Ich starre den Jungen an als der uns seine leeren dreckigen Hände flehend entgegen streckt. Als sei er die verlorene Seele in der Gosse und wir die einzigen, die ihn retten könnten. Ich habe nach den wahren Absichten des Jungen hinter seinen Schläfen gesucht und er scheint nun fest entschlossen alles davon nach außen zu kehren. Aber jetzt da ich dieses flehentliche Bitten direkt vor der Nase habe, ist es mir zu viel. Da hätte ich gerne, dass er alles davon behält. So plötzlich und mit solcher Verzweiflung kommen die Worte aus dem Mund des Jungen. Was in der Lordschaft Namen macht dieses Kind so verdammt verzweifelt, dass es so verbissen mit uns fahren will?! Warum dieses Abteil?! Warum wir?! Zufall?! Oder steckt da mehr dahinter? Ich habe keine Idee was, ich habe nur das vage Gefühl, dass ich es nicht wissen will. Nein, will ich ganz gewiss nicht. Der Junge soll uns in Ruhe lassen und seiner Wege ziehen. Mein Interesse war absolut töricht und jetzt kann ich die Konsequenz daraus nicht mehr loswerden.
Ein einziger Sachverhalt interessiert mich dennoch. Diese eine Frage, zu der lasse ich mich noch herab bevor ich von dem Jungen gerne nur noch die Rückansicht sehen würde. Die nach der Gestalt des Daemons des Jungen. Finster sehe ich ihm entgegen als er mir verlegen antwortet als hätte ich ihn in die Enge getrieben. Und nachdenklich bleibt mein Blick weiter auf ihm liegen. Ich werde aus dem Jungen nicht schlau. Das was mir da entgegen schlägt ist ein Denkmal der Unwissenheit und der Verwahrlosung. Und doch passen weder das Glänzen in seinen Augen, noch die Verzweiflung dazu. Im Gegenteil, sie widersprechen sich fast. Sie deuten auf etwas hin, das nicht sein kann. Unschuld. Der Junge ist ein Straßenkind, er ist rotzfrech, von sich eingenommen. Und nicht zuletzt hat sein Daemon feste Gestalt angenommen ohne, dass er je erfahren hat, was das für einen heranwachsenden Menschen bedeutet. Wie kann er da unschuldig sein? Das passt so wenig zusammen. Dieser Schluss, der sich ziehen lässt, er ist zu unrealistisch um wahr zu sein. Solche Dinge passieren nicht einfach. Und doch ist es wie den letzten gelben Blättern im Herbst beim Fallen zu zusehen. Die letzten schönen Funken, ein Nachklang des Sommers, mit der Gewissheit, dass bald der Winter kommt und nichts von dem schönen Grün zurück bleibt. Die Unschuld, sie vergeht früher oder später. Besonders bei den Kindern auf der Straße. Man muss nur einmal durch das East End gehen, wo sie in Armut und Überbevölkerung in ihrem eigenen Dreck sterben. Und noch dazu hat der Daemon seine Gestalt – er hat vielleicht schon jede Unschuld verloren oder ist kurz davor.
Bereits jetzt ahne ich dunkel, dass es die Unschuld ist, die mich verpflichtet, dem Jungen zu helfen. Ich kenne die Gebote des Magisteriums. Seine Philosophie. Und dies wäre einmal der Punkt an dem diese Philosophie zu etwas nütze wäre. Aber ich sträube mich heftig dagegen dem nachzugeben. Es würde Unannehmlichkeiten bedeuten. Unnötigen Aufwand. Mit einem Lausebengel, der womöglich nicht die Wahrheit sagt. Nur um seiner Seele willen. Der Preis ist mir zu hoch. Und mein Misstrauen ist nach wie vor lebendig. Weshalb wir? Weshalb jetzt?
Während ich noch darüber nachdenke, stellt Nico die Fragen, die mir durch den Kopf gehen. Danach weshalb der Junge es so eilig hat nach Sheffield zu kommen. Wieso hinaus aus London? Wieso weg von der Straße? Weshalb wir? Stumm und ernst sehe ich den Jungen an und warte auf dessen Antworten, ohne dass ich ihm auf seine Frage nach dem Daemon geantwortet hätte. Ich sehe es nicht in meiner Pflicht, ihn aufzuklären. Im Grunde würde ich am Liebsten gar nichts für den Jungen mit der großen Klappe tun. Aber ich spüre in meinem Nacken den drohenden Finger des Magisteriums. Dennoch: es ist weit weg. Ich habe kein Problem damit diese Sache unter den Tisch zu kehren. Wer sollte davon auch erfahren? Aber es ist mein Gewissen, das sich leise in meinem Hinterkopf rührt und unfreiwillig auf Seiten des Magisteriums steht. Ich hasse es jetzt schon dafür. Und ich bin gewillt, dagegen anzukämpfen. So einfach kriegt mich das verdammte Kind nicht.
Hart und unnatürlich schnell pocht mir das Herz in der Brust. Während sich mein Daemon immer wieder an mich schmiegt. Und dann doch Abstand sucht. Beinahe so als weiß Gloria nicht was das beste in meiner momentanen Situation ist. Und ich wünsche mich inständig an einen anderen Ort. Den hätte ich auch haben können. Wenn ich nicht in diesen Zug gestiegen wäre. Somit schimpfe ich mich innerlich einen Dummkopf und beiße mir auf die Unterlippe. Unsicher geworden schiele ich zu den beiden Männern empor und schlinge meine Arme um die Kätzin. Ich brauche einfach etwas an dem ich mich festhalten kann. Denn der Hundedaemon macht mir Angst und nicht nur mir. Auch Gloria hegt ein gesundes Misstrauen gegenüber Asya.
Immer unwohler. Immer stärker in die Ecke gedrängt fühle ich mich. Und doch kauere ich dort auf dem Boden und habe meine Arme um meinen Daemon geschlungen. Mein Herz pocht unnatürlich laut in meiner Brust und meinen Blick habe ich abgewandt. Ist es ein Fehler gewesen diese beiden Männer anzusprechen? Einen kurzen Blick wechsle ich mit Gloria. Doch die Kätzin bleibt stumm. Wie eigentlich die gesamte Zeit über. Und so beiße ich mir auf die Unterlippe und blinzle die Tränen weg, die sich in meinen Augenwinkeln sammeln.
Der alarmierte Klang in seiner Stimme bleibt mir nicht verborgen. Und so zucke ich unwillkürlich zusammen. Was sollte ich sagen? Die Wahrheit. Doch was war die Wahrheit? Und würde man mir glauben? Unschlüssig beiße ich mir auf die Unterlippe.
“Ich.. ich habe etwas gesehen das nicht für meine Augen bestimmt war.“
Murmle ich mit äußerst leiser Stimme. Und schlucke schließlich hart.
“In einer Gasse in London. Zwei.. nein drei Männer. Dann hat der eine ein Messer gezogen und den anderen niedergestochen. Der.. der Niedergestochene trug das gleiche Symbol um den Hals wie Sie Sir.“
Dabei deute ich mit zitternden Fingern auf das Symbol.
“Ich.. ich habe einen.. einen Mord an einer hochrangigen Persönlichkeit beobachtet.“
Mitfühlend schmiegt sich Gloria an meine Seite. Während ich auf dem Boden kauere und wahrlich erbarmungswürdig aussehen muss. Unbarmherzig prasseln die Fragen auf mich nieder und ich versuche mich unter diesen Fragen wegzuducken.
“Es ist nicht leicht einen Unterschlupf zu finden. Die meisten Verstecke werden von Banden kontrolliert und diese Banden.. also.. ähm.. wenn wir besonders lieb waren, dann hatten wir ein Dach über dem Kopf und eine warme Mahlzeit.“
Unwillkürlich presse ich mich in eine der Ecken des Abteils und ziehe meine Beine an den Körper. Erbarmungswürdig.
Die Geschichte des Kleinen wird ja immer toller. Mit hochgezogenen Brauen verfolge ich seine Erzählung. Etwas gesehen. Mhm. Drei Männer und einer davon wurde niedergestochen. Erst als der Junge so panisch auf das Symbol an Asyas Halsband deutet, verlieren meine Züge etwas von der Ungläubigkeit. Was nicht bedeutet, dass ich dem Kleinen mit einem Mal mehr Glauben schenken würde, die Geschichte nimmt einzig derart abstruse Züge an, dass sie entweder schon wieder wahr sein muss oder die Fantasie des Jungen an Wahnsinn heran kommt. Das war zumindest nicht die Art von Geschichte, die durch einleuchtende Plausibilität den Gegenüber für sich gewinnt. Hatte der Kleine sie sich ausgedacht, dann ist er wirklich nicht besonders gut in dem, was er tut. Aber wahr kann seine Erzählung ebenso wenig sein...
