Charaktere
Ardin James » Otis Rhode
Datum & Ort
16.04.1822, Brunswick Quay am Greenland Dock in Rotherhithe, London
Society of Cling and fail Rudeness
Nun, was ging es mich an? Selbstverständlich alles. Immerhin musste ich doch sehen wenn es meinen Docker bereits nach dem ersten Arbeitstag aus der Kurve haute und ich alleine dastand als Kandidat für den Posten in der Bow Street. Aber der Docker ging ja doch unbeirrt weiter. Und ich folgte ihm auf Schritt und Tritt.

Bis er plötzlich an der Straßenecke Halt machte.

Just in dem Moment in dem ich ihm das von unserem König um die Ohren haute. Doch ein wenig überrascht von dem plötzlichen Halt blieb ich ebenfalls stehen, um dem Docker nicht in die Hacken zu laufen und beobachtete neugierig wie sich ein ernster, ja nachdenklicher Ausdruck auf sein Gesicht legte. Was war das? Wollte der Lange etwa seinen Fehler einsehen, mir Recht geben und auf der Stelle kehrt machen? Aber nichts dergleichen war der Fall, den Gefallen würde er mir nicht tun, dabei hätte ich ihn dafür so schön auslachen können… Aber nein, stattdessen beobachtete ich fasziniert wie sich seine Augen fast unbewusst ein wenig regten, wie er die Position wechselte, zwischen seinen Füßen auf den Boden sah als denke er nach. Der Junge orientierte sich! Verdammte Scheiße, der hatte aus meinem Spruch tatsächlich seine Orientierung gezogen! Gar nicht so dumm, wie ich ihn eingeschätzt hatte, der Lange! Wirklich faszinierend. Und über die Feststellung alleine, schob sich schon das faszinierte Grinsen in stummer, spöttischer Anerkennung auf mein Gesicht.

Nur so lange bis dieser Transport vorbei ratterte. Der Docker wandte sich reflexartig ab und alleine weil er es tat, tat ich es auch. Wenn sich einer weg duckt, machst du das auch. Spätestens wenn dir zum ersten Mal Kanonen und Holzsplitter um die Ohren geflogen sind nachdem jemand „DECKUNG!!!“ gerufen hat und du nicht drauf gehört hast. Klar, dass man sich dann abwendet. Klar, dass man dann zum Nebenmann sieht um zu schauen obs dem gut geht. Ich traf den seltsam solidarisch unsicheren Blick des Dockers und blickte über dessen Schulter vorbei. Erkannte das Gitter der Gefängniskutsche und fühlte doch einen Moment meinen Magen flau werden. Bevor mich die Wut über diesen Zirkus packte. Wegen diesem Docker duckte ich mich schon vor Kutschen weg…

Aber bevor ich Otis-Road diese Wut spüren lassen konnte, war der schon auf und davon, bevor ich mich überhaupt umgesehen hatte. Mein Blick ging herum und ich konnte ihn gerade noch entdecken, wie er jetzt zielsicher die nächste Straße ansteuerte. Der hatte sich doch tatsächlich orientiert… Aber schnurstracks gerade aus war er eben schon gegangen, das musste nichts bedeuten. Und doch – ich war neugierig wohin er ging. Wenn er sich verirrte wollte ich das nicht verpassen. Und wenn nicht und er wirklich meine Bewunderung verdient hatte… dann… Er würde sich ja doch nur verirren. Trotzdem machte ich eilig, dass ich hinter ihm her kam und holte ihn gerade so ein. Mein Blick ging über vorbei hastende Menschen und fremde Straßenecken, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, sobald ich zu dem Docker aufgeschlossen hatte. Neugierig sah ich auch in die Höhe, um zu schauen, ob man hier zwischen den Häusern noch den Himmel entdecken konnte, immer darauf bedacht, den Docker nicht zu verlieren, der mit einem Mal ganz genau zu wissen schien, wohin er wollte.

„An den Docks arbeitest du nicht“ Ich wich gerade einem auf der Straße stehenden Karren aus, als mein Blick bei der Frage zurück zu dem Docker ging. Ein wenig verwundert, ein wenig finster. Hatte er es sich also doch gemerkt, der Docker. Obwohl er nichts gesagt hatte. Nicht in der Bow Street. Aber wenn er es mir jetzt hier sagte, dann würde er damit ganz sicher nicht mehr zur Bow Street rennen. Das würde er doch nicht, oder? „Hat dich denn kein Schiff mehr nehmen wollen, he?“ Bitter schob sich eine Grimasse von einem Grinsen über mein Gesicht, bevor ich abfällig neben mir auf die Straße spuckte, die Road mit seinen langen Schritten viel zu schnell hinter sich ließ. „Das hättest du gerne, he? Vielleicht wollte ich ja kein Schiff mehr.“, erklärte ich trotzig und konzentrierte mich mit sturem Blick geradeaus darauf, mit Roads Tempo Schritt zu halten. Mit einem Mal fiel es mir nicht mehr sonderlich schwer, die selbe Selbstsicherheit wie Road an den Tag zu legen. Mit sturer Wut schritt ich jetzt voran. „Ich wollte zur East India. Wegen der Heuer.“ Noch zwei rasche Schritte durch Matsch und Schlick. „Und dann hab ich Mrs James getroffen, wenn du verstehst.“ Jetzt grinste ich doch kurz zu dem Langen hoch, bevor ich wieder geradeaus sah und mein Blick wieder ernster wurde. Ich zog die Nase hoch. „Ich wollte zur River Thames Police. Gestern. Wegen der Arbeit.“ Ich warf einen Seitenblick zu dem Langen hoch, beinahe misstrauisch. Sah dann wieder stur geradeaus.

„Die haben mich aber nicht genommen.“

Der Blick des Matrosen wurde so wundervoll finster, dass ich direkt noch eins drauf setzen musste. In selbstzufriedener Süffisanz verzogen sich meine Mundwinkel. Wirklich wundervoll diese Ablenkung zu haben, wenn der Kurze mir schon folgte wie ein aufdringlicher Welpe, der gerne auf den Arm genommen werden wollte. Würde ich mir einen Teufel tun, ich wusste zu was für unleidigen Bestien die meisten Köter heranwuchsen. Erst füttert man sie noch mit Weizenkleie damit sie groß werden und die Muskeln eines Ochsen entwickeln und kaum versieht man es sich, sind aus marderspitzen Welpenzähnen riesenhafte Fänge geworden, die sich im ersten unachtsamen Moment in deinen Unterarm graben. Einmal scharf darauf gemacht Sträflinge und Wilde zu jagen, mit dem Prügel dazu abgerichtet ordentlich zuzubeißen, erinnert sich kaum mehr einer von ihnen. Da war ich, noch nicht die Kraft eines Mannes, nur noch das schwache Glied in der Kette gewesen an dem man seinen Frust auslassen konnte, ganz egal was gewesen war oder ob ich nur dabei war den Eimer voll Futter vor ihnen auszuleeren. Dem Matrosen traute ich besser keinen Deut weiter. Nicht nach der Sache am Brunswick Quay, nicht mit der Aussicht dass nur einer von uns diese Arbeit würde behalten können. Selbst wenn ich ihm heute die Hand reichte, hätte er es morgen vergessen – also weshalb auch nur den Versuch machen?

Der Matrose spuckte aus und erklärte, dass er es sei, der kein Schiff mehr wollte, nicht andersherum. Ich zog die Brauen hoch, als er zu mir aufsah, ein spöttisches ‚Ja, bestimmt‘ auf den Zügen. Dabei, wusst ich’s denn? Ich hatte den geregelten Verdienst der Armee erst vor so kurzer Zeit ausgeschlagen, weil mich keine zehn Pferde in die nächste Kolonie getrieben hätten – warum sollt’s dem Matrosen anders ergehen? Vielleicht war’s ihm ja auch genug gewesen. Aber nein, falsch lag ich. Ein Mädchen hat der Matrose gefunden. Wie er glücklich zu mir aufgrinste wohl ein Gutes. Ich sah zu ihm hinab. „Ich dacht‘ bisher, eu’ereins treibt’s immer zurück auf See – wie die Ratten das Schiff verlassen, so die Matrosen das Heim“, gab ich spottend von mir und bemerkte erst zu spät, dass es fast Anerkennung beinhaltete. Immerhin hatte der Matrose sich erstaunlicherweise dafür entschieden nicht die erste Gelegenheit zu nutzen seiner Angetrauten zu entfliehen. Ich sah schnell wieder geradeaus, gerade darauf und daran mir etwas Besseres zu überlegen, als der Andere noch etwas ergänzte.

