Ich war froh, dass Otis nicht diskutierte. Dass er einfach machte, dass wir wegkamen. Kein Widerwort, keine warnenden Floskeln. Er stand einfach auf und kümmerte sich um das finanzielle. Ich war froh, dass er zur Theke ging. Hätte noch gefehlt er hätte mir vom Tisch hochgeholfen wie einem alten Mann. Dabei hätte ich die Hilfe gebrauchen können. Der Schwindel und die Übelkeit kamen auf sobald ich mich vom Tisch erhoben hatte. Ich brauchte einen Moment um zum Stehen zu kommen. Um mich überhaupt wiederzufinden. Keine Ahnung, ob ich mich irgendwo auf dem Weg von dieser vermaledeiten Bank hoch in die Aufrechte verloren hatte. Es fühlte sich beinahe so an. Solange ich gesessen hatte, hatte ich nicht gemerkt, wie sehr ich mich bereits abgeschossen hatte. Dass der Gin seine Wirkung tat, das ja. Und dass es schnell gehen würde, ja, auch. Das war ja immerhin auch das Ziel des Ganzen gewesen. Aber ich hatte nicht mehr das Gefühl, dass die Erde noch irgendwelchen Gesetzen folgte.
Ich kannte das. Es würde weg gehen. Oder bleiben. Aber dann sollte es mir egal sein. Ich nutzte also die Gelegenheit, dass Rhode beschäftigt war und auch Cyneburg nicht nach mir Ausschau hielt, um mir zielstrebig meinen Weg in Richtung Tür zu erarbeiten, aber es blieb eine Herausforderung. Ich stieß gegen Stühle und Tischkanten, gegen Menschen, gegen Flaschen. Und dann waren da Hände, die mir einen Weg bahnten. Und ich erkannte Otis‘ Hände. Es konnten nur Otis‘ verdammte Hände sein. „Nich…“, sagte ich. Aber scheinbar nicht laut genug gegen all den Lärm, der mir in den Ohren dröhnte und mir die Sinne raubte. Wenn all diese Leute nur mit dem Grölen aufgehört hätten. Aber Rhode sollte mich meinen verdammten Weg raus gefälligst alleine finden lassen! So weit konnte ich gerade noch gehen und wenn der Boden vor mir Wellen schlug! Wutverzerrt sah ich in die Gesichter, die mir viel zu nah kamen. Auch wenn jedes einzelne die Übelkeit in mir nur verstärkte.
Keine Ahnung wann wir die Tür erreichten. Aber ich stieß hindurch, stolperte auf die Straße und gab von mir was mein Magen zu geben hatte. Ich hörte Jackdaw fluchen und mir sagen ich sollte Otis ausrichten, dass er besser aufpassen sollte, wenn er durch Türen ging, aber ich hing noch vornüber, konnte gerade noch verhindern in den Schlamm zu kippen und würgte mir die Seele aus dem Leib.
Ich war froh, dass ich die Bohnen nicht mehr gegessen hatte. Aber es brannte ein zweites Mal, das übrige Zeug herauf zu würgen.
Wankend kam ich wieder in die Aufrechte. Die Luft hier draußen war auch nicht viel besser als im Pub. Ich konnte nichts scharf erkennen, aber ich kannte die Straßen von Whitechapel. Und ich kannte ihren Geruch. Und ich wusste, dass ich pissen musste. Dringend pissen. Jetzt da die Übelkeit immerhin nachließ. Ich torkelte hinüber an die nächste Hauswand, öffnete fahrig meine Hose und war schon bereit, einfach laufen zu lassen, als etwas auf meine Schulter flatterte. Aufgeregt schnatternd und mit seiner Besorgnis meine Gedanken überflutend. „Gehweg kann nich pissen wenn du suschaust Jack o‘ Coins…“, sprach ich die Dohle fahrig an und machte aus ihr dabei einen Quartiermeister. Ich hätte nicht mit ihr sprechen brauchen, aber wer wusste schon, was gesprochen und was nur gedacht war. Vielleicht hatte ich das auch nur geträumt. Oder gedacht. Oder so. Sie hüpfte jedenfalls auf meinen Rücken und das sollte mir reichen. Ich ließ einfach laufen und pisste die Wand an, an die ich mich hier gerade lehnte. Wo auch immer die hingehörte. Und wo war Rhode eigentlich? War das die Wand, die zu kippen begann? Oder war ich das?