Ich will entschieden den Kopf schütteln, aber verharre doch in der halben Bewegung. Es erscheint mir unmöglich nichts von einem Toten im Dienst des Magisteriums erfahren zu haben. Aber ist es das? Sicher, erfahren hätte ich es sehr wahrscheinlich. Solche Dinge verbreiten sich wie ein Lauffeuer und Father Ibrim setzt darüber hinaus besonderen Wert darauf, dass Meinesgleichen über solche Dinge informiert ist. Doch, was wenn es noch nicht bekannt geworden ist…? Es gibt viele dunkle Flecken in London. Nicht zuletzt die verseuchten Pfuhle an denen die Schlachtereibetriebe ihre Abfälle in den Fluss geben. Nein, schwer einen Toten verschwinden zu lassen ist es in London sicher nicht. Das weiß ich. Doch wer würde es wagen…? Einen Angehörigen des Magisteriums…? Ich sehe hinab zu Asya dem blau gegerbten Leder, das sich vage durch ihr dichtes Nackenfell abzeichnet und an dessen Vorderseite auf eine kupferfarbene Metallplatte graviert das Symbol des Magisteriums prangt. Es hat einen Grund weshalb wir dieses Zeichen tragen. Sicher nicht da Asya gerne ein Halsband trägt, aber wir sind verpflichtet uns als in deren Dienst stehend auszuweisen. In aller Regel wenigstens. Doch es gibt immer wieder diese Situationen oder Orte an denen ich es eben nicht darauf anlege – oder aktiv dazu angewiesen bin zu verhindern – direkt als ein Angehöriger des Magisteriums erkannt zu werden. Ein Halsband ist deutlich leichter abzunehmen, als hätte ich das Symbol auf meiner Kleidung eingenäht. Dabei muss man gerechterweise erwähnen, welchen Nutzen es hat dieses Zeichen zu tragen. Es kann sprichwörtlich Tür und Toren öffnen, es kann einer Bestellung Dringlichkeit und einer Anweisung Legitimität verleihen. Doch vorallem dient diese Ausweisfunktion unserem Schutz. Das Magisterium stellt die vielleicht mächtigste Behörde des Landes und sie stehen in dem Ruf jedes Verbrechen das selbst nur gegen den Geringsten aus ihren Reihen begangen wurde mit schier verhältnisloser Härte zu vergelten. Selbst einen Botenjungen unter dem Zeichen des Magisteriums auch nur anzuspucken ist wenig ratsam – selbstredend dass es äußerst erstrebenswert ist jenes Symbol tragen zu dürfen. Selbst wenn Asya und ich uns selbst in fünf Jahren nicht daran gewöhnt haben, aber das ist ein anderes Thema. Es mag wie ein hehres Prinzip wirken, sich selbst noch für den Stein, der dem niedersten Dienstboten nachgeworfen wurde, zu rächen, doch vor allem sorgt diese harte Verteidigungslinie dafür, dass kaum einer wagt sich mit dem Magisterium anzulegen. Und schon gar nicht mit den Höheren aus ihren Reihen. Ihnen steht es ohnehin frei sich mittelbar als Angehörige der Behörde auszuweisen, meist durch goldene Broschen oder Anstecknadeln – und in höheren Positionen auch kunstvoller Ketten um den Hals –, oder darauf zu verzichten.
Fest steht, ein Verbrechen gegen einen Angehörigen des Magisteriums, vor allem wenn er offensichtlich unter deren Schutz stehend ausgewiesen ist, passiert selten aus einem dummen Zufall heraus. Jedes Kind weiß um die Macht dieser Behörde. Wer tollkühn genug ist diesen Drachen zu reizen ist entweder dumm oder hält sich für groß oder gerissen genug dafür. Ein solches Verbrechen ist in aller Regel ein Zeichen und/oder politisch motiviert. Das wiederum passt kaum dazu, dass das Ereignis nicht unmittelbar bekannt wurde…
Mh. Ich werde Father Ibrim informieren müssen, wenn der Kleine tatsächlich die Wahrheit spricht, wovon ich noch nicht endgültig überzeugt bin. Gleichzeitig könnte ich den Father durch dieses dubiose Vorkommnis vielleicht kurzfristig von meiner eigentlichen Aufgabe ablenken. Eine vage, eine unwahrscheinliche Hoffnung. Aber ich klammere mich fast inständig daran und ertappe mich bei dem gefährlichen Gedanken, das ich fast will, dass der Kleine etwas gesehen hat, das den Father, dem ich Bericht zu erstatten habe, auf andere Gedanken bringt. Während der Kleine eben noch großspurig getönt hatte, dass der Mord den er beobachtet hatte, auch noch der an einer ‚hochrangigen Persönlichkeit‘ gewesen sein musste und so dann fort gefahren hat wie er bei Banden Unterschlupf fand – und damit wohl implizieren mochte, dass Anis und ich schon nicht schlimmer sein können – ist er nun schon wieder in sich zusammen gesunken und kauert sich in eine Ecke des Abteils. Ein kleines Häufchen Elend. Ich packe den Jungen erneut im Nacken, ziehe ihn wieder zurück auf die Füße. „Steh aufrecht, wenn du sprichst“, ermahne ich ihn knapp. Er will einen Weg von der Straße finden? Nun, mit Mitleid würde ihm das sicher nicht gelingen. Da helfen in meiner Erfahrung nur Anstand und Disziplin.
Ich frage mich, ob der Father wohl weitere Informationen von dem Jungen haben wollen würde. Mein Blick geht einen Moment aus dem Fenster, ich betrachte geistesabwesend wie die Landschaft vorbei zieht, bis ein Ruckeln des Zuges es mir schwer macht das Gleichgewicht zu halten. Ich lecke mir über die Lippen. Ich hatte wenig Interesse durch ganz Sheffield zu jagen, nur um den Jungen noch einmal ausfindig zu machen, sollte sich zeigen, dass doch etwas an der Geschichte dran ist und ich den Auftrag bekommen weitere Informationen aus dem Kleinen heraus zu holen. Wie viel einfacher wäre es da… Ich bemerke, wie sich in meinem Kopf ein Plan zu formen beginnt. Die Kirche hat im Laufe ihrer jahrhundertealten Existenz unzählige Sanctuary-Akte erlassen. Es gibt die Scholastic Sanctuary welche die Universitäten schützt. Doch älter als jeder andere ist wohl jener Akt, welcher die Zuflucht eines jeden Schutzbedürftigen in geweihten Räumen sichert. Ich muss nur eine Kirche oder ein Bethaus in Sheffield finden, dem ich den Bengel unterschieben kann. Aber ich reise nicht allein und solche Entscheidungen sind kaum an mir zu treffen. Ich fasse den Jungen bei der Schulter ohne weiter auf seine Worte einzugehen. Aber dafür wäre gegebenenfalls später noch Zeit. Ich öffne mit meiner freien Hand das Abteil und schiebe den Kleinen vor die Tür. „Warte hier“, schärfe ich ihm ein. Selbst wenn ich nicht verhindern kann, dass er davon läuft, sollte er es sich doch anders überlegen. „Wenn du am Ende des Gangs einen Schaffner entdeckst – oder einen anderen, der dir nicht geheuer ist – klopf einmal leise und komm wieder rein.“
Hinter dem Jungen schließe ich die Tür, sehe hinüber zu Anis und habe wieder diesen unkontrollierten Drang ihm von Father Ibrim zu erzählen und davon wie gut ich den Jungen als Ablenkung gebrauchen könnte, aber dafür ist kaum der richtige Zeitpunkt. Ich setze mich für den Moment näher ans Fenster, falls der Junge an der Tür lauscht, will ich es ihm erschweren mit zu bekommen, was wir hier bereden. Asya bleibt bei der Tür um die Geräusche auf dem Gang besser wahrnehmen zu können. „Hast du von irgend so etwas gehört?“, frage ich meinen Bruder leise. Die Ungläubigkeit schwingt in meinen Worten wieder. Ich wüsste zu gerne, was er von dieser ganzen Geschichte hält.
Ich kann nicht anders: ich ziehe skeptisch eine Braue hoch als sich das Kind neben die Tür des Abteils presst und dort auf dem Boden zusammen sinkt, die Arme um seinen Daemon geschlungen als wäre der ein Teddybär. Ich bin dankbar als Nico den Jungen erneut am Schlafittchen packt und aus der Ecke zurück auf die Füße zwingt. Ein Schwall unguter Luft kommt mir dabei entgegen, aber es soll mir Recht sein, wenn dafür dieses Theater aufhört. Ja, das Magisterium gebietet zur sogenannten Nächstenliebe. Und wenn es um Minderjährige geht, gelten die in den Augen der Kirche sowieso als schutzbedürftig. Auch wenn ich mich immer gefragt habe, wie die Kirche wohl „Schutz“ im Detail definiert seit ich die Version der Aylesford Carmelite Priory kenne. Ein Dach über dem Kopf bleibt ein Dach über dem Kopf. Aber verkohlen kann ich mich selber. Dafür brauche ich keine Straßenkinder. Mach doch mal, würde Nascha jetzt wahrscheinlich sagen wenn sie den Schnabel aufmachen würde, aber sie sitzt nur auf meiner Schulter wie es sich gehört und plustert ein wenig abgestoßen die Federn.
