Charaktere
Ardin James » Otis Rhode
Datum & Ort
18.09.1850, Die James Wohnung in Whitechapel
Society of My judge and jurors Rudeness
Ich stöhnte unter dem Gefühl erdrückt zu werden. Hatte Margory sich auf mich gewälzt? So schwer war sie doch nie gewesen… Eine Stimme in meinem Schädel sagte mir, dass es Zeit war. Dass etwas dringendes war. Aber als ich versuchte mich darauf zu konzentrieren, schlug mir Schmerz entgegen, der mich nur noch mehr zum Stöhnen brachte. Es dröhnte in meinem Schädel und dabei war es noch immer dunkel um mich.

- Bis mir etwas feuchtes durchs Gesicht wischte als wäre ich direkt unter einen Wischmopp geraten.

Ich riss die Augen auf und drehte den Kopf weg – nur um die Lider direkt wieder zu schließen unter dem Licht das brennend wie Feuer hindurch trat. Mit einem Mal wurde mir klar, dass ich nicht zuhause war. Das Licht kam von der falschen Seite und es roch streng nach Hund vor mir. Einmal abgesehen davon, dass da noch immer dieses Gewicht auf mir lag. Zaghaft öffnete ich die zusammen gekniffenen Augen wieder und blickte auf Cyneburgs grinsend hechelnde Hundeschnauze. Ich murrte und schnaubte. Drehte nur nochmal den Kopf weg. Jackdaw ließ mich wissen, dass es Zeit war. Und dass ich lange genug geschlafen hätte. Geschlafen? Ich hatte geschlafen. Tatsächlich. Und es war kein Traum gewesen, der mich geweckt hatte. Überhaupt erinnerte ich mich nicht daran, was ich geträumt hatte. Wessen Träume ich gesehen hatte. Da war nichts in meinem Schädel. Nur Schmerz. Und das Gefühl noch einige Jahre so weiter schlafen zu können. Mürrisch drehte ich den Kopf noch ein wenig, darum bemüht den Hundeatem nicht zu sehr einzuatmen und suchte mit unter dem Schmerz zusammen gekniffenen Augen nach Cyneburgs unweigerlichem Begleiter. Und da war er. Otis Rhode. Den Blick auf mich gerichtet wie ein Zuschauer im Theater. „Würdesu dein’n Hund annie Leine nehmn, Rhode?“, murrte ich ungnädig. Aber ich konnte ihn gar nicht wirkungsvoll genug anfunkeln weil das Licht einfach zu sehr in den Augen brannte. Ich kniff sie wieder zusammen und drehte den Kopf weg, blindlings versuchend das Gewicht der Hündin von mir zu schieben. Mochte sein, dass ihr Schädel auf meinem Bein noch ganz nett gewesen war, aber das war eindeutig zu viel Hund auf nächster Nähe.

Ich sollte mich schämen, Cyneburgs große Liebesbekundung sei eine Ehre, fand Jackdaw, und ich fragte mich ernsthaft was sie noch in meinem Schädel zu suchen hatte. Aber es war als könnte ich mich nicht erinnern wie es funktionierte, sie von dort zu verbannen. Wie das Mistvieh gehässig darüber lachte. Sie sagte ich hätte das verdient. Und dass es Zeit wäre. Sie immer und ihre Zeit. Zeit wofür? Die Arbeit, fand Jackdaw. Arbeit. Ein Wort ohne Bedeutung. Da wollte nichts bei mir klingeln. Ich war definitiv nicht bereit dazu, der Welt schon zu begegnen. Was mich zum ersten Mal darüber nachdenken ließ, wo ich mich überhaupt befand wenn nicht in der Welt. Das Licht von der falschen Seite. Otis‘ Wohnung, natürlich. Stöhnend ließ ich den Kopf zurück in die Kissen sinken. Kissen. Bett. Jetzt hob ich doch wieder den pochenden Schädel, nur um mich des Gedankens zu versichern, den ich da gerade hatte. Ich lag in einem Bett. Zusammen mit der Hundeschnauze „Du hast mich nich ernsthaft in deinem Bett schlafen lassen, has du…?“