Das ich besser aufpassen sollte, das zeterte Cyneburg. Das hätte ihr die Dohle gesagt. Ich rieb mir die Stirn, dort, wo das Federvieh beinahe gegen mich geprallt wäre. Was hatte sie überhaupt vorgehabt? In das Innere des Pubs zu kommen? Ardin hätte ihr doch nur wieder den Hals rumgedreht, was zwar keinen nennenswerten Effekt auf das Teufelsvieh hatte, aber mehr Aufsehen erregen konnte, als mir lieb war. Doch natürlich war mein Problem ja nur, dass ich keinen Spaß verstand, wie Cyneburg fand. Spaß… Haha, ja. Wundervoller Spaß. Unweit von mir brach sich Ardin die Seele aus dem Leib. Wäre ich Satan, hätte ich das Ding nicht mehr angerührt. Ausdruckslos stand ich daneben, konnte den unschmeichelhaften Geräuschen von Bohnen mit Speck, Ale und zu viel Gin lauschen, die sich klatschend im dreckigen Matsch der Straße ergossen. Ein kotzenden Ardin, eine Dohle mit Koordinationsproblemen, all die Besoffenen um uns herum, aber nein, natürlich war ich es, der mehr aufpassen sollte. Das klang wirklich plausibel. Ich folgte Ardins vorn über gekrümmten Körper mit den Augen, als er sich wankend wieder aufrichtete und unvermittelt weiter torkelte. Auf eine wirklich abartige Weise war einem Betrunkenen zu folgen, wie einen Zweijährigem auf seinen ersten Erkundungen zu begleiten. Ich erinnerte mich, als Ben in diesem unbedarften Alter gewesen war, wie ich mich mühsam hatte zurückhalten müssen, ihn selbst machen zu lassen, wie er mich auf ähnliche Weise weggestoßen hatte, wenn er meine Hilfe nicht hatte wollen, wie Ardin es zuvor getan hatte. Und ich erinnerte mich an diese Mischung aus Neugierde und Furcht, davor was er als nächstes tun würde. Davor, dass ich womöglich nicht schnell genug zur Stelle sein könnte, wenn er meine Hilfe dann doch nötig hätte. Ardin war kein Kind. Seine Unzurechnungsfähigkeit völlig selbst verschuldet – selbst wenn ich unter Cyneburgs unmittelbaren Protest eine gewisse Beihilfe nicht abstreiten wollte.
Und deshalb war ich schließlich auch hier, oder? Deshalb folgte ich dem vor mir her torkelnden Ardin geduldig, stoppte in seiner Nähe, als er inne hielt um zu pissen. Die Dohle auf der Schulter, lautstark mit dem Vogel zankend wie ein Irrer. Ich schlug mir die Nacht um die Ohren, um Ardin bei seinem kleinen Rausch zu begleiten, was hätte man schon mehr von mir erwarten können? Eine Menge, wie Cyneburg mich wissen ließ, aber ich wollt’s gar nicht wissen. Ich war nicht Ardins Frau, die war nicht so blöd wie ich. Ich war nur irgendein Kollege, den er nicht einmal besonders leiden konnte und das wenigstens beruhte auf Gegenseitigkeit. Dass ich noch hier war, war mehr Verantwortung, als man mir hätte zumuten können, so fand ich, und übernahm sie allein in dem kostbaren Wissen, dass Ardin sich ohnehin an nichts würde erinnern können. Wenn ich ihm jetzt folgte und ihm beistand, würde er’s morgen nicht mehr wissen und ich war fein raus, also konnt‘ ich’s mir leisten etwas nachlässig mit unserer sorgsam aufrechterhaltenen Geringschätzung für den Anderen zu sein. Ardin wankte bedrohlich, den Schwanz noch nicht einmal wieder in der Hose. Zähneknirschend hielt ich ihn bei der Schulter fest, bevor er Kopf voran in der eigenen Pisse hätte landen können. Ich wartete nur so lange, bis er das Gleichgewicht wieder hatte und ließ ihn dann wieder los. Wenn ich’s mir recht überlegte, dann war ich nur hier, weil mein Sohn mich dazu genötigt hatte. Einen Moment wünschte ich mir, er wäre hier, dann hätt‘ er immerhin zu schätzen gewusst, was ich für ihn auf mich nahm. Aber schon im nächsten Augenblick verwarf ich den Gedanken mit einer Heftigkeit, die mich vor ein unmittelbares Problem stellte. Ich wartete bis Ardin ein paar Schritte weiter gewankt war, dann hielt ich ihn mit der Hand am Revers auf. „Die Kinder sollten dich nicht so sehen“, es war eine einzige Feststellung. Mein Blick lag auf Ardins vom Alkohol aufgedunsenen Zügen, dem unnatürlich entrückten Ausdruck darauf. Sollten sie wirklich nicht. Kein Kind sollte seinen Vater so sehen. Mein Junge sollte seinen Onkel nicht so sehen. Änderte nichts daran, dass viele Kinder dieses Viertels ihre Väter genau so kannten. Aber nicht Ardins Kinder. Ardin war ein anderer Mann. Ich biss den Kiefer zusammen, rang noch einen Moment mit mir, dann brachte ich die einzige Alternative vor, die mir in den Sinn kam. „Schlaf bei mir, in Ordnung?“ Am Ende konnte ich es doch nur vorschlagen, ich würde Ardin kaum gegen seinen Willen in meine Wohnung schleifen, am Ende musste er es selbst in diesem Zustand noch selbst wissen, was er wollte.