Das ist der Eindruck, den der Junge auf mich macht. Er mag die Wahrheit sagen, selbst bei so einer Geschichte, lasst es von mir aus die Wahrheit sein, aber er heischt dabei regelrecht um Mitleid. Er weiß, dass er ein Kind ist und er weiß, dass er die Masche des schutzlosen verängstigten Kindes gut spielen kann. Aber der Junge hat einen Daemon mit fester Gestalt. Lange wird er die Nummer nicht mehr durchziehen können. Mir stellen sich die feinen Haare auf den Armrücken unter dem Hemd auf unter dem Gefühl, dass der Junge uns nur benutzt. Versucht meinen wunden Punkt zu treffen und ihn für sich auszunutzen. Er müsste nicht mit dieser Geschichte von schlecht zu findenden Verstecken und warmen Mahlzeiten auftischen. Ich kann es mir gut vorstellen, mit der Nase darauf gestoßen zu werden, gibt mir das Gefühl, dass er der Meinung ist mich darauf hinweisen zu müssen. Dass ich es mir nicht von selbst vorstellen kann. Dass ich solche Verhältnisse nicht kenne. Finster durchbohrt mein Blick für einen Moment den Jungen, bevor ich ihn gewaltsam abwende und hinaus auf die Landschaft blicke um ihn nicht länger meinen Hass spüren zu lassen.
Fortzusehen beruhigt mich. Hilft mir, die Dinge wieder etwas aus der Distanz zu sehen. Mich daran zu erinnern, dass ich kein vierzehnjähriger Junge weit fort von daheim bin, der versucht, irgendwie mit den anderen Vierzehnjährigen mitzuhalten in dem klaren Wissen, dass sie ihn für einen verwöhnten Schwächling halten, sondern ein erwachsener Mensch, ein Angestellter des Magisteriums, der sich schon lange nicht mehr auf diese Perspektive hinab gelassen hat. Ich kann nicht einmal sagen, weshalb mich die Show des Jungen so heftig trifft. Weshalb ich mit einem Mal so unobjektiv bin. Aber ich bin froh als Nico in meinem Augenwinkel die Tür des Abteils öffnet und den Jungen in den Gang stellt. Gedämpft höre ich seine Worte an das Kind. Dass es warten soll. Ich frage mich was Nico vorhat, aber ich warte ab ohne noch einmal den Blick in die Richtung zu wenden, während mir die Dinge durch den Kopf gehen.
Kaum hat sich die Tür hinter dem Jungen geschlossen, flattert Nascha auf von meiner Schulter und lässt sich auf Asyas Hinterschädel direkt zwischen den Ohren nieder als wäre das ihr neuer erhöhender Thron und so viel edler als meine Schulter. Meinetwegen, soll sie. Erst als ich wahrnehme wie sich Nico mir gegenüber ans Fenster setzt und er leise das Wort an mich richtet, wende ich den Blick wieder fort vom Fenster und der vorbeiziehenden Landschaft um ihn anzusehen. Von irgendetwas gehört. Ein wenig erstaunt mich die klare Sachlichkeit mit der Nico diese Möglichkeit, die Wahrheit hinter den Worten des Jungen, in Betracht zieht und auf Möglichkeiten abklopft. Er erinnert mich an Starlings wissenschaftliche Methoden. An die Parteilosigkeit des Betrachters, die er mir so oft eingeprägt hat. Und zum ersten Mal beginne ich darüber nachzudenken. Wirklich sachlich die Dinge in meinem Kopf zu drehen. „Nein, ich habe nichts dergleichen gehört.“, antworte ich leise aber ohne zu flüstern. Ernst sehe ich Nico an, die Anspannung ist noch dabei aus meinen Gesichtszügen abzuebben und es steht außerhalb meiner Kraft sie dabei zu beschleunigen. Fast widerwillig wende ich mich der Möglichkeit zu, dass der Junge recht haben könnte. „Der Kleine klingt mir eher als wäre das eine seiner Maschen.“ Aber im Grunde sage ich das nur um dem Jungen ohne dessen Wissen Unrecht zu tun. Und ja, es befriedigt mich doch ein wenig. Ich atme tief durch während ich finster zur Tür sehe. Dann beschließe ich, dass es das Risiko nicht wert ist, das anzunehmen. „Die Verzweiflung ist zumindest echt. Aber mir gefällt nicht wie der Junge um Mitleid bettelt. Das hat fast schon etwas von schlechtem Theater.“, ergänze ich nicht ohne eine gewisse Abscheu, bevor ich Nico wieder ansehe. „Der tote Magisteriale wirkt auf mich eher wie die letzte Idee, die ihm einfallen wollte, um sich bei uns festzukrallen.“ Einen Moment starre ich finster und ohne Ziel ins Innere des Abteils. „Was kann es schaden, der Sache auf den Grund zu gehen?“ Überrascht und ein bisschen fassungslos sehe ich zu Nascha, die mit glattem Gefieder an der Tür auf Asyas Kopf thront. Sie hat den Kopf auf den Rücken gedreht und sieht mich ruhig aus ihren dunklen Knopfaugen an. Ich bin es nicht gewöhnt, dass sie spricht wenn Fremde so nah sind und wenn es nur eine Abteiltür ist, die mich von ihnen trennt. Seit der Junge hier hinein geplatzt ist fühlt sich das Abteil alles andere als privat an. „Was es schaden kann?! Du bist also gerne Spielball in den Händen eines Heranwachsenden?“ – „Na und? Hat doch nichts zu heißen. Wir lassen ihn mitfahren, lassen ihm seine Einbildung es geschafft zu haben und horchen ihn ein bisschen aus. Wenn er alles nur gespielt hat, können wir ihn in Sheffield irgendwo abgeben und haben etwas für unser Seelenheil getan – in diesem Fall also mein Heil wohlgemerkt, das dir nicht unwichtig sein sollte – indem wir einem Jungen ohne Mittel eine Zugfahrt in Sicherheit ermöglicht haben. Wenn er dagegen wirklich etwas gesehen hat, dann sind wir die ersten die davon erfahren. Wer weiß was die da oben vertuschen wollen, wäre nicht das erste Mal. Ein kleines Druckmittel könnte uns doch am Wenigsten schaden…“ Finster starre ich sie an. „Ein kleines Druckmittel?! Du meint ein rotes Kreuz auf unserem Rücken, das schreit ‚nehmt mich, ich will als nächster!‘?“ Achtlos zuckt sie mit den Flügeln. „Wenn du so dumm bist es herum zu posaunen…“ Ich starre sie weiter finster an. Aber meine Kiefer sind hart aufeinander gepresst, ich spüre wie sich meine Schläfen darunter wölben. Der Gedanke ist zu verlockend um ihn ohne weiteres abzutun. Ich weiß, dass Wissen immer auch Gefahr bedeutet. Zu viel wissen bedeutet zu viel Gefahr. Aber ich sehne mich schon so lange danach, endlich einmal etwas handfestes in der Hand zu haben und sei es nur ein winziges Stückchen um mir Freiheit zu erpressen… so irrsinnig es auch sein mag… dass mich der Gedanke nicht einfach loslässt. Es ist unvernünftig. Vollkommen unvernünftig. Aber Naschas Argumente sind zu gut, lassen es zu leicht aussehen, geben meinen Skrupeln zu wenig Bedeutung. Unsicher was das Beste wäre, sehe ich Nico an. Frage lautlos was er denkt. Es bleibt unsere Entscheidung. Wir müssen die Konsequenzen tragen. Seelenheil hin oder her. Und es ist mir egal wer hier Herr und wer Diener ist, ich werde meinem Bruder keine Entscheidung aufzwingen nur weil Nascha das so toll findet. „Dir wird schon kein Zacken aus deiner Erdbeerblattkrone brechen, kleiner Lord.“ Ich hasse diese Eule. Ich versuche Nascha zu ignorieren, nur kurz huscht mein Blick unkontrolliert zu ihr und schenkt ihr all die Wut, die ich auf sie habe ohne etwas zu sagen. Dann sehe ich wieder zu Nico. Nascha lasse ich links liegen. Sie versucht mich nur zu provozieren und mich damit dazu zu bringen, eine vorschnelle Entscheidung zu ihren Gunsten zu fällen. Was ich nicht verhindern kann ist die Art mit der der goldene Glanz der Möglichkeiten durch meinen Kopf wabert, was man mit solchem Wissen alles anstellen könnte. Aber der Zufall ist zu groß. Jede Vernunft in meinem Schädel sagt mir, dass es absoluter Schwachsinn ist, was der Junge sich da ausgedacht hat.
Die feinen Härchen auf meinen Unterarmen richten sich unbewusst auf. Während mir das Herz bis zum Hals schlägt. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen diesen beiden Herren von meiner Beobachtung zu erzählen. Für einen Rückzieher ist es jetzt jedoch zu spät. Und so beiße ich mir auf die Unterlippe und senke meinen Kopf. Während ich spüre wie sich Gloria erneut gegen meine Beine schmiegt. Am liebsten hätte ich mein Gesicht in ihrem weichen Fell vergraben. Doch widersage ich mir auch nur die kleinste Regung. Lediglich mein Blick huscht aus dem Augenwinkel zwischen den beiden Männern hin- und her. Deren argwöhnischen Mienen zu schließen glaubte man meinen Worten nicht. Und dieser Gedanke ließ mein Herz schwer in meiner Brust pochen. Wieso nur nicht? Ich konnte nun mal keine Beweise liefern.