„Ich wollte zur River Thames Police. Gestern. Wegen der Arbeit.“ Ich zog die Brauen zusammen über diese Information. Zur Thames Police. So einer war der also. Dabei war’s wohl nicht so abwegig. Ein Janner, den es zur Navy verschlägt und von der Navy zur Polizei, nur von einem Staatsdienst in den nächsten. Keine Seeschlachten mehr, den Schmugglern nicht mehr auf See das Handwerk legen sondern an Land. Gab viele Matrosen, die sich der Polizei verschrieben. Gab auch viele Soldaten. Ich schüttelte den Gedanken unwirsch ab. „Die haben mich aber nicht genommen.“ Jetzt sah ich doch wieder zu dem Kurzen hinab, ein wenig ehrlich verwundert unter allem Spott. „Suchen die nicht so dringend Leute?“ Jedenfalls verkündeten sie das auf jedem Flugblatt und jedem Plakat, oder? Aber die Sache verriet mir noch etwas anderes. Wenn der Matrose gestern bei der Thames Police war, wenn sie ihn dort nicht genommen hatten… Die Nacht hatte er mit Saufen verbracht, so viel war gewiss… Aber wenn er tags davor eine Ablehnung erhalten hatte, dann war das Saufen vielleicht weniger Charakterzug, als ich gehofft hatte. Dann hing’s vielleicht mit der Arbeit zusammen, die er nicht bekommen hatte.

Ich riss mich los von dem Gedanken, weiter vor uns verklang allmählich der Hufschlag der Gäule, welche der Gefängniskutsche vorgespannt waren. Eine Straße schloss in die nächste auf, aber es war nicht weiter schwer in etwa weiter auf einer geraden Linie voran zu kommen. Seitlich von uns passierten wir jetzt ein herrschaftlich anmutendes Gebäude aus dunklem Stein, das von hellen Mustern durchzogen war und irgendwie an ein vorzeitliches Schloss oder ein Kloster erinnerte. Ich wandte den Blick wieder ab. Bitte, Herr im Himmel, lass mich nach all diesen Absonderlichkeiten heute nicht auch noch aus der Zeit gefallen sein. Bitte nicht ausgerechnet mit einem Matrosen auf dem Fuß.

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Tjaaaa…. Ich grinste den Langen an. „Dafür muss das Schiff erstmal untergehen, mein Freund!“, erklärte ich triumphierend darüber, diese unschlagbare Logik heraus stellen zu können. Und auch wenn ich den Langen ganz sicher nicht zu meinen Freunden zählen würde, so hatte er sich die Bezeichnung in diesem Moment eindeutig verdient für diese Steilvorlage.

Aber der Triumpf hielt nicht lange an. Denn ja, ich hatte zur Polizei gewollt. Und nein, sie hatten mich nicht genommen. Die Erinnerung alleine holte schon die Wut zu mir zurück. Im Nachhinein konnte ich nicht sagen, weshalb ich dem Langen gegenüber überhaupt damit herausrückte. Finster schickte ich einen Seitenblick zu Otis-Road hinauf als der kommentierte sie suchten Leute. „Jaaa…“, antwortete ich gedehnt und grimmig. Dann biss ich die Kiefer zusammen und knirschte mit den Zähnen, die Augen über die Straße wandern lassend, auf der Suche nach irgendetwas das ich meine noch immer nachhallende Wut spüren lassen konnte. Aber alles was mir ins Auge fiel war die dunkle Fassade eines massiven Gebäudes an dem die breite Straße nun vorbei führte, auf der Otis-Road munter und ungebremst voran stiefelte. Eine Droschke ratterte vorbei, während ich an grob behauenen Steinen und hohen Mauern hinauf sah. Ein uraltes Gebäude. Wir waren in einem Teil von London, den ich seit ich hier mit Margory lebte, nie betreten hatte. Mich hatte es höchstens mal ins East End verschlagen. Oder zu den Palästen. Nur um mal zu schauen, versteht sich. Nur um zu sehen wo sich unser Herr König den ganzen Tag über den Arsch streicheln ließ. Aber das hier war vollkommen unbekanntes Gebiet. Und Rhode strebte unentwegt voran. Missmutig löste ich die Kiefer voneinander, die zu schmerzen begonnen hatten und stierte geradeaus, wo auch immer uns der Weg hinführen mochte. „Aber scheinbar nicht dringend genug. Sie nehmen niemanden unter fünf Fuß, sechzig Zoll, das schreiben sie nirgendwo.“ Sollte sich Road bloß nichts drauf einbilden.

Mein Blick fing einen Wegweiser an der nächsten Hauswand ein. Richtung Canon Street und Blackfriars. Stumm stutzte ich für einen Moment. Warf dann einen raschen Seitenblick zu dem Langen. Machte die Augen schmal. Der Junge war ganz und gar nicht dabei sich zu verirren. Der hinterhältige Hecht. Und tatsächlich, an der Kreuzung konnte ich die Kuppel von St. Paul’s zwischen den Dächern im Dunst erkennen. Wir waren tatsächlich auf dem Weg zur Brücke. Ich wurde um meine verdammte Häme gebracht! „Bist du sicher, dass du richtig bist, Otis-Road?“, fragte ich absichtlich Zweifel streuend. Ich hatte wenig Hoffnung, dass der Lange sich davon ablenken ließ, so stur wie er schon die ganze Zeit voran strebte, aber man konnte es ja mal versuchen.

Irgendwie hatte der Matrose etwas gefunden, über das er sich lustig machen konnte, ich zog die Brauen irritiert zusammen ohne zu verstehen auf was der Andere eigentlich hinaus wollte. Welches Schiff sollte sinken? So wörtlich nahm der Janner den Spruch? Da hatte es wohl einer nicht so mit dem übertragenen Sinn. Geschah dem Matrosen jedenfalls recht, dass ihm bei der Sache mit der Thames Police direkt wieder die Klappe runter ging. Der hatte wohl auch mitbekommen, dass die händeringend nach Leuten suchten, hatte vielleicht dieselben Plakate gesehen wie ich. Tja, wie dringen die auch suchten, es war jedenfalls nicht dringend genug um einen zu kurz geratenen Matrosen deswegen zu nehmen. Der hätte es wohl doch bei der East India versuchen sollen. Vielleicht hätten die noch ein Äffchen als Maskottchen gebraucht, den man in eine Zwergenuniform stecken konnte, dachte ich gehässig. Aber ich sprach es nicht aus, weil mich dieses seltsam burgartige Gebäude ablenkte und der Weg nicht mehr gar so klar vor mir lag. Die breite Straße mündete am Ende in mehrere verschlungene Gassen. Ich konnte nur hoffen, dass sie einen einigermaßen geraden Verlauf nahmen.

Nicht dringend genug, pflichtete der Matrose meinen vorangegangenen Gedanken zu und dass er es selbst zugeben musste, das gefiel mir doch am besten daran. Ein wenig fragte ich mich ja, weshalb er mir all diese Informationen über sich so gerade heraus an die Hand gab. Oder besser, ich hätte es mich gefragt, hätte ich nicht annähernd ein Drittel meines bisherigen Lebens in der Armee verbracht. Ich kannte genug Burschen wie auch gestandene Männer, die mehr plapperten als ihnen gut tat und entgegen jeden Klischees brauchten sie nur selten Alkohol dafür. Ein wenig Aufregung, ob nun Freude oder Angst, reichte vollkommen aus. Ich fragte mich, ob es so war. Angst hatte der Matrose wohl keine, aber ob wohl die Freude mit ihm durchging, eine solche Chance in der Bow Street bekommen zu haben? Oder ob das plappern tatsächlich ein tiefsitzender Charakterzug war? Wenn konnte ich nur hoffen, dass Cook ihm auch in den nächsten Tagen das Maul stopfte, wenn man es mir schon verboten hatte. Zumindest während der Arbeit, hier draußen konnte ich ein gepflegtes: „Und du glaubst für die Bow Street reicht’s?“, von mir geben, wo der Matrose doch förmlich danach bettelte.

Natürlich wurd’s mir direkt mit Zweifeln an meiner Wegesfindung gedankt, ich schnaubte abfällig darüber. „Kennst‘ nicht diesen Kinderspruch über den Fleet? Aus dem Metzgerstalle, Mist und Blut; tote Katz‘ und Rübenkopf stürzt hinab die Flut, fragte ich und fügte nach einer bedeutenden Pause spottend hinzu: „Ach ja, bist‘ ja nicht aus London.“ Ich schüttelte selbstgefällig den Kopf. Ich war’s zwar ebenso wenig, aber das musste ich nicht mit breitem Akzent in die Welt hinaus tragen. „Du kannst das stinkende Abwasser, das den Fleet hinab in die Themse spült doch auch bis hier hin riechen, oder?“ Das war genug Erklärung. Wir mussten nur die Reste des Fleet-Kanals finden und dem bis an die Themse hinab folgen und so dicht wie wir ihm bereits waren, konnten wir auch tatsächlich nur unserer Nase folgen für die letzten Meter, war nicht so schwer, oder? Irgendwo anders in London, in Rotherhithe oder dem East End, da hätte überall dieser Gestank gelegen, aber hier in diesen Ecken der Stadt zentrierte sich das Elend – so wie dort um den stinkenden Schlick des ehemaligen Flusses.