Eine Offensive aus Vogel und Hund tat wahre Wunder, wie ich amüsiert feststellte. Selbst bei einer Ginleiche wie James. Ich band mir gerade die Krawatte während ich mir das Spektakel ansah und die Hündin soeben Ardin das Gesicht abschleckte. Cyneburg hatte auch absolut keinerlei Würde in diesem schäbigen Pelz übrig, ließ ich sie feixend wissen. Immerhin der James war jetzt mal wieder gründlich gewaschen. Und er hatte recht offensichtlich geschlafen, das hatte er doch wollen, nicht wahr? Selbst wenn ich mir darüber nicht mehr so sicher war. Auf der anderen Seite: wann hatte ich schon je gewusst, was der James wollte? Und hät' ich's gewusst, es hätte mir ehrlich Sorge bereitet. Allmählich regten sich die Lebensgeister bei Ardin - jedenfalls ein paar mehr als in der vergangenen Nacht noch. Was gut war, denn ich hatte nicht vor James auch noch in die Leman Street zu schleppen. Nein, das sollte er jetzt mal schön auf eigenen Füßen schaffen. Aha, sogar sprechen konnten wir direkt wieder. Wie wundervoll. Cyneburg meinte stolz, dass ich ihr nicht zu danken brauchte. Nicht dass ich das vorgehabt hatte. Ich schnaubte spöttisch, während Cyneburg auf den Kommentar bezüglich der Leine beleidigt grollte und mit einem Satz aus dem Bett sprang. Sie streckte und schüttelte sich. Dann gähnte das Vieh ungeniert ausgiebig, als wäre sie es gewesen, die in der Nacht kein Auge zugetan hatte. Ich ging hinüber zum Herd, goss aus der globigen Tonkaraffe - einem Hochzeitsgeschenk von Judiths Eltern, das ich nie hatte leiden können und das mir in all den Jahren nicht den Gefallen getan hatte zu zerspringen - eine Tasse Wasser ein. Das hier kam nicht frisch aus der Leitung, es war abgekocht und ich bewahrte einen Silberlöffel in der Karaffe auf, ganz wie sie es einem in der Armee beibrachten, wenn sie einen ins Hinterland einer Kolonie schickten. Aber ich traute dem Wasser so nah an der stinkenden Themse auch nicht weiter als dem in den Büschen von New South Wales. Egal was die Water Company über ihre Bezugsquellen erzählte. Kommentarlos ging ich mit der Tasse hinüber zu James und hielt sie ihm hin. Besser er hätte schon in der letzten Nacht etwas Wasser getrunken, aber ich hatte ihn ja doch nicht noch einmal wach bekommen. Ob es den Effekt von annähernd einer ganzen Flasche Gin noch hätte dämpfen können konnte ich ohnehin nicht sagen. Nicht dass ich das Experiment nicht häufig genug gemacht hatte, feixte Cyneburg direkt wieder darauf los. Den höllischen Durst danach kannte ich jedenfalls, musste ich dem dämlichen Köter zustimmen.

Ob ich ihn in meinem Bett hatte schlafen lassen. Na, wenn der James schon wieder in der Lage war so beispiellos das Offensichtliche aufzuzeigen, dann war er ja schon wieder fast auf der Höhe seiner geistigen Fähigkeiten.

''Wenn du allerdings sowas wie Frühstück willst, dann hätt'st du's dir nicht mit deiner Frau verscherzen sollen'', ließ ich den James bissig wissen. Ihn in meinem Bett schlafen zu lassen war das eine, aber dass er mich darauf hinwies... Mir auch noch auf diese offensichtliche Art verdeutlichen musste, dass solche Nachsichtigkeiten eigentlich keinen Platz in unserem Stand zueinander hatten. Als ob ich das nicht selbst gewusst hätte. ''Bleibt nur zu hoffen, dass du noch nicht die ganze Coster-Sippe gegen uns aufgebracht hast, sonst kriegst du statt Saloop nur ein paar alte gebrauchte Teeblätter für den Magen'', malte ich die düstere Vision, wohlwissend dass Ardin mir wohl noch nicht so wirklich würde folgen können, einfach nur um den James möglichst vom Thema abzubringen. Und es war schließlich wirklich so, das Zeug half wie kein anderes beim nüchtern werden und man bekam es an jedem Frühstückskarren der Costers. Selbst wenn ich befürchtete, dass bei dem James nicht einmal ein ganzer Topf Saloop helfen würde. Besser wir bekamen ihn in die Leman Street und von dort wieder auf die Straße und dann irgendwohin, wo er noch für ein paar Stunden seinen Rausch würde ausschlafen können. Wir. Ja. Wir, wir, wir. Es würde am Ende ja doch nur auf mich zurückfallen, wenn Ardin den Dienst versäumte. Von Mulligan. Und was viel schlimmer war von Margory und den Kindern, allen voran meinem Jungen. Die Blöße würde ich mir gewiss nicht geben, selbst wenn es bedeuten würde in dieser Sache dem James zuarbeiten zu müssen.

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Immerhin war ich Cyneburgs Gewicht los. Das machte den uneingeschränkten Blick auf das Bett unter mir noch dramatischer. Wenigstens war Rhode nicht noch beigegangen und hatte mich ausgezogen, ich wäre ihm auf mein Lebtag böse gewesen. So lag ich nur hier und starb einzig und allein an meinem vermaledeiten Körper. Ravenna hatte einmal gesagt, dass Hexen, die sich dem Gregor verweigerten, als Banshees auf ewig ein körperloses Dasein auf der Erde fristen müssten. Ich empfand die Vorstellung in diesem Moment als unendlichen Segen. Es hätte mir so einiges erleichtert, mich von meinem Körper lösen zu können – Strafe muss sein – oder von dieser unleidigen Dohle. Ungeduldig hüpfte sie jetzt über das Bett und ich fragte mich warum sie nicht ein wenig von meinen Kopfschmerzen abbekommen könnte, wenn sie ja doch sonst alles mitbekam. Ihre schlichte Antwort darauf war, dass sie eben nicht so wehleidig sei wie ich. Schönen Dank auch.

''Wenn du allerdings sowas wie Frühstück willst, dann hätt'st du's dir nicht mit deiner Frau verscherzen sollen'' Ich grunzte ungnädig. Frühstück. Mir wäre sowieso nicht danach gewesen, etwas zu mir zu nehmen. Nichts festes zumindest. Wenn ich es so bedachte, drehte sich mir schon der Magen bei dem alleinigen Gedanken um. Den Becher nahm ich dann aber doch entgegen als Rhode ihn mir hinhielt. So gut ich ihn erkennen konnte. Stemmte mich hoch aus dem Bett, in eine sitzende Position, um mich am Kopfteil anlehnen zu können, aber musste doch einen Moment innehalten und die Augen zukneifen um das Drehen der Welt um mich herum abklingen zu lassen. Der Schwindel war immer noch da. Verdammt. Ich hatte keine Ahnung was seit dem letzten mal das ich ihn verspürt hatte, passiert war. An das Blue Bull’s erinnerte ich mich noch gut. Aber alles was danach kam… Jackdaw versprach voller Genuss meine Erinnerungen aufzufrischen. Es würde ihr eine Freude sein. Irgendetwas sagte mir jedoch, dass ich das lieber vermeiden sollte. Blinzelnd öffnete ich die Augen wieder und nahm Rhode endlich den Becher ab. Ich trank ihn in einem Zug aus und es wäre mir in diesem Moment egal gewesen was er mir gab, Hauptsache es war flüssig. Und wenn er das Wasser direkt aus der zugemauerten Fleet’s Ditch geschöpft hätte, ich hätte es getrunken.