Ohne jegliche Gegenwehr lasse ich mich auf die Füße stellen und hebe dennoch nicht meinen Kopf an. Nein. Der Boden des Abteils ist viel interessanter.
“J... Ja Sir.“
Stammle ich mit leiser Stimme und drücke meine Schultern durch. Jetzt wirke ich doch tatsächlich einige Zentimeter größer und auch aufrechter.
“Ich habe die Wahrheit gesagt. Bitte. Sie müssen mir glauben.“
Sprudelt's hastig über meine bebenden Lippen. Während ich meine Augen weit aufreiße und zwischen den beiden Herren hin- und her blicke. Im nächsten Moment verstummt auch schon mein Stimmlein. Denn mir wird bewusst,je häufiger ich betone die Wahrheit zu sagen. Desto unglaubwürdiger klingen meine Worte. Also schweige ich lieber und verkralle meine Finger in meiner dreckigen Jacke.
Im nächsten Moment befinde ich mich außerhalb des Abteils. Gloria natürlich an meiner Seite. Und starre die geschlossene Abteiltüre mit den zugezogenen Vorhängen an.
“Glaubst du das die Herren meine Worte glauben? Ich würde doch niemls lügen Gloria.“
Statt einer Antwort spüre ich wie sich die Kätzin gegen meine Beine schmiegt. Während ich mich gegen die ruckelnde Wand lehne und mit bang pochendem Herzen auf eine Reaktion aus dem Inneren des Abteils warte.
Nascha sitzt jetzt auf Asyas Kopf. Ich betrachte dieses seltsame Bild einen Moment fast ratlos, doch die beiden wirken als hätte es schon immer so sein sollen. Als wäre da nur aus dem einen Grund diese kleine Kuhle hinter Asyas Schädel, damit Nascha dort besser Platz findet, als hätten ihre Ohren nur aus diesem Grund den Abstand, den sie nun mal haben. Ich sehe wieder weg, zurück zu Anis. Nicke. Auch er hat nichts gehört. Das räumt die Wahrscheinlichkeit, dass ich schlicht schlecht informiert bin so gut wie aus. Falls dieser Mord den real ist, denn daran stellte Anis im nächsten Moment starke Zweifel. Mein Blick schweift einen Moment ab. So wie Anis es ausspricht, ist es absurd auch nur an die Geschichte des Jungen zu glauben. Bin ich dabei in die Falle des Kleinen zu tappen? Ich hatte versucht den Wahrheitsgehalt seiner Worte zu prüfen, sie durch Offensichtliches und hinreichende Wahrscheinlichkeit zu widerlegen und war ins Zweifeln gekommen. Wieder frage ich mich, ob ich zu gerne hätte, dass an der Geschichte des Jungen etwas dran ist, weil es mir zu gut in die Karten spielen würde. Bin ich zu wenig objektiv? Anis‘ Worte lassen mich wachsam werden. „Fragt sich nur weshalb er derart verzweifelt ist“, stimme ich ihm zu. „Er scheint ein Tollpatsch, aber nicht als würde er erst seit gestern auf der Straße leben…“ Ich schweige kurz, schüttle vage den Kopf. Vielleicht bin ich auch deshalb so geneigt dem Jungen zu glauben, es würde diese tiefe Verzweiflung zu gut erklären. „Wenn nicht der Mord, dann muss es etwas anderes sein…“ Es gibt viele Möglichkeiten. Einen Mord beobachtet zu haben, klingt jedenfalls um einiges heroischer, als selbst einen begangen zu haben und jetzt vor dem Strick zu flüchten. Ich nicke auf Anis nächsten Worte hin. Ja, so wirkt es tatsächlich, die letzte Verzweiflungstat, das letzte wilde um sich schlagen, bevor man untergeht. „Aber ist es nicht… es ist doch eine dumme Geschichte. Ein toter Magisterialer von dem niemand erfahren haben soll?“, spreche ich laut aus, was ich bereits zuvor überlegt hatte. Zweifelnd. Nicht unbedingt, weil ich dem Jungen so viel Glauben schenke und schon gar nicht um seine absurde Geschichte zu verteidigen. Es ist mehr ein Gedanke an dem ich nicht weiter komme und den ich nun mit Anis teile, in der Hoffnung, dass er noch weitere Aspekte hin zu fügt. Seine Gedanken einfließen läßt. „Ist er so dumm von all den Möglichkeiten so etwas absurdes zu wählen? Denkt er wir sind so dumm?“ Oder… ist er so gerissen zu wissen, dass die Geschichte derart absurd klingt, dass sie schon wieder dazu führt zu grübeln…? Ich will diesen letzten Gedanken gerade noch in Worte fassen, da unterbricht Nascha meine Überlegungen. Sie hat recht. Das Abwägen bringt uns auch nicht weiter. Der Junge ist der Schlüssel, wenn wir mehr erfahren wollen. Doch die Frage ist noch immer, ob wir das überhaupt wollen. Ich folge Naschas Worten, die beinahe ein Plädoyer werden. Grinse leise über ihre Spitzen, die sich fast ohne Verzögerung zu einem Wortgefecht mit Anis entwickeln und denke doch über das nach, was sie gesagt hat. Darüber, dass ich mich nur auf ihre Seite zu schlagen brauche und meine vagen Ideen von vorhin würden Umsetzung finden. Ich muss es nur...
„Lass uns den Spaß“, fordert Asya mit einem Mal. Ihr Blick liegt auf mir. Sie taxiert mich wie ein Schaf, bei dem es einzuschätzen gilt in welche Richtung es wohl zu entkommen versucht. Es liegt Misstrauen darin. Sie weiß, dass ich etwas vor habe und sie unterstützt mich darin wie eine unerschütterliche Komplizin. Aber sie weiß nicht, was ich letztendlich im Schilde führe – womit sie in guter Gesellschaft ist, denn das weiß ich selbst noch nicht so genau. Doch ich spüre noch etwas anderes überdeutlich. Ihre Missbilligung. Ich kenne diesen Blick. Sie will, dass ich springe. Dass ich eine Entscheidung treffe. In diesem Fall: Den Mund aufmache und sage, was ich vor habe. Nicht nur ihr. Sondern Nascha und meinem Bruder. Aber wie hätte ich das können, während ich mir selbst so wenig darüber im Klaren bin, was ich eigentlich will. Selten war mir mehr bewusst gewesen, wie wenig ich doch weiß, wo ich stehe. Es ist einfach sich zu sagen, dass es nur um den nächsten Tag geht. Nur darum einen nächsten Morgen zu erleben. Und noch einen. Und noch einen. Aber wenn ich der Wahrheit die Ehre lasse, lebe ich schon lange nicht mehr unter diesen Verhältnissen. Sich diese kurzen Ziele zu stecken, sich mit dem Abzulenken, was direkt vor mir liegt, das ist so viel mehr eine bequeme Ausrede geworden, die mich davon abhält mich mit den wahren Problemen auseinanderzusetzen. „Euch den Spaß lassen?!“, wiederhole ich, es klingt etwas lahm in meinen Ohren und ich spüre den heißen Scham. Asya gibt mir die Chance die Rolle desjenigen zu behalten, der ja auch dagegen ist den Jungen im Abteil zu behalten. Sie und Nascha. Dabei hätte ich es so viel mehr verdient allein dazustehen. Mich rechtfertigen zu müssen. Meinen ganzen verrückten, dämlichen Plan und meine verdammten Geheimnisse preis zu geben dabei. „Jaaah oder hast du auch Angst um deine…“ Asya schielt vergewissernd zu Nascha hinauf, bevor sie deren Worte wiederholt. „… Erdbeerblattkrone?“ – „Erdbeerblatt-was?“ Ich schüttle den Kopf. „Was?!“ Mein Blick geht hinüber zu Anis. „Wie kommt man überhaupt auf sowas?!“ Ich schnaube finster. „Wenn die den Bengel im Abteil behalten wollen, dann nur weil er so gute Geschichten erfindet wie sie“, feixe ich böse. Jetzt ist es an Asya spöttisch zu schnauben. „Da könnte der Kleine aber noch etwas lernen.“ – „Das hab ich nie bezweifelt“, ergebe ich mich widerwillig. „Ich denke aber auch, dass es nicht schaden kann, dem Jungen auf den Zahn zu fühlen“, meine ich dann sachlich und in Zustimmung zu Naschas Worten. Wäre das hier eine Demokratie, wäre Anis damit wohl überstimmt, aber das hier ist kein wilder Plan, den wir unter Brüdern aushecken. Das hier wird im übelsten Fall auf unserer beider Arbeit zurückfallen, schon allein sollten wir den Jungen einer kirchlichen Institution in die Hände geben und erst recht sollte etwas von dem vermeintlichen Mord, den er beobachtet haben will, nach außen dringen. Und in diesen Strukturen ist Anis noch immer der Herr. „He, Nascha“, stößt Asya in diesem Moment an, bevor ich noch irgendetwas hinzufügen kann. „was meinst du mit Druckmittel?“ Sie klingt als hätte ihr jemand von einer besonders spannenden Detektivgeschichte erzählt und als wolle sie unbedingt jedes Detail davon kennen. Es steht ja nur der Junge auf dem Gang, denke ich dabei. Selbst wenn es dem wohl nicht schaden konnte, mal etwas herunter zu kühlen. „Bevor ihr eine Verschwörung gegen das Kreuz anzettelt“, brumme ich sarkastisch, fast zornig vor Missmut, „sollte der Junge mehr als nur eine blühende Fantasie haben...“ Aber leise, kaum hörbar, weil es mich auch interessiert, was Nascha damit gemeint haben könnte.