Wir?

Kam mir der Gedanke zu spät.

Ich.

Ich musste die Reste des Kanals finden. Der Matrose konnte tun, was ihm gefiel. Ungehalten darüber, dass ich mich überhaupt zu einer – verhältnismäßig – ausführlichen Antwort hatte hinreißen lassen, durchschritt ich die Gasse.

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Ob es für die Bow Street reichte. Finster sah ich zu dem Docker hinüber, verzog dann die Lippen zu einer Grimasse. „Offensichtlich.“ Das war immerhin der hieb und stichfeste Beweis. Dass Rhode selber dabei gewesen war, als sie mich abgemessen und sich trotzdem für mich entschieden hatten. Leider Gottes zusammen mit dem Langen und nur einer von uns konnte die Stelle bekommen, aber den würde ich auch noch schaffen. Der sollte es nur abwarten.

Dass er den Weg allerdings so einfach fand, war dann doch ein wenig unheimlich. Und ich fragte mich nicht zuletzt, ob mir das Sorgen bereiten sollte wenn ich so an den vor uns liegenden Wettkampf um diese Stelle in der Bow Street dachte. Am Ende hatte der Lange einen strategischen Vorteil, von dem ich nicht einmal etwas ahnte. Immerhin würden sie uns sicherlich auf Streife schicken, oder? In Rotherhithe oder um die High Street wäre das kein Problem gewesen. Die South Side und das East End kannte ich, da war ich schon gewesen. Aber diese Ecke hier um die Bow Street… Wer hätte schon erwartet hier einmal durch zu müssen? Sich orientieren zu müssen? Ich würde irgendwie an Karten kommen müssen, so viel war sicher. In der Bow Street mussten sie eine Karte haben. Irgendwo. Die würde ich suchen. Da sollte der Docker keinen Vorteil genießen.

Aber was er mir dann tatsächlich zur Antwort gab, das ließ mich die Stirn skeptisch runzeln. Ein Kinderspruch. Über den Fleet. Den hatte ich noch nie gehört. Ich schüttelte den Kopf. Versuchte zu verstehen was um alles in der Welt dieser Kinderspruch mit unserem Weg hier zu tun haben sollte. Flut. Wasser. Es ging um Wasser darin, ja, aber… Mein Gesicht verdunkelte sich als der Lange meinte mir unter die Nase reiben zu müssen, was sowieso offensichtlich war. Dass ich nicht aus London stammte. Natürlich. Ich verzog sarkastisch die Mundwinkel. Sehr komisch. Aber als der Lange das dann doch erklärte und vom Gestank sprach, achtete ich tatsächlich unwillkürlich darauf, was ich in der Luft riechen konnte. Und tatsächlich roch es nach Faulem, Verdorbenem und Totem. Entfernt zwar, aber deutlich wahrnehmbar. Ich hatte bislang nicht darauf geachtet. Man gewöhnte sich an diese Dinge. Wie man sich an den Gestank in einem Unterdeck gewöhnt. Wie es zum täglichen Atem wird. Da ist es eher ungewohnt wenn er einmal fehlt. Jetzt aber ging mir doch ein Licht auf, was es mit dem Wasser in seinem Spruch auf sich hatte. Der Fleet war ein Fluss. Und er mündete in die Themse. Schlaues Bürschchen. Aber wer wäre denn auf sowas gekommen? Ich hörte auf, mich auf den Geruch zu konzentrieren, fast wütend schlug ich mir das aus dem Kopf. „Du gehst nach dem Geruch?!“, fragte ich, weil ich es nicht ganz glauben konnte. Das hatte wirklich etwas abartiges. „Was bist du? Ein Hund?“, spottete ich dann. Und dabei verzog sich mein Gesicht doch wieder zu einem vagen Grinsen und mündete in einem fassungslos amüsierten Glucksen als mir so langsam bewusst wurde, welche Goldgrube ich da gerade gefunden hatte. Der Lange folgte seiner Nase wie ein Jagdhund. Du meine Güte, ein Tier war er, der Lange. Da sag noch einmal einer, die Londoner Arbeiterschicht hätte nichts mit Tieren gemein!

Ein wenig Bewunderung rang es mir aber doch ab. Auf die Idee wäre ich in zehn kalten Wintern nicht gekommen. Einem Fluss folgen, um zur Themse zurück zu kommen. Noch dazu einem aus einem Kinderspruch. Ich schüttelte bei mir den Kopf. „Aber ich kenn den Spruch von den Kirchen.“, erklärte ich, als wäre das eine brauchbare Alternative und als hätte Otis-Road mich nach Äpfeln gefragt und ich hätte ihm stattdessen Birnen angeboten. Ich sah zu dem Langen hin und nickte mit einem vagen schiefen Grinsen zu der Kuppel, die immer wieder zwischen den Häuserdächern im Dunst auftauchte. „When I am Old, Ring ye Bells at Pauls.“ Den hatte es sogar bis auf die Severn gespült. Da hatte ich ihn das erste Mal gehört. Von einem Matrosen, der aus London stammte. Der hatte ihn mir beigebracht. War eine nützliche Ablenkung gewesen wenn auf Wache nichts los gewesen war. Und ich hatte jede Zeile aufgesaugt, die sie mir hatten nennen können. Auch wenn sie sich manchmal gestritten hatten, welche denn nun die richtigen Verse und in welcher Reihenfolge sie am besten zu sagen waren. Spruch blieb Spruch.

Blöd sah er drein der Janner, noch blöder als sonst schon. Ich schnitt eine Grimasse bei seinem Kopfschütteln. Und wenn schon, sollte der doch seiner eigenen Wege gehen? Was folgte er mir denn ohnehin schon? Für einen Augenblick, da stellte ich mir vor von ihm befreit die Gassen entlang zu gehen. Allein. Hät ich überhaupt einen Schritt getan, wär‘ er mir nicht so hartnäckig gefolgt? Vermutlich nicht. Vermutlich hät‘ ich gewartet, bis ich ihm unauffällig seiner Wege hätte folgen können. Dass er mir so brav hinterhertrabte, das bedeutete wohl, dass er selbst keinen besseren Weg kannte – und dass er genug Hoffnung oder Verzweiflung hatte, dass er meine Suche für erfolgsversprechend genug hielt, mir zu folgen. Und dass er das tat, dass er mir folgte, das war der einzige Grund, warum ich überhaupt noch voran ging. Dumm wie es war sich das eingestehen zu müssen. Aber ich konnt‘ mir kaum vorstellen, den Weg hier allein lang zu gehen. Die verschlungenen Gassen steuerten auf eine Häuserfront zu, aber entlang derer, ging ein schmaler Pfad entlang. Alt und ausgetreten, von Unrat übersäht, ich schlug den Weg bergabwärts ein. „Du gehst nach dem Geruch?!“ Ich reagierte im ersten Moment kaum. Vom Klang seiner Worte hätte der Matrose mich auch fragen können, ob ich gerade den Grabstein angepisst hätte. Was war denn jetzt so abwegig daran sich am Geruch zu orientieren? Wütend bemerkte ich die eigene Verunsicherung. Warum hatte ich dem dummen Kerl überhaupt etwas gesagt?! „Was bist du? Ein Hund?“ Meine Miene verfinsterte sich merklich. „Sicher nicht“, fauchte ich zornig zurück. Alles. Aber ganz gewiss kein Hund. Allein der Klang des Wortes weckte ungute Erinnerungen in mir.

