„Oranges and lemons?“, fragte ich.
„Say the bells of St. Clement´s!“, antworteten mir vier meiner Kinder.
„Bull´s eyes and targets?“ – „Say the bells of St. Margaret´s!“ Nur Frederick und Ben blieben stumm und taten ein bisschen so als wären wir anderen nicht da. Sie hielten sich für zu alt für Kinderreime. Es war mir egal. Immerhin hatte Frederick noch genügend jüngere Geschwister, die sich noch nicht zu schade dafür waren, ihrem alten Herrn einen Gefallen zu tun. „Brickbats and Tiles!“ – „Say the bells of St. Giles!“ Im Rufen schlug mein Jüngster, Enoch mir mit den Beinen gegen die Brust. Ich hatte ihn mir auf die Schultern gesetzt wo er sich sichtlich wohlfühlte. Mit sieben Jahren würde er bald zu groß dafür sein. Aber er kam nach seinem Vater und war bislang deutlich zu klein für sein Alter. Daran war ganz offensichtlich nicht alles schlecht. Ich legte dennoch versichernd die Hände um seine Beine. Damit er mir nicht herunter kippte. Und damit er seinen Vater nicht aus Versehen umbrachte.
„Halfpence and farthings?“ – „Say the Bells of St. Martin´s!“ Maude lief munter vor uns her und lieferte sich ein nicht all zu ernstes Fangenspiel mit Jackdaw. Ich hielt die Augen offen, damit sie mir nicht abhanden kam, nutzte Jackdaws Augen ab und an mit, um den Überblick zu behalten. Auf dem Weg hierher war ich strenger gewesen, hatte sie zusammen gehalten. Aber wir waren mittlerweile auf der Whitechapel Road und auf dem besten Wege zum Pavillion Theatre. Hier war die Straße breit und übersichtlich genug um die Zügel ein wenig zu lockern. „Old shoes and slippers?“ – „Say the bells of St. Peter´s!” Frederick verdrehte die Augen. Ich grinste munter. Vielleicht brachte es mir auch einfach Spaß, ihm peinlich zu sein. „Two sticks and an apple!“ – „Say the bells of Whitechapel!!!“ Das glorreiche Finale und die Kinder wussten es. „Richtig!“ Ich grinste breit und löste eine Hand von Enochs Beinen um Jacob neben mir das Haar zu zerwuseln und damit seine Sonntagsfrisur zu zerstören. Er protestierte lautstark und ich grinste nur noch mehr, zufrieden mit meinem Werk. Der Reim ging noch weiter und endete unter anderem damit, dass jemand seinen Kopf verlor, aber der Abend war ja noch lang, also noch genug Zeit, um meinem Ältesten auf die Nerven zu gehen, der jetzt Seite an Seite mit Ben, Otis‘ Sohn zu Maude aufschloss um Abstand zu uns zu gewinnen.
Die Kinder trugen Sonntagskleidung, ohne dass Sonntag gewesen wäre. Aber der Tag war trotzdem etwas Besonderes. Besser als Sonntag. Im Pavillion Theatre war Zirkus. Normalerweise gehörten die Tickets nicht gerade in Otis‘ oder meine Preisklasse. Die Kinder hatten schon des Öfteren schmachtend die Plakate angestarrt, die sie für die Programme des Theaters in der Whitechapel Road aufhängten, ohne dass wir ihnen diesen Wunsch je hätten erfüllen können. Oder wollen. Das Pavillion Theatre mochte in Whitechapel liegen, aber es hatte mit seiner Nachbarschaft wenig gemein. Die meisten seiner Besucher kamen von außerhalb um sich für ein paar Stunden dem Gefühl hinzugeben, in dem ärmsten Teil der Stadt auf Augenhöhe mit dem Pöbel zu sein. Nur der Pöbel durfte dabei nur niemals auf Augenhöhe mit ihnen kommen. Klare Sache. Und der Betreiber gab sich alle Mühe, ihnen dieses Erlebnis fleißig zu verkaufen. Er war sogar so munter dabei, dass er hin und wieder einfach vergaß, sich Lizenzen zu besorgen. Dafür musste man Verständnis haben, wenn jemand so bemüht um sein Geschäft war. Das konnte man auch, sehr gut sogar, man konnte dann sogar vergessen, dass es überhaupt keine Lizenzen gab, wenn man…. Ja, wenn man dafür freien Eintritt bekam. Für sich und für die Kinder. Tja, dann, ja dann konnte man durchaus Verständnis zeigen.