Ja, weshalb ist der Junge so verzweifelt. Eine gute Frage. Mein Bruder stellt nur gute Fragen, deswegen ist er mein Bruder. Und er hat noch mehr davon auf Lager. Mein Blick gleitet ruhelos durchs Abteil während ich nachdenke und seinen Worten nachgehe. Den Möglichkeiten folge, die er da anreißt. Ja, er hat Recht, es wäre eine dumme Geschichte. Aber wie viel Berechnung ist dem Kleinen zuzutrauen? Ich könnte dem Jungen sofort sagen, er soll seiner Wege ziehen, wäre da nicht diese Möglichkeit, dass an der Geschichte des toten Magisterialen doch etwas dran ist. Dass dieses Wissen etwas für uns bedeuten könnte. Und nebenbei auch noch Naschas Seelenheil, wie sie es genannt hat, ein paar zusätzliche Sternchen erhält. Ich frage mich ob das wirklich so einfach läuft. Das ist wieder ein Konzept das nur im Schädel dieser Eule so funktioniert. Aber wie immer kann ich die Möglichkeit, dass es so ist nicht einfach abtun. Ich habe mir so oft gesagt, dass es so nicht laufen kann. Aber wenn doch? Tja, wenn doch, dann habe ich sowieso längst verloren. „Wer weiß“, antworte ich vage. Und ich kann es nicht einmal ausschließen, dass der Junge uns für dämlich hält. Was denkt ein Straßenjunge über einen hohen Herren und seinen Valeten wenn er weiß, dass es ihnen ein Leben lang gut geht? Ich kenne Menschen von der Straße. Sie schützen sich mit Hass vor dem Neid, den sie verspüren und ich kann es ihnen nicht einmal verdanken. Wenn ein Junge mit solchen Bildern aufwächst, wer könnte es ihm verdenken, wenn er meint es sich mit einem Herrn und seinem Valet leicht machen zu können? Mögen sie auch vom Magisterium sein. Wer weiß schon was man darüber auf der Straße so diskutiert…
Asyas Worte von der Tür reißen mich aus diesen fatalistischen Gedanken. Lustlos hebe ich den Blick um sie anzusehen, wie sie den Kopf nach hinten gedreht hat um Nico anzusehen und Nascha auf ihrem Kopf die Gelegenheit genutzt hat um ihr Gesicht wieder nach vorne zu drehen und Nico ebenfalls anzusehen, als wären sie zwei kleine Kinder, die Nico um Erlaubnis bitten, mit den Nachbarskindern spielen gehen zu dürfen. Ich frage mich ob Eltern so über ihre Nachbarskinder denken wie wir über diesen Jungen. Nico reagiert entsprechend perplex. Und Asya nutzt die Gelegenheit um ihre Argumentation auszuführen – mindestens so konstruktiv wie Nascha zuvor. Und sie holt sie wieder raus… die Erdbeerblattkrone… Und Nico fragt prompt nach. Ich stöhne leise und lehne mich wieder zurück, den Kopf in den Nacken gelegt, den Blick zur Decke, als könnte ich dort oben irgendwelche höheren Mächte um Erlösung anflehen. Klar, dass mich da oben keiner hört. Ich senke den Blick wieder, gerade rechtzeitig um Nicos irritierten Blick einzufangen. „Wie kommt man überhaupt auf sowas?!“ Ich atme tief durch. Ja, wie kommt man auf sowas? Einfach indem man eine ausgeflippte Eule ist wahrscheinlich… Aber es steckt eine zu lange, zu peinliche Geschichte dahinter als dass ich wüsste, wo ich anfangen sollte, das zu erklären. Dass Asya das überhaupt aufgreifen musste ist schon meine größte Strafe. Ich hatte die Bemerkung so gekonnt ignoriert. Aber wahrscheinlich hat Nascha genau damit kalkuliert. Dass sie Verbündete in diesem Abteil hat. Sonst hätte sie diese Sache nicht hervorgeholt. Sie ist so ein Scheusal. Ich bemerke es daran wie begierig sie Nicos und Asyas kurzes Wortgefecht abwartet, bevor sie den Kopf zu Asya senkt und mit ausgesuchter Leidenschaft die Geschichte zur Erdbeerblattkrone breittritt. „Die Krone eines Earls hat goldene Erdbeerblätter appliziert, weißt du? Es macht ihn ganz fuchsig wenn ich ihn damit aufziehe…“ Man hört das Feixen in Naschas Stimme, sie hat sich eindeutig darauf gefreut, diese Geschichte zu erzählen. Mein genervter, ungehaltener Blick geht zu Nascha. Ich hätte gerne etwas zum Werfen um sie von ihrem Thron herunter zu holen. Leider habe ich nichts passendes in der Nähe. Mein Gepäck ist nicht hier. Und nur das wäre wahrscheinlich schwer genug um ihren Schädel zu zertrümmern. „Sie versucht mich nur zur Weißglut zu treiben.“, erkläre ich finster für Nico. Der Wunsch, das Thema ganz schnell zu vergessen, erinnert mich an Nicos letzte Aussage. Dass er es für gut hält, dem Jungen auf den Zahn zu fühlen. Ich weiß nicht, ob es mich freut das zu hören. Einen Teil ja, einen anderen Teil… besorgt das nur. Eine warnende Stimme in meinem Hinterkopf warnt mich davor, dass wir uns da auf etwas einlassen, das uns eine ganze Weile verfolgen wird. Ich atme tief durch. Aber gut, was habe ich schon zu sagen. Ich bin überstimmt. Wir holen die kleine Rotznase also wieder ins Abteil. Gott, was werde ich das bereuen.
Während ich mich im Geiste dem Urteil der Mehrheit beuge, hebt Asya etwas den Kopf, sieht zu Nascha hoch und fragt nach, was sie mit dem Druckmittel gemeint hat. Ich bin froh, dass Nico rechtzeitig einschreitet und verhindert, dass unsere Daemonen noch einmal so frech und übermütig werden. Mein finsterer Blick nimmt die beiden ins Visier um seine Worte zu bekräftigen. Verschwörung, das trifft es gut. Denn das ist meine dunkelste Befürchtung. Auch wenn die Formulierung übertrieben ist, Nascha würde ich solche Pläne ohne weiteres zutrauen. Sie kennt kein Pardon wenn es um die Durchsetzung ihres Willens geht. Und Nico erinnert sie freundlich daran, dass sie eventuell nicht einmal eine Grundlage für solche Pläne haben. Aber Nascha lässt sich davon nicht beeindrucken. Es stört mich, dass sie meint, Nicos Einwände hätten für sie kein Gewicht. Es reicht, wenn sie meint über mir zu stehen. Aber sie soll sich nicht auch noch über meinen kleinen Bruder emporschwingen. Das darf höchstens ich. Und selbst ich tue das nicht gerne. Trotzdem fällt mir nichts ein, womit ich sie aufhalten könnte. Und so lasse ich sie reden. Nico weiß sowieso was für einen ausgemachten Blödsinn Nascha verzapft. Er kann zwischen Rationalität und einer, wie er es nennt, blühenden Fantasie sicherlich gut unterscheiden. „Na überleg mal: ein Mord an einem Magisterialen, von dem niemand etwas erfährt? Normalerweise geht bei solchen Ereignissen ein Ruck durch die ganze Landeskirche und so sehr kann Davies uns gar nicht hassen, als dass er uns das verschweigen könnte. Jetzt nimm mal an, der Junge hat Recht. Dann wurde der Mord systematisch vertuscht. Entweder weil sie den Mann loswerden wollten oder weil es kein gutes Licht aufs Magisterium wirft wenn er ermordet wird. Was also würden sie dafür geben, dass geheim bleibt, was geheim ist, hm? Das ist das Druckmittel.“ Wie eine Dozentin führt sie ihre hübsche kleine Theorie zu einem Ende und wankt dabei ein wenig um das Gleichgewicht auf Asyas Schädel zu behalten. „Wir müssten nur aufpassen, dass sie uns nicht auch beseitigen.“, schließt Nascha, als wäre das ein Kinderspiel. Ich schnaube. „Genau, und das ist der Casus Knacksus, junge Dame.“, spotte ich abfällig über so eine hirnrissige Überlegung.