„Aber ich kenn den Spruch von den Kirchen.“ Da kam es, völlig ohne Zusammenhang. Mit hochgezogenen Brauen sah ich abfällig zu dem Kurzen hinüber. Das war ja schön für ihn und interessierte mich auch wirklich brennend… nicht. Allein, dass ich den blöden Spruch auch kannte. Es war der Oranges and Lemons. „When I am Rich, ring ye bells at Fleetditch – When will that be?“, nahm ich fast unbewusst die unmittelbar davor gelegenen Verse auf. „Tja, Fleetditch voraus – aber kein Glockenleuten“, ergänzte ich dann trocken mit einem Schulterzucken. Traf unsere Situation vermutlich erschreckend gut. Aber wenn der Matrose das Lied kannte, dann kannte er auch das zugehörigen Klatschspiel unter den Kindern. Das und die letzten Zeilen dessen, die die direkt nach der Pauls kamen: Here comes a candle to light you to bed. Here comes a chopper to chop off your head. Chip chop, chip chop, the last man's dead. Einfache Moral des Spiels: Wer zu langsam ist, ist raus. Nachdenklich betrachtete ich den Janner einen Moment von der Seite. Ob ich’s als Warnung nehmen sollte? Aber die konnte der Kurze haben. Abfällig schnaubend ging ich weiter voran, die holprige, ausgetretene Gasse entlang des ehemaligen Fleet-Kanals hinab. Immer wieder öffneten sich alte Teile des Wasserlaufs zu einer Kloake, tief waren die Schächte und das Wasser hatte sich zusammen mit den Abfällen und dem Abwasser zu einer so unerträglich stinkenden Schlammschicht aufgetürmt, dass ich mich fragte, weshalb sie die frischgewaschene Wäsche überhaupt über unseren Köpfen auf Leinen in der Gasse trockneten. Egal wie wenig Platz auch in der Stube sein mochte, aber hängst du sie hier raus, da kannst du dir das Waschen doch direkt sparen. Doch so unheimlich mir diese Abschnitte auch waren, sie bewiesen, dass wir trotz der Häuser, die sie über die meisten Stellen des ehemaligen Kanals gebaut hatten, auf dem richtigen Weg waren. Wir folgten dem Fleet und als die Schatten in der Gasse in der Abenddämmerung immer länger wurden, da konnte man am Ende der Gasse die Themse entdecken und die baufälligen Konturen der Blackfriars Bridge. Mit einem Gaul hätte ich die Brücke nicht mehr überqueren wollen. Aber für den Matrosen und mich würde es schon reichen – und wenn’s doch nur für mich reichte, wär’s auch nicht verkehrt. Vielleicht paddelte der Matrose bei der Gelegenheit ja direkt in die East Indies durch. Ein Problem weniger.

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Es brachte mich zum Grinsen, diese Art wie der Lange den Vorwurf des Hundedaseins weit von sich warf als hätte ich ihm vorgeworfen es heimlich mit einem Schaf zu treiben. Oh was ein wunder Punkt, den würde ich mir merken! Auch wenn ich nicht recht sicher war, ob es die Sache mit dem Geruch oder die Sache mit dem Hund war, auf die der Lange so empfindlich reagierte. Aber das würde ich noch herausfinden, so viel war sicher!

Auf den Kirchenspruch reagierte Otis-Road schon wieder nicht mehr ganz so empfindlich. Stattdessen fing er an zu reimen und meine Mundwinkel zuckten vor Freude, bevor ich seine begonnene Strophe munter ergänzte: „Ring Ye Bells at Stepney“ Aber um Stepney ging es dem Langen gar nicht. Der hatte nur seine Fleetditch im Sinn. Die war mir zuvor nicht einmal bewusst aufgefallen und die Tatsache, dass er das noch einmal ansprechen musste, ließ mir sich doch wieder die Brauen zusammen ziehen. River Fleet. Fleetditch. Und was genau meinte der Lange eigentlich mit den verfluchten Glocken? Irritiert sah ich zu dem Langen hoch und beschloss, dass der Junge mir ein Rätsel war.

Aber der Weg war längst zu schmal geworden um nebeneinander zu gehen und da ich nicht vorhatte in den sumpfig morastigen Löchern zu ersaufen, die sich hier allerhalben auf der Strecke zwischen den Häusern auftaten, folgte ich Otis-Road dicht auf aber eben hinter ihm. Mit einer gewissen angewidert perversen Neugier betrachtete ich die Löcher ja doch. Manchmal schwamm etwas ungewöhnliches in dem braunen Morast und ich versuchte mir immer wieder einen Reim darauf zu machen was das wohl gewesen sein mochte. Und je ekliger die Lösung für dieses Rätsel war, desto wohliger war der Schauer, der mir dann über den Rücken fuhr. Irgendwann aber war da etwas das aussah wie eine halbverweste abgetrennte Hand und der Gedanke, dass es nichts anderes sein konnte als das, wirkte zwar enorm reizvoll, aber erstaunlicherweise dann doch auch wieder verstörend. London war ein Loch. So einfach war das. Und so sah ich zu, dass ich hinter dem Langen her kam. Den Gestank, der hier überall in den Mauern zu kleben schien, weitestgehend ignorierend. Immerhin gewöhnte man sich daran. So war die Stadt. Der reinste Viehstall.

Als wir den Pfad hinter uns ließen, landeten wir tatsächlich an der Blackfriars. Marode war die Brücke, aber sie erfüllte ihre Aufgabe. Ich hätte auch kein Geld mehr gehabt um einen Boater zu bezahlen, so viel lieber mir das gewesen wäre. Erzwungenermaßen musste ich jedoch anerkennen, dass es dem Langen tatsächlich gelungen war den River Thames zu finden und ein wenig war ich froh, ihm gefolgt zu sein, so schade es auch um den Triumpf war, ihn scheitern zu sehen – immerhin musste ich keine weitere Nacht auf der Straße verbringen. Die letzte steckte mir noch in den Knochen und ließ mich frösteln als wir mit einbrechender Dunkelheit durch Rotherhithe marschierten. Hier kannte ich mich wenigstens wieder aus. Allerdings bemühte ich mich nicht all zu harsch voran zu schreiten, um dem Langen nicht das Gefühl zu geben ich hätte mich am Nordufer von ihm leiten lassen. Auf solche Gedanken sollte der gar nicht erst kommen.

Die Nachtwächter hatten bereits mit dem Entzünden der Gaslaternen im Viertel begonnen, als wir uns der Cornbury Road näherten. Ich hatte schon keine Ahnung mehr warum der Lange noch an meiner Seite durch die Stadt stiefelte – immerhin hatte der doch ein eigenes Zuhause oder?! Aber ich war längst zu müde um das noch zu hinterfragen. Erst als wir die Fawcett Road hinter uns ließen und uns der bewussten Straße näherten, wachte ich aus meiner Trance wieder auf – viel zu spät. An der Ecke hatte ein Junge mit Kappe und Mantel gelauert und sprintete nun los als wir in Sicht kamen, um in die Cornbury zu verschwinden. Ich schoss plötzlich getrieben voran, aber ich bekam ihn nicht mehr zu fassen und ließ den restlichen Versuch bleiben. Der Junge rannte bereits und brüllte die Straße hinunter mit meinem Namen auf den Lippen. Ich knirschte mit den Zähnen und fuhr mir mit der Hand frustriert durch die unordentlichen Locken. Aber ich setzte meinen Weg fort. Langsamen Schrittes wie ein geschlagener Hund. Denn ich wusste was folgen würde.