Die Wand hörte wie durch ein Wunder zu kippen auf. Aber Jackdaw quasselte immer noch. Jetzt war sie von meinem Rücken hoch geflogen in der festen Meinung, Otis wäre ihr zu nahe gekommen. Der war doch gar nicht da… Ich packte ein was einzupacken ging, überwand den nächsten Impuls zu würgen erfolgreich und drehte mich hin zur Straße. Oh verflucht, da war er ja, der Rhode. Jackdaw kam von Gott weiß woher angeflattert und setzte sich auf meine Schulter, während ich noch immer Rhode anstarrte. Dass das die am nächsten an einen Namen herankommende Bezeichnung für sie gewesen war seit wir uns kennen gelernt hatten. Kennen gelernt nannte sie das. KENNENGELERNT.
Ich wandte mich von Otis ab um mich auf den Weg zu machen, den wir gekommen waren, aber etwas hielt mich auf. Am Kragen. Mein Blick ging hinunter. Fand Otis‘ Hand. Von Otis‘ Hand ging mein Blick hoch zu seinem Gesicht. Sah ihn sprechen. Aber die Worte kamen verzögert wie beim Schießen. Die Kugel war schneller als der Schall. Jetzt hallten sie in meinem Kopf nach. Rhodes Worte. Die Kinder. Ich blinzelte träge, starrte vor mich hin. Aber war das nicht das Ziel gewesen? Margory genau so und nicht anders auf der Türschwelle zu stehen? Damit sie sah was sie angerichtet hatte? Damit sie ein schlechtes Gewissen bekam? Und es nie wieder wagte, mich in diesem Punkt zu kritisieren? Sie hätte es verdient. Ich gönnte es ihr. Dass die wieder schimpfte und tobte, was ich doch für ein großer Narr wäre. Aber ich kannte sie. Ich wusste, dass sie unter all dem Gezeter vor allen Dingen sich selber Vorwürfe machen würde. Sie hatte auch nur Angst. Und das war schon immer so gewesen.
Bei Otis schlafen. Ich grinste plötzlich zu ihm hoch. “Wasndas? Beschützernstnkt?“ Ich grinste hämisch und zog die Nase hoch. Dann starrte ich wieder vor mich hin. Denn ja, er hatte Recht. In meiner Rechnung, da waren die Kinder als Kollateralschäden durchgegangen. Bisher. Aber wenn man es genau nahm… Wenn man es genau nahm konnte ich ihnen das nicht antun. Konnte ich nicht. Rhode hatte Recht. Ich nickte träge, nachgebend. Jackdaw zog an meinem Ohr, ich versuchte sie wie ein lästiges Insekt wegzuschlagen und blieb nur dank Rhodes Griff in der Aufrechten. Ich fing mich wieder. Während Jackdaw sich beleidigt in Cyneburgs Nackenfell zurückzog. Würde ich also bei Rhode schlafen. Kein Gezeter von Margory. Keine Reue. Keine Versöhnung. Rhode hatte ja keine Ahnung was mir entging. “Weißu noch als sie uns am Brunswick Quay hochgenommn habn? Und March getobt hat als wir in die Cornbury kamn?“ Ich zog die Nase kraus während ich gegen Rhode kippte. Die Straße hatte sich schief gestellt, was sollte man dagegen machen? “Alsu wegwarst ham wirs getriebn dass ichs nie wieder vergessn werd…“, erklärte ich und mein Blick hing längst weit in der Vergangenheit. Wenn Margory tobte dann weil sie Angst hatte. Und wenn sie Angst hatte, dann entlud sich das wie ein Gewittersturm. Sie machte immer auf taffe Braut, aber letztendlich war ich doch der Ältere, letztendlich hielt sie sich ja doch immer an mir fest. Aber wenn ichs recht bedachte, dann war ich längst nicht mehr in der Verfassung um so einen Gewittersturm zu überstehen. Ich hätte es ihr nicht mehr besorgen können selbst wenn ich gewollt hätte. Nicht mit der Flasche Gin intus. Ich vergriff mich in Rhodes Mantel um nicht vollends auf die Straße zu kippen. “Gehn wir su dir Road…“, traf ich die bessere Entscheidung für alle Beteiligten. “Gehn wir su dir…“ Und dann fielen mir zum ersten Mal die Augen zu.
