Charaktere
Ardin James » Otis Rhode
Datum & Ort
20.09.1850, Leman Street
Society of Don't stop breathing Rudeness
Der Rhode hatte gute Laune als er schließlich ins Büro kam. Woran ich das erkannte? Er legte mir das Geld für den Monat auf den Tisch. Sauber und ordentlich. Zufrieden beobachtete ich Rhodes Finger, wie sie den vereinbarten Betrag dort auf dem Holz ablegten und beobachtete weiterhin wie sich Rhode dann auf seiner Seite des Raumes auf seinem Stuhl niederließ. Und wie er sich die Lehne hinunter sinken ließ. Und wie er mich ansah. Jeden Moment würde er fragen. Jeden Moment.

Und… da war sie. Die Frage. Nicht direkt so wie ich sie mir vorgestellt hatte, aber die Richtung genügte. Ich grinste direkt noch ein Stück breiter. „Ein schönes Bild, sicherlich eines meiner größten Ziele im Leben, aber nein.“, erklärte ich und endete regelrecht salbungsvoll. Und weil es so schön war schwieg ich und lächelte noch einen Moment so vor mich hin um die Spannung künstlich ein wenig zu erhöhen, bis ich beschloss, Rhode die Lösung des Rätsels zu geben. „Ich habe Mulligan jeden Bericht seit Anfang der Woche geliefert. In einer Handschrift, die er sogar lesen kann ohne wieder unnötig herum zu zetern, und das ganz ohne Aufpreis. Pure freigiebige Großzügigkeit.“, erklärte ich großmütig und schob dabei genüsslich ein wenig meinen Stuhl erst wenige Zoll nach links, dann nach rechts, wieder nach links, wieder nach rechts… „Und geschrieben hat sie ein gewisser Constable Collins.“ Ein Name, der Rhode sicherlich unbekannt war. „Dein vielgepriesener Bibelkreis-Bub.“ Ich lächelte zufrieden über die Auflösung. „Und der Junge mit der schönen Handschrift hat jetzt eine Heidenangst, weil ich ihm gesagt habe, dass ich ihn für sein Lebtag in seinen Träumen verfolgen werde wenn er seine Arbeit nicht sauber macht.“ Ich hätte kaum breiter und zufriedener lächeln können. Kurz schloss ich die Augen über so viel Zufriedenheit. „Der Versuchsaufbau ist vorbereitet.“ Ich streckte die Arme aus, bevor ich sie hinter dem Kopf verschränkte und mich im Stuhl tiefer sinken ließ. „Und wenn es klappt, was ich mir überlegt habe, dann werde ich dem Jungen die Träume zur Hölle machen.“ Ich schloss die Augen und lächelte glücklich vor mich hin als sei all das ganz und allein meine Idee gewesen. Und selbst wenn dem nicht so war: die Idee haben konnte Rhode lange, aber diese geniale Umsetzung hätte er nie und nimmer zustande gebracht, davon war ich überzeugt.

„Ein schönes Bild, sicherlich eines meiner größten Ziele im Leben, aber nein.“ – Na, immerhin das war dem James in meiner Abwesenheit noch nicht gelungen. Lächelnd sah der mir entgegen und ich begegnete seinem Blick ungerührt. Er würde es mir erzählen. Das lag in Ardins Züge geschrieben so klar wie ein offenes Buch. Er konnte es gar nicht sehr viel länger für sich behalten, er wäre geplatzt, hätte er es auch nur versucht, dessen war ich mir gewiss. Und deswegen tat ich ihm ganz sicher nicht die Freude eine weitere Frage zu stellen. Ich wartete ab, denn ich hatte Zeit.

Und ich behielt recht, nur allzu eilig hatte der James es damit mir von seiner Nachmittagsbeschäftigung zu berichten. Selbst als er mir das Rätsel seiner Bericht-schreibe- Aktion aufgab, hatte er es bereits aufgelöst, bevor ich auch nur in die Bedrängnis gekommen wäre einen Gedanken an dessen Lösung zu verschwenden. Ich hatte den Ellbogen inzwischen auf der Stuhllehne abgelegt, mich ein Stück dem James zugewandt dabei, spöttisch lächelnd. Er hatte es geschafft den verschreckten Bibelkreis-Bub dazu zu bringen seine Berichte zu schreiben? Na, herzlichen Glückwunsch. Der hätte ihm auch die Zellen mit einer Zahnbürste gereinigt, wenn er die Stimme erhoben hätte. Nur, dass das nicht der Punkt war… Ich verengte ein wenig die Augen. Nein, der Punkt in Ardins ausschweifender Erzählung war ein anderer. Cyneburg erinnerte mich an das, was wir, was ich dem James heute Mittag vorgeschlagen hatte. Unwirsch schob ich ihre Gedanken bei Seite. So viel hatte ich dann auch wieder nicht getrunken mich daran nicht zu erinnern. Aber dass der James es tun würde, dass der auch nur ein einziges Mal in seinem Leben tat, was man ihm sagte. Ich stieß verwundert die Luft aus und starrte den James wie vom Donner gerührt an. Der hatte tatsächlich getan, was ich ihm gesagt hatte. Herr der Hölle steh mir bei. Und dabei hatte sich Ardin nicht halb so dämlich angestellt, wie ich erwartet hätte. Ich zog die Mundwinkel tiefer. Gerade herablassend genug, dass es nicht als Anerkennung durchgehen konnte, dann schüttelte ich den Kopf. Spöttisch schnaubte ich in die entstandene Stille hinein, während Ardin sich mit geschlossenen Augen im eigenen Glanze sonnte. „Na, dann hoffe ich – für dich hoffe ich das – dass der Bibelkreis-Bub kein düsteres Geheimnis hütet.“ Ich lachte abfällig auf. „Du weißt doch, die kleinen Stillen sind unberechenbar.“ Genüsslich grinste ich bei dieser Vorstellung.