Und da war es. „Ardin James, du verfluchter Bastard von einer Bilgeratte!!!“ Ich hatte die ganze Zeit über nicht mehr daran gedacht. Hatte nur nach Hause gestrebt. Ohne auch nur einen Moment den Gedanken an die Sorge zu verschwenden, die ich gehabt hatte als sie uns aus der Bow Street wieder entlassen hatten. Aus der Dunkelheit strebte Margorys Gestalt heran – mit wehenden Röcken und Halstuch um die Schultern – und ich zog bereits die Schultern hoch als sie bei mir ankam und mit dem Haushaltstuch nach mir schlug. Fetzend traf es meine Schulter bevor ich mich wegducken konnte, aber das war nicht so schlimm wie Margorys Wutanfall, der vollkommen außer Acht ließ, dass ich noch in Begleitung von Otis-Road war. „Wo bist du gewesen, du nichtsnutziger Hurensohn?!!! Du wolltest zur River Thames und das nächste was ich höre ist, dass sie dich einkassiert haben!!! Denkst du ich hole dich aus dem Arbeitshaus raus?! Denkst du das?!!!“ Oh wie sie kochte. Ich hob abwehrend die Hände um ihre zu packen, aber sie wich mir längst aus um sie sich in die Seiten zu stemmen. „March! Margory!“ Sie hörte mir gar nicht zu. Und ich hatte nicht mehr den Nerv gegen sie anzureden. „Wo warst du?!“„Bei der River Thames…“, begann ich zu erklären, aber sie schnitt mir bereits das Wort ab. „Das warst du nicht.“„Das war ich!“, erklärte ich fassungslos und wurde nun doch auch langsam wütend. „Wenn du dort gewesen wärst, hätten sie dich nicht in Eisen ans Nordufer gekarrt, oder?!“„Wer sagt das?“ Ich wusste wer das sagte. „Drei Mal darfst du raten. Denkst du etwa so etwas bekomme ich nicht mit?! Hör auf mich anzulügen.“„Ich lüge dich nicht an!“„Ach ja? Wo warst du dann?! Herrgott nochmal, Ardin, ich dachte ich muss dich aus dem verfluchten Arbeitshaus holen! Sag mir verdammt nochmal was passiert ist!“„Auf der Straße?“, fragte ich zweifelnd, mich nun doch in mein Schicksal fügend. „Und wenn es mitten in der Wüste wäre! Wer ist das eigentlich? Dein Zellengenosse oder hast du auf dem Weg hierher wieder Unrat aufgegabelt?!“ Ich seufzte und fuhr mir mit der Hand übers Gesicht. „Muss dich nicht interessieren.“„Interessiert mich aber.“ Störrisch wie eine Hexe. Ich seufzte von neuem. „Das ist Rhode, arbeitet in der Bow Street. Aber nicht lange, gewöhn dich nicht an ihn.“ Margory musterte Otis nun neugierig und ein wenig irritiert. „In der Bow Street?“, fragte sie skeptisch. „Wir reden von DER Bow Street?“„Kennst du noch eine, March?“„Er sieht nicht aus als arbeitet er in der Bow Street.“ Jetzt sah sie mich mit scharfem Blick an. „Bist du betrunken?“„Neiiin, was…?!“, fragte ich erneut fassungslos, nicht mehr begreifend was mir eigentlich gerade passierte. „Du riechst als wärst du betrunken.“„Bist du jetzt auch so ein verdammter Köter?! Ich WAR betrunken, können wir uns darauf einigen?“„Nennst du mich einen Köter, Ardin James?“„Herrgott Margory, hör mir doch nur ein einziges Mal zu, verdammt noch eins!“ Sie schob den Unterkiefer vor und verschränkte abwartend die Hände vor der Brust bevor sie mich mit fordernd schief gelegtem Kopf ansah. Ich atmete tief durch. Dann begann ich von vorne. „Ich war bei der River Thames Police. Wie ichs dir gesagt hab. Aber die haben mich nicht genommen.“„Wieso haben sie dich nicht genommen?“, fragte sie und nun konnte ich die Angst doch an ihr wittern unter all der Wut. Ich konnte es sehen in der Art wie sich ihre Augen weiteten. Sie versuchte es mich nicht sehen zu lassen, aber ich kannte die Anzeichen mittlerweile. Und das zu sehen schnürte mir die Kehle zu. „Zu klein.“, brummte ich zerknirscht und wütend. Das wollte ich nicht weiter ausführen. „Diese Bastarde…“, fluchte sie, zum ersten Mal den Blick von mir nehmend, aber sie schwieg von da an still und wartete wie vereinbart darauf, dass ich weiter sprach. „Ich bin also zurück nach Rotherhithe, da bin ich in den Langen hier reingerannt und die haben uns aufgegriffen.“ Minimal verkürzte Version der Geschichte. „Die haben uns in Eisen nach Covent Garden gekarrt und uns da erzählt dass sie uns für so ein Ding wollen. Arbeit. Keine Ahnung. Jedenfalls Bow Street. Arbeit bei der Bow Street Police, Margory.“, wiederholte ich, in der Hoffnung, dass dieser Fakt bei ihr ankam. Aber sie sah mich weiter kritisch an. „Und das Geld, das hast du versoffen?“ Ich knirschte mit den Zähnen und ließ den Blick nach oben wandern. „Ja, das Geld hab ich versoffen…“, gab ich mich geschlagen. Margory sah von mir hin zu Otis-Road und ihr Blick war so streng, wie er zu mir gewesen war. „Und du? Hast du mitgesoffen?“

Der Weg durch Southwark nach Rotherhithe lag mir viel zu routiniert in den Knochen, ab hier musste ich nicht mehr nach dem Weg suchen. Ich kannte die Straßen und abseits der üblichen Wachsamkeit, die man hier besser nie ablegte, wanderten meine Gedanken nur viel zu häufig zurück zu all meinen Problemen. Allen voran wo ich wohl die Nacht verbringen sollte. Ich merkte kaum, dass ich immer weiter neben dem Matrosen hergegangen war, ihm jetzt meinerseits folgte, als hätten meine Füße sich viel zu sehr daran gewöhnt – obwohl ich doch längst meiner eigenen Wege hätte gehen sollen. Bis zu den Mietskasernen kam ich sonst selten. Hier lebten Verheiratete und Familien. Die Unterkünfte hier waren zwar schäbig und häufig teilten sich zu viele Leiber ein und dieselbe Stube. Aber für mich waren selbst die Aussichten einmal bis hier hin zu kommen unerreichbar. In etwas, das einer Wohnung nahe gekommen war, hatte ich zuletzt gelebt, bevor ich auf den Booten zu arbeiten begonnen hatte. Seit her hatte ich nur eine handvoll Mal wieder etwas dergleichen betreten, geschweige denn, dass ich selbst die Miete für eine hätte aufbringen können. Ich wollte schon umkehren, als ich meinen Fehler bemerkte, zum Hafen und zu den Massenunterkünften der Dockarbeiter, aber in diesem Moment rannte ein Junge unweit von uns los und schlug Alarm. Ich zuckte zusammen, blickte mich nach der Gefahr um – bis ich registrierte, dass ich den Namen wohl kannte, den er rief. Das war doch dieser Matrose neben mir, oder? Jetzt doch neugierig geworden, folgte ich ihm noch ein wenig – und da brach bereits ein keifendes Weibsbild aus der Dunkelheit hervor, direkt auf den Janner zu.

Schimpfend und fluchend als sei sie selbst zur See gefahren und nicht etwa der Ardinsjames überschüttete sie ihn mit Fragen und Vorwürfen und er kam kaum zu Wort dagegen. Ein verstohlenes Lächeln schlich sich in meine Mundwinkel, als der Matrose derart rund gemacht wurde. Das also war das „Mädchen“, das ihn so glücklich machte? Na, jedem das seine, nicht wahr? So hätte ich den Matrosen nun aber nicht eingeschätzt, wie man sich in den Menschen täuschen konnte. Ich hätte zumindest wetten mögen, dass das Ardinsmädchen deutlich mehr Eier hatte, als der Matrose. Und bestens informiert war sie noch dazu. Nicht dass es verwunderlich war. Die Sache mit den Bow Street Runners hatte mit Sicherheit in Windeseile die Runde gemacht, so etwas geschah nicht alle Tage, nicht in Rotherhithe. Noch auf der Straße verlangte das Ardinsmädchen nach Antworten. Na, viel Spaß dabei, mein Freund, dachte ich eben noch amüsiert, als ich selbst in den Fokus des Verhörs geriet. Der Zellengenosse wäre ich wohl beinahe geworden und doch gefiel es mir ganz und gar nicht, dass sie das derart auf der Straße herumposaunen musste, das süffisante Lächeln erstarb mir auf den Lippen. Ob ich der Unrat sei, den der Ardinsjames von der Straße gelesen hätte. Na, mit dem Urteil waren sie ja beide schnell von der Hand, die James‘. Fehlte nur, dass sie mich auch noch direkt als Taugenichts bezeichnete, wie der Matrose am Morgen noch.

Fast war ich dankbar darum, dass der Janner versuchte mich aus der Sache heraus zu halten. Es fühlte sich beinahe an wie beschützt zu werden, dabei wusste ich dass das mit Sicherheit nicht die Absicht des Matrosen gewesen war, denn direkt darauf gab er meinen Namen nur zu bereitwillig Preis. Rhode. Rhode, der in der Bow Street arbeitete. Herr im Himmel, schreib es doch direkt an jeder Hausecke an. Panisch sah ich mich unter den Umstehenden um, aber die schienen glücklicherweise ganz auf das zankende Ehepaar konzentriert. Das Ardinsmädchen glaubte ihrem Gatten derweilen kein Wort und ich konnte nur hoffen, dass die Anderen das genauso wenig taten. Damit prahlte man schließlich nicht. Oh. Naja, wenn man auch bei der Thames Police anschaffen gegangen wäre womöglich schon, dann war es vermutlich sogar noch erstrebenswert künftig in der Bow Street Schwänze zu lutschen. Braver kleiner Polizistenbengel, der unser Matrose doch war. Ob der Matrose betrunken sei, jetzt schnaubte ich doch wieder spöttisch. Betrunken war ja gar kein Ausdruck gewesen. Ich hätt‘ einiges drum gegeben, dass er’s auch jetzt noch gewesen wär, dann hätte er vielleicht nicht mehr die gesamte, verdammte Geschichte zum besten gegeben, als wäre es eine große Heldentat. Immerhin war der Ardinsjames so gezwungen noch einmal einzugestehen, dass er für die Thames Police zu kurz geraten war. Sie waren klein die Zuckerstücke, aber ich genoss sie nur umso mehr.

