem Erfolg deutlich zweifeln musste – in dem ich seine Unterlagen durchgesehen hatte, aber das war ein Mittel, das ich selbst kontrollieren wollte. Das letzte was wir brauchen konnten, war Williams und Richmonds, die unbeabsichtigt für Wirbel sorgten. „Aber ansonsten, lass uns mit den Beiden beginnen.“
Mein Mundwinkel zuckte kurz ungehalten während ich Otis längst nicht mehr ansah, sondern nachdenklich vor mich hinstarrte. Otis und seine Bedenken. Und das schlimmste war: er hatte Recht. Ich wusste wie Constables waren. Und Waschweiber war gar kein Ausdruck dafür. Margory und ihre Mädels waren dagegen die frommsten, verschwiegensten Kirchgänger. Nur für Margory nicht unbedingt mit Kirche. Und wenn es stimmte, was Otis mit seiner großen Hundenase vermutete, und da auch nur ein Funken dran war – und den Funken von Jordans Selbstsicherheit hatte ich mit eigenen Augen gesehen – dann war meine Idee vielleicht doch zu gefährlich.

Grausam, dass Otis so ein gutes Argument brachte. Aber noch viel mehr hasste ich, dass er mich derart ins Grübeln brachte. Mir Zweifel einstreute wie ein Bauer, der seine Saat auf dem Feld verteilte. Hier eine Handvoll, dort eine Handvoll, und schon spross und grünte es wo man auch hinsah. Dann gab der Bastard mir auch noch nach. Warf all diese Dinge um sich und sagte dann einfach ‚in Ordnung, lass es uns tun!‘, auf ins Verderben… Ich stieß tief die Luft aus, nicht mehr sicher darüber, was richtig und was falsch war, was zu tun war, was nicht. Diese ganzen Wenns und Danns machten mich wahnsinnig. Ich hasste es wenn Otis das machte.

Frustriert stieß ich die Getränkekiste von mir und zog die Beine wieder an, bevor ich mich ein wenig vorbeugte um die einzige Schublade des Schreibtischs zu öffnen und mit der Hand hinein zu greifen. Mich damit ablenkend, etwas anderes, dringend notwendiges zu tun. Wäre ich konsequent gewesen, dann hätte ich Otis jetzt widersprochen und gesagt ‚Nein, wir lassen die Sache bleiben‘. Aber das hätte bedeutet zugeben zu müssen, dass Otis mir erfolgreich Sorgen bereitet hatte. Und den Triumpf wollte ich dem Bastard nicht gönnen. Noch nicht jetzt. Es würde schon irgendeinen Weg darum herum geben, erstmal andere Probleme lösen.

Beispielsweise das meines pochenden Handgelenks. Ich zog zwei kleine Glasfläschchen aus der Schublade, beide mit einem Schraubdeckel verschlossen und einer undurchsichtigen, grünlich schimmernden Flüssigkeit darin. Die ‚Suppe‘, wie ich sie zu nennen pflegte. “Hier“ Ich warf Otis eines der Fläschchen zu. Dann schraubte ich von meinem den Deckel ab und kippte den Inhalt hinunter. Ich verzog das Gesicht zu einem glanzlos angespannten Grinsen, das kein Grinsen war. Mit dem Zeug war es wie mit Kartoffelschnaps. Nicht zu lange im Mund behalten, schnell runterspülen. Sonst begann man den Geschmack zu hassen. Aber es wirkte Wunder. Ich fühlte die Magie einen Moment später durch meine Adern prickeln als hätte ich mir etwas injiziert, statt es zu trinken und mein Handgelenk begann wohlig warm zu werden während sich die Schnittwunde unter dem Verband schloss.