Während ich den Becher absetzte und von dem Gefühl des abklingenden aber nicht gesättigten Durstes durchflossen wurde, redete Rhode weiter, ohne dass ich ihm wirklich folgen konnte. Alles was ich aufnahm waren die Worte Coster und Saloop. Kein Saloop, korrigierte Jackdaw, Otis bot mir trockene Teeblätter an. Doch, da war das Wort Saloop gewesen, da war ich mir ziemlich sicher. Nein, sagte Jackdaw, sicher nicht. Doch. Doch, es war da gewesen. Ich täuschte mich, fand Jackdaw. Nein. Doch, es sei denn natürlich ich würde sie von jetzt an Coins nennen. Oder Daw. Wie Otis es getan hatte. Irgendetwas das nach einem vernünftigen Namen klang. Rhode hatte sie Daw genannt? Was sollte das bitte für ein Name sein?! Und überhaupt, was interessierte es mich?! Vorher würde ich kein Saloop bekommen, behauptete Jackdaw. Da war also doch Saloop gewesen! Jackdaw krächzte beleidigt und flatterte von meinem Bein hinunter auf die Bettdecke. „Du willst Saloop holn gehn?“, hakte ich nur zur Sicherheit bei Rhode nach, ohne den Kopf zu ihm zu heben. Um den Mistkerl war es so verdammt hell als würde er neuerdings mit einem Heiligenschein durch die Welt laufen.

Das Thema schien den James erfolgreich abzulenken. Man konnte ihm förmlich beim. Denken zusehen, dabei wie sein Kopf mühsam nach Erinnerungen suchte. Nicht dass dieser Prozess für gewöhnlich besonders schnell war, aber aktuell schien selbst für Ardins Verhältnisse Flaute zu herrschen. Wenigstens nahm er mir das Wasser ab. Ich wandte mich wieder ab und goß mir selbst eine Tasse ein. Die Hälfte trank ich, dann nahm ich mir eine der billigen Zahnbürsten, die die Costers neuerdings massenhaft verkauften und putzte mir die Zähne. Das Wasser kippte ich in den Abguss. Mit der Hand fuhr ich mir über Kiefer und Kinn und entschied, dass ich noch einen weiteren Tag ohne Rasieren auskommen würde, also kämmte ich mir nur das Haar zurück. Nicht dass ich heute in Bedrängnis kommen sollte durch Mulligans Ordnungsstandards zu fallen, nicht bei der Konkurrenz, die noch immer in meinem Bett lag. Ich drehte mich um, als Ardin wieder sprach. Spöttisch schüttelte ich den Kopf. Der James dachte was genau?! Dass ich früh am Morgen durch die Gassen eilen und ihm das Frühstück besorgen würde, wie ein frischgebackener Constable?! Dass er in meinem Bett geschlafen hatte, stieg ihm scheinbar direkt wieder zu Kopf. Ich wusste doch zu gut, weshalb ich ihm in der Regel keinen kleinen Finger reichte. Ich hing zu sehr an meiner Hand.

''Du und ich werden auf dem Weg Saloop holen. Weil du deinen Arsch jetzt aus diesem Bett raus in die Leman Street schaffen wirst.'' Ich griff nach meinem Mantel den ich gestern einfach nachlässig über den Stuhl gelegt hatte. ''Los jetzt, steh auf'', versuchte ich es noch einmal mit einfachen Worten, wenn der James an diesem Morgen sonst schon nichts begriff. Ich ging bis zur Wohnungstür, öffnete sie und nickte knapp den Gang hinab. ''Klo ist da hinten'', ließ ich Ardin wissen, in der Annahme, dass er es wohl brauchen würde. Ich war denselben Weg irgendwann in den Morgenstunden gegangen und ich konnte darauf verzichten, dass Ardin mir am Ende noch die Wände anpisste ganz in Fortführung seiner nächtlichen Gepflogenheit.

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Leman Street. Die verdammte Leman Street. Rhode wollte zur Arbeit. Nicht nur Rhode, ließ mich Jackdaw wissen. Ich schloss die Augen und fühlte dem Anflug von Hass auf die Welt nach, der mich durchströmte und nur noch stärker wurde als Rhode seine Aufforderung noch einmal präzisierte. Nur weil der Bastard es mir sagte, würde ich ganz sicher nicht das Bett verlassen. Wäre es nicht verflucht nochmal sein Bett gewesen. Und würde Mulligan der Hornochse mich nicht rauswerfen, wenn ich nicht auftauchen würde. Beim Satan, was um alles in der Welt hatte mich geritten mich derart zu besaufen?! Das wüssten wir alle gerne, kommentierte Jackdaw meine Gedanken. Ich schlug grob nach der Dohle, was sie zwang fort von der Bettdecke zu flattern und hin zu Cyneburg, ihrem sicherlich liebsten Landeplatz. Dann erst hob sich mein ungnädiger Blick wieder hin zu Rhode, der jetzt auch noch die Tür zum Gang offen hielt. Herzlichen Glückwunsch. Damit hatte er mich. Hätte er nicht so verdammt Recht gehabt.