„Und du? Hast du mitgesoffen?“ Ich sah dem Weibsbild unbeeindruckt entgegen, Nerven hatte sie ja, einen fremden Mann so anzusprechen und vielleicht hätt‘ ich’s bewundert, hätte die zu große Klappe ihres Gatten mich heute nicht schon weit genug gebracht. Ich hatte genug erlebt für heute, meine Nerven waren endgültig aufgebracht von einem James, einen Zweiten ertrug ich heute nicht mehr. „Nein, Ma’am“, erwiderte ich also mit knirschenden Zähnen, mühsam beherrscht. Am Ende war sie ja doch eine verheiratete Frau und ich sollte wohl etwas Respekt zeigen, sonst war ich auch nicht besser, als die doppelte Dosierung James. „Ich trinke nicht. Es war wie er’s gesagt hat.“ Dabei nickte ich grob zu ihrem Gatten hinüber.

„Und was machst du noch hier? Hast du kein Zuhause?“, schoss es scharfzüngig wie eh und je aus ihr hervor. Ich öffnete die Lippen, um zu widersprechen, aber was hätte ich schon sagen können ohne zu lügen? Sie sah mich an in meinem Zögern, ich sah ihr entgegen und da keifte sie erst noch an mich gewandt, dann schon wieder in Richtung ihrem Mann: „Hat er dich etwa eingeladen? Hast du ihn etwa eingeladen?!“ Und endlich fand ich meine Zunge wieder, das zumindest konnte ich mit bestem Gewissen zurückweisen. „Nein, Ma’am“, protestierte ich, bevor der Matrose es tun konnte und fügte dann in trockenem Sarkasmus hinzu: „Er würd‘ Ihnen doch nie Unrat ins Haus schleppen, Ihr sauberer Herr.“ Ich sah ihr noch einen Moment entgegen, dann zu James hinüber. „Einen gepflegten Abend noch.“ Ich wandte mich um und verschwand durch die Menge der Schaulustigen. Sollten sie es sich doch in ihrer reinlichen Stube bequem machen die hochwohlgeborenen Herrschaften von James und ihren Abend als kleinkarierten Abklatsch von Gutbürgerlichkeit verbringen. Die konnten mich doch alle miteinander mal kreuzweise.

Ich würde zusehen, dass ich zumindest mein Hab und Gut wieder bekam, dass die Dockarbeiter vermutlich schon untereinander verteilt hatten, nachdem ich einkassiert worden war. Wenigstens dafür war ich jetzt in genau der richtigen Stimmung, nicht einer der Umstehenden blieb mir unnötig im Weg stehen, als ich ihnen entgegen kam. Es war das erste Mal seit langem, das es mich nicht kümmerte, dass es mir gar Vergnügen bereitete, wie sie mir auswichen. Ich mich fast gefreut hätte, hätte mir einer den Weg versperrt, fast als hatte die Prügelei am Morgen all meine versuchte Frömmigkeit weggewischt. Als hätte die Gewalt nur all die Monate geduldig gewartet, wieder Mittel meiner Wahl zu werden.

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[Ein paar Tage später]

Dass die Runner mich hatten laufen lassen, das hatte mir keiner an den Docks geglaubt. Dass ich geflohen sei, das schon eher und das hätten sie zwar bewundert, aber einen, den die Bow Street sucht, den wollten sie trotz allem nicht in ihren Quartieren schlafen lassen. So weit war es dann mit der Solidarität gegen die Polizeimacht. Es hätt‘ mich nicht wundern sollen. Ich hätt’s ihnen nicht einmal vorgeworfen. Dass die Pritsche auf der ich geschlafen hatte, schon an den Nächsten vergeben war, das hatte ich verstanden. Aber meine Sachen, die hatte ich mit mir nehmen wollen, wenn sie mich schon in der Nacht vor die Tür setzten. Leider hatte das bedeutet sie von jedem einzelnen, der sich bereits ein Stück davon gesichert hatte, zurück zu fordern – und nicht jeder hatte das eingesehen. Der Schmiss, weil ich einem mein eigenes Messer nicht schnell genug hatte entwenden können reichte mir den Unterarm hinab bis über das Handgelenk. Geistesabwesend rieb ich mir über den inzwischen verschorften Teil des Schnitts, den man trotz der Uniform sehen konnte. Am nächsten Tag war ich mit dem blutig geschwollenem Handgelenk angetreten. Übermüdet, weil ich auf der Straße kaum ein Auge zu getan hatte. Und ich hatte mich zwar in Rotherhithe an einer öffentlichen Pumpe gewaschen, aber nicht geschafft mich zu rasieren. Vielleicht hätte Cook mir eines davon durchgehen lassen, aber in der Gesamtheit meines mangelhaften Zustandes hatte er mich schlicht und ergreifend in die Ställe geschickt. Vermutlich nur, um mich aus dem Weg zu haben und mich seine Verachtung für so viel Verwahrlosung spüren zu lassen, nicht weil er hätte erwarten können, dass ich eine gute Arbeit machte. Was Cook auch an Expertise über Waffen hatte, lebende Elemente der Ausrüstung schienen ihm deutlich weniger zu liegen und so war der zweite Arbeitsbereich des Quartiermeisters, die Stallung, deutlich weniger auf Vordermann gebracht, wie die Waffenkammer.

Also hatte ich mich für den gesamten Tag dem Stall und den Pferden angenommen, gereinigt und ausgebessert, was mir in die Finger gekommen war und die Gäule für die Officers vorbereitet. Das hatte den Nebeneffekt, dass noch am Abend des zweiten Tages der Birdwhistle wieder dagestanden hatte, um dafür zu sorgen, dass ich den Rest der Woche für die Gäulen verantwortlich blieb, damit er – wörtlich – nicht jedes Mal eine Stunde warten müsse, bevor er ein gesatteltes Pferd unter dem Arsch hatte. Ich unterstand also noch immer dem Cook, der uns weiter in der Waffenkammer hielt und jede Geschichte über die Bow Street erzählte, die sich in seinem wohl nie zu vergessenden Schädel über die Jahre angesammelt hatte. Er war es auch, der uns über die Organisation und die Abläufe in der Behörde unterrichtete und uns jede Regel, jede Richtlinie und jede noch so geringe Gepflogenheit auswendig lernen ließ. Aber wann immer es galt einen Gaul zu satteln oder die Kutsche einzuspannen, da schickten sie mich – und ich konnte mir förmlich vorstellen, wie sich dieser geleckte Matrosenbengel mit seinem schleimigen ‚Sir‘ in meiner Abwesenheit überall einschmeichelte. Immerhin, und das war wohl ein kleiner Trost, konnte ich mich kaum beklagen, nicht genug „Bow Street Helden“ zu sehen zu kommen. Kamen bis zu Waffenkammer meist nur die Laufburschen persönlich, so waren es gerade die großen Männer, die sich zu fein dazu waren den Dienst zu Fuß anzutreten. Ich beobachtete sie mit gemischten Gefühlen, sie, deren skizzierte Abbilder man aus der Zeitung kannte und von denen Cook die wundersamsten Geschichten zu erzählen wusste. Aber gleichzeitig war ich ganz froh, jedes Mal wenn sie mich kaum beachteten und wusste kaum etwas sagen, wurde ich unerwartet doch einmal von ihnen angesprochen. Ich wusste, ich ließ mir wohl die besten Gelegenheiten entgehen dadurch, aber so etwas lag mir einfach nicht. Noch am zweiten Tag hatte mir der Kollege des Ruthven bei genau so einer Gelegenheit einen Penny zugesteckt, weil ich ihm zu einer unvergleichlichen Geschichte verholfen hätte. Gelacht hatte er dabei und ich wusste bis jetzt nicht, wie er das gemeint hatte. Aber den Penny sparte ich mir auf, dafür wenn der Hunger bis zum Ende der Woche doch unerträglich werden sollte. Doch im Moment und es brachte mir unwillkürlich ein Lächeln auf die Lippen, hielt es sich mit dem Hunger ohnehin in Grenzen.