Ich brauchte nicht nachzusehen um es zu wissen. Margory braute die ‚Suppe‘ in rauen Mengen seit wir das Rezept dafür entdeckt hatten. Oder besser gesagt, seit Margory es angeschleppt hatte. Ein Trank, der Wunden heilen ließ. Sie kochte auf Vorrat und steckte das Zeug auch Otis zu. Seit wir die Suppe hatten wusste ich nicht mehr wie ich davor mit dieser Dohle an der Vene überlebt hatte. Ich streckte den Arm aus und bewegte kurz die Finger, fühlte der Magie nach. Doch, so war es angenehmer.
Ardin musste nicht sagen, dass wir Williams und Richmonds so bald wohl keinen Besuch abstatten würden. Das merkte ich auch so an seinem plötzlichen und für ihn so untypischen Zögern. Und es machte mich sofort wieder wütend, weil ich wäre jetzt bereit gewesen das Risiko einzugehen. Ich hatte mich von Ardin überzeugen lassen. Aber nein, jetzt wollte Ardin ja einen auf vorsichtig machen - ausgerechnet Ardin. Unwirsch band ich mir die Krawatte wieder und zog das blutbefleckte Jackett wieder an. Immerhin sah man die eingetrockneten Flecken auf dem dunklen Stoff kaum. Das dreckige Hemd legte ich ordentlich gefaltet auf dem Schreibtisch ab, um es mit nach Hause zu nehmen. Als ich mich wieder umdrehte, wurde mir eine kleine Flasche zugeworfen, ich fing sie auf, senkte den Blick auf den Inhalt auch wenn ich auch so wusste, was darin war. Ardins Frau war ein Engel, in dem sie herausgefunden hatte, wie man dieses Zeug braute und indem sie nicht nur ihren Mann, sondern auch mich damit versorgte. ''Danke'', brachte ich brummend hervor und stellte mir dabei vor, ich würde mit Margory direkt sprechen, nicht mit ihrem unseligen Mann, anderenfalls würde mir in diesem Moment wohl bereits die Zunge abfallen. Aber selbst das wäre ein geringer Preis für dieses kleine Wundermittel. Die letzten 13 Jahre, seit Cyneburg mich mit ihrem ewigen Hunger begleitete und ich mir so häufig deswegen die Haut aufschlitzen musste, hätte ich kaum ohne ein wenig Magie überlebt. Vermutlich wäre ich längst an Wundstarrkrampf oder etwas ähnlichem krepiert, das viel zu häufig jene heimsuchte, die auf diesen Straßen offene Verletzungen trugen. Ich kippte das Zeug hinunter ohne zu schmecken oder weiter darüber nachzudenken. Das Glas gab ich Ardin zurück, während die Wirkung mit sachtem Prickeln meinen Körper ergriff und sich in meinem aufgeschnittenem Arm zentrierte.

''Wir sol-...'', setzte ich eben an, um wieder zurück zum Thema zu kommen, aber ich brachte nie zu Ende, was wir sollten. Cyneburg ließ ein leises, mir inzwischen gut bekanntes Grollen ertönen und mein Blick ging zur Tür, noch bevor eben jene aufflog und ein bleicher, um Atem ringender Constable vor uns zum Stehen kam. ''Inspectors! Eine Leiche wurde bei den Shadwell Docks angeschwemmt!'' - ''Angeschwemmt?'', herrschte ich den jungen Mann an. Der Teufel bewahre, war der Tag nicht schon beschissen genug?! ''So sagen's die Leute. Schlammsucher haben ihn gefunden.'' Gelobter dunkler Herr, mit was hatten wir das verdient. ''Und hatten nicht den Anstand die verlorene Seele zurück in die Themse zu stoßen'', murrte ich mehr zu Ardin gewandt, der Constable glotzte mich ja doch nur mit erschrockenen Augen an. Ich machte eine unwirsche Geste mit der Hand, bevor ich mir müde über das Gesicht rieb. ''Jaah, nein. Der Herr sei seiner Seele gnädig und so weiter. Laufen Sie vor, wir kommen nach. Und sagen Sie den Männern, sie sollen den armen Schlucker hoch an den Kai tragen. Ich hab meine Sonntagsschuhe an.'' Der junge Bursche senkte doch tatsächlich den Blick auf meine Schuhe. Sarkasmus schien dem Kerl gänzlich fremd. ''Schafft die Leiche verdammt nochmal hoch an den Kai und zwar bevor wir da sind, verstanden?!'', übersetzte ich ungeduldig knurrend. ''Ja, Sir'', kam es von dem Constable bevor er eilig auf dem Absatz kehrt machte. ''Herr Gott, rekrutieren die inzwischen direkt aus dem Bibelkreis'', feixte ich missmutig, während ich Hut und Mantel an mich nahm.
Die leeren Gläser versenkte ich in der Schublade. Otis wollte etwas sagen, er kam nicht dazu. Cyneburg grollte. Wollte ich wissen, was er hatte sagen wollen? Nein. Stattdessen lehnte ich mich zurück und sah mit hochgezogenen Brauen dem Constable entgegen, der jetzt in unser Büro stolperte. Leiche an den Shadwell Docks. Otis fragte direkt nach. Wie immer setzte er seltsame Prioritäten. Aber womöglich war das nur seine übliche Art, die Constables anzufahren. Er tat das auf eine äußerst skurrile Weise, die durchaus wert zu beobachten war.