“Wasndas? Beschützernstnkt?“ Ich schnaubte abfällig. Den Kindern gegenüber vielleicht. Dummes Grinsen auf Ardins Zügen, aber hätte ja doch nichts gebracht ihn jetzt deswegen zu schlagen, das hob ich mir besser für Morgen auf. Oder ich gab es in Margorys Hände. Aber nicht jetzt. Ardins Körper kam mir näher, verlor das Gleichgewicht, ich stemmte mich dem anderen entgegen, hielt ihn weiter fest im Griff. Wenn er schon bei mir schlafen sollte, war es in meinem besten Interesse, dass Ardin jetzt nicht noch im Schlamm der Gasse oder Schlimmeren landete. Der James kam wieder auf eigenen Beinen zum Stehen, plapperte weiter. Herr in der Hölle, konnte ihm nicht einmal der Alkohol die Zunge lähmen? Brunswick Quay. Ich zog die Brauen zusammen. Mh. Ja. Ich dachte nicht oft daran zurück, aber ja, ich erinnerte mich. Ich erinnerte mich wie sie uns fest genommen hatten, daran, dass der James damals auch besoffen gewesen war. Ich erinnerte mich wie wir am Abend zurück nach Rotherhithe gekommen waren. Keine Ahnung, warum ich überhaupt mit Ardin unterwegs gewesen war, warum war ich in seiner Straße gewesen? Es ergab nicht viel Sinn, aber ich erinnerte mich an Margorys Zorn – oder hatte Ardin mir nur später davon erzählt gehabt? Nein… nein. Es musste unsere erste Begegnung gewesen sein. Margorys Zorn auf Ardin, ihre Abfälligkeit mir gegenüber. Ja. Ich erinnerte mich. Aber Ardin erwartete gar keine Antwort, kippte mir stattdessen schon wieder gegen die Brust.
Ich erinnerte mich nicht an den nächsten Part, der dem James unartikuliert und gegen den Stoff meiner Kleider gepresst über die Lippen kam – und ich war froh darum. Wie Mr. Ardin James es so unvergesslich mit Mrs. Margory James getrieben hätte. „Mhm“, machte ich nur. Es war nicht das erste Mal, dass ich Ardin betrunken erlebte, es war nicht das erste Mal, dass er mir solche Geschichten erzählte. Aber ich war es, der mich später daran erinnern würde. Ich war es, der später wieder seiner Frau gegenüber stehen würde mit genau solchen Geschichten im Kopf. Und ich wusste, jeder sarkastische Kommentar, der mir jetzt auf den Lippen lag, hätte Ardin nur noch mehr Details entlockt, die ich nie in meinem Schädel hätte haben wollen. Es war die Sache nicht wert, also sollte ich besser die Klappe halten. Nur dass ich es ja doch nicht schaffte. „Vielleicht hätt‘st du‘s statt zu Saufen beim Vögeln belassen sollen. Damals wie heute“, knurrte ich unter der plötzlichen Anstrengung Ardins vom Alkohol schlaffen Körper in einer aufrechten Position zu halten. Mehr zu mir selbst als zu Ardin. Hätte uns jedenfalls eine Menge erspart. Damals wie heute.