Und so konnten wir unseren Kindern wenigstens einmal etwas bieten, das sie sich schon lange genug gewünscht hatten. Einmal im Jahr war es mir dann doch ein Vergnügen, meine Kinder zu verwöhnen. Selbst wenn ich gezwungen war, Otis Rhode dabei mitzunehmen. Aber immerhin war sein Sohn dabei. Wenn sich Otis aus dieser Sache heraus geredet hätte, dann hätte ich ihn also höchstpersönlich aus seiner verdammten Wohnung mit dem verdammten fließenden Wasser gezerrt und zum Pavillion Theatre geschleppt. Glücklicherweise war das nicht notwendig gewesen. Nicht bei Freikarten. „Und wir bekommen sicher ein Eis, Paps?“, fragte Samuel und drehte sich zu mir um. „Ihr bekommt sowas von ein Eis, mein Junge.“, erklärte ich inbrünstig während bereits der Eingang des Theaters in Sicht kam und schielte dann doch grinsend an Enochs Bein vorbei zu Mister Rhode rüber. „Und wenn ihr brav seid, dann organisiert euch Onkel Otis vielleicht sogar Souvenierkarten…“
Es war Mulligans Dank für besondere Leistungen gewesen. In einer anderen Division hättest du vielleicht ein förmliches Lob, einen freien Tag oder gar eine Auszeichnung erwarten können. Superintendant Mulligan, Kopf der Whitechapel Police, dagegen hatte zugelassen, dass wir uns um den Besitzer des Pavillion Theatres kümmerten, der es mal wieder mit den Lizenzen nicht so genau genommen hatte, zu einer Zeit, da ein Zirkus im Theatre gastierte. Vermutlich wohl wissend, was Ardin und ich aus dieser Gelegenheit machen würden. Und deshalb waren Ardin James und Otis Rhode nun nebst Kinderschar auf dem Weg in den Zirkus. Deshalb trottete ich jetzt hinter einem aus voller Kehle singenden Ardin James und einer aufgekratzten Gruppe Kinder her. Cyneburg streunte weit vorne mit Frederick und Ben voran und hier hinten blieben jene, die Ardins Antwort-Chor stellten - und jene, die bedauerlicherweise Otis Rhode hießen. Aber ich würde mich nicht beklagen. Nicht heute an diesem Abend. Heute Abend begleitet von allen Kindern des Hauses James und von meinem Jungen, herausgeputzt als wären wir auf dem Weg in den Sonntagsgottesdienst und mit der Aussicht etwas zu sehen zu bekommen was uns ohne diese Gelegenheit in hundert Wintern nicht offen gestanden hätte, galt unabgesprochener Waffenstillstand. Egal was für eine Probe der Disziplin das auch werden würde, aber es gab sie, diese handvoll Dinge, die schlicht und ergreifend bedeutender waren, als jede Feindschaft, die ich zu Ardin James hätte aufrecht erhalten können. Zirkus für die Kinder gehörte eindeutig dazu. Selbst wenn die erste Disziplinprobe nicht lange auf sich warten ließ, nachdem der Chor verstummt war. Was zum... Souvenierkarten?!