Ich konnte nicht sagen weshalb ich so derart wütend war. Nur weil er mich so herum kommandierte? Vielleicht weil ich mich ausnahmsweise nicht einmal wehren konnte, weil ich tatsächlich in der Schuld des vermaledeiten Bastards stand. Wie ich sowas hasste. Und ja, Jackdaw, so etwas merkte selbst ich. Wenn ich jetzt hier liegen blieb und Mulligan mich am Ende rauswarf, dann würde Rhode mir das ein Leben lang vorhalten. Selbst wenn es ihn doch so unendlich glücklich stimmen müsste, mich endgültig los zu sein. Aber das machte er nicht nur aus purer Selbstlosigkeit, da war ich mir sicher. Er machte ja doch alles immer und überall nur für seinen Jungen. Und wahrscheinlich waren es reine kühle finanzielle Überlegungen, die ihn mich hier hatten schlafen lassen und ihn dazu trieben mich jetzt zur Arbeit zu schleifen. „Du bist ein ekelerregend nerviger Bastard, weißdudas Rhode?!“, schimpfte ich und es war nichts als reine Rhetorik. Keine Antwort gefordert. Die war mir schon klar.

Also stemmte ich mich aus dem Bett hoch, zwang mich die Beine über die Kante zu schwingen und aufzustehen. Einmal in der Aufrechten musste ich dann aber doch innehalten um dem von Neuem auftauchenden Schwindel zu widerstehen und das versaute mir den ganzen guten Eindruck, es würde mir nichts ausmachen einfach aufzustehen. Verdammt und wie es mir etwas ausmachte! Ich schloss noch einmal für einen Moment die Augen, hielt mich am Bettpfosten fest. Erst als der Schwindel nachließ fuhr ich mir mit den Händen über die Augen und öffnete sie endlich wieder.

Zum ersten Mal glitt mein Blick einmal durch den Raum, der Rhodes Wohnung war. Mir nicht unbekannt, aber sicher nicht aus dieser Perspektive. Verflucht, jetzt in der Aufrechten fühlte ich auch umso mehr den Drang, von dem Mister Rhode so selbstverständlich wusste, dass er da war. Er musste es ja wissen. Haha. Er hatte ja auch schon Vorsprung. Sogar die Zähne geputzt hatte sich der Herr. Ich dagegen hätte mich kopfüber in einer Wasserpumpe ertränken können und hätte doch nicht besser ausgesehen. Ich zog mir also meine Stiefel dürftig über und wankte an Rhode vorbei, nicht ohne ihm einen finsteren Blick dabei zuzuwerfen.

Im Gang außerhalb von Rhodes Blick stützte ich mich mit der linken Hand doch wieder an der Wand ab. Jackdaw blieb glücklicherweise bei Cyneburg. Ich hätte ihr auch den Hals umgedreht wenn sie mir zum Bad gefolgt wäre, das Mistvieh. Es wäre nicht das erste Mal in dieser Nacht gewesen, dass sie mir dabei zugesehen hätte wie ich mir selbst den Schwanz hielt, ließ sie mich wissen. Wollte ich wissen was das bedeutete? Besser nicht. Sie ließ es mich dennoch wissen. Ich verzog nur das Gesicht und wankte in das Bad auf dem Stockwerk, von dem Rhode gesprochen haben musste.

Ich pisste nicht nur, ich kotzte mir auch direkt noch einmal die Seele aus dem Leib. Das ganze schöne Themsewasser direkt wieder weg gespült. Aber es fühlte sich ein wenig besser an hinterher. Und wenigstens dieses Mal konnte ich von dem Luxus von fließendem Wasser bei Rhode profitieren. Es kam direkt aus dem Hahn. Ein Gefühl das ich seit Covent Garden nur noch selten hatte. Ich öffnete also den Hahn, spülte mir den Mund aus und dann trank ich. Scheiß drauf woher das Wasser kam. Ich hatte Durst. Mehr wusste ich nicht. Ich wusch mir schließlich das Gesicht, wusch mir den Bart aus, nur zur Sicherheit. Legte mir mit etwas Wasser auch das Haar nach hinten, was es kraus und lockig werden ließ, aber besser als nichts. Ich würde Rhode nicht nach seinem Kamm fragen. So würden sie mich schon noch nehmen in der Leman Street. Hoffte ich.

In dieser Art die Lebensgeister wenn nicht geweckt, dann doch zumindest aus dem Tiefschlaf geholt, ging ich vorsichtig durch den Gang zurück zu Rhodes Wohnung. Immerhin musste ich mich nicht mehr an der Wand abstützen. Das war ein Fortschritt. Im Vorbeigehen hob ich den Blick zu Rhode. „Mein Hut irgendwo?“ Dann sah ich an ihm vorbei in den Raum. Ich würde nicht ohne meinen Hut gehen. Konnte ein Mann von Anstand doch nicht tun. Wenn er sich schon mit seiner Frau zerstritt und die Nacht durchsoff ohne heim zu kommen.