Ich hätte Ardin nie getroffen. Ich wäre nie in der Bow Street gelandet. Ich hätte zugesehen, wie Judith einen anständigen Mann heiratete und nach ein paar weiteren Jahren bei den Docks wäre ich vielleicht einfach gestorben. Ein weiterer namenloser Körper in einem Massengrab von St. Mary's, nicht eine Sünde mehr auf dem Buckel als die mit denen ich in dieses Land zurück kam. Und Ardin, Ardin hätte in irgendeiner anderen der zu dieser Zeit damals zahllos aus der Erde geschossenen Behörden Arbeit gefunden und hätte heute keine fremden Alpträume im Kopf. Alles nur wenn Ardin James statt zu Saufen einfach direkt gevögelt hätte. Ich grinste einen Moment zynisch vor mich hin, aber vielleicht war es auch mehr ein Zähneblecken, weil Ardin jetzt endgültig zur Waagerechten tendierte und ich sein gesamtes Körpergewicht zu spüren bekam. Cyneburg gratulierte mir unterdessen zu meinen Fortschritten, bisher hatte mich nur selbst zu Saufen wankelmütig gemacht, jetzt gelang mir das schon nur vom Zusehen wie Andere soffen. Ich hatte zu viel damit zu tun Ardin auf den Beinen zu halten, um meiner Vertrauten Sarkasmus zu buchstabieren. Grob boxte ich James in die Rippen, um ihn über den Schmerz vielleicht noch einmal zu Bewusstsein zu bringen. Eine Straße vom Blue Bull’s entfernt war eindeutig zu früh um einen bewusstlosen James durch die Gassen zu schleppen.
Mit geschlossenen Augen hing ich jetzt an Rhodes Mantel und konnte nur die Brauen zusammen ziehen als seine Antwort durch den Nebel zu mir waberte. “Wie meinstn das?“, fragte ich so artikuliert ich konnte, aber Jackdaw attestierte mir nicht mehr als ein Brummen. Sie hielt mich sowieso für unendlich schwer von Begriff. Sie sagte was Otis meinte wäre, dass wenn ich mit Margory geschlafen hätte damals statt davon zu rennen und mich zu besaufen, niemand außer mir zu Schaden gekommen wäre. Zu schaden gekommen. Wer sollte bitte zu Schaden gekommen sein? Sämtliche Lebewesen, die mich auf meinem Egotrip begleiteten, fand Jackdaw. Was denn bitte für ein Egotrip? Und wie genau stellte sie sich das vor? Man konnte doch keinen Punkt machen wenn man… vögelte… Aber mit Saufen, hielt die Dohle dagegen. Richtig, fand ich und hatte in der Dunkelheit das Gefühl die wippende Bewegung von Hundeschultern unter mir zu spüren. Verdammt wurde mir schwindelig… Ich konnte mich nur noch an Rhode festkrallen und rutschte ein Stück an seinem Mantel hinunter bevor ich mich stolpernd wieder an ihm hochziehen konnte. Das immerhin brachte mich dazu wieder die Augen zu öffnen. Und wie ich sie öffnete. Weit und gierig wie um gegen die Dunkelheit anzukämpfen. Ich hatte schlafen wollen, ja, aber ich konnte nicht schon hier mitten auf der Straße wegkippen. Richtig? Richtig, fand Jackdaw. Mein Blick fuhr herum wie um nach Verfolgern Ausschau zu halten. Aber alles was ich fand war der Ire der gefährlich nah in ähnlichem Zustand wie ich vorbei getorkelt kam. “He, verpisdich!!!“, brüllte ich den Mann an und machte Anstalten mich von Otis loszulösen, aber das Schwindelgefühl kehrte zurück und so krallte ich mich doch wieder in Rhodes Kleidung. “Kannsden’n sagn ich mach sie alle ferdich, Road, kannsu ihnen sagn…“ Dabei hing ich da nur an Rhode herum und war nicht einmal in der Lage dazu alleine zu gehen.