Meine Brauen wanderten noch ein ganzes Stück nach oben. Ich blickte zu Otis als der mich ansprach. Ohne etwas zu sagen. Sah dann zu dem verunsichert drein blickenden Constable. „Die Leute sagen es?“, hakte ich nach. Der Mann nickte nur. Unwichtiges Detail, ich weiß, aber was Otis konnte, das konnte ich schon lange. Ich grinste kurz amüsiert, bevor Otis sich korrigierte und dem Constable damit seine Sorgen nahm. Allerdings auf eine Weise dass man ihm die unglaubliche Aufrichtigkeit seiner Worte anhörte – und das Maß in dem es ihn nervte, sich korrigieren zu müssen. Das war das eigentlich hörenswerte daran, das meine Laune ganz von selbst wieder steigen ließ.

Sonntagsschuhe. Der verdatterte Blick des Constable auf Otis‘ abgetragene Stiefel. Konnte der Tag noch schöner werden? Jetzt grinste ich ganz breit und unverfroren, glücklich über das einzigartige Schauspiel, das sich mir hier bot, ohne dass ich auch nur Eintritt hatte zahlen müssen. Leiche an den Kai. Ich widersprach Otis nicht. Mir wars auch lieber, nicht durch den giftigen Schlick der Themse waten zu müssen. Und giftig war er. Da konnte mir niemand etwas anderes erzählen. Schlimm genug, dass die Kinder darin nach Strandgut in den Abfällen suchten, die der Schlamm einschloss. Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich jedem von ihnen einen Schilling in die Hand gedrückt und ihnen gesagt, sie sollten ihr dreckiges Geschäft bleiben lassen, wenn ihnen ihr Leben lieb war. Aber es hätte keinen Tag gedauert und sie wären wieder dort gewesen. Kein Grund, sich selbst derart mit dem zu belasten was diese Stadt ausspuckte. Wozu hatte man sonst schon Waschweiber zu Constables angestellt? Sicher nicht nur zum tratschen.

Der Constable verließ das Büro, mein glücklicher Blick traf Otis, der finster vor Ungeduld und Wut vor sich hin fluchte. Wirklich, ein herrlicher Tag, das meinte ich ganz ohne Schmerz. Und ohne Sarkasmus. Der wurde hier sowieso falsch verstanden, wie man an Otis‘ herrlichem Beispiel sehen durfte. Ich lachte amüsiert über dieses Bild. Polizisten aus dem Bibelkreis. Schüttelte dann den Kopf. „Herzlichen Glückwunsch, alter Knabe. Jetzt denkt er endgültig du stehst mit dem Teufel im Bunde. Dein hochgelobtes Feingefühl im Umgang mit deinen Mitmenschen ist eine wahre Augenweide. Wirklich, ich werde mir in Zukunft ein Beispiel daran nehmen!“, feixte ich munter zurück, bevor ich mich von meinem Stuhl erhob und ebenfalls nach meinem Hut griff. Ich hätte mich ebenfalls umziehen sollen. Vorbildlich wie Mister Rhode. Aber es gab wichtigeres zu erledigen. Besonders jetzt, da mein Handgelenk wieder seine normale Gestalt angenommen hatte. Ich fühlte noch immer wie die Magie durch mich sickerte und meine Lebensgeister zu mir zurück brachte.