Meine Mundwinkel zuckten höher bei James‘ Worten. So war es doch schon wieder viel besser. Ordnung wieder hergestellt. Kein Wort davon, dass ich ihn durch halb Whitechapel geschleppt und in meinem Bett hatte schlafen lassen, alles schon wieder vergessen, noch während der James in eben jenem lag. So konnte ich das schon um einiges besser mit meinem Gewissen vereinbaren. Wenn dem James bei seinen Saufeskapaden behilflich zu sein bedeutete dem James dabei eins auszuwischen, dann konnte ich die Sache nach Herzenslust auskosten. Ob mir bewusst war, was ich war? Ich lächelte salbungsvoll. Und wie ich das wusste. „Vollkommen“, erwiderte ich voll Süffisanz und beobachtete Ardins dürftige Versuche in eine aufrechte Haltung zu finden. Ich zog noch einmal die Uhr aus der Tasche. Wenn das in der Geschwindigkeit weiterging, konnten wir vielleicht gerade noch rechtzeitig zur Nachtschicht ankommen. Vielleicht sollte ich Ardin einfach hier lassen. Einen Jungen schicken, der in der Leman Street Meldung machte, dass der James sich eine fiese, ansteckende Krankheit zugezogen hatte und deshalb nicht zur Arbeit erscheinen konnte. Aber vermutlich würden sie dann direkt alle Cholera schreien und das ganze Viertel in Panik versetzen. Die letzten zwei Jahre waren die schlimmsten gewesen, so sagte man, doppelt so viele wie '32 hätte es erwischt. Aber vermutlich sagten sie das von jedem neuen Ausbruch. Die Leute waren auf der Hut, jetzt da es gerade wieder ein wenig besser ging. Da brauchte es keine Gerüchte über einen kranken DI. Krankheit war niemals gut. Besser sie warfen den James hinaus, als dass sie ihn auch nur für einen Tag für zu krank hielten zu arbeiten. Aber der Gregor sollte mich noch ein paar Jahre früher holen, wenn ich das nicht zu verhindern wusste.

Ich steckte die Uhr wieder ein. Der James wankte an mir vorbei. Na, was war das denn? Wir standen wieder auf eigenen Beinen. Gratulation. Spöttisch sah ich Ardin einen Moment hinterher, wie er durch den Gang schlurfte, dann trat ich zurück in meine Wohnung. Mein Blick blieb an der Dohle und Cyneburg hängen. Das Federvieh schnäbelte gerade zärtlich bemüht an einer Stelle hinter Cyneburgs Löffeln herum, die, wie der Köter mich wissen ließ, fürchterlich juckte und ich würde ihr ja nie den Gefallen tun dort mal zu kratzen. Abfällig wandte ich den Blick ab, konnte ja keiner mit ansehen so viel Zuneigung. Ich zog meinen Mantel an, griff nach meinem Hut. Dann sah ich einen Moment über den Raum hinweg, das Bett ließ ich wie es war, das würde ich heute Abend ohnehin neu beziehen müssen. Allein Ardins Hut klaubte ich vom Boden auf und wartete schließlich wieder an der Wohnungstüre, dass der große Held zurück kam und mich in die Leman Street geleitete. Herr in der Hölle, das mir das noch einmal wiederfahren musste.

Wortlos reichte ich Ardin den Hut, als er mich so galant darum ‚bat‘ und verschloss die Wohnungstür hinter mir, bevor ich den Weg voraus aus dem schäbigen Mietshaus wählte. Zu den nächsten Costers mit einem Frühstückskarren und dann in die Leman Street, nahm ich mir vor. Die Dohle und Cyneburg trabten uns wie üblich voran.

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Rhode reichte mir wortlos meinen Hut und damit war ich zufrieden. Ich nahm ihn entgegen ohne Rhode anzusehen, zog die Nase hoch und setzte ihn auf. Also gut, wenn es dann aufs Schafott gehen sollte, war ich jetzt wenigstens angemessen gekleidet.

Rhode schloss die Tür und der sichere Zufluchtsort war auf immer verschlossen. Blieb nur noch der Weg die Treppe hinunter. Herausforderung Nummer eins. Aber ich ging hinter Rhode. Dann sah er es vielleicht nicht wenn ich mich an der Wand abstützte. Jackdaw behauptete das Gegenteil, aber die sollte sich mal schön auf Cyneburgs Ohren konzentrieren und mich in Ruhe lassen.

Draußen angekommen war das Licht noch so viel heller als in Rhodes Wohnung. Es war gedämpft durch den üblichen Nebel über der Stadt, aber darin brachen sich die Sonnenstrahlen noch so viel weiter dass es schien als schienen die Straßen selbst zu leuchten. Wer zum Teufel hatte das gute Wetter bestellt?! Ich kniff die Augen zusammen und senkte den Kopf um sie mit der Krempe meines Hutes zu beschatten. Es half ein wenig. Aber ich sah dennoch düster auf die Straße um uns herum während wir uns in Bewegung setzten. Ich fühlte mich lange nicht so sicher auf den Beinen wie ich es gerne gewesen wäre. Jeder Schritt fühlte sich an als würde ich auf meinem eigenen Schädel herumtrampeln und bald kamen die Schläge beinahe im selben Takt. Ich bemühte mich darum hinter Rhode zu bleiben und nicht zur Seite zu kippen. „Ein Gutes hat es, Rhode.“, stellte ich brummend gegen den Schmerz fest ohne aufzusehen – den Blick von der schmutzigen Erde unter meinen Stiefeln zu heben wäre mein Tod gewesen. „Du hattest Recht mit dem Gin. Hab geschlafen.“ Das war die eine Seite der Medaille. Ich ging noch zwei Schritte, dann fügte ich hinzu: „Hättst mir das ruhig noch n‘bisschen gönn‘n könn‘n.“, und spuckte auf den Boden neben meinen konzentriert voranschreitenden Stiefeln, die unter mir dahin gingen als gehörten sie nicht zu mir.