„Kommst‘ schon noch drauf“, brummte ich spöttisch, aber wirkliche Genugtuung brachte das bei Ardins Zustand nicht gerade. Ich bezweifelte auch ehrlich, dass er darauf kam, selbst wenn er sich im wieder ernüchterten Zustand noch daran entsinnen sollte. Sowas hatte dem James noch nie gelegen. Manchmal war er so unendlich schwer von Begriff. Manchmal? Die meiste Zeit eigentlich. Im Grunde sollte ich gar keinen Unterschied merken – ausgenommen davon, dass mir ein nüchterner James nicht am Mantel gehangen hätte, wie ein Kleinkind am Rock seiner Mutter. Und ein nüchterner James wäre nicht in einem vollen Pub in Tränen ausgebrochen. Ich runzelte unfreiwillig die Stirn. Seit wir uns kannten – und, dem dunklen Herrn sei Dank für Nichts, das war die deutlich längere Zeit meines Lebens inzwischen – hatte ich ihn vielleicht eine Handvoll Mal heulen gesehen. Der Anblick war selten genug. Und jetzt, ausgerechnet in diesem schäbigen Pub, nach einem kaum erwähnenswerten Streit – ich hatte schon bei deutlich heftigeren Zeuge gestanden zwischen Ardin und seiner Herzensdame – und über den ersten paar Schlucken Gin… Ich erinnerte mich mit einem Mal an etwas, etwas das Ardin damals gesagt hatte, als ich Ben in sein Haus gebracht hatte. Wenn wir nur damit leben können, Rhode. Fast zehn Jahre später und wir hatten nicht viel mehr Kontrolle über unsre satansgegebenen Fähigkeiten als damals. Ich hätte nur… ich hatte bis jetzt nicht gewusst, wie wenig James damit leben konnte. All die Jahre, all seine Übermüdung, die abgeschlagenen, blassen Züge an die ich mich längst gewöhnt hatte, ich hatte nicht geahnt, wie beschissen es tatsächlich um den James stand…
Ich wurde abgelenkt von der plötzlichen Aktion, die durch James schlafen Körper schoss. Mit mehr Kraft, als ich ihm noch zugetraut hätte, entwand James sich beinahe meinem Griff. Brüllend ging er einen Betrunkenen an, der uns passierte. Der wankte einige Schritte zurück, drehte sich jedoch gleichzeitig nach uns um, den Kopf schief gelegt, fahrig vor sich hin stierend, bis er uns mit seinem unsteten Blick traf. Aber James konnte es ja nicht gut sein lassen. „Halt’s Maul“, raunzte ich James an. Hatte mir bloß noch gefehlt, dass der uns die Iren auf den Hals hetzte. „Ey“, keifte der besoffene Kerl jetzt in kaum verständlichen Akzent zurück und machte Anstalten uns stolpernd entgegen zu kommen. Nicht nur das, im Licht einer der spärlichen Gaslaternen, blitzte das blanke Metall eines Messers auf, als der Ire die Hand hochriss. „Will’sch‘u das spür’n, hää?!“ Ein unleidiges Knurren kam mir über die Lippen, in dem Versuch den satansverfluchten James an die Hauswand hinter mir zu schieben und uns gleichzeitig diesen verrückten Iren vom Leib zu halten. Den erste Hieb des wild mit dem Messer fuchtelnden Burschen wehrte ich blindlings mit dem Unterarm ab, wollte ihn mit einem Tritt auf Distanz halten. Aber noch bevor es mir gelang, schoss aus dem Schatten neben mir Cyneburg in die Höhe, ihre Zähne blitzten auf und aus ihrem Nacken flatterte die Dohle auf. Der Ire kreischte auf und torkelte seitwärts davon. „Keiner kratzt Augen aus wie ‘daw“, schnaubte ich mit heiserem Lachen und wusste nicht einmal ob’s mein Gedanke war oder Cyneburgs stolze Bekundung. Ich fasste wieder fester nach Ardin. Vielleicht kamen wir ja jetzt ein paar Meter voran.
Ich wollte an Rhode vorbei. Den Kampf selber ausfechten. Hätte der mich nur gelassen. Aber es fiel ihm viel zu leicht, mich gegen die Hauswand zu drücken. Plötzlich die Mauer im Rücken. Ich hätte gerne geflucht, aber mein Maul tat mir nicht den Gefallen zu gehorchen. Ich röhrte nur wütend. Jackdaw machte sich schon darüber lustig, aber ihr wütender Fokus lag viel zu sehr auf diesem irischen Bastard mit seinem Brotmesser. Den hätte ich mit Leichtigkeit geschafft. Und wieder gackerte Jackdaw mir in den Ohren, dass es mir Kopfschmerzen und Schwindel bereitete. Konnte das Federvieh nicht bitte einmal meine Gedanken verlassen?! Oder sich um ihren eigenen Kram kümmern?! Im Gegenteil, sie würde gemeinsam mit Cyneburg das tun, was ich nicht zustande brachte. Diesmal war das Vergnügen auf ihrer Seite. Und da sprangen sie und die Hündin schon los. Auf den Iren mit Gebrüll. Und was für einen Spaß die Dohle dabei hatte….
Finster sah ich dem Treiben zu und dem Iren hinterher wie er heulend mit blessierten Augen davon raste. Jackdaws Siegesgeheul hallte weiter in meinen Ohren und machte mich nur noch ungnädiger. Aber damit nicht genug. Jetzt war Otis auch noch stolz auf das dumme Federvieh. Und wie die sich darüber freute… Mit stolzgeschwellter Brust kam sie zurück in Cyneburgs Nackenfell zu sitzen. Und ich sah finster zu Rhode hoch. Ich drehte ein wenig den Kopf und spuckte den bitteren Geschmack aus meinem Mund aus. „Willsu sie heiratn? Kannst sie habn, geb sie mit Freudn ab…“ Das Angebot war gut, fand ich. Jackdaw schimpfte in meinem Kopf über mich. Ich drehte nur den Kopf in ihre Richtung und bleckte zur Antwort die Zähne wie die Tiger im Käfig, die sie in Whitechapel ausstellten. Die Viecher, für die Samuel so eine Schwäche hatte. Samuel, der zuhause saß mit seinen Geschwistern und vermutlich nicht einmal auf seinen Vater wartete. Dort hätten wir sein sollen. Nach Kohlsuppe und frischem Brot. Ich knurrte. Hatte Rhode doch Recht mit seinem Gejammere gehabt.