Ich hatte gerade die letzte Truhe Haferschrott mit der neuen Lieferung aufgefüllt, um die zu Kümmern man mir nach dem Absatteln eines Gauls direkt mit aufs Auge gedrückt hatte. Kurz hielt ich inne, um mir den Getreidestaub aus dem Gesicht zu reiben. Einen Moment starrte ich auf die Scheiben trockenen Brotes, die dort in der Futterkammer der Gäule lagen. Es war knochenhart und scheinbar nichts, was man in der Bow Street oder wo immer sie es her hatten noch essen mochte. Aber es war sauber und man bräuchte nicht einmal schimmelige Stellen abzukratzen, um es in etwas Wasser zu einer vielleicht nicht besonders schmackhaften, aber doch nahrhaften Suppe einzuweichen. Doch nicht hier, hier gab man es den Gäulen. Ich fragte mich, was es für ein Leben sein mochte, ein Leben als Bow Street Officer, ein Leben ohne Hunger, ein Leben ohne von der Hand in den Mund zu existieren. An den Docks war ich für Arbeit täglich entlohnt worden und ich hatte nichts Erspartes, um die Tage bis Sonnabend zu überbrücken. Wäre ich nicht am zweiten Abend in der Kirche diesem einem Mädchen begegnet… Ich hatte gewusst, dass ich keine zweite Nacht auf der Straße überstehen würde oder zumindest hätte ich dann am nächsten Tag nicht noch einmal bis zur Bow Street laufen brauchen. Ich wusste auch, dass der gute Pater nichts für Bettler und Taugenichtse übrig hatte, dass er mir die Geschichte mit der Bow Street genauso wenig glauben würde wie die Dockarbeiter, aber ich musste es immerhin versuchen, ihn zu fragen, ob ich nicht für den Rest der Woche auf einer Kirchenbank schlafen könne.

Ich hatte also in diesem stillen kühlen Gemäuer mit der hohen Decke gesessen in der ich in den letzten Wochen so häufig gebetet und gearbeitet hatte, um auf den Pater zu warten und ich hatte Gott gebeten, mir das mit der Bow Street nachzusehen, weil ich es doch nur des Geldes wegen tat und weil man schließlich Arbeiten musste, um zu Essen. Und ich hatte ihm zwar versprochen keins seiner Gebote mehr zu brechen, aber in der Bow Street, da würd‘ man schon nicht so häufig einen töten brauchen, wie bei der Armee, das glaubte ich jedenfalls. Ich hatte von dem Gefühl aufgeblickt angesehen zu werden und tatsächlich hatte Judith neben mir gesessen. Erschrocken hatte ich sie wohl angesehen. Immerhin war es draußen bereits dunkel. Sie war ein unverheiratetes Mädchen. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass ihre Eltern sie auf diesen Straßen ohne Begleitung außer Haus wissen wollen würden. Aber noch bevor ich ein Wort hervor gebracht hatte, schien sie meine Gedanken erraten zu haben. Ihr Onkel hätte sie begleitet. Ich hatte sie dennoch gefragt, was sie hier tat. Sie hätte für mich gebetet, hatte sie gesagt und ich hatte das dumme Lächeln auf meinem Gesicht gespürt, so breit, so unverschämt, dass sie mir verstohlen dafür gegen den Arm geschlagen hatte und ich hatte den Blick wieder gesenkt. Weil sie das am Brunswick Quay mitbekommen hätte, hatte sie dann gesagt und ich hatte genickt. Was geschehen sei. Ich hatte es ihr nicht erzählen wollen, bei Gott, das hatte ich wirklich nicht. Aber ich hatte mit einem Mal dieses Brennen in der Magengrube gespürt, das rein gar nichts mit dem Hunger zu tun hatte. Dieses Brennen bis hoch hin meine Kehle. Die Hitze auf meinem Gesicht. Und die Worte… die Worte waren mir ohne jeden Halt über die Lippen gekommen. Jedes Einzelne davon, das niemanden sonst auf dieser Welt interessiert hätte. So schnell und so verzweifelt, als wüssten sie, dass sie sonst auf immer ungehört bleiben würden. Und als sie endlich versiegt waren, da hatte Judith voll bekümmerten Ernst gemeint, dass der Pater mich doch nur in die Lower Street schicken würde und mir kein Wort glauben würde und ich hatte gewusst, dass sie recht hatte. Ob sie mir denn glauben würde, hatte ich sie gefragt und sie hatte mich nur angesehen und ich hatte sie angesehen und ich konnte noch immer spüren, wie die Sekunden über meinem angstvollen Herzschlag hinweg verstrichen waren. Dann hatte sie genickt und ich hatte gewusst, dass es egal war, was jetzt geschehen würde, weil das alles war, was auf dieser Welt zählte.

Aber für Judith war es nicht alles gewesen. Noch am selben Abend dort vor der Kirche hatte sie ihren Onkel dazu gebracht mich bei ihm unterkommen zu lassen. Gezetert und geflucht hatte der Mann, aber seiner Nichte hatte er doch nichts abschlagen können. Ein griesgrämiger Mann war er, der nur noch unter schwerem Hinken gehen konnte, seit ihn ein Unfall am Dock als Krüppel zurückgelassen hatte. Ein Mechaniker war er gewesen. Ein kluger Mann, der sich noch heute allerlei Dinge einfallen ließ, wenn man ihm ein Problem beschrieb, und diese Ideen verkaufte oder kleine Schlösser und Geräte reparierte, die man ihm brachte. Judith besorgte ihm was er dazu an Schreibmaterial oder Werkzeugen brauchte bei den Straßenhändlern, half ihm gar bei Zeichnungen oder feinen Arbeiten, wenn ihrem Onkel einmal wieder das Rheuma in den Fingern saß. Ich verstand nichts von den Dingen, über die sie sprachen oder taten, aber ich verstand wohl, dass sie nicht jeden Tag dieser Woche hätte vorbeisehen brauchen, bis ich am Abend zurückkam. Und schon gar nicht hätte sie mir allerlei zu Essen zustecken brauchen, das sie von daheim hatte abzweigen können, wie einem halbverhungerten Kätzchen, das sie auf der Straße aufgelesen hatte. Wenn ich ehrlich war, störte es mich sogar ungemein. Aber Essen aus Eitelkeit auszuschlagen konnte ich mir nicht leisten. Sie zu sehen, darüber freute ich mich dennoch jeden Abend und allein der Gedanke ließ mir das Herz gegen die Brust pochen, wie die Flügel eines ungeduldigen Vogels, der darin gefangen war.

Mit dem Blick überprüfte ich noch einmal, dass alles ordentlich war in der Futterkammer, dann steckte ich mir eine der trockenen Brotschreiben in die Tasche, weil ich wusste wie gut man die Gäule mit einer kleinen Leckerei locken konnte und trat wieder nach draußen. Womit ich nicht gerechnet hatte, war dass mir auf dem Weg durch den Stall dieser Matrosenjames begegnete, misstrauisch sah ich seiner kurzen Gestalt entgegen, blieb mit verschränkten Armen stehen, damit er mir entgegen kommen musste.

[Bild: otis-sig.png]

In der Cornbury Road galt ich als Spinner. Margory, sagten sie, dein Mann hat nicht mehr alle Zacken in der Krone. Dein Duke hat den Verstand verloren. Margory kannte zahlreiche bissige Antworten auf solche Sprüche, sie konnte sowas ganz einfach an sich abperlen lassen. Mich störte es nicht wenn sie mich in der Cornbury für verrückt hielten, aber wenn sie das Margory anlasteten, das konnte ich nicht ausstehen. Ich hatte diese Woche schon mehr als einmal versucht einem eins auf die Nase zu geben, aber Margory tendierte dazu mich zurück zu halten. Ich hatte ihr immerhin das von Otis-Road erzählt. Vom ersten Tag als er mit dem halben Arm aufgeschlitzt zum Dienst angetreten war und Cook getobt hatte darüber wie er da erschienen war. Sie sagte ich könnte es mir nicht leisten mit lädiertem Gesicht dort aufzutauchen und den selben Fehler zu machen. Und mochte der andere aus der Prügelei noch so viel schlimmer aussehen, Cook würde nur meine Seite des Kampfes sehen. Und sie hatte ja auch Recht. Den Road hatten sie seitdem in den Stall verfrachtet, zu den Viechern. Und jedes Mal wenn einer der hohen Herren einen Gaul brauchte, dann jagte Cook ihn raus, seine Arbeit zu machen.

Ich war ganz froh darum, dass es ihn erwischt hatte und nicht mich. Ich hatte mit Gäulen nichts am Hut. Ich hatte die bisher höchstens mal als Kind streicheln dürfen. Damals hatte ich noch gedacht sie mochten ganz liebe Wesen sein, aber mir war spätestens in London klar geworden, dass sie auch nur Arbeitstiere waren. Man hätte genauso gut ein Schwein oder ein Schaf haben können. Und besser man fasste die von anderen Leuten nicht an. Die reagierten da nicht sonderlich gut drauf. Überhaupt waren die in London größer als die Ponys in Plymouth. Und mach einmal so ein Riesenvieh von Pferd wütend. Ich hatte mehr als einmal Geschichten davon gehört wenn sie einen mit dem Huf erwischt und einem einzigen Schlag getötet hatten. Die taten alle nur so friedlich. So war das nämlich. Hier in London ganz besonders. So wie die Viecher aussahen mit den Rippen an den Flanken, dass du sie unter dem Fell zählen konntest, mussten sie Menschen hassen. Und wenn sie Menschen hassten, dann warteten sie nur auf die Gelegenheit einem unbedarften Mann den Schädel einzuschlagen und sei es nur um ihre langersehnte Rache zu bekommen, da war ich mir sicher. Gut also dass der Road die Aufgabe bekommen hatte, sagte ich mir.