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Ich löste die Verschränkung meiner Hände hinter dem Schädel um sie wieder nach vorne zu nehmen, nahm die Stiefel von der Getränkekiste und öffnete die Augen um Otis wütend anzufunkeln. “Das hättest du wohl gerne. Wer hat denn behauptet, der Junge wäre die Unschuld vom Lande?! Würde dir gut reinpassen mich so ins Messer laufen zu lassen, hm?!“ Aber ich kühlte mich bereits wieder ab, legte die Stiefel zurück auf die Kiste und hob die Arme erneut um die Hände hinter dem Schädel zu verschränken, obwohl da noch immer der beleidigte Ausdruck auf meinem Gesicht war. Und beleidigt war ich. Wenn auch nicht so zutiefst gekränkt wie ich es Rhode gerne glauben machen wollte. War immerhin zu erwarten gewesen, dass Rhode der letzte sein würde, der mir anerkennend den Staub von der Schulter klopfen würde. Aber vielleicht hatte ich es nach seinem Vorschlag heute mittag gehofft. Vielleicht nur ein ganz kleines bisschen. “Vielleicht sollte ich dich zwingen, den Jungen vorher anzufassen, dann hätten wir Gewissheit und du hättest auch etwas von deinen stillen Wassern. Wäre nur ausgleichende Gerechtigkeit.“, brummte ich missgelaunt und schloss die Augen von Neuem als wollte ich auf diesem Stuhl ein Nickerchen machen, von dem ich Rhode kategorisch ausschloss. Sollte der doch nach Hause gehen und seine freundlichen Träume träumen, die wenigstens ihm gehörten. Ich hatte Probleme. Und ich würde sie auch lösen. So einfach war das. Sollte Rhode doch zur Hölle fahren. Dem Gregor schon einmal guten Tag sagen.

Einen Moment sah ich Ardin entgegen, mein Grinsen verblasste und ich zog stattdessen die Brauen hoch. Bei Satan, dem Allmächtigen, waren wir heute mal wieder reizbar. Vielleicht tat dem James das schlafen gar nicht mehr so gut. Aber bedachte man die Träume des Coster-Harolds mochte Ardin beinahe mein Verständnis haben, wer mochte schon soetwas mit ansehen müssen? Ich ließ den Ellbogen von der Stuhllehne gleiten und wandte mich wieder meinem Tisch zu. Ich hatte keine Lust mich mit dem James darüber zu zanken, was ich behauptet hatte und was nicht und was mir gut reinpassen würde und was nicht. Sollt' er's doch glauben, selbst wenn der James seinen Stellenwert bei der Herstellung meines Seelenfriedens mal wieder chronisch überschätzte. So viel innere Erfüllung schöpfte ich dann auch mal wieder nicht aus der Vorstellung, dass sich der James des Nachts in Alpträumen wälzte. ''Sagen wir's so, wenn der Junge mehr Sorgen hat als sich beim Sonntagsgebet zu verhaspeln wär's mir eine ehrliche Freude davon zu erfahren'', erwiderte ich gleichmütig. Sowas konnte einem ein Ratschlag des alten Otis doch schon einmal wert sein, oder? Ich wusste den Burschen noch nicht einzuschätzen und das missfiel wir - weshalb es mir gewissermaßen tatsächlich ganz gut passte, wenn der James den jungen Constable in den Träumen verfolgte. Auch wenn es Ardin ähnlich sehen würde, mir gerade weil ich mich dafür interessiert kein Wort über die Träume des Bibelkreis-Bubs wissen zu lassen. Aber wie ich den James kannte, würd' er's am Ende ja dann doch nicht für sich behalten können, welche Abgründe der Constable bereit hielt.

Doch damit war es noch nicht genug. Ich hatte gerade eines der vorgedruckten Formulare vom Stapel genommen, vor mir abgelegt und nach der Feder gegriffen, als der James fortfuhr. Das schmale Stück Holz war mit einem Mal glatter denn je, rutschte mir zwischen den Fingern davon, kam unglücklich auf der Tischkante auf und ging zu Boden. Ich fluchte über Ardins letzte Worte - irgendetwas davon, dass es, warum auch immer, eine ausgleichende Gerechtigkeit wäre - hinweg, während ich unter den Tisch tauchen und nach der Feder suchen musste. Cyneburg wollte mir behilflich sein, aber ich schubste sie nur grob bei Seite. Ich fand das dumme Ding auch so, aber natürlich war der metallene Federkiel abgebrochen. Wieder aufrecht am Tisch sitzend, zog ich das scharfkantige Bruchstück aus der Fassung um es mit einem neuen Kiel zu ersetzen. ''Ich wüsste ja nicht, wie du mich zwingen wollen würdest'', spottete ich, ganz auf meine Arbeit fixiert, hochmütig - und sorgsam entfernt vom eigentlichen Thema, wie Cyneburg feixend hinzufügte.

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Da war es wieder. Rhode wollte mich ja doch nur missbrauchen um mehr über seine kleine Unschuld vom Lande namens Collins zu erfahren. Hätte ich gleich wissen können, dass es nicht von ungefähr kam wenn der Rhode sich darauf einließ, mir Ratschläge zu geben. Da hätte ich den Braten schon riechen können. Was hatte ich auch erwartet, dass er ernsthaft an dem Gedanken interessiert war, auch nur irgendetwas zu verbessern? Was hatte er auch davon?! Dass er das Thema neulich Abend wieder angeschnitten hatte, war mit Sicherheit nichts als ein dummer Köder gewesen und ich war auch noch darauf herein gefallen. Aber das konnte der haben, mehr über seinen Constable Collins zu erfahren. Er musste ihn dazu nur berühren.

Wie ich ihn zwingen wollte. Ich schloss die Augen, mich von der Bemerkung nicht in der Wiedereinnahme meiner entspannten Feierabendhaltung unterbrechen lassend, und schnaubte nur abfällig. “Das wirst du dann schon sehen.“, erklärte ich nur und es war eine halbherzige Abwehr. Vielleicht war ich ein klein wenig enttäuscht, ja. Und vielleicht hatte ich deswegen keine Lust, das Thema weiter auszuführen. Tatsächlich hatte ich mit einem Mal keine Lust mehr, mich zum ersten Mal seit sehr langer Zeit aufs Schlafengehen zu freuen. Und ich ertappte mich sogar bei dem Gedanken, es diese Nacht einfach bleiben zu lassen. Leisten konnte ich es mir nachdem ich die letzten zwei Nächte schlafend überstanden hatte. Ausgeruht genug war ich. Es wäre ein leichtes die eine Nacht durchzuwachen.