Heiraten. In diesem Leben nicht mehr. Nicht einmal eine Dohle, die Augen auskratzen konnte wie kein anderer. Ich schnaubte abfällig über das Wort, nachdem Ardin mir vor die Füße gespuckt hatte. Das amüsierte Lächeln glitt endgültig von meinen Zügen ab und ich schlug den Weg in Richtung meiner Wohnung ein. Wir entfernten uns von Ardins Straße, ich wohnte auf der anderen Seite der Leman Street gelegen. Natürlich hätten wir auch dort bei der Wache leben können, wie viele der Polizisten es taten. In der Leman Street arbeiten, in der Leman Street leben. Damals in den Bow Street Tagen hatten wir das getan, hatten im selben Haus gelebt wie all die anderen Bow Street Officers mit ihren Familien. Es war ein gutes Haus gewesen. Hätte ich nicht ausgerechnet mit Ardin gemeinsam dort leben müssen. Erst einmal in Whitechapel hatten wir uns jeweils mehrere Straßen entfernt von unserer Arbeitsstätte in gänzlich entgegen gesetzte Himmelsrichtungen niedergelassen. Weit voneinander entfernt waren wir zwar immer noch nicht - schickten sie einen Jungen nach uns, durften keine fünf Minuten vergehen, bis wir die Meldung hatten -, aber deutlich weiter als damals, als wir gerade einmal den Hausflur hatten queren müssen war das nun alle mal. Vielleicht hätte ich es getan, noch einmal direkt bei der Wache wohnen, wenn Judith noch gelebt hätte, wenn Ben noch unter meinem Dach gewohnt hätte. Aber vielleicht wäre ich dann auch nie in Whitechapel gelandet. Es war sinnlos darüber nachzudenken.
Es bedeutete allerdings, dass ich mich jetzt mit einem betrunkenen Ardin durch die Gassen kämpfen musste und was gewöhnlich kein weiter Fußmarsch war, konnte sich nun doch in die Länge ziehen. Nicht dass unsere Vertrauten das interessiert hätte. Cyneburg und die Dohle trabten munter voran als wären sie am hellichten Tag auf einem Jahrmarkt und nicht bei Nacht in ein paar der übelsten Gassen in einem der übelsten Gebiete Londons unterwegs. Aber, so dachte ich mir, vielleicht gab es für diese Viecher auch gar keinen Unterschied. Vielleicht war das hier Satans Jahrmarkt.
Ha! Darauf hatte er nichts mehr zu sagen, der Rhode! Die Dohle heiraten wollte er dann doch wieder nicht. Sie hätte ihn auch gar nicht genommen, ließ sie mich ungefiltert wissen und ihr Krächzen dröhnte in meinem Schädel, dass ich die Augen zusammen kniff während ich da an Rhodes Seite hing wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Ich fühlte wie mich selbst das Bild der Straße durch Jackdaws Augen verließ. Wie ich nur noch dieses Schaukeln von Hundeschultern unter mir fühlte. Und mich daran erinnern musste, mich an Rhode festzukrallen. Nicht hinunter zu rutschen. Aber eine Stimme in mir, die nicht zu Jackdaw gehörte – dabei war ich mir zumindest mit 60 Prozentiger Wahrscheinlichkeit sicher – fragte was daran so schlimm sein sollte. Gib nach, flüsterte die Stimme. Lass dich einfach sinken, sagte die Stimme. Es zählt ja doch nichts mehr. Nicht diese Straße, nicht dieses Viertel, nicht diese Stadt. Margory und die Kinder liegen weit hinter dir. Es gibt nur noch dich und den Dreck dieser Straße. Und was machte es schon wenn ich dort liegen blieb? Ich würde damit verschmelzen. Unsichtbar werden in all dem Dreck. In ihm aufgehen. Und meinen Frieden darin finden. Für immer verteilt unter den Sohlen von Kohlearbeitern und Costern. Ich musste mich nur sinken lassen. Und so ließ ich mich sinken. Und glitt weg in die Dunkelheit, die mich mit offenen Armen empfing, als hätte sie ein Leben lang nur auf mich gewartet. Um mich zu halten und zu wiegen. Und mich nie wieder loszulassen. In Sicherheit. Für immer.