Beschämt senke ich den Blick unter Naschas Erklärung, während Asya nur lacht. Mir hätte bewusst sein müssen, dass mehr dahinter steckt. Asya hätte das bewusst sein müssen. Wie kennen die beiden doch. Kannten die beiden. In diesen Dingen ändert man sich nicht. Diese Art zu denken, die komplexen Strukturen. Nur dass wir es seit etlichen Jahren nicht mehr gewohnt sind, dass jemand mit dem es uns erlaubt wäre zu scherzen in solchen Strukturen denkt, zu solch komplexen Gedanken fähig wäre. „Nur ein Scherz, Nico…“, prustet Asya, die wohl spüren muss, wie peinlich berührt ich davon bin. Ich presse die Lippen zusammen. Ja. Natürlich. Ein Scherz. Ein Scherz, den wir nicht sofort verstanden haben. Ein Scherz aufgrund dessen Asya mich mal kurzfristig zum Earl gekrönt hat. Aber ein Scherz. Nichts als ein dummer Scherz. Nur um… Anis zur Weißglut zu bringen. Ich nicke. Als würde ich irgendetwas verstehen, während ich noch immer am liebsten im Erdboden versunken wäre. „Ihm ist so etwas doch immer direkt so peinlich. Sich über seinen Stand erheben und so.“ Es ist fast als würden Asya und Nascha sich über die seltsamen Eigenheiten ihrer Kinder unterhalten, während die am Spielen sind. Nur dass wir sehr wohl mitbekommen, was unsere Daemonen sagen. Jetzt sehe ich doch kurz auf. Starre Asya böse an bei ihren Worten. Wie sie das sagt… sowas... immer... Als hätten wir täglich Gelegenheit uns daran zu erinnern, dass ich der uneheliche Sohn eines Earls bin, der trotz besseren Wissens seinen Schwanz nicht in der Hose hatte behalten können. Tatsächlich habe ich kaum mehr darüber nachgedacht. Nicht mit dieser Bitterkeit, die mehr unseren Jugendtagen entflohen zu sein scheint. Anis ist ein Fehler. Fehler sind ärgerlich, aber sie passieren. Ich bin schlimmer als das. Ich bin die Dummheit eines Mannes, der es aus Erfahrung besser hätte wissen müssen.
Ich bin froh, als Nascha ihren – potentiellen – Plan erläutert. Ein sehr gerissenes Vorhaben. Und sie hat Recht mit dem, was sie sagt. Nur… dass… es ungewöhnlich wäre. Diese Fälle die sie beschreibt sind… nun ja, sagen wir so, gäbe es sie nicht, wäre ich arbeitslos und neben mir noch viele Männer. Aber es würde bedeuten, dass Father Ibrim uns nicht informiert hatte - oder selbst nicht Bescheid wusste. Der Mord ist, wenn der Junge nicht schon eine Weile unterwegs war, in London geschehen. Wer außer der Inquisition in London würde ein solches Vorhaben innerhalb der Kirche umsetzen? Es gibt durchaus noch andere Stellen, die dazu fähig gewesen wären, aber auch die sind in aller Regel vernetzt mit der Inquisition. Ich will mich kaum anmaßen über alles Bescheid zu wissen, was Father Ibrim tut, das wäre absurd. Aber in den großen Dingen bin ich es gewohnt früher oder später Wind davon zu bekommen. Schlicht da es meine Arbeit beeinflussen könnte. Es wäre also durchaus möglich, was Nascha überlegt, aber es würde bedeuten, dass es eine verwundene Geschichte ist. Eine, die nicht wie üblich abgelaufen ist. Das… „Oder…“, setze ich zögerlich an. Ich begegne Asyas Blick, aber dieses Mal hilft sie mir nicht. „Der Pakt…“, murmelt sie nur. Ich nicke abwägend. Die oder eine andere Organisation, die mächtig genug war. „Vielleicht hat das Magisterium wirklich noch keine Ahnung.“ Ich registriere erst im nächsten Moment, dass wir nicht allein im Abteil sind. Dass ich meine Gedanken nicht nur mit einer sprunghaften Hündin zu teilen habe, sondern eventuell erklären muss, auf was ich hinaus will. Es ist nur… es gehört zu diesen Dingen, über die ich seit über fünf Jahren nicht mehr gesprochen habe, die mir irgendwie gelungen waren damals zu umschiffen. Sie einem Mann der Kirche gegenüber in den Mund zu nehmen ist ein unüberschaubares Risiko. Nur, dass das mein Bruder ist, erinnere ich mich selbst. Vage reibe ich mir über den Arm und weiß auch, dass gute Männer in gutem Glauben, Dinge tun können, die mir nicht gut bekommen würden. Ich glaube nicht daran, dass Anis mich aus böser Absicht ans Messer liefern würde. Aber auch aus höherem Glauben heraus, führt es zum selben Ergebnis. Sollten meine – und sind sie noch so ehemalig – Kontakte zu Radikalen dieses Abteil verlassen, dann... weiß ich nicht wohin das führen könnte. Aber ich habe den Mund auf gemacht und ich denke an Naschas unfeines Vorhaben. Vielleicht mehr Ränkespiel in den Strukturen der Kirche als Verschwörung gegen sie. Aber hätte sie das ausgesprochen, wenn sie voll in diesen Strukturen verwurzelt wäre? Wer braucht ein Druckmittel, wenn er vollständig von dem überzeugt ist, wo er sich befindet? All die Verbitterung in Anis vorangegangenen Worten und Erzählungen… „Der Major war kein Freund der Kirche“, wiederhole ich mich schließlich. „Er war auch nicht… nun…“ Ich atme langsam aus. Ich habe nie zuvor schlecht über den Major gesprochen. Ich habe seine Geheimnisse bewahrt, so weit es mir gelungen ist. Es hat seinen Preis gekostet, aber hätte ich damals alles gesagt, wäre der Preis womöglich noch höher gewesen. Dass ich jetzt aus freien Stücken spreche hat beinahe Ironie. „… Exitus acta probat.“ Das sind nicht die Worte, die ich von Major Morigan habe. Sie gehören einem anderen Mann. Einem Mann der Kirche. Aber es ist dasselbe Konzept. „Er hat sich nie so sehr um die Rechtmäßigkeit der Mittel und Wege gekümmert. Nicht gesetzlich jedenfalls. Er hatte andere Maßstäbe. Jedenfalls in seinen Bemühungen gegen die Kirche hat er mit unter gemeinsame Sache gemacht mit… man würde sie denke ich Radikale nennen. Die meisten sind Spinner, die eine Welt ohne kirchliche Macht anstreben, Grundsätze wie Glaubensfreiheit, wie sie es nennen, und dass staatliche Strukturen über denen der Kirche stehen, solche Dinge.“ Mein Blick geht einen Moment hinaus aus dem Fenster des Abteils. „Die meisten sind Spinner“, sage ich noch einmal, „sie haben Ideen, aber keine Ahnung, wie sie etwas davon umsetzen sollen. Aber es gibt andere. Ich kenne den ‚Pakt des freien Glaubens‘, aber es gibt sicher noch mehr. Sie sind gut organisiert. Sehr gut organisiert und weit verzweigt, mit mächtigen Mitgliedern und Geldgebern. Sie… nun, ich weiß nicht wie es heute ist, aber vor fünf Jahren hätten sie die Macht gehabt einen Mord zu vertuschen.“ Ich schüttle entschieden den Kopf. Jetzt da ich es ausgesprochen habe, habe ich keine Ahnung, weshalb ich es überhaupt getan habe. Auf was will ich eigentlich hinaus? Hätte es nicht gereicht zu sagen ‚Es wäre möglich, dass sie es noch nicht wissen‘? Habe ich wirklich so viel Spaß daran mit dem Feuer zu spielen? Was belaste ich Anis mit einem solchen Wissen? Was bringe ich mich selbst damit in Gefahr? Wie ein dummer Schüler, der unbedingt etwas zu dem Gespräch beitragen will, das viel zu hoch für ihn geworden ist. Mein Herz klopft schneller. Es ist als könnte ich erst jetzt realisieren, was ich da getan habe. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird sich die Geschichte des Jungen als nichts als Erfindung herausstellen. Und selbst wenn der Mord real ist, so ist die Wahrscheinlichkeit sehr viel höher, dass es, wie Nascha gesagt hat eine kircheninterne Sache ist. Oder irgendeine andere Dummheit. Was ich dagegen getan habe… Selbst Asya starrt mich wie vom Donner gerührt an. Ich schüttle wieder den Kopf. Mein Blick liegt in dem ihren, als müsste ich mich an irgendetwas festhalten. „Wahrscheinlich existieren sie ohnehin nicht mehr…“, murmle ich schwach in dem Versuch meine eigenen Worte herunterzuspielen. „Die Kirche hat eine Menge Säuberung betrieben in den letzten Jahren.“ Das weiß ich. Das weiß ich sehr gut. Warum bin ich auch so leichtsinnig? Ein drittes Mal schüttle ich den Kopf, mehr wie ein nasser Hund dieses Mal, wie um mich selbst zur Vernunft zu bringen. Ich weiß längst warum. Weil etwas in mir noch immer nicht begriffen hat, dass mehr als zwanzig Jahre vergangen sind, seit ich meinen Bruder das letzte Mal gesehen habe. Etwas in mir will ihm noch immer bedingungslos alles erzählen, was mir durch den Kopf geht. Nur dass es kein gestohlenes Stück Kuchen mehr ist, das im schlimmsten Fall Anis‘ Gewissen belastet, wenn ich meine verborgensten Geheimnisse preis geben. Nur dass es nicht länger nur eine Tracht Prügel ist, die mich erwartet, wenn einer von uns einen falschen Schritt tut. „Verzeih... verzeih mir, das war nur dummes Gerede. Sicher will der Junge uns sowieso nur etwas vor machen...“ Ich widerstehe der Versuchung noch weiter zu plappern. Ich spüre instinktiv, dass ich es von hier an nur noch schlimmer machen kann.