Aber dann hätte Otis gewonnen, oder?

Ich zuckte kurz und senkte die Arme, während ich die Augen öffnete, als hätte es mich fast vom Stuhl gehauen als dass die Dohle in meine Gedanken eingedrungen war. Da konnte ich mal sehen, bemerkte sie. Ich wurde nachlässig, rieb sie mir unter die Nase. Offensichtlich. So wenig wie ich bemerkt hatte, dass ich sie zurück in meine Gedanken gelassen hatte. Sie holte auf was sie verpasst hatte indem sie meine Erinnerungen der letzten Stunden durchging. Ich hasste es wenn sie das machte. Aber wenn sie schon einmal hier war… “Die sollten die verdammten Stühle austauschen.“, knurrte ich ungehalten um den Schreck zu überspielen und meinem Zucken Rhode gegenüber eine andere Bedeutung zu geben als die, dass ich von meiner eigenen Vertrauten überrumpelt worden war. Meisterin der Täuschung nannte sie sich stolz. Ich hatte schon keine Lust mehr, dorthin zurück zu kehren wo sie mich unterbrochen hatte, nahm die Stiefel von der Kiste und drehte mich zu meinem Schreibtisch hin, finsteren Blickes nach etwas suchend, womit ich mich ablenken konnte. Denn vor Rhode zu gehen kam nicht in Frage, auch wenn mir mittlerweile danach gewesen wäre.

Er hat dir ein Kompliment gemacht, erklärte Jackdaw, unruhig auf dem Fenstersims umher hüpfend wo sie vorhin noch den Kopf unter den Flügel gesteckt hatte. Mit Blick auf meine Unterlagen zog ich unwillig die Brauen zusammen. Was für ein Kompliment sollte das denn bitte gewesen sein? Jackdaw sah Gespenster. Coins, beharrte sie. Oder Daw. Sie wollte, dass ich sie bei einem Namen nannte, dann würde sie es mir verraten. Das konnte sie vergessen, auf solche Spielchen ließ ich mich nicht ein. Aber sie wedelte mit diesem Gedanken vor mir herum. Unablässig und ließ mir keine Ruhe, bis mir der Kragen platzte. Stur öffnete ich einen Bericht und tat als würde ich ihn lesen. Gut, Daw, Coins, was auch immer, rück raus. Sie wollte, dass ich mich entschied. Und dass ich es liebevoller dachte. Was zur…?! War das Vieh sicher, dass es aus der Hölle stammte?! Wenn ich das so hörte fragte ich mich ernsthaft ob sie da unten nicht munter Zuckerwatte unter den Dämonen verteilten. Also gut, Coins, edelste aller Dohlen. Jetzt übertrieb ich, fand sie. Beim Gregor noch eins, Dohle!!! Schön, schön, schön, meinte sie und zeigte mir den Moment noch einmal in dem Rhode vor sich hin gegrinst hatte, bei der Bemerkung der Junge solltebesser keine dunklen Geheimnisse haben. Das war doch kein Kompliment gewesen?! Doch, beharrte Jackdaw. Die Dohle hatte einen Sprung in der Schüssel. Das war ein hämisches, schadenfrohes Grinsen gewesen. Nein, fand sie. Das wäre der Glanz der ununterdrückbaren Anerkennung gewesen. Ich zog die Brauen noch weiter zusammen. Sie wusste aber, von wem wir hier redeten?! Otis Rhode? DEM Otis Rhode? Damit konnte ich Jackdaw nerven. Aber sie beharrte darauf. Ein wenig ruckte ich nun doch den Kopf vage in Rhodes Richtung. “Wie hast du das gemeint, der Junge sollte keine dunklen Geheimnisse haben? Du hast gegrinst dabei wie ein Honigkuchenpferd. Was hatte das Grinsen zu bedeuten?“, hakte ich herrisch nach und hob jetzt doch den Blick um Rhode damit eindringlich festzunageln. Jackdaw hielt das für einen zwecklosen Versuch, so würde er es ganz sicher nicht zugeben, fand sie. Aber wir würden ja sehen, wer Recht behalten würde!

Er konnte es nicht. Ha. Natürlich konnte er es nicht und natürlich war ich auch nie deswegen besorgt gewesen. Naja, vielleicht ein klein wenig. Vielleicht auch ein klein wenig mehr als ein klein wenig, wenn ich Cyneburg ihren Willen ließ. Sollte sie ihn haben. Denn der Punkt war, dass Ardin es nicht konnte. Er hatte nicht den Funken einer Ahnung, wie er mich hätte zwingen können. Sonst hätte er das Thema nicht direkt wieder fallen lassen. Selbstzufrieden lächelte ich vor mich hin, während ich das Bruchstück der Feder zu dem anderen legte, dass ich von unter dem Tisch hervorgeklaubt hatte und eine neue Feder in die Fassung setzte. Hach, genau genommen war das schon ein wundervoller Abend. Ich hätte es anders gesehen, mahnte mich Cyneburg, wenn ich meinen Nachmittag nicht damit verbracht hätte. Aber bei Satan, wenn ein bisschen trinken dafür sorgte, dass ich diese kleinen Kostbarkeiten hier genießen konnte, die mir das Schicksal so großzügig zugeteilt hatte heute Abend, dann sollte ich wohl wirklich wieder damit beginnen. Ein Ardin James, der tat, was man ihm sagte und ein Ardin James, der zugeben musste, dass er nichts in der Hand hatte, das mich zu so etwas zwingen konnte. Ich hatte zugegeben nicht danach gefragt und ich hatte zugegeben nie damit gerechnet, aber das machte das Geschenk noch so viel köstlicher. Zufrieden versenkte ich die Spitze der Feder in Tinte und trug die Formalitäten im Kopfteil des Berichtes ein. Danach konnte die Märchenstunde beginnen, aber es war nicht so, als hätte ich nicht meine Erfahrung damit Berichte zu schönen. Ein paar Standardsätze und Mulligan wäre schon zufrieden. Alle wären sie zufrieden und alles würde weiterhin genau seinen Lauf nehmen. Wunderbare Welt.