Ich sah zu Jackdaw am Fenster, nickte in Richtung der Tür. Sie stieß sich vom Fenstersims ab um nach vorne zum Eingang zu flattern, wo sie uns erwarten würde. Ich setzte meinen Hut auf und verließ das Büro.
Glaubte Ardin eigentlich, dass ich es nicht merkte, wenn er mir nachäffte wie ein dummes kleines Kind, das erst lernte der Sprache mächtig zu sein? Nein, die Frage konnte ich mir selbst beantworten. Dass wusste der Affe genau und er tat es zu exakt diesem Zweck, damit ich es merkte. Aber glaubte er, dass ich ihm nicht die verdiente Ohrfeige dafür geben würde, nur weil ein Constable anwesend war?! Wen interessierte was die Leute sagten. Aber wenn es die Leiche angeschwemmt hatte… Beim Teufel, solche Fälle waren frustrierend und unlukrativ. Das klärte man in aller Regel in hundert Jahren nicht auf. Die Gerechtigkeit blieb aus und der Zusatzverdienst erst recht, Arbeit hatte man trotz allem über Tage hinweg. Man verschwendete also Zeit und Ressourcen und konnte dem armen Schlucker – beziehungsweise denen, die ihm hinterblieben – doch zu nichts mehr verhelfen. Ich meinte es ernst, hätten die Schlammsucher den Kerl schlicht zurück ins Wasser gestoßen, in den meisten Fällen hätten sie ihm zu größerem Frieden verholfen. Von der Zahl derer, die sich freiwillig, wenn auch in nicht vorstellbarer Verzweiflung den Fluten übergaben einmal ganz abgesehen. Der Selbstmord in der Themse mochte in seiner Häufigkeit meist von Frauen gewählt sein, aber es gab genug Männer, die es ihnen gleich taten. Und das nicht damit man ihre sterblich zurückgelassenen Überreste zurück an einen Kai schleppte, sie durchsuchte und letztlich ihre Schande der Welt verkündete, sondern in der letzten erbärmlichen Hoffnung, dass der stinkende Fluss ihre Sünde verschlucken würde. Wenn es diese Art des Todes war, so war ich nicht der richtige Mann, den man holen sollte. Aber der Constable war zu jung, hatte wohl noch nicht genug Geschwätz auf der Wache aufgeschnappt, um das zu wissen. Oder er wusste schlicht selbst nichts genaueres um die Umstände des Todes – und um ihn deswegen zu fragen oder Ardin zu bitten alleine nach Shadwell zu gehen war ich zu eitel.

Ganz besonders wenn der dumme Kerl mir auf diese Art kam. Mit einem zischenden ‚ts‘ ließ ich die Luft entweichen auf Ardins Worte. „Wer tut das hier nicht. Zeig mir einen guten Christen, den es in diese Division verschlägt.“ Ich hielt inne. „Zugegeben, von dem Bibelkreis-Bub mal abgesehen.“ Aber ich ließ das Thema fallen, sobald Ardin die Tür des Büros geöffnet hatte – man wollte es trotz allem nicht übertreiben, mit der Loyalität für den Teufel sollte man nicht hausieren gehen. Ich zog den Mantel über, machte die obligatorischen Eintragungen und setzte den Hut auf, sobald ich die Wache in der Leman Street verließ. Es tat gut den Arm wieder ohne das Brennen des Schnittes bewegen zu können und vielleicht stimmte mich Ardins, wenn auch bescheidener, Beitrag dazu gnädig genug zu fragen: „Was willst du essen?“ Je nachdem sollten wir eine andere Straße nach Shadwell wählen. Ich hatte es nicht allzu eilig damit den Toten am Dock zu sehen zu bekommen und für etwas zu Essen von einem der zahlreichen Straßenstände würde es schon reichen.
Ich schnalzte kurz bedauernd und ließ den Kopf zur Seite kippen. Damit hatte Otis wiederum Recht – aber ich war gewillt es zuzugeben, wo er mir schon so gnädig eingestehen musste, dass der junge Constable an Detective Inspector Rhodes Sarkasmus seine Unschuld verloren hatte. Das war ein fairer Handel.

Wir durchquerten die Police Station, Otis trug uns im Buch des Desk Sergeant aus. Kurz dachte ich daran, seine Einträge zu kontrollieren, aber ich ließ es bleiben. Meine Laune war zu gut um Otis auf die Nerven zu fallen und Gefahr zu laufen für die nächste Zeit unsere Austragungen vornehmen zu müssen. Wir wären Jahre beschäftigt gewesen. Nein, das überließ ich lieber unserem geschätzten Mister Rhode. Und im Vergleich zum Morgen hatte sich meine Laune auch derart gelegt, dass ich Otis das bisschen Verstand einzugestehen wusste. Rhode ahnte ja nicht, was für einen Gefallen er mir mit unserem Constable getan hatte.