Ardin hatte also tatsächlich geschlafen.

Und scheinbar ohne Alpträume. Ich spürte eine merkwürdige Veränderung in meinen Zügen und registrierte erst im nächsten Moment, dass ich lächelte. Mitten hinein in den sonnenbeschienenen Morgen, die dreckigen, neblig-verqualmten Straßen vor mir. Ich war froh, dass Ardin das nicht zu sehen bekam. Aber ja, es war ein Lächeln. Freudlos, hohl, aber ein Lächeln. Wenn ich eines gelernt hatte in den Wochen nach Judiths Tod, dann wie man traumlos schlafen konnte, wie man die eigenen Gedanken restlos abtötete, um dem Körper für ein paar Stunden Ruhe zu verschaffen vor einem Geist, der einem anderenfalls den Verstand oder das Leben gekostet hätte. Ich weiß, was Ardin mir alles vorgeworfen hatte in der Zeit damals. Aber im Grunde genommen, ganz im Grunde genommen, war es mir nie um etwas anderes gegangen.

Zu schlafen. Den nächsten Tag zu erleben. Irgendwie.

Ich hätt’s ihm noch länger gönnen können. Ich nickte. Was Ardin auch nicht sehen konnte, wie Cyneburg mich informierte, während sie von irgendeiner Stelle hinter uns, an der sie sich der Gregor weiß warum aufgehalten hatte, wieder vorantrabte. Gut so. Ich wollte gar nicht, dass er es sah. Weil es stimmte. Ich hätt’s ihm gegönnt noch ein bisschen länger zu schlafen. Wenn schon wenig anderes auf dieser Welt, aber das hätt‘ ich ihm restlos gegönnt.

Aber es war egal, was ich dem James gegönnt hätte, das interessierte Gott oder den Gregor oder wer auch immer in dieser vermaledeiten Stadt sonst die Fäden zog einen Scheiß. Jetzt ging es darum den James wach zu bekommen. Immerhin wach genug, um in der Leman Street gesehen zu werden, wenn er schon besser nicht Mulligan unter die Augen kam, nicht einmal mit dem besten Saloop der Costers intus. Und selbstverständlich, kaum waren wir in der Division angekommen, hatte man uns direkt zu Mulligan ins Büro geschickt. Ich hatte dafür gesorgt, dass Ardin in unserer Abstellkammer blieb und hatte unserem geschätzten Superintendant einen Besuch abgestattet. Jetzt wanderte Mulligans Blick abschätzig musternd über meine Züge. Ich konnte mir denken, was ihm auf der Zunge lag. Ich wusste ich sah beschissen aus nach der schlaflosen Nacht. Ich war keine zwanzig mehr, so etwas ging nicht länger spurlos an mir vorbei. Aber Herr in der Hölle Ardin war seit er hier arbeitete nicht einen Tag ohne Augenringe erschienen, doch vermutlich dachten die Leute sich bei ihm schon nichts mehr dabei. „Wo ist James?“, raunzte Mulligan unvermittelt, aber ich war auch auf die Frage gefasst gewesen. „Schreibt eben noch den Bericht zum Golden Horse um, Sie hatten ja noch einige Anmerkung, also...“ Ich ließ den Satz ins Leere verlaufen, als sich Mulligans Nasenflügel bedenklich aufblähten. „Sir“, fügte ich salbungsvoll hinzu. Unter anderen Umständen hätte ich das Thema nicht aufgebracht oder deutlich subtiler behandelt, aber in diesem Fall war es mein Ausweg dafür, dass Mulligan nichts weiter über Ardins Abwesenheit wissen wollte. Immerhin hätte er sich in diesem Fall unnötig damit auseinandersetzen müssen, dass er Berichte frisierte - wer wollte das schon? „Soll er später mit weiter machen“, murrte Mulligan stattdessen. „Ich will ihn am Hafen, diese verdammten Gewerkschaften machen schon wieder Ärger. Und Rhode, Sie sprechen mir mit Friedkin und erklären ihm was an der Whitechapel Road passiert ist, damit er es seinen Wählern erklären kann.“

Immerhin wusste ich jetzt weshalb Mulligan mich derart gemustert hatte, der Teufel bewahre dass ihm einer schlechten Eindruck bei der Stadtverwaltung machte. Ich fragte mich ja, weshalb diese Division einen Superintendant hatte. Selbstzufrieden ergänzte Mulligan als hätte er meine Gedanken gelesen: „Friedkin hat nach jemanden verlangt, der persönlich beteiligt war an der Sache.“ Und das schien Mulligan sichtlich zu erleichtern. Herzlichen Dank auch. Aber wer würde dem Superintendant schon Feigheit vor dem Feind vorwerfen. Ich war sicher nicht so dumm. Das würde ich Ardin überlassen sobald er wieder unter den Lebenden weilte. Mit einem knappen Nicken wollte ich das Büro verlassen. „Ach, und Rhode“, kam es von Mulligan als ich schon halb an der Tür war, ich drehte knapp den Kopf in seine Richtung. „Ich war damals nachsichtig wegen Ihrer Frau, das wissen Sie, aber wenn Sie wieder anfangen mehr zu Saufen als Sie vertragen...“ Ich schnaubte rau auf, es vermischte sich mit Cyneburgs dunklem Grollen. Das dachte Mulligan hätte ich die vergangene Nacht getan?! Na, wenn es je wieder dazu kam... „Dann sind Sie der Erste, der die frohe Kunde vernehmen wird, Superintendant“, versprach ich ihm in triefendem Sarkasmus und ließ die Tür hinter Cyneburg und mir grob zurück ins Schloss fallen. Sollte Mulligan doch selbst der beschissenen Verwaltung Rede und Antwort stehen, wenn er sich so sehr um den Ruf seiner verkommenen Division sorgte. Für einen Moment hielt ich beim Desk Sergeant inne, verschaffte mir einen Überblick über die Diensthabenden und machte dann die Eintragungen.