{Nächster Morgen}
Ich rieb mir mit den Daumen über die Schläfen, stützte den Kopf in die Hände, Ellbogen auf der unebenen Tischplatte. Die letzten dreizehn Jahre hatten mich meine Erfahrungen mit Kopfschmerzen machen lassen. Diese waren dagegen nicht weiter der Erwähnung wert. Es war die normale Sorte. Die, die einen eben irgendwann heim sucht, wenn man eine Nacht nicht geschlafen hatte. Wenn man stattdessen den Abend in einem miesen kleinen Pub verbracht hatte, wenn man immer noch den Gestank nach schlechtem Essen, Tabakqualm und Trunkenheit an sich hatte. Wenn man seinen versoffenen Partner vom Blue Bull’s bis in die Niederungen der Tower Hamlets geschleppt hatte nachdem er k.o. gegangen war. Wenn man dem Mann sein Bett überlassen hatte und die restliche Nacht über Acht gegeben hatte, dass er nicht an der eigenen Kotze erstickt. Bisher hatte ich mich nicht umgezogen, hätte Ardin ein weiteres Mal kotzen müssen und hätte ich etwas davon abbekommen, ich hätte nicht einmal mehr meinen zweiten Anzug gehabt. Aber bisher war mein Bett immerhin von näherem Kontakt mit Ardins verbliebenen Mageninhalt verschont geblieben. Gut für den Kurzen, ich hätte ihn für ein Neues löhnen lassen. Auch wenn Cyneburg das hier für bequemer hielt, als ich immer vorgab, wie sie mich ungefragt wissen ließ. Ich hatte die Daumen jetzt über die Augen gelegt und gähnte ausgiebig. Dummer Köter. Ich wollte gar nicht hinsehen, wie sie da neben dem James mein Bett in Beschlag genommen hatte. Aber wenn ich schon den James darin schlafen ließ, konnt‘ ich’s Cyneburg auch nicht länger verwehren. Machte dann auch schon keinen Unterschied mehr.
Ich ließ die Hände wieder sinken, lehnte mich auf dem Stuhl zurück auf dem ich saß und drückte den Rücken durch, der noch von der Anstrengung der letzten Nacht ächzte. Es war eine Weile her, dass ich einen Betrunkenen hatte durch die Gassen tragen müssen. Weil ich die Rolle ja bevorzugt selbst einnahm, wie Cyneburg fand. Aber nicht so. Wenn ich mir die Kante gab, dann meist in den eigenen vier Wänden, nicht als soziales Ereignis. Nicht… so… Nicht so wie Ardin… Nicht… Ich rieb mir einmal mehr über die Stirn, hatte wieder Ardins Worte aus der letzten Nacht in den Ohren. Hasste ihn so unendlich dafür, dass er das Saufen zu eben so einem Ereignis machen musste, einem bei dem man Anderen die Ohren vollheulte. Hasste ihn so sehr dafür, dass ich kein einziges seiner in Selbstmitleid getränkten Worte mehr aus dem Schädel bekam. Dass sie mich noch immer verfolgten, als wären sie nur ein weiteres Verbrechen auf diesen Straßen, das nach Aufklärung verlangte. Ein Rätsel, für das es eine Lösung geben musste. Dabei wusste ich doch, dass dem nicht so war. Meine Hand sank zurück auf die Tischplatte, mein trüber Blick fand die unruhig gewordene Dohle, die sich wie selbstverständlich auch in meiner Wohnung eingenistet hatte, natürlich. Cyneburg, die mich für gewöhnlich weckte, schwieg sich aus über den Zeitplan, aber ich konnte wetten, dass sie nur das Bett nicht verlassen wollte, wenn ihr schon einmal die einmalige Gelegenheit gegeben war darin zu thronen wie die Queen persönlich. Ich zog die Uhr aus der Tasche, warf einen Blick darauf, die Dohle hatte recht. „Dann weck ihn auf“, brummte ich an sie gewandt und spürte gleichzeitig, dass das eine Aufgabe war bei der Cyneburg der Dohle nur zu gern behilflich war. Sollten sie es versuchen. „Oder ich hol’n Kübel Wasser.“ Ich stand auf, zog mich um und beobachtete den Weckversuch.
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