Ich hatte gerade einmal die ersten Sätze geschrieben, als Ardin wieder sprach. Einen Moment spielte ich mit dem Gedanken weiter zu schreiben. Um die Arbeit fertig zu bekommen und um nicht den Eindruck zu erwecken Ardin sofort volle Aufmerksamkeit zu schenken, wie ein Constable, der nur darauf gewartet hatte. Aber am Ende kostete die richtigen Worte zu schreiben mir doch zu viel Mühe, um es neben bei zu schaffen. Ich legte die Feder bei Seite, um keine Tintenflecken auf dem Papier zu fabrizieren und zog die Brauen zusammen. Wie ich was gemeint hatte? Ich drehte langsam den Kopf, hielt ihn leicht schief, als könne mir das dabei behilflich sein zu erkennen, was Ardin von mir wollte. Aber der Blick, den James mir jetzt zuwarf, sagte mir, dass er es ernst meinte. Verdammt ernst, nur… Herr in der Hölle, was wollte er denn hören? Ich atmete langsam ein, noch langsamer aus und zuckte mit den Schultern, als ich noch immer zu keinem Schluss gekommen war, was der James meinte. Ich hätte ihm deswegen übers Maul fahren können, aber dafür war ich an diesem schönen Abend viel zu träge. Nicht wegen so einem lächerlichen Dreck, den der James weshalb auch immer mal wieder in den falschen Hals bekommen hatte.„Hör zu“, begann ich dann, fast eine Spur hilflos, „ich hab’s nicht ernst gemeint, in Ordnung? Ich denk‘ der Junge ist ein guter Kandidat für das, was du vor hast. Es war nur…“ Ich hob die Hände, nach Worten ringend. „… nur ein Scherz.“ War das so schwer zu begreifen?! Dass ich einfach nur über den verschreckten Burschen hatte herziehen, mich vielleicht gemeinsam mit dem James über den hätte amüsieren wollen, wenn Ardin schon darauf und daran war in dessen Träume einzusteigen. Teufel, ich wusste ja, dass der James und ich nicht gerade denselben Humor teilten, aber dass er so weit auseinanderlag und der James direkt das Kreuzverhör deswegen eröffnen musste… Ich griff wieder nach meiner Feder. „Wenn der Alpträume hat, dann werden die sich nach heute allesamt um dich und das Schreiben drehen“, ergänzte sich feixend und begann wieder zu schreiben. „Vielleicht sollte ich dir ja ehrenhalber die Kerbe in meinem Tischbein überlassen dafür.“

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Ernst sah ich Rhode entgegen als der antwortete. Hielt ihn noch immer mit meinem Blick fest. Aber die Antwort, die er mir gab, fast als wollte er sie nicht recht herausrücken, die war nichts was mich zufriedenstellte. Im Gegenteil. Sie schürte nur noch mehr Verwirrung bei mir. Nur ein Scherz? Jackdaw behauptete steif und fest, das sei nur ein Vorwand und sie hätte Recht mit ihrer Behauptung. Das war der Moment, in dem ich beschloss, sie wieder aus meinem Schädel zu verbannen. Mit der Antwort hatte ich alleine schon genug zu kämpfen. Ein guter Kandidat. Collins. Die dunklen Geheimnisse nur ein Scherz. Einen Moment lang senkte ich den Blick und sah ratlos nachdenklich auf die Unterlagen unter meinen Händen, bevor ich irritiert zurück zu Rhode sah. Nur ein Scherz? Das sah Rhode nicht ähnlich sowas nur im Scherz zu meinen. Und sich in dieser Art zu erklären, das sah ihm auch nicht ähnlich. Überhaupt, diese ganze Friedfertigkeit. Das war ja fast schon ein Angebot zum Waffenstillstand. Hatte ich irgendetwas verpasst? Irgendetwas wichtiges? Was war nur mit dem Rhode los? Konnte ich ihn dermaßen falsch verstanden haben? Kritisch musterte ich sein Profil für einen Moment während er schon die Feder wieder zur Hand nahm. War der Mann betrunken?!

„Wenn der Alpträume hat, dann werden die sich nach heute allesamt um dich und das Schreiben drehen… Vielleicht sollte ich dir ja ehrenhalber die Kerbe in meinem Tischbein überlassen dafür.“ Sprachlos zog ich die Brauen hoch und starrte Rhode noch einen Moment hilflos an. Der Rhode scherzte tatsächlich. Ich senkte den Blick zurück auf den Tisch vor mir, stumm wie ein Fisch dabei weil ich einfach nicht wusste, was ich darauf sagen sollte. Vielleicht war der Tag auch einfach schon zu lang gewesen. Der Schock darüber, dass Rhode tatsächlich scherzte und offenbar die ganze Zeit schon gescherzt hatte, saß tief. Das war wirklich… Das war fast wie ein Rhode-Gütesiegel auf meinen Unternehmungen. Und ich konnte nicht anders als es misstrauisch zu betrachten und zwischen die Zähne zu nehmen um zu prüfen ob es nicht unecht war. Es war fast so als lauerte da noch irgendwo ein Hinterhalt, den ich nur noch nicht sehen konnte, aber dennoch meinte zu wittern. Ich schluckte trocken. Wusste noch immer nicht was ich sagen sollte. Bei jedem anderen Thema hätte es mich sicher nicht so sprachlos gemacht, solche feixenden Worte von Rhode zu hören. Aber bei diesem hier… Ich konnte nicht sagen woran es lag. Schließlich schnaubte ich doch noch zaghaft. „Die bekommst du da nicht raus. Und wenn du das Tischbein absägst.“, brummte ich und versuchte mich auf das Papier vor mir zu konzentrieren ohne etwas zu sehen. Schließlich glitt dann aber doch ein Grinsen über meine Züge. „Wenn ich bei dem im Traum lande seh‘ ich dich wie du am Kai stehst und hilflose Seelen in die Themse stößt.“