Ich wählte einen Sergeant, der nicht viel schwatzte und ein paar kräftige Constables. Mehr brauchte es ohnehin nicht, um an den Docks für Ruhe zu sorgen, die Arbeit eines Inspectors war da vergebliche Mühe. Ich sagte dem Sergeant, dass DI James sich noch um eine andere Sache zu kümmern hatte und er bis dahin die Leitung inne hätte. Vielleicht würde DI James später hinzukommen, um seine Arbeit zu überwachen - oder er würde nicht hinzu kommen. Eine Chance sich zu beweisen, dazu sagte niemand nein und da stellte niemand viele Fragen. Der Sergeant und die Constables waren bereits auf der Straße, als ich zurück in die Abstellkammer ging. „Komm schon“, brummte ich an James gewandt, „Ich muss zum Friedkin und du pennst am besten noch eine Runde bei den Costers, bis Mittag solltest du wieder nüchtern sein, Mulligan hat schon Sehnsucht.“

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Rhode hatte gesagt ich sollte in der Kammer bleiben. Die Kammer. Die Bürokammer. Als er schon lange weg war, fragte ich mich noch warum ich auf ihn hörte, aber Jackdaw servierte mir die Antwort auf dem Silbertablett während sie wie gewohnt vor dem kleinen Fenster saß und dagegen protestierte, dass sie nie mit hinein durfte. Ich verdrehte nur die Augen darüber, ließ mich zurück in den Stuhl des leeren Büros fallen und stöhnte direkt auf weil die Bewegung meinen Schädel von neuem fast zum explodieren brachte. Ich ließ mich die Lehne hinunter sinken und schloss die Augen. Das wäre der ultimative Beweis, dass ich es keine fünf Minuten in der Nähe von Mulligan aushalten würde. Dieser vermaledeite Dohle. Wenn die nur einmal den Schnabel gehalten hätte, wären meine Kopfschmerzen sicher nur halb so schlimm.

Ich richtete mich seufzend wieder im Stuhl auf, schob mich an den Tisch heran und öffnete die Augen weit um sie irgendwie unter Kontrolle zu kriegen. Dann zog ich mir einen Bogen Papier heran und tauchte die Schreibfeder in die Tinte, um irgendwie beschäftigt zu wirken, sollte sich einer der Constables in den Raum verirren weil er eine Wette verloren hatte oder mochte Satan wissen was sie sonst immer alle bei uns suchten. Aber die Buchstaben des vorgedruckten Formulars verschwommen vor meinen Augen. Und so begann ich nur wahllos irgendwelche Striche auf dem Papier zu zeichnen. Immerhin hielt mich das für den Moment bei Verstand. Schenkte sogar regelrecht Ruhe.

Es gefiel mir nicht, alleine im Büro zurück zu bleiben wie der verwundete Hund, den niemand sehen durfte. Und noch mehr hasste ich, dass es das Beste war und ich nicht einmal etwas dagegen sagen konnte. Rhode schützte mich, wie ich ihn einmal im Jahr schützte. Ich hätte mich freuen können, fand Jackdaw. Stattdessen hatte ich das üble Gefühl, dadurch nur noch mehr in Rhodes Schuld zu stehen und es gab nichts das ich mehr hasste. Wenn der einmal im Jahr soff, dann hatte der wenigstens einen Grund. Den hatte ich zwar auch, aber irgendwie fand ich, dass der dann doch wieder nicht dafür reichte, mich in Rhodes Schuld zu begeben. Na also, meinte Jackdaw, da kam auch mal jemand zur Vernunft. Dieses Federvieh. Ich würde es bald einmal wieder umbringen müssen, damit es sich daran erinnerte, mich in Frieden zu lassen.

Als sich die Tür zum Büro wieder öffnete hatte ich einen sauberen Hangman gezeichnet. Inklusive Maserung auf dem Holzbalken. Träge hob ich den Blick, aber ich erkannte die Schritte bevor ich das Brummen hörte. Komm schon. Kommen. Wohin? Fragend hob ich den Blick. Jetzt doch zu Mulligan, hatte er mich sauber verpfiffen oder wie? „Ich muss zum Friedkin und du pennst am besten noch eine Runde bei den Costers, bis Mittag solltest du wieder nüchtern sein, Mulligan hat schon Sehnsucht.“ Fast enttäuscht senkte ich den Blick zurück auf den Hangman auf meinem Formular. Betrachtete ihn einen Moment. „Hm.“, brummte ich knapp zurück. Dann atmete ich tief durch, legte die Feder weg, stand auf und setzte mit einer langsamen Bewegung meinen Hut wieder auf. Stehen ging immerhin wieder mit der Ladung Saloop intus. Auch wenn es die Kopfschmerzen nicht besser gemacht hatte, immerhin war mein Gleichgewichtssinn ein wenig stabiler als noch zuvor. Das mit der Sehnsucht konnte ich mir bei Mulligan sogar vorstellen. „Mulligan is ein astreiner Masochist.“, stellte ich fest, zog meinen Mantel über und wankte dann zu Rhode hinüber. „Was willn der Friedkin?“ Wenn es unseren sauberen Herrn „Ich bin Whitechapel und zwar nur die Hochglanzseite“ interessierte, dann lagen die Dinge für gewöhnlich im Bereich der lästigen Nebenaufgaben. Ich hatte wenig übrig für den Mann solange er nicht gerade meine Rechnungen bezahlte. Und das ließ ich ihn nur zu gerne wissen. Eine Tatsache über die Mulligan regelmäßig der Arsch auf Grundeis ging. Was mich wiederum nicht weiter kümmerte. Fast empfand ich es als schade, dass ich nicht mit Rhode kommen und einmal wieder meine Meinung äußern sollte. Hätte Spaß bringen können… Aber vermutlich war schlafen das vernünftigste. Nur ausgerechnet bei den Costern. Dann wusste Margory es sofort. „Du willst mich abladn?“, hakte ich nun doch nach, nur um noch einmal sicher zu gehen…