Wie Asya über Nico spottet. Es fällt mir da erst auf. Nicos betretener Blick. Wie stumm er plötzlich ist. Mein Blick richtet sich auf ihn, als würde ich ihn zum ersten Mal sehen. Dann sehe ich grübelnd und ernst zu Asya, während sie Nascha erklärt, dass er …. Stand. Sich über seinen Stand erheben?! Ich kann nicht verhindern, dass sich meine Brauen zusammen ziehen. Wenn ich hätte raten müssen, was an dieser verrückten Erdbeergeschichte Nico so hat treffen können, dann wäre ich nicht auf diese Begründung gekommen. Ich habe ihn in Verlegenheit gebracht, damit dass Nascha mich aufgezogen und Asya in genau die selbe Kerbe gehauen hat. Und das haben wir wieder einmal nur Naschas vorlautem Schnabel zu verdanken. Aber, dass das irgendetwas mit ihm zu tun hätte… dass irgendjemand in diesem Abteil daraus Rückschlüsse auf ihn ziehen würde… Ich kann nicht sagen warum mir der Gedanke so fremd und unmöglich erscheint. Aber aus Asyas Worten lässt sich nichts anderes schließen. Und die Art wie sie über Nico spricht, löst in mir den Wunsch aus, meinen Bruder gegen seinen eigenen Daemon zu verteidigen. Nascha kichert nur dümmlich. Mein Blick bohrt sich streng und strafend in den der Eule. Alles was ich sagen will ist „Hört auf ihm so wehzutun.“, aber die Worte bleiben mir im Hals stecken. Ich würde Nico nur noch mehr in Verlegenheit bringen, wenn ich ihn verteidige. Er ist kein Zehnjähriger mehr. Im Gegensatz zu mir hat er den Krieg gesehen. Wie viel erwachsener kann man werden?
Immerhin, mein Blick bringt Nascha dazu, nicht noch weiter nachzutreten. Vielleicht hat sie sich an das letzte Bisschen Anstand erinnert, das sie besitzt. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass sie die Nachfrage nach ihren kleinen Verschwörungstheorien einfach zu viel Spaß bereitet hat und sie jetzt vollkommen bereitwillig das Thema wechselt, weil das neue ihr mehr Aufmerksamkeit zuspielt. Und tatsächlich genießt sie das goldene Licht der Aufmerksamkeit, das auf sie scheint in vollen Zügen. Auf skurrile Weise fällt mir eher als alles andere auf, wie sowohl Nicos als auch Asyas Blick sich auf die kleine Eule richten, die in stolzer vorgetäuschter Raffinesse von ihren Überlegungen erzählt, während ich wie ein Fremder im falschen Abteil daneben sitze und als einziger zu bemerken scheine, in welche Richtung diese Sache zu gehen droht. Zeit sie auf den Boden der Tatsachen zurück zu holen.
Aber wenn mein Kommentar zu etwas führt, dann höchstens zu Naschas aufflammendem Selbstvertrauen, denn sie wirft sich noch leidenschaftlicher in die Brust. Doch bevor sie ihren Protest äußern und auch diese Lücke in ihrem „genialen Plan“ schließen kann, kommt von Nico ein Laut, der uns beide zum Schweigen bringt. Unsere Blicke richten sich zeitgleich auf Nico. Im ersten Moment, habe ich das einzelne Wort nicht verstanden, das Nico geäußert hat. Erst als Asya ihm antwortet, formt sich der Laut in meinem Kopf zu einem Wort mit Bedeutung. Oder der Pakt. Irritiert zucken meine Augenbrauen, während ich versuche zu verstehen. „Vielleicht hat das Magisterium wirklich noch keine Ahnung.“ Jetzt bin ich vollends verwirrt. Das Magisterium keine Ahnung. Der Pakt. Und dann schließen sich die Andeutungen zu einem Sinn zusammen. Ein Angriff von außen. Nichts, das das Magisterium selbst vertuschen würde. Keine hinterlistige Intrige aus den eigenen Reihen, sondern ein Angriff von außen. Durch den einzigen Verbund, der sich trauen würde, die Kirche offen anzufeinden. Der Pakt. Was ich über den Pakt weiß ist nicht viel. Im Grunde nur, dass er existiert, obwohl seine Existenz als solches im Magisterium so dramatisch heruntergespielt wird, dass es einen nur misstrauisch machen kann. Eine Möglichkeit, an verlässliche Informationen zu kommen ohne Bestechung anzuwenden, lassen sie einem trotzdem nicht. Und für diese Anstrengung war mir die Information nie genug wert. Ich frage mich jetzt ob das ein Fehler war, während Asya und Nico sich ansehen als könnten sie über Gedanken kommunizieren.
Dann beginnt Nico zu sprechen. Erst langsam, zögerlich, mit großem Lücken im Gesagten, sodass es sich anfühlt als sähe ich nur die ersten Puzzelteile eines Ganzen und als sei es an mir, sie zusammen zu setzen. Der Major, kein Freund der Kirche. Exitus acta probat. Ich kann nicht verhindern, dass ich die Worte sofort verstehe. Latein ist eine der Sprachen, die ich am tiefsten verabscheue und doch am häufigsten verwende neben dem Englischen. Das bringt das Magisterium so mit sich. Der Zweck heiligt die Mittel. Eine gefährliche Einstellung. Und doch der des Magisteriums nicht unähnlich. Das hat fast eine gewisse Ironie. Aufmerksam höre ich Nico zu, während er von der Einstellung des Majors, seines Vorgesetzten erzählt. Von seinen Freunden und Verbündeten. Ich habe untertrieben. Der Wechsel vom Major zur Kirche muss ein härterer für Nico gewesen sein als ich es vermutet habe. Und während er davon erzählt welche für das Magisterium ketzerische Dinge der Pakt verfolgt und dass der Major selbst ein Teil dieser Organisation gewesen war, fällt mir diese riesige Kluft zwischen diesen beiden Arbeitsstellen in Nicos Leben umso deutlicher auf. Kann man nur Diener sein, wenn der Herr solche Ziele verfolgt? Als sich mir die einzige verbleibende Frage stellt, beginne ich das Ausmaß dieses Wechsels zu erahnen. Wie kommt man von einer Stellung als Bediensteter eines Mitglieds des Pakts zu einer Anstellung im Magisterium. Die Antworten, die mir darauf einfallen gehen in eine Richtung, die ich nicht näher benennen möchte. Aber sie tun sich gähnend vor mir auf wie eine tiefe schwarze Kluft des Unaussprechlichen. Nachdenklich betrachte ich Nico. Und ich frage mich was das Magisterium ihm angetan hat.
Es kommt mir keine Sekunde in den Sinn, meinen kleinen Bruder zu verurteilen. Nicht für seinen Wechsel. Nicht dafür, dass er einem Herrn gedient hat, der dem Pakt angehört hat. Nicht einmal der Gedanke, dass er Sympathien für sie gehegt haben könnte, schockiert mich besonders. Es überrascht mich selbst ein wenig, wie wenig gravierende Schwere ich darin sehe. Aber all das scheint mir unbedeutend wenn ich darüber nachdenke, was es für Nico bedeutet haben muss, so radikal den Herrn zu wechseln. Es gibt Dinge, die ich mir nicht vorstellen kann.