Ich schielte gerade aus dem Augenwinkel hinüber zu Rhode als sich – ungewöhnlich zu dieser späten Tageszeit – die Tür zu unserer Abstellkammer öffnete und ein Sergeant im Rahmen stehen blieb. „Detectives, gut dass ich Sie noch antreffe. Blacksmith, der Pfandleiher hat soeben die Abgabe eines der Bonham Diamanten gemeldet. Ein junger Kerl wollte sie abgeben, der nicht auf unsere Beschreibung des Diebes passt. Blacksmith hält ihn zur Zeit fest.“ Ich sah zu dem Mann, zog die Brauen hoch. Die Pfandleiher – so sie denn eine ausreichende Entlohnung einstreichen durften – hielten hier und da die Augen nach Diebesgut offen. Und die Diamanten aus dem Bonham Store waren nun schon sehr lange verschwundenes Diebesgut. Das Problem war, Bonham war Rhodes Fall gewesen. Aber Blacksmith war mein Pfandleiher. Ich warf einen Blick zu Rhode rüber. „Dein Fall, mein Mann. Ich begleite dich.“, beschloss ich kurzerhand, stand auf und nahm Mantel und Hut. Das würde mich um meinen Schlaf bringen. Mit etwas Pech würden wir für den Rest der Nacht beschäftigt bleiben. Aber vielleicht war es besser so. „Machen Sie die Kutsche fertig, einen Trupp Constables, Gefangenentransport, Sergeant.“, wies ich knapp an. Der Mann nickte und verschwand um die Vorbereitungen zu treffen.

Die Bonham-Diamanten. Der Raub war fünf Jahre her. Einer dieser Fälle von denen man sich wünscht, sie wären einem stärker im Gedächtnis geblieben und gleichzeitig froh darum ist, dass man die Arbeit inzwischen ausreichend gewohnt ist, dass einem eben das erspart bleibt. Einer dieser Fälle an denen man merkt, wie sehr man sie gewohnt war – wäre es anders, würde man des Lebens nicht mehr froh werden. Es war nicht so, als hätte ich nicht hin und wieder an den Bonham-Diamanten-Raub gedacht, manchmal überkam es einen einfach. Nicht zuletzt wenn ich Blair begegnete. Inzwischen konnte der Mann auf eine Beförderung und sein Ticket raus aus Whitechapel hoffen, aber damals war er gerade frisch zur Truppe gestoßen. Das damals im Bonham Store war das erste Mal gewesen, dass er etwas auf diese Art zu sehen bekommen hatte. Man sah es den Männern jedes Mal an, wie sich etwas an ihnen veränderte, auch dann, wenn sie es selbst nicht realisierten. Aber in diesem Moment, als ich hinter Ardin auf das Gebäude des Pfandleihers zuhielt, da hatte ich den jungen Blair wieder vor Augen, wie er mühsam beherrscht seinen Rapport abgegeben hatte, als ich den Ort des Verbrechens betreten hatte.

Der Bonham Store in Whitechapel gehörte seinerzeit zu einer Reihe von Juweliergeschäften unter George Bonham. Das Geschäft verschwand damals kurz nach dem Diamantenraub aus dem Viertel, geschadet hatte Bonham der Verlust jedoch nicht nachhaltig, wie man hört. In diesem Jahr soll George Bonham eine Partnerschaft mit dem renommierten Auktionshaus Jones eingegangen sein. Sicherlich hatte sich auch Mulligan in diesem Zusammenhang wieder an den Fall damals erinnert und sicher würde er den Fund eines der Bonham-Diamanten zu vermarkten wissen, jetzt da Jones & Bonhams dabei waren sich solch einen Namen in der Stadt zu machen. Fast konnte man dankbar sein, dass dieser Bursche seinen Fund am späten Abend dem Pfandleiher vorgelegt hatte, anderenfalls würden uns vermutlich bereits die Zeitungen und der Superintendant höchst selbst im Nacken sitzen.

Es war damals ein verlorener Fall gewesen und fünf Jahre später waren die Spuren mit Sicherheit nicht frischer geworden. Dennoch hatte der Fall damals für Aufsehen gesorgt und das würde er, wenn ihnen nichts besseres unterkam, auch heute für ein paar Tage schaffen, bis sich der Staub über den kostbaren Details wieder gelegt hatte und sie für die nächste unbestimmte Zeit unter sich begraben würde. Vier Diamanten waren damals gestohlen worden. Bonham hatte sie erst kürzlich aus einer indischen Miene erworben und persönlich verarbeitet gehabt. Sie hatten einen beträchtlichen Wert, aber gewiss nicht das Teuerste, das Bonham zu bieten hatte, anderenfalls wären die Stücke nicht in einem Geschäft in Whitechapel gelandet. Betrieben worden war das Geschäft damals von einem Roger Jenkins, einem unscheinbarem, aber so man hörte verlässlichem Mann, der mit Frau und zwei Kindern in einer Wohnung über dem Geschäft gelebt hatte, dem er sein Leben gewidmet hatte. 

Vier Menschenleben hatte der Raub damals gekostet. Jenkins Frau und seine achtjährige Tochter waren allem Anschein nach zu Tode gefoltert worden, um Jenkins zur Herausgabe der Diamanten zu bewegen. Dies gelang letztlich, doch Jenkins selbst brachte den Raub nie zur Anzeige. Es vergangen zehn Tage, Anwohner und Kunden hatten sich über einen üblen Gestank im Umfeld des Ladens beschwert und eine langjährige Freundin von Mrs. Jenkins hatte sich besorgt an die H Division gewandt. Routinemäßig hatte man einen Constable zur Überprüfung bei Jenkins vorbeigeschickt. Blair hatte sich Zugang zu der Wohnung verschafft. Jenkins war in denkbar schlechter Verfassung gewesen, als ich eingetroffen war. Er hatte in den zehn Tagen wohl kaum etwas getrunken oder gegessen, geschweige denn geschlafen gehabt, er hatte eindeutig eine toxische Substanz konsumiert, welche der Schröpfer später als Morphin identifizierte und er hatte schwere körperliche Blessuren vorgewiesen. Einige passten zeitlich zu dem Raubüberfall, einige waren frisch. Aber ich konnte Blair keinen Vorwurf machen, ich hatte das Kind selbst gesehen und der Schluss, das Jenkins es getan hatte, war zu diesem Zeitpunkt naheliegend. Ja, ich hatte sie gesehen, die Frau und das Mädchen. Jenkins hatte die Leichen gewaschen und in ihre Betten gelegt und für zehn Tage sein normales Tageswerk fortgeführt. Die Leiche des zweiten Kindes, eines etwa zehnjährigen Jungen, war nie gefunden worden, vermutlich hatte sie ihr unschönes Ende in einem Abflussloch wie denen des Fleet Ditch gefunden, dort wo sie für immer verloren waren. Der Täter hatte den Jungen damals mit sich genommen, um Jenkins Schweigen zu erkaufen, und all die zehn Tage hatte Jenkins unablässig weiter gehofft, dass der Junge zu ihm zurückkehren würde, wenn er nur weiter den Raub vertuschte.