Einen Moment betrachtete ich misstrauisch das Bild, das sich mir bot. Ardin an seinem Tisch, die Feder über ein Blatt Papier gesenkt. Nüchtern hätte der nie so viel Diensteifer am frühen Morgen bewiesen. Wenn es um’s Schreiben ging schon gar nicht. Im nächsten Moment entdeckte ich die schuljungenhafte Zeichnung auf dem offiziellen, mit den Zeichen der Division geprägtem Papier. Meine Mundwinkel zuckten unfreiwillig zu einem spöttisch amüsierten Grinsen höher. Das fasste doch alles zusammen, was man über den Vorfall beim Golden Horse wissen musste. Und eine Empfehlung für sich, was man mit der ganzen irischen Bande um die O'Connels anstellen sollte. Mulligan hätte sich glücklich schätzen können solch detailgetreuen Bericht vorgelegt zu bekommen und vielleicht hätte ich das gute Stück auch zur visuellen Untermalung für den Friedkin mitnehmen sollen. Aber der ließ es sich in seinem Amt ja ganz prächtig von den Iren besorgen, es wäre also möglich, dass ich den Humor des Mannes nicht unbedingt damit treffen würde. Wenn der über derartiges überhaupt verfügte. Meine Züge waren längst wieder zu stumpfer Ausdruckslosigkeit verkommen, als Ardin auf die Beine fand und zu mir hinüber schlurfte. Ich schnaubte über Ardins Einschätzung Mulligan bezüglich. Kaum darauf die Frage, was der Friedkin wollte. Ich kratzte mir über das Kinn, wandte mich schon der Tür zu, war schließlich fast langweilig, wenn Ardin mir das Vergnügen tat so ungeniert nach Informationen zu betteln. Und noch langweiliger war es, das nicht einmal gebührend auskosten zu können, weil Ardin noch so blau war, dass er ohnehin kaum was merkte. „Scheinbar noch wegen der Sache mit dem Golden Horse, meint Mulligan zumindest.“ Ich schnaubte abfällig. „Wenn die stinkende Themse schon die Gäste unserer schönen Stadt vergrault, muss doch wenigstens die einzig wahre Whitechapel Road sauber bleiben, du weißt schon…“

Ich war gerade dabei die Türe des Büros zu öffnen, als unvermittelt die nächste Frage von Ardin kam. „Du willst mich abladn?“ Jetzt drehte ich mich doch noch einmal zu dem James um, abrupt fast, sah ihn wachsam an. Verloren wie ein Kind klang Ardin, verloren sah er aus, wie er eben noch dort zusammengesunken auf seiner Kiste gehockt und auf dem Papier herumgekritzelt hatte. Ich zog die Mundwinkel tiefer, verengte die Augen eine Spur. Hatte der James das nicht vorhin auf der Straße noch wollen? Weiterschlafen? Und jetzt warf er es mir vor wenn ich eben dafür sorgte?! Der wurde bald launenhafter als ein Weib auf seine alten Tage. Und wenn ich eines aus fünfzehn Jahren Ehe wusste, dann dass ich auf so eine Frage nur falsch antworten konnte. Nahm ich Rücksicht war ich am Arsch, nahm ich keine erst recht. Ob ich ihn abladen wollte… Darum ging es doch gar nicht. Ich stieß ungeduldig die Luft aus den Lungen. „Bei Satans Eiern, James, schlaf einfach deinen Rausch aus“, knurrte ich ungehalten. „Tu’s wo du willst. Bei den Costers, bei mir“, fügte ich eine Spur sachter hinzu und dann leise, aber eindringlich: „Aber lass dich nicht so sehen, das vergessen sie dir nämlich nicht.“ Cyneburg gratulierte mir für die Preisgabe solch wertvoller Erfahrungswerte, aber es war mir egal für diesen Moment. Ich betrieb den ganzen Aufwand schließlich nicht dafür, dass der James sich am Ende doch den ganzen Ruf den Fleet Ditch hinunterspülte. Nicht während ich an dieser Aufgabe in all den Jahren gescheitert war, nein, wenn hier einer Anrecht darauf hatte dem James den Namen in Veruf zu bringen, dann war das ja wohl ich. Und heute war nicht der Tag dafür. Herr in der Hölle, selbst besoffen konnte das doch nicht so schwer zu begreifen sein. Und ich musste es schließlich wissen, fand Cyneburg.

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