Erst als Nico die Dinge herunterspielt, einen regelrechten Rückzieher macht und meint, dass es den Pakt vermutlich nicht mehr gibt, fällt mir auf, dass er seine Ausführungen beendet hat. Seine Worte wirbeln in meinem Kopf hin und her. Ständig verfolgen meine Gedanken eine andere Richtung im Gesagten. Die Macht einen Mord zu vertuschen. Ich weiß nicht, weshalb das meine Eingeweide so zum Flattern bringt. Dieser Gedanke. Wie eine Verheißung. Dabei ist es falsch. Weshalb sollte mir der Gedanke, dass das Magisterium so mächtige Feinde hat so sehr zusagen? Schuldig senke ich ein wenig den Blick, richte ihn dann vorsichtig auf das einzige Wesen, mit dem ich diesen Gedanken teile. Nascha blickt ausdruckslos zurück. Aber sie weiß was ich denke. Und sie denkt es auch. Ich zwinge mich, nicht darüber nachzudenken. Und doch trifft es mich beinahe wie ein Schlag gegen die Brust als Nico mich um Verzeihung bittet, dass er das Thema überhaupt angeschnitten hat. „Nein“, antworte ich zögerlich, aber behutsam. Denn nein, ich bereue nichts davon. Auch wenn ich seine Beklemmung spüre. „Das ist eine Möglichkeit, die wir nicht ausschließen sollten.“, versuche ich unbeholfen, der Verkleinerung durch Nico entgegen zu wirken ohne ihn zu verletzen oder zu übergehen. „Dass das Magisterium die Existenz seiner Gegner herunterspielt muss nicht bedeuten, dass es sie nicht gibt.“ Ich versuche Nico in die Augen zu sehen. Versuche seinen Blick zu finden. Ich habe keine Ahnung was ich ihm sagen möchte. Aber der Wunsch ist so stark, dass ich ihm nicht widerstehen kann. Ich habe keine Ahnung was ich da tue, aber Nascha schweigt und niemand hält mich auf. Das ist mir mit einem Mal ungeheuer wichtig. Es scheint mir selbst plötzlich wichtig, der Spur nachzugehen. Die Türen nicht zuzuschlagen. Die Möglichkeiten nicht zu verschließen. Und das obwohl ich wenige Minuten zuvor Nascha selbst noch eine Rüge verpasst habe, dass sie so leichtsinnig sei. „Lassen wir den Kleinen bis Sheffield mitfahren. Hören wir uns an was er zu erzählen hat.“ Ich klinge in meinen eigenen Ohren zu entschlossen. Zu ernst. Zu strategisch konzentriert. Zu sehr wie ein Feldherr über einem ausgeklügelten Plan, der nicht existieren dürfte. „Denkst du, du kannst ihm irgendwo einen Anzug oder zumindest einen Waschlappen und ein wenig Wasser auftreiben?“ Mein Ton wird behutsam. Dann gleitet ein verschwörerisch scherzhaftes Lächeln über meine Züge. „Wenn der Junge weiter so mit uns durch die Landschaft fährt, denkt jeder weitere Fahrgast der uns begegnet, wir wären der Vagabundenverein von St. Nichols.“ Das Lächeln erwärmt mein Gesicht, die Unternehmungslust mein Herz. Und Nascha schweigt.
Ich nicke. Nein, das ist es wirklich nicht. Und wenn Anis denkt, dass ich das gesagt habe, weil ich so überzeugt von dem bin, was die Kirche verkündet, dann bin ich nicht so verloren, wie ich dachte. Im Gegenteil, unter diesen Umständen ist es geradezu schmeichelhaft oder zumindest höflich mir diese Gründe für meine zügige Revision zu unterstellen. Ich bin fast erleichtert, dabei weiß ich, dass es nur eine Illusion ist. In diesem Moment kann ich noch unmöglich abschätzen, was meine Worte mit sich bringen können. Welche Lawine sie auslösen könnten und was mir dabei am meisten Sorge bereitet, ist dass Nascha schweigt. Schon als Kind habe ich gelernt, dass das ein gefährliches Zeichen darstellen kann. Es ist seltsam, wie sehr ich in diese alten Muster falle. Immerhin hätte es kaum mehr üblich sein sollen, wie ungezwungen unsere Daemonen sprechen. Selbst meine eigene Mutter würde Asya nicht direkt ansprechen - gut, das war ohnehin ein schlechtes Beispiel. Aber selbst wenn es um Febe ging, redete Asya einzig und allein auf Caspian ein. Nie hätte sie Febe angesprochen. Wie seltsam es ist, dass Nascha und Asya hier so offen ihre Gedanken kund tun, das fällt mir erst jetzt wieder auf. Erst jetzt, da Nascha schweigt.
Ich bin dankbar, als Anis eine Entscheidung trifft und stehe auf, als er mir eine Anweisung gibt. Zugegeben eine sehr umsichtig formulierte, aber für mich kommt es auf dasselbe hinaus. „Selbstverständlich, Sir“, gebe ich die einzig akzeptable Antwort. bemerke erst im nächsten Moment dass das viel zu hochgestochen war. Wir sind noch immer allein. „Ah, ich meine, ich versuche es.“ Ich habe keine Ahnung, wie ich das bewerkstelligen soll. Keine Ahnung, wie Anis sich das vorstellt - das ist ein Zug keine Einkaufsstraße. Aber das zählt nicht. Das zählt nie. Komplizierte Dinge einfach zu machen ist mein Job. „Na dann los, St. Nichols“, kräht Asya gut gelaunt, weil es ja wirklich so lustig ist, dass mein Name sich darin findet. Ich widerstehe der Versuchung sie am Ohr zu packen, das hätte mir nur selbst weh getan. Einmal davon abgesehen, dass ich mit den Gedanken längst einen Schritt weiter bin. Dabei meine Arbeit zu tun. Für mich ist eine unmöglich scheinende Aufgabe vor allem mit dieser Angst verbunden, wie ich sie nur erfüllen soll. Sie ist der giftige Drache, den ich bezwingen muss. Es ist ein Kampf, der seinen eigenen Reiz hat. Schon immer für mich gehabt hat. Für Asya dagegen ist es wie die Quintessenz ihres Lebens. Sie hat ebenso wenig Ahnung wie ich, wie wir das schaffen sollen, aber es klingt verrückt, es klingt nach einer Herausforderung, mehr interessiert sie nicht. Die Hündin trabt enthusiastisch voran, als ich die Tür des Abteils öffne. Ich schließe sie möglichst leise hinter mir. Da steht noch immer der Junge. Ich nehme ihn bei der Schulter und führe ihn zwei Schritte zur Seite. „Du darfst bis Sheffield mit im Abteil fahren“, eröffne ich ihm direkt. „Dort finden wir einen Platz für euch“, höre ich Asya dem Daemon des Jungen versprechen. Ich presse einen Moment die Zähne aufeinander. Ein Kind und Asya wird weich wie sonst nie. Glücklicherweise ist den meisten Kindern bei ihrer Gestalt ohnehin mehr danach verschreckt wegzulaufen, das ist meine eigene Version von ‚Ich habs dir gesagt‘. Ohne Asyas Versprechen weiter zu beachten, fahre ich fort: „Ich will, dass du dich benimmst, verstanden? Du darfst mit uns reisen, weil Mr. Langdon es erlaubt.“ Ich mache eine knappe Geste in Richtung Abteil, damit er weiß, wen ich damit meine. „Du hast nichts um diese Großzügigkeit zu vergelten“, stelle ich dann ruhig fest. Das ist kein Vorwurf. Einzig eine Feststellung. „Also wirst du dich entsprechend benehmen, um deine Dankbarkeit zu zeigen, ganz wie du es versprochen hast. Mr. Langdon ist mein Herr und da er es auf seine Verantwortung genommen hat, dich mit zu nehmen, wirst du dich verhalten, als wäre er auch der deine. Du weißt wie man sich einem Herrn gegenüber verhält?“ Ich erspare dem Jungen die Peinlichkeit Antwort geben zu müssen. Sein vorangegangenes Verhalten hat mich ausreichend vom Gegenteil überzeugt. „Mr. Langdon ist ein Mann der Kirche, aber kein Geistlicher. Als wirst du ihm mit ‚Sir‘ antworten“, erläutere ich. Meine Stimme ist sachlich, nachdrückliche Härte liegt darin, aber nicht herablassend. Ich werde keinen Widerspruch dulden. Aber ich mache ihm keinen Vorwurf aus seinem Unwissen. Solange er meine Worte befolgt, solls ihm von mir aus vergolten sein, wie er sich zuvor benommen hat. Sein Daemon mag bereits feste Gestalt haben, doch was vor mir steht, ist ein Kind. Es ist nicht seine Schuld aus der Gosse zu kommen. Aber wenn er da ehrlich weg will, dann wird er sich dafür anstrengen müssen. „Du wartest, bis dir erlaubt wird dich zu setzen und wenn du nicht willst, dass wir dich nach der Zugreise hier lassen, um die Abteile zu putzen, dann wirst du dich auch nicht mehr einfach irgendwo auf den Boden werfen, verstanden? Du verhältst dich ruhig, anständig. Sprichst nur, wenn du dazu aufgefordert wirst und siehst denjenigen an, der mit dir spricht.“ Ich überlege einen Moment, es ist schwer Dinge in Worte zu fassen, die man selbst von klein auf eingebläut bekommen hat. Sie werden selbstverständlich mit der Zeit und es wird schwer sich in jemanden hinein zu versetzen, dem all diese Etikette höchstens aus der Ferne bekannt ist. „Geh schon einmal hinein, du kannst nicht länger hier rumlungern“, meine ich dann, selbst wenn ich meinem… selbst wenn ich Anis gern die abgerissene Gestalt, die der Kleine nun einmal bietet, erspart hätte, aber ihn mit mir zu nehmen hätte zu viel Aufmerksamkeit gekostet und die kann ich bei diesem Vorhaben am wenigsten gebrauchen. „Ich werde sehen, dass ich dir etwas Anständiges zum anziehen auftreiben kann und etwas, damit du dir wenigstens das Gesicht waschen kannst.“ Ich verkünde dem Kleinen diese Aussichten ganz bewusst bereits jetzt. Ich weiß nicht, wie begeistert er davon sein wird, sich von den Lumpen zu trennen, die er bereits wer-weiß-wie-lang trägt. Aber… „Das ist Voraussetzung, um mit uns zu reisen“, ergänze ich jedem Protest zuvorkommend. Dann nicke ich in Richtung Abteil. „Anklopfen und abwarten“, rate ich dem Jungen noch, bevor ich mich meiner eigentlichen Aufgabe zuwenden will.
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