Zehn Tage, die dem Täter zur unbehelligten Flucht geblieben waren. Natürlich hatte man Whitechapel dennoch auf den Kopf gestellt und es hatte Ermittlungen gegeben, aber sie waren wie zu erwarten im Sande verlaufen. Der Raub war trotz all seiner unschönen Details am Ende nur ein Fall unter vielen gewesen. Man ermittelt und wenn man jede Sackgasse abgelaufen ist, dann geht man weiter zum nächsten Fall, der mehr Chancen auf Aufklärung hat. Ich hatte mich nicht lange mit dem Bonham-Diamanten-Raub aufgehalten damals, es war unwahrscheinlich gewesen, dass der Täter noch lange in Whitechapel geblieben war. Die Brutalität und Zielstrebigkeit hatte immer für einen Professionellen gesprochen, der nicht versuchen würde seine Ware in der Umgebung des Bonham Stores an den Mann zu bringen. Es waren dennoch alle möglichen Abschlagsorte informiert worden und das Abbild des Täters entsprechend Jenkins Erinnerung war an die Zeitungen und sämtliche Behörden gegangen. Eine Verbindung des Täters zum Umfeld des Bonham Stores, Jenkins oder George Bonhams hatte sich nicht feststellen lassen, die wenigen Spuren waren bald erschöpft gewesen. Jenkins war noch am Tag seiner Festnahme verstorben, vielleicht an den Folgen innerer Verletzungen oder das Morphin war eine freiwillige oder unfreiwillige Überdosis gewesen. Aufgrund des schlechten Allgemeinzustandes hatte der Schröpfer das nicht mehr zweifelsfrei feststellen können ohne die Leiche aufzumachen und auf Jenkins Tod hatte nie der Fokus der Ermittlung gelegen. Manche hatten damals behauptet, er hätte seine Familie selbst getötet und die Diamanten an einem unbekannten Ort versteckt, selbst Mulligan war zeitweise von diesen Gerüchten angetan gewesen. Es hätte immerhin bedeutet keinen flüchtigen Räuber zu haben, sondern schlicht die Diamanten irgendwo in Jenkins Umkreis suchen zu müssen. Es war eine Theorie ohne jeden Halt und ich wusste es besser, aber solche haarsträubenden Verdächtigungen erfreuten sich immer wieder enormer Beliebtheit. Man konnte gespannt sein, was den Leuten nun einfiel, da irgendein Unbekannter fünf Jahre später einen der Diamanten an einen Pfandleiher in Whitechapel hatte verkaufen wollen.

Wir hatten die Tür in das Gebäude des Pfandleihers beinahe erreicht. Für den Bruchteil einer Sekunde, nur ganz kurz hatte ich den Impuls Ardin aufzuhalten. Ihn bei Seite zu nehmen, ihm die Dinge zu sagen, die ich ihm damals nicht gesagt hatte, die ich keinem damals gesagt hatte. Aber der Augenblick in dem es möglich gewesen wäre verstrich. Der Sergeant kam auf uns zu geeilt, gab uns seinen Bericht der vorläufig gesicherten Lage. Zeigte uns den Diamanten, den er sicher gestellt hatte und ich nickte nur dazu. Ich konnte es nicht leiden, wenn die Leute zu offensichtlich auf ein ‚Gut gemacht‘ lauerten – selbst wenn sie es gut gemacht hatten. „Was ist mit meinem Finderlohn?“, erklang da eine Stimme hinter uns, so weich und klebrig wie Honig. Ich schickte den Sergeant mit einem weiteren Nicken zurück an seine Arbeit. Der Pfandleiher. Blacksmith. „Haben Sie den Diamanten denn gefunden?“, erwiderte ich nüchtern. „Nein… nein“, musste der Kerl jetzt zugeben, klang jedoch merkwürdig verwirrt dabei. Seine filigrane Nase mochte nicht so recht in sein Gesicht passen und gab ihm gemeinsam mit den dunkel glänzenden Augen etwas von einer auf dem Sprung verharrten Schlange. „Aber ich habe den Burschen da unter Gefahr für Leib und Leben aufgehalten!“, polterte der Pfandleiher jetzt darauf los, in der Hand hatte er etwas, das wie ein verschrammter Offiziersdegen aussah und den schwang er wie um seine Worte zu unterstreichen jetzt zornig hin und her. Ich hob die Brauen, den Burschen aufzuhalten, war wohl eine Aufgabe, die Blacksmith an die Grenzen seiner geistigen Belastbarkeit gebracht hatte. Mein Blick ging an dem Pfandleiher vorbei, hin in die Richtung in die der gedeutet hatte. „Was wird Ihnen das wohl wert sein?!“, zeterte der Pfandleiher weiter. „Meine grenzenlose Bewunderung, Sir“, ließ ich ihn unter salbungsvollem Sarkasmus wissen. Die Backen des Pfandleihers blähten sich auf, wie ein Ochsenfrosch, aber bevor er den Schwall seiner Empörung kund tun konnte, brummte ich ungehalten an Ardin gewandt: „Dein Mann.“ Und schob mich an dem Kerl vorbei.