Samuels Augen wurden größer als eine 5-Pfund-Münze und glänzten mir etwa ähnlich strahlend entgegen. „Wirklich?“, staunte der Knirps und sprang dabei munter wie ein Zicklein an meine Seite, umfasste dabei eine meiner Hände. „Mal sehen“, hielt ich mich vage. „Doch“, protestierte der Junge jetzt, „Paps hat das gesagt“, klärte er mich mit gewichtiger Miene auf, als wäre mein ganzes Problem an dieser Sache rein auditiv gewesen. „Ach, hat er?“, brummte ich, ohne zu erwähnen, dass besagtes Versprechen an eine Bedingung und ein ‚vielleicht‘ geknüpft gewesen war. Ich wusste es besser als mit einem Achtjährigen zu diskutieren, der auch noch James mit Nachnamen hieß. Nicht heute an diesem Abend. Ich zog meine Hand, die der Kleine fest hielt mit dem nächsten Schritt höher, was Samuel zum Anlass nahm mit beiden kleinen Händen meinen Arm zu umklammern wie ein Äffchen und sich für einige Schritte mit hochgezogenen Beinen in der Luft baumeln zu lassen, bevor ich den Arm runter nahm und er kichernd wieder auf eigenen Füßen stehen musste. Der neunmalkluge Knirps wurde langsam zu groß – und schwer – für solche Spielchen. Aber immerhin war es Ardins Sohn – die Betonung lag also wohl auf langsam, feixte ich bei mir und legte dem Jungen dennoch eine Hand um die Schulter. „Na dann, kleiner Soldat, werden wir ja mal sehen müssen, was sich machen lässt“, erklärte ich gutmütig und mit diesem großen Sieg, tollte Samuel sich übermütig zu seinen Geschwistern.
Als wir uns dem Haupteingang des Pavillion Theatres näherten, pfiff ich laut durch die Zähne, was uns bereits einige verärgerte Blicke aus der Umgebung einfing, die ich gekonnt ignorierte und in die kurze Aufmerksamkeit, die mir das bei den Kindern und Cyneburg einbrachte ein, „Abteilung James-Rhode links-schwenk“, einwarf, um die kleine Schar in die Seitengasse neben dem Theatre zu lotsen. „Wohin gehen wir?“, kam die unmittelbare, und doch reichlich besorgte Frage, sobald wir uns einmal aus dem Strom der ersichtlich vornehmeren Besucher gelöst hatten. Ich fragte mich nicht ohne ein Schmunzeln, ob die Kinder uns ernsthaft zugetraut hätten, sie rausgeputzt wie sie waren bis zum Theatre zu lotsen, nur um sie dann wieder nach Hause zu bringen. „Durch den Eingang an der Seite rein“, antwortete ich ohne weitere Erklärung der Gründe, aber dafür interessierten die Kinder sich ohnehin nicht. „Vielleicht sehen wir einen Tiger noch vor der Vorstellung.“ – „Können wir den Streicheln?“, krähte Samuel aufgeregt dazwischen. „Nur einmal“, erwiderte ich in allem Ernst, den ich in der Situation aufbrachte, was prompt von einem erstaunten, „Warum?“, gekontert wurde. „Weil du dann gefressen bist“, fuhr einer der Älteren Samuel unwirsch über den Mund und der Ausdruck, der sich daraufhin auf Samuels Gesicht niederschlug, trug in etwa so viel Entsetzen wie Faszination in sich. Ich legte in vager Besorgnis die Stirn in Falten, besser wir hatten ein gutes Auge auf Ardins vorlauten Spross.