Und am Anfang hatte ich darüber im Stillen auch noch hämisch gegrinst und es als meinen  persönlichen Sieg verbucht, dass Road wegbeordert war und damit wertvolle Zeit vergeudete, die ich ungehindert nutzen konnte um Cook zu gefallen. Und die hatte ich genutzt. Nicht nur Cook. Ich hatte mir akribisch gemerkt welcher Runner welches Ausrüstungsset bevorzugte. Ich hatte alles vorbereitet. Sauber und so ordentlich, dass es auffallen musste, damit sie sich meinen Namen merkten. Ich hatte es sogar geschafft, dass Cook mir so viel Arbeit anvertraute, dass ich ab und an sogar die Ausgabe am Tresen für ihn übernehmen durfte wenn er in Besprechungen für irgendwelche Einsätze war. Und hinterher hörte ich mir von ihm an welche Pläne sie machten und welche genialen Strategen sie doch waren. Das mochte lästig werden, aber ich fand, dass es sich lohnen würde, sich das einzuprägen. Und so hörte ich von Schlägen gegen den glücksspielenden Untergrund, in den die reiche Oberschicht zusammen mit der geldgierigen Bourgeoisie leidenschaftliche verwickelt war. Ich sah mir die Orte, die Cook nannte, auf einer Karte an, die ich an einer Wand im Büro entdeckt hatte, wann immer wenig los war und die meisten Runner auf Schicht ausgeflogen. Und ich prägte mir das Viertel ein. Die Straßennamen. Die Wege. Ausgehend von dem Pfad den Otis-Road und ich am ersten Tag genommen hatten. Und mittlerweile begann mir Covent Garden vertraut zu werden. Auch weil ich nach Feierabend trotz aller Müdigkeit noch immer ein paar Umwege nahm um jede dieser Straßen einmal gesehen zu haben. Zusammen mit meinen guten Vorbereitungen für die Runner MUSSTE ich mich doch einfach für die Arbeit in der Bow Street qualifizieren.

Aber irgendwann hatte ich feststellen müssen, dass es keinesfalls die Runner selbst waren, die ihre Habseligkeiten beim Quartiermeister abholten. Sondern nur die Laufburschen. Sie hatten keine Chance sich meinen Namen zu merken, weil sie mir niemals begegnen und die Laufburschen das Lob einfahren würden. So war das. Ich hatte vor zwei Tagen meine Strategie geändert und aus der Not eine Tugend gemacht. Ich sprach mit den Laufburschen. Steckte ihnen hier und da etwas zu, das Cook für den Abfall aussortiert hatte. Sie waren alle nicht von hohem Stand, sie konnten das genauso gebrauchen wie ich. Nicht alle. Einige waren sich zu fein dafür. Und sie blickten auf mich hinab. Aber davon ließ ich mich nicht beirren. Ich würde ihnen mit meiner Ausdauer beweisen, dass ich ihre Aufmerksamkeit wert war. Ich wäre gerne über sie hinweg gegangen, aber erst wenn ich das Ohr der Laufburschen hatte, würde ich das Ohr der Runner haben und das war es wert, sich langfristig erniedrigen zu lassen. Sie merkten dass ich hartnäckig war und früher oder später würde sie das verunsichern oder überzeugen.

Road hatte es da einfacher und ich beneidete ihn insgeheim darum. Er war längst einer der Laufburschen. Und auch wenn ich wusste, dass die anderen genauso auf ihn hinab blickten wie auf mich, so war er mit den Gäulen doch näher an den Runnern dran als ich je heran kommen würde wenn ich nur in der Waffenkammer herum saß. Ich beobachtete das Treiben misstrauisch wann immer ich konnte und als ich einmal hörte, dass einer dem Road Geld zugesteckt hätte, da rutschte mir das Herz beinahe in die Hose. Am Ende hatte ich den Jungen doch noch unterschätzt. Aber das würde ich nicht zulassen. Dass er mich auf den letzten Metern doch noch überholte. Nein. Mochte sein, dass erst eine Woche vergangen war seit sie uns eingestellt hatten und wir noch keinen einzigen Penny von ihnen gesehen hatten. Sie konnten uns auch gut und gerne hinaus werfen bevor sie uns auch nur eine einzige Münze in die Hand gedrückt hatten. Aber wer wusste schon, ob sie das dann nicht nur mit einem von uns taten und den anderen schon nach der einen Woche einfach behielten?

Argwöhnisch beobachtete ich also wann immer Road zu den Gäulen geschickt wurde und hing ein wenig zwischen Neid und Abscheu. Es gab nichts das ich tun konnte, in den Ställen wäre ich ja doch nur fehl am Platz. Da wollte ich auch gar nicht hin. Aber Cook schien das zum Ende der Woche irgendwie gerochen zu haben. Und so kam er Freitags aus einer Besprechung zurück in die Waffenkammer, in der ich am Tresen gestanden und das Treiben im Gang beobachtet hatte, und verkündete stolz, dass für den Sonnabend ein ganz großes Ding geplant sei. Und während seine Augen bei der Erzählung noch glänzten, wurden sie wieder gewohnt streng nüchtern als er mit den entsprechenden Anweisungen zur Vorbereitung dieses „ganz großen Dings“ begann. „Sie brauchen die Pferde am Sonnabend, du gehst also in den Stall zu Rhode und hilfst ihm dabei alles rechtzeitig vorzubereiten. Hast du schon mal mit Pferden gearbeitet, James?“ ICH?! PFERDE?! Ich schluckte. „Nein, Sir.“, bekannte ich wahrheitsgemäß. Cook nickte nur als hätte er das fast schon erwartet und machte eine abwinkende Handbewegung. „Dann auf in den Stall. Rhode soll es dir zeigen, was immer er mit den Gäulen anstellt, wenn am Sonnabend irgendetwas nicht rechtzeitig bereit steht und wir dieses Ding dadurch verlieren, dann fällt das auf euch zurück, hast du verstanden?“ Eindrücklich sah mich Cook nun an als wollte er die Worte in mich hinein brennen. „Ja, Sir.“, bestätigte ich, sah ihm ruhig und gefasst direkt in die Augen. „Dann los. Was tust du noch hier?“„Ja, Sir.“ Dann wandte ich mich ab und verließ die Waffenkammer um den Gang hinunter zu gehen in Richtung der Ställe und Cook damit weit hinter mir zu lassen.

Im Gang war es dann als mir der Schauer über den Rücken jagte bei dem Gedanken wo ich jetzt hinmusste. Mein Blick schweifte umher wie in Sorge darum dass irgendjemand meine Angst sehen und sie als solche erkennen könnte. Und die Sorge war berechtigt. Ich versuchte mich zusammen zu reißen, fuhr mir mit dem Zeigefinger kurz über die Seite meiner Nase bis hoch zur Augenhöhle, dann setzte ich meinen Weg stur fort bis ich bei den Ställen ankam.

Ich brauchte nicht einmal weit hinein gehen, da stellte sich der Road mir schon in den Weg. Als wäre das hier sein Revier und ich ihm im Weg. Aber Überraschung, das mit den Gäulen, das war jetzt nicht mehr nur sein Gebiet. Ich blieb dicht vor ihm stehen und sah finster zu ihm hoch. „Cook schickt mich. Wir sollen das morgen zusammen machen. Du sollst mir das mit den Gäulen zeigen.“, erklärte ich in einem Tonfall wie die Laufburschen sie an uns richteten wenn sie Ausrüstung für ihre Runner holten und sich wieder einmal für etwas besseres hielten. Dabei sah ich vollkommen ruhig zu dem Langen hoch und zog noch die Nase hoch - Demonstration all meiner Entspanntheit. Sollte der kleine Road direkt merken wo er jetzt in der Nahrungskette stand. Dass er sich seine Vorteile als Gauldompteur bald an den Hut stecken konnte. Da war zwar immer noch das Problem, dass ausgerechnet Road mir zeigen sollte wie das mit der Pferdevorbereitung funktionieren sollte – und der war der letzte, der meine Angst sehen sollte – aber so schwer konnte das doch auch nicht sein, oder? Und nicht so gefährlich. Immerhin hatten herabstürzende Rahen, die von Kettengeschossen von ihrem Mast getrennt wurden, sicherlich um einiges mehr Zerstörungskraft als ein Pferdehuf und die hatte ich doch auch überlebt, oder?





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