Der Bursche, der da gedankenverloren und bereits mit Handschellen gesichert im Raum stand, war nicht der Mann dessen Beschreibung Jenkins uns damals hinterlassen hatte. Er war jung, aber von kräftiger Statur, erst im zweiten Moment registrierte ich, dass die merkwürdige Melodie, die im Raum lag von den Lippen eben dieses Mannes stammte, der leise vor sich hin summte. „Name?“, sprach ich ihn an. Seine verträumten Augen wanderten in meine Richtung. „Twinkle...“, flüsterte er sacht. Aufmerksam sah ich mich in dem kleinen Raum um. „Nun, Mr. Twinkle, können Sie mir sagen wie dieser Diamant, den Sie heute versetzen wollten, in Ihren Besitz kam?“, fragte ich beiläufig, den Blick auf eine der Kuriositäten geheftet, die Blacksmith in seinem Laden ausstellte.  „…like a diamond in the sky… wonder what you are…“, murmelte es jetzt traumverloren vor sich hin. Ich verharrte einen Augenblick in der Bewegung, ich kannte diese Worte. Sie gehörten zu einem bekannten Wiegenlied. Judith hatte es häufig für Ben gesungen. Langsam sah ich hinüber zu dem jungen Bursche, der mich ungeniert anlächelte, breit und glücklich, den Blick schon wieder verträumt ins Nichts gewandt. „Twinkle, twinkle“, summte er weiter vor sich hin und langsam bekam ich ein Gefühl dafür, wie der Bursche den Pfandhändler derart in Rage hatte versetzen können.

Ein Wahnsinniger hatte uns definitiv noch gefehlt in dieser Sache, ich ließ stoßweise die Luft entweichen. „Führen Sie ihn ab, Constable.“

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Das war also einer von Rhodes Bonham Diamanten. In der Hand des Sergeants wirkte er beinahe unscheinbar. Aber er war es immerhin wert gewesen einige Grausamkeiten zu begehen, die Whitechapel für eine ungewöhnlich lange Zeit in Atem gehalten hatten. So viel Sensation war sonst selten von einem Blutbad zu erwarten. Da hatte Rhode damals schon einen ordentlich Haufen Scheiße auf dem Tisch gehabt. Nicht, dass ich den Fehler gemacht hätte, mich darin einzumischen. Nein, diesen Ruhm hatte ich damals ganz ihm überlassen. Trotzdem machte es mich jetzt neugierig, dass nach all der Zeit doch noch eines der Stücke aufgetaucht war. Vor allen Dingen aber wollte ich vermeiden, dass Rhode sich meinen Hehler unter den Nagel riss, nur weil der das Glück hatte, einen Hinweis auf dessen Fall am Ladentresen vorbei laufen zu sehen. Genau genommen war Blacksmith nicht unbedingt nur mein Hehler. Oder Pfandleiher. Oder wie auch immer man seine Hauptbeschäftigung nennen wollte – darüber ließ sich sicherlich streiten. Begegnet waren Rhode und ich ihm nämlich gleichzeitig. Auf der Suche nach einem wissenden Magier. Und in ihm hatten wir einen gefunden. Wenn auch er auf hexerischer Ebene nicht sonderlich ergiebig gewesen war. Ich war nicht dumm gewesen damals und hatte mit dem Mann einen längerfristigen Deal abgeschlossen. Der betraf aber nur mich. Rhode hatte seine eigenen Leute. Und er sollte den Gregor tun und sich einen von meinen schnappen.

Wobei… wenn ich es mir recht überlegte… beim Klang dieser Stimme hinter uns beschloss ich, dass Rhode den Mann gerne haben konnte. Ich würde andere finden. Sehr viele andere. Mein Blick ging geradeaus, vorbei an dem Sergeant, der jetzt weg geschickt wurde und den ich keines Blickes mehr würdigte auch wenn er kurz hoffnungsvoll zu mir herüber sah, als erhoffte er sich wenigstens von mir lobende Worte wenn sie schon nicht von Rhode kamen. Aber das konnte der vergessen. Keine Zeit und keine Lust einem Sergeant den Rücken zu kraulen. Und eigentlich auch nicht, dem Pfandleiher das Maul zu stopfen, den ich gerade noch so eisern vor Rhode hatte verteidigen wollen. Ich ließ ausnahmsweise Jackdaw in meine Gedanken und fragte sie nach kreativen Vorschlägen, was man mit dem geldgierigen Geschäftsmann anstellen könnte und obwohl sie im ersten Moment eingeschnappt war, nur für solche Fragen in meine Gedankenwelt eingelassen zu werden, gefiel ihr die Frage doch zu gut und schmeichelte ihr der Bedarf ihrer Expertise zu sehr als dass sie lange hätte schweigen können. Und so erschienen bereits wundervolle Bilder vor meinem geistigen Auge während Rhode und ich uns träge zu Blacksmith umwandten.

„Haben Sie den Diamanten denn gefunden?“ - „Nein… nein“ Oh Rhode, überfordere den armen Mann nicht gleich. Ich ließ den Blick an Blacksmith herunter wandern. Nicht seine einnehmendste Gestalt, die er an den Tag gelegt hatte. Er trug lange Gewänder in bunten Farben, die aber längst bessere Tage gesehen hatten und daher in gräulichen Varianten glänzten. Faszinierender hätte man an der Sache allerdings finden können, dass der Mann, als ich ihn das letzte Mal getroffen hatte, um einiges größer gewesen war. Würde man Blacksmith danach fragen würde der dreist behaupten, das sei einer seiner Mitarbeiter gewesen. Tatsache aber war, dass der Magier die Fähigkeit des Gestaltwechselns sein Eigen nannte und Probleme gerne damit vertagte, dass man sie ja mit einem anderen seiner zahlreichen, selbstverständlich nicht real existierenden, Mitarbeitern hatte und sie ihn deshalb nichts angingen. Leider funktionierte die Masche mit uns nicht. Wir kannten sein Geheimnis. Und gerade deshalb war es normalerweise von Vorteil für den Mann, sich auf diesen Deal mit uns zu berufen, anstatt dermaßen gierig zu werden. Aber nun gut, die Bonham Diamanten ließen wohl jeden in dieser Stadt ein wenig über seine Stränge schlagen.