Mit einer Faust donnerte ich gegen die Tür, die hinaus in die Seitengasse ging. Ich konnte Fredericks und Bens skeptische Blicke im Augenwinkel sehen. Sie waren alt genug zu erkennen, dass das nicht unbedingt die feine Art war und erfahren genug zu wissen, dass es auch anders ging. Aber nicht in Ardins und meiner Welt. Da erinnerte man die Leute besser früher als später daran, dass man ein Abkommen mit ihnen hatte - die neigten anderenfalls zu ganz unpraktischen Fällen der Vergesslichkeit. Der verschreckte Blick der jungen Frau, die uns öffnete, gab mir recht. Ich versuchte es mit einer Art beruhigenden Lächeln, als ich sagte: „Mr. Colbert hat uns zur Abendvorstellung eingeladen.“ Der Blick der jungen Frau löste sich erstaunt von mir und wanderte über Ardin und die Kinder nebst Hund und Dohle, die sich in deren Nackenfell eingenistet hatte. Nicht als Auftritt im Zirkus, lag es mir auf der Zunge, aber ich ließ das mit dem Sarkasmus besser sein. „Oh, natürlich“, stammelte sie dann und machte einen Schritt bei Seite. Wir drängten uns ins Innere, wobei ich Samuel eine Hand auf die Schulter legte. Wer konnte schon wissen, nachdem ich ihm den Floh mit dem Tiger ins Ohr gesetzt hatte - solche Dinge würde ich ungerne Margory beichten. Als ich gefolgt von Cynburg die junge Frau passierte, sah sie den Hund anstarrend aus, als ob sie etwas sagen wolle. Ich wandte ihr, wie ich fand, höflich den Blick zu, so lange, bis sie ihn erwiderte und ich das tapfere Vorhaben etwa ein mögliches Verbot vorzubringen in ihren Augen dahin schmelzen sehen konnte. Sie lächelte mich stattdessen nervös an und wir kamen unbehelligt ins Innere des Theatres oder wenigstens einmal die hinteren Räume der Darsteller.
Dort schlug uns die stickige Luft und der Geruch nach Mist und zu vielen geschäftig umher eilenden Menschen entgegen. Die junge Frau lotste uns vorbei an behelfsmäßig eingepferchten Viechern, einige davon von ganz wundersamer Gestalt, Darstellern verschiedensten Aussehens, die uns nicht minder erstaunt anglotzten, wie die Kinder alles um sie herum, und allerlei Utensilien und Gerätschaften, die hier bereit standen. Die junge Frau bot Ardin und mir an Hut und Mantel abzulegen, was ich geneigt war abzulehnen, bei dieser umherreisenden Zigeunerbrut wusste man schließlich nie. Aber selbst ich musste mir eingestehen, dass wenn diese Leute im Pavillion Theatre auftraten, sie wohl wenn dann an besserem Diebesgut interessiert waren als einem alten Hut und einem abgetragenen Mantel und es wäre unpraktisch gewesen Beides den gesamten Abend mit mir herum zu schleppen. Ich merkte mir das Gesicht der jungen Frau dennoch gut, immerhin würde ich sie später wegen eines möglichen Verlusts verantwortlich machen. Im Anschluss wurden wir hinaus in das eigentliche Theatre entlassen. Das Schnattern der Massen hier draußen, die Vielzahl unterschiedlicher Geräusche war ohrenbetäubend. Mein Blick ging über die bis unter die Decke gehenden oberen Ränge und Alkoven an den Seiten, den bereits gut gefüllten Raum vor uns, den man von Stühlen befreit hatte und in dessen Mitte eine mit Holzplanken abgeschrankte, runde Arena errichtet worden war, um die herum sich bereits die sensationsgierigen Menschenmassen drängten. Wieder ging mein Blick an die seitlichen, höheren Plätze. Sicherlich dem bessergestellten Publikum vorenthalten. Auf einem Plakat am Eingang hatte ich gelesen drei Schilling für einen Platz in den boxes, zwei Schillings für pit, einen Schilling für gallery und sixpence für einen Stehplatz. Keine Ahnung was das genau bedeutete, sah man einmal von letzterem ab, aber ich würde doch stark annehmen, dass unserem Freund Colbert sehr am Herzen lag, dass wir einen angenehmen Abend mit den Kindern hatten. Und wie sollten die Kinder sonst einen guten Blick auf das Geschehen haben? Ich würde ungerne direkt vorne an der Holzabsperrung stehen - man hörte immer wieder von den Unglücken, die passierten. „Sollen wir versuchen da hoch zu kommen?“, teilte ich meinen Gedanken mit Ardin und deutete auf die ersten höherliegenden Ränge.
|