Als wir draußen auf der Straße angekommen waren und ich einen Knopf meines Mantels schloss, ergänzte ich: „Der Junge hatte seine Äquatortaufe in der Division jetzt jedenfalls. Der geht auf dein Konto, das muss ich ganz offen eingestehen. Erinnre mich dran, dass wir nachher wenn wir zurück kommen eine weitere Kerbe im Bein deines Schreibtischs verewigen! Ich denke du wirst damit ganz klar in Führung gehen!“ Zu gerne wäre ich Otis noch weiter mit dem Thema auf die Nerven gefallen. Mit seinem finsteren Blick, der immer dunkler und dunkler zu werden schien, machte er mir das Vergnügen ganz besonders schmackhaft. Aber ich ließ mich von seiner Frage nach dem Essen ablenken.

Kurz ließ ich mir die Optionen durch den Kopf gehen, während ich mir munter auf die Unterlippe biss. Ich hatte definitiv keine Lust auf Aalsülze. „Was hältst du von gebackenen Kartoffeln?“, schlug ich kompromissbereit vor, Otis damit entgegen kommend, wenn er schon so höflich war zu fragen. Auf den Straßen von Whitechapel gab es zahllose Costermonger, die mit Lebensmitteln und Dingen des täglichen Bedarfs ihren Lebensunterhalt bestritten. Sie waren traditionell Chartisten und ihr größter Hass galt den Peelers, weil die Polizei den Hang zum Herumlungern und die allgemeine Aufsässigkeit der Straßenhändler nicht gerne sah und sie von ihren Plätzen vertrieb wann immer es ihnen möglich war. Nicht selten kam es zu regelrechten Straßenkämpfen zwischen Peelern und Costermongern, die mitsamt ihrer unverheirateten Frauen und unehelichen Kinder zum Kampf übergingen.

In Whitechapel standen die Dinge anders. In Whitechapel waren Costermonger geduldete, ja gern gesehene Gäste. Zwischen Peelers und Straßenhändlern herrschte ein andauernder Waffenstillstand und die wie die Zigeuner lebenden Coster betrachteten einige der Constables aus der Leman Street nach wie vor mit skeptischen Blicken, aber auf diesen Straßen krümmte kein Costermonger einem Peeler aus der H Division ein Haar. Was für Blauröcke anderer Divisions, die sich ab und an hierher verirrten, nicht unbedingt das selbe bedeuten musste. Tatsächlich sprach es sich schnell herum, wenn es Polizisten einer anderen Einheit nach Whitechapel verschlug. Überhaupt waren die Costermonger Experten darin, Gerüchte und Beobachtungen weiter zu tragen. Und so hatten wir bereits zu unseren Bowstreet Zeiten gelernt, mit diesen guten Leuten Frieden zu schließen und die Informationen für uns zu nutzen, die sie zu bieten hatten.

In der H Division hatten wir diese Beziehungen perfektioniert und waren damit bei Superintendant Mulligan auf offene Ohren gestoßen. Immerhin bedeutete das Gratis Mahlzeiten für Peelers bei den Costermongern wann immer sie es wünschten. Und der Tee und die Eier, die man für einen Penny bei den Frühstückswagen bekam, waren wirklich vorzüglich. Besonders da man als Polizist in den Straßen von Whitechapel sicher sein konnte, dass man keine gepanschten Mixturen untergeschoben bekam. Die Beziehungen waren gut. Nicht zuletzt hatten wir durch Margory immer zuverlässig einen Fuß in die Tür bekommen bei diesem lebhaften Volk. War sie doch die Tochter einer Costermonger und damit immer das beste Argument gewesen um die Peelerstreitigkeiten beizulegen und für den Vertrauensvorschuss zu sorgen.

Die Costermonger mochten als ein ehrloses Völkchen verschrien sein, aber in Rhodes und meiner Erfahrung waren sie die zuverlässigsten unter unseren Informanten. Und wenn man einen Teil ihres Slangs erlernte und zu verstehen begann, dann hatte man umso mehr ihr Wohlwollen.

Als ich so darüber nachdachte, und mir überlegte bei welchem unserer Freunde wohl die besten gebackenen Kartoffeln zu holen waren, kam mir etwas in den Sinn. Die Straßenhändler kannten beinahe jeden Officer der H Division mit Gesicht und Namen. „Otis…“, hielt ich ihn mit ernster Stimme auf. „Wenn wir schon dabei sind, lass uns mal die Ohren offen halten. Wenn Jordan wirklich nichts in der Station, sondern irgendwo außerhalb abgezogen hat, dann wissen es die Coster vielleicht…“




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