Tatsächlich brauchte es einen Augenblick bis Blacksmith ein Argument für seine Sache fand. Das war allerdings direkt schlagend. Mit mäßig interessiert hochgezogenen Brauen beobachtete ich die Klinge des Degens in seiner Hand dabei wie sie unter der Ausführung ihres Trägers fahrig hin und her schwenkte und genoss im Stillen die Vorschläge, die Jackdaw in Bezug auf stumpfe Metallklingen im Angebot hatte. Ich fragte sie in Gedanken ob sie auch noch ein wenig Teekuchen dazu reichen würde und ich brachte sie damit über mir auf dem Dach tatsächlich zum krächzenden Gackern. Und dieses Nervenbündel hier sollte nun mein Problem werden? „Dein Mann.“ Yep. Kein Wunder, dass Rhode mir den bereitwillig überließ. Warum hatte ich mir überhaupt Sorgen gemacht? Ich ließ den Blick verträumt auf Blacksmiths Degen liegen während Rhode abzog. Einen Moment starrte mich der Pfandleiher erwartungsvoll an. Ich starrte seinen Degen an. Dann hob ich abrupt den Blick und atmete tief durch, um mich für das Kommende zu sammeln. „Also Blacksmith…“, begann ich und ließ den Blick über Regale voll staubiger Utensilien wandern, die irgendjemand irgendwann gezwungen gewesen war zu verpfänden. Und in Notsituationen kamen Menschen auf die verrücktesten Ideen, was sie so alles verpfänden könnten. Einmal abgesehen von Blacksmiths ausgeprägtem Sammelwahn, der ihn wohl dazu brachte ab und an einige Dinge als Trophäen außer der Reihe zu kaufen. „Wie kam der Junge hier herein, von wo ist er hier reingebogen, was hat er gesagt und was hast du ihm geboten?“, fragte ich gelangweilt, aber dennoch vergleichsweise sachlich – man wollte ja nicht unhöflich sein, nicht wahr? Jackdaw kicherte und ausnahmsweise machte es mir nicht einmal etwas aus, dass sie sich amüsierte. „Fangen wir von vorne an, vielleicht überlege ich mir dann noch, was uns dein Einsatz wert ist.“ Ich ließ den Blick langsam zurück zu Blacksmith wandern und erkannte stumm wie erhofft das gierige Glitzern in dessen Augen.

Für einen Augenblick sah ich dem Constable hinterher, der den Irren abführte, der ihm ohne Anstalten folgte. Meine Chancen diesen Fall je aufzuklären hatten sich so eben, wenn überhaupt, deutlich verschlechtert, dessen war ich mir gewiss. Nur Zeit, Zeit würde mehr dieser Irre kosten. Ich überlegte, ob ich die Verhöre nicht auf einen Sergeant abwälzen könnte und sah mich noch etwas im Laden um. Wirklich absonderlichen Kram hatte Blacksmith zusammengetragen, aber wenig für das ich auch nur einen halben Pence hergegeben hätte. Ich verstand gut, weshalb man in Bedrängnis kommen mochte sein letztes Hemd zu verpfänden - aber wer um des Gregors Namen kaufte Blacksmith diesen Schund am Ende wieder ab? Ich schüttelte den Kopf, vergewisserte mich, dass Ardin den Pfandleiher noch zu beschäftigen wusste und warf schließlich auch einen Blick auf die Zustände hinter dem Verkaufstresen. Aber vorsichtig, nicht nur die Falschmünzer in den Mietskasernen wussten Fallen zu stellen, die dir bei Unachtsamkeit Gliedmaßen oder gar das Leben kosten mochten. Ich konnte ohnehin nichts in dem Ausmaß Verdächtiges entdecken, das es gelohnt hätte dem James die Geschäftsbeziehung zu schädigen. Kein Diamant beispielsweise, den Blacksmith uns vorzuenthalten gedachte. Also ließ ich es gut sein, sollte Ardin sich mit Blacksmith herumärgern, wer wusste schon für was das noch gut sein konnte.

Ich folgte den letzten emsig umhereilenden Polizisten hinaus ins Freie. Die Gefangenenkutsche war bereits abgefahren und die Durchsuchung der Umgebung war ebenfalls so gut wie abgeschlossen. Ich ließ mir den Bericht eines diensteifrigen Constables geben - scheinbar versetzte es die Bande in helle Aufregung wenn gleich zwei Inspectors anwesend waren und jeder wollte möglichst gute Arbeit präsentieren. Aber vorzuweisen hatten sie doch nichts von Belang. Ich schickte den Mann wieder an die Arbeit und sah auf Cyneburg hinab, begegnete dem Blick ihrer hellen aufmerksamen Augen. Sie schwieg und ich war ihr dankbar deswegen. Sie schwieg, denn auch sie erinnerte sich an Jenkins, daran wie er gestorben war. Sie schwieg obwohl ich sie draußen gelassen hatte, was sie mir für gewöhnlich wortreich sühnte. Ich hatte es getan, weil sie das letzte Mal eine unschöne Begegnung mit dem Vertrauten des Pfandleihers hatte. Einem Tier, das mein Junge der Erzählung nach als ein sogenanntes Stinktier identifiziert hatte, wie es wohl in Amerika vorkam, - nun ja, dem Geruch nach war es das ganz sicher gewesen und das hatte auch auf Cyneburg zu getroffen. Ich konnte darauf verzichten, dass die Hündin das Vieh ein weiteres Mal verärgerte, ohnehin versprach ich mir selten viel von Blacksmith und überließ den Pfandleiher mit Vorliebe dem James. Der hatte immerhin auch die meisten Taschenuhren zu verpfänden, die er unseren zahlreichen Tatverdächtigen abzunehmen wusste wie ein langfingriger Straßenbengel. Aber ich wollte mal nicht so sein, der James hatte eine große Familie, vielleicht würde ich's nicht anders tun, hätt' ich so viele Mäuler zu versorgen. Ich fragte mich dennoch manchmal ob der James statt einer Dohle nicht eine Elster zur Vertrauten haben sollte. Trotz allem, ich musste auf Ardin warten, ich musste wissen, was er aus dem Pfandleiher herausgeholt hatte. Meine Fingerkuppen rannen geistesabwesend durch Cyneburgs drahtiges Nackenfell, während ich wartete. In die Leere der Straßen starrte in denen sich das Licht der Gaslaternen im Nebel und Qualm der Stadtschlote verfing und die Nacht milchig und trüb